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Neues Deutschland - Feuilleton, 08. Januar 2019
Leidenschaftliches Schweigen

Tatjana Kuschtewskaja vertiefte sich in die Lebensgeschichten berhmter Knstler und ihrer Modelle

Von Irmtraud Gutschke

Dieses Bild habe zu sowjetischen Zeiten in beinahe jedem Wohnzimmer gehangen, schreibt Tatjana Kuschtewskaja. Auch bei ihr zu Hause. Ihr Vater habe es der Zeitschrift Ogonjok entnommen, eingerahmt und der Mutter zum Geburtstag geschenkt. Die Unbekannte von Iwan Kramskoj habe ich erst krzlich wieder in der Moskauer Tretjakow-Galerie gesehen. Deren Begrnder, der Mzen und Kunstsammler Pawel Tretjakow (1832- 1898), habe sie dort keinesfalls haben wollen, erfahre ich aus diesem Buch. Warum hatte er eine solche Abneigung gegen das Portrt? Er mochte den Maler Iwan Kramskoj, sammelte alles von ihm. Es muss an der Frau gelegen haben, die da so herausfordernd selbstbewusst dargestellt ist. Leidenschaftlich und hochmtig zugleich blickt sie uns an. Eine, die sich von Mnnern nicht beherrschen lsst, die sich niemandem beugt - und die man nicht zur Feindin haben mchte.

Der Titel Die Unbekannte war indes absichtlich gewhlt. Es lag nahe zu glauben, was spter oft erzhlt wurde: Der Knstler habe auf dem Petersburger Newski-Prospekt eine bezaubernd schne Frau in einer Kutsche vorberfahren sehen, sei nach Hause geeilt und habe zu arbeiten begonnen, um ihr Bild nicht aus dem Gedchtnis zu verlieren. Kuschtewskaja glaubt nicht an diese Version. Kramskoj lebte davon, konkrete Personen zu portrtieren. In armen Verhltnissen aufgewachsen, war die Malerei ihm Einnahmequelle. Ein Gemlde in eigenem Auftrag? Knstlerkollegen htten ihm das Gestndnis entlockt, er habe die rtselhafte Schne nicht aus dem Gedchtnis, sondern nach der Natur gemalt.

Fr ihr Buch hat Tatjana Kuschtewskaja sich in Werke von 22 Knstlerinnen und Knstlern vertieft. Es beginnt mit dem Mythos von Pygmalion und Galathea, jener Statue aus Elfenbein, die durch Venus' Hilfe lebendig wurde. 43 v. Chr. hat Ovid darber geschrieben. Fr viele Maler ist die Verwandlung zum Bildmotiv geworden. Im Buch sieht man auf dem Gemlde des Franzosen Jean-Lon Grme, wie sich die Statue, erst Arme und Kopf sind beweglich, zu ihrem Schpfer neigt und ihn ksst. Die Sehnsucht nach einem Ideal erkennt die Autorin darin. Dabei interessiert sie nicht nur der Zusammenhang zwischen knstlerischem Schaffen und Sexualitt, sondern berhaupt jener Dialog mit dem Unterbewusstsein, der auch sie selbst beim Schreiben fasziniert. Nach Begegnungen mit Rembrandts Saskia und Angelika Kauffmanns Selbstportrt, mit Manets, und Picassos Frauen, mit der Franzsin Kiki, die Man Ray fr sein berhmtes Foto Le Violon d'Ingres Modell sa, und vielen weiteren, Knstlern fhrt uns Kuschtewskaja am Schluss in jene Ausstellung subversiver Kunst auf einem freien Feld bei Moskau, die 1974 weltbekannt wurde, weil sie von Bulldozern aufgelst wurde. Mit ihrer Freundin Katja war sie dabei gewesen, hatte staunend die Bilder betrachtet, die da, umgeben von Anfeindungen, im Regen standen. Auf ihren Allerwertesten waren die beiden jungen Frauen ber nassen Lehm in eine Schlucht gerutscht, auf die Kuppeln der Kirche im ehemaligen Gutshof Uskoje zu.

