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Lothar Schröder, Rheinische Post, 22. Mai 2003
Fischen in trüber Erzählungsbrühe

Ein neuer Sammelband wendet sich dem Düsseldorfer Lyriker John Linthicum zu. Er ist viel mehr als Erinnerung und Spurensuche, hat auch die Gefahr des Nachrufs zu Lebzeiten zu meistern.
    Der Buchdeckel treibt sein Spiel mit dem Leser - zeigt in einer Zeichnung den abgewandten John Linthicum, dem man sich laut Titel doch zuwenden soll. Man kann dieses Büchlein halten wie man will, es besteht darauf, gelesen zu werden. Folgerichtig entpuppt sich die Lektüre als Zuwendung, wie es zuvor für die Autoren des Sammelbändchens möglicherweise schon das Schreiben gewesen ist. In all seiner Vertracktheit scheint der Einband somit jener Person zu ähneln, der man sich auf den nachfolgenden 93 Seiten widmen soll. Ein passender Zutritt: Schließlich war John Linthicum das Leben selbst zunehmend kniffliger geraten. Ein Dichter, der sich bedingungslos der Poesie widmete und durch ihre Brille die Welt betrachtete; ein Literaturbürokrat, der erfrischend und bisweilen beängstigend unbürokratisch handelte, ein Düsseldorfer aus Amerika, der - physisch wie psychisch erkrankt - plötzlich 1999 aus der Stadt verschwand. Einfach so.
    Viele Freundschaften hatte er zuvor gekündigt, viele Brücken abgerissen, bis kaum noch Auswege übrig blieben. Zuletzt soll er, wie sich Weggefährten erinnern, die deutsche Sprache mehr und mehr gemieden und sich wieder aufs Amerikanische konzentriert haben. Diesem Rückzug folgte ein weiterer nach Arizona, so daß eine Stille der Ratlosigkeit um den ehemaligen Leiter des Literaturbüros (1994 bis 1997) herrschte, den Gründer des »Poetry Cafes«, der wie ein neuzeitlicher Don Quijote am liebsten ganz Düsseldorf poetisiert hätte. Zu Linthicum gab und gibt es jede Menge »Klatsch und Tratsch«, eine »trübe Erzählungsbrühe«, wie Harald K. Hülsmann schreibt.
    Der neue Sammelband, angeregt, konzipiert und herausgegeben von Alla Pfeffer - Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in Düsseldorf und Neuss -, ist nach dem Untertitel eine Erinnerung, nach dem Vorwort eine Spurensuche und nach den Beiträgen von Michael Zielonka bis Heinz Guntermann noch Vieles mehr: Würdigungen des Werks, lyrische Widmungen (etwa von Heinz Czechowski, Ralf Thenior und Hendrik Rost), Momentaufnahmen erster und allerlei nachwirkender Begegnungen.

Auch Texte mit größerer Distanz

Zweifelsohne, das Buch hat auch einige Gefahren zu meistern. Etwa die eines Nachrufs zu Lebzeiten sowie die der Verklärung und Glorifizierung einer Leistung. Und manchmal kommt eben beides zusammen. Solche Beiträge (zumeist von Freunden) gibt es, weshalb es günstig ist, daß auch Texte mit größerer Distanz Aufnahme fanden. Einfach glänzend und so manche Erinnerungsseligkeit vergessend machend der Text von Alexander Nitzberg »Being John Linthicum«. Witzig und frech ist er, literarisch, voll augenzwinkernder Hybris: »Wir sind Weltliteratur.«
    Auch wenn es so weit weder mit Linthicum noch mit der Düsseldorfer Lyriker-Szene gekommen ist - so schreibt das neue, auf jeden Fall verdienstvolle und in seiner Vielstimmigkeit lebendige Buch doch zumindest eins: einen wichtigen, wenn auch überschaubaren Abschnitt der Düsseldorfer Dichtkunst.

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