So ,sind die meisten dieser Kunstbetrachtungen mit persnlichem Erleben verbunden. Tatjana Kuschtewskaja hat unglaublich viel recherchiert, Abhandlungen von Kunsthistorikern, Knstlerbiographien, Erinnerungen von Zeitgenossen und Korrespondenzen zu Rate gezogen, aber das innere Feuer fr ihre Texte kommt aus ihr selbst. Davon leben alle ihrer bisher 22 Bcher, dass sie mit ganzer Seele, mit einer berschumenden Begeisterung geschrieben sind, die man schon der Lebenskunst zurechnen muss. Einer Lebenskunst der Freude und Aufrichtigkeit, an der man sich lesend ein Beispiel nehmen mchte. 1947 in Turkmenistan, in Dargan-Ata geboren, in der Ukraine aufgewachsen, vereint sie in ihrem Leben eine Flle an Erfahrungen. Sie arbeitete acht Jahre lang als Musikpdagogin in Jakutien, studierte an der Filmhochschule Moskau und unternahm zahlreiche Reportagereisen durch die UdSSR, von denen sie noch heute viel zu erzhlen hat. 1991 zog sie nach Deutschland - der Liebe wegen - und lebt seither in Essen.

Ich glaube an die Maxime von Stephen Hawking: Keine Information verschwindet spurlos. Und alles verloren geglaubte kehrt irgendwann aus der Tiefe der Zeit zurck. Der Wunsch, in diesem Sinne etwas zu ergrnden und zu bewahren, war fr die Autorin mit ihrem Vater verbunden. Der war ein begeisterter Hobbymaler und hatte sich darber hinaus ein Museum der Phantasie geschaffen, indem er Abbildungen von Kunstwerken aller Epochen und Vlker sammelte. In einer der zahlreichen Mappen fand die kleine Tatjana das Bild einer Frau, das ihr besonders gut gefiel: Picassos Portrt der Russin Olga Chochlowa. Weil sie das Drama verstehen wollte, das sich mit diesem Bild verband, begann sie zu fragen und zu forschen. Das ist die Wurzel des vorliegenden Buches gewesen. Leidenschaftliches Schweigen nannte der franzsische Maler Gustave Moreau die Malerei. Wie gut das zur "Schnen Unbekannten passt, deren reale Geschichte uns Tatjana Kuschtewskaja auf berzeugende Weise enthllt.


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Tatjana Kuschtewskaja: »Geheimnisse schner Frauen«




https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/tatjana-kuschtewskaja/geheimnisse-schoener-frauen, 19. Dezember 2018
Berhmte Knstler und ihre Modelle.

18.12.2018
Hamburg
Von
Wolfgang Schlott

22 Kapitel mit den Abbildern von Gemlden, auf denen schne Frauen, gestaltet von berhmten Malern, zu sehen sind eine solche Ankndigung ruft sicherlich die Aufmerksamkeit von kunstbegeisterten Leser/innen hervor. Angelockt von einer unbekannten russischen Mona Lisa auf der Vorderseite des Hard-Cover-Einbandes, werden sie im Inhaltsverzeichnis mit der Auflistung illustrer Namen konfrontiert, die einen Querschnitt durch die europische und die amerikanische Kunstgeschichte von der mythischen Galathea aus der griechischen Antike bis zu John Lennon und Yoko Ono anbietet. Die frhkindlichen Anregungen fr dieses ambitionierte Vorhaben bildeten fr Tatjana Kuschtewskaja das Museum der Phantasie ihres Vaters, der ein begeisterter Hobbymaler war. Von ihm habe sie gelernt, dass Dinge leben, eine Seele haben, ein Schicksal und ein Gedchtnis. Von diesem tiefen Mitgefhl ist auch ihre emotionale Hingabe und ihr Mit-Leiden fr jene schnen Frauen erfllt, die als Geliebte, kurzfristige Ehefrauen und Modelle fr ihre Knstler zur Verfgung standen. So bekennt sie in ihrem Vorwort, dass sie das Schicksal der Olga Chochlowa, der Ehefrau von Pablo Picasso (1918) und der von ihm verstoenen, nach 1926 in den Wahnsinn getriebenen Ex, als Drama begreifen wollte, mehr noch, sie wollte verstehen, was Olga sagen wrde, wenn ihr Portrt aus dem Jahr 1917 sprechen knnte. Gleichzeitig mchte sie wissen, wie es mglich war, dass der bedeutendste Maler des 20. Jahrhunderts mit jeder neuen Geliebten die verflossene Liebe aus seinem Gedchtnis tilgen konnte. Dieses libido-psychologische Beschreibungsmuster bertrgt Kuschtewskaja auf die meisten ihrer mit viel Herzblut und Hingabe geschriebenen Essays. Ihre Erzhlweise imitiert und demontiert den Mrchenstil, bedient sich meist des unmittelbaren visuellen Erlebnisses beim Museumsbesuch, greift journalistische Schreibweisen auf, whlt den nchternen, das konkrete Ereignis aufgreifenden Stil, nimmt Anleihen an theatralischen Stilelementen, lsst sich von Alltagserlebnissen bei ihrer Suche nach neuen Motiven leiten. Diese sehr unterschiedlichen Darstellungsformen frdern die Lektre ihrer imaginativen Reise durch die Ateliers und der sich dort abspielenden erotischen Szenen und knstlerischen Szenarien. Doch wer nun vermutet, die Autorin gebe sich irgendwelchen lsternen Phantasien hin, der ist auf dem Holzweg. Der emotionsgeladene Streifzug durch imaginierte Ateliers, jmmerlich eingerichtete Wohn- und Malbuden, Freiluft-Ausstellungen, ber Plakatabbildungen und grafische Dokumente ist stets orientiert an den Lebensumstnden, unter denen die schnen Frauen als Modelle existierten. Das bedeutet, dass Modell und Knstler sich auf einer Stufe der Anerkennung durch die Autorin befinden, dass sich ein emanzipatorisches Verhltnis zwischen dem weiblichen Modell und dem jeweiligen Knstler im Ansatz herausbildet. Umso wesentlicher ist es, dass auch ein frhes Selbstbildnis der deutschen Knstlerin Angelika Kauffmann (1741-1807) unter den Essays befindet. Die angesehene Portrtmalerin, die whrend ihrer ersten Schaffensphase in London mehrfach von Angehrigen des englischen Hochadels dpiert und in Mikredit gebracht wurde, erhlt durch die Autorin eine besondere Wrdigung, indem sie auf die sozialen Umstnde aufmerksam macht, unter denen die Knstlerin litt.

Es gehrt zu den lobenswerten Eigenschaften der Publikation, dass Leser/innen nicht nur immer wieder auf die Orte aufmerksam gemacht werden, wo die Akteure unter welchen Begleitumstnden gewirkt haben, sondern auch auf welchen Friedhfen ihre Grber zu finden sind. Auf diese Weise sind die Geheimnisse schner Frauen nicht nur anregende Abbilder fr Voyeure, sie verleiten auch zu weitergehenden kunstgeschichtlichen Studien. Egal, ob es Justine im Bild von Gustave Courbet, die geheimnisvolle Rckenansicht einer Tehura von Paul Gauguin, gemalt whrend seines Aufenthalts auf Tahiti, das bizarr verfremdete Antlitz von Madeleine Castaing aus der Werkstatt von Chaim Soutine oder die Unbekannte von Iwan Kramskoj ist sie verlocken interessierte Kunstlieber zu weitergehenden Studien und werden dabei allerdings mit einem Dilemma konfrontiert. Quellenverweise oder Hinweise auf weiterfhrende Literatur sucht man vergeblich. Andererseits finden kunstbegeisterte Leser aufgrund der eingehenden Beschreibungen in den mit Hingabe und viel Herzblut geschriebenen Essays ohnehin viele Anregungen fr vertiefende Betrachtungen.

Tatjana Kuschtewskaja, Verfasserin vieler Reiseberichte und Kennerin vor allem russischer Lebensweisen, hat sich mit der Erforschung der Geheimnisse schner Frauen auf ein schwieriges Terrain begeben, dessen Untiefen und Unwgbarkeiten sie mit viel Courage, stilistischem Geschick und unermdlichen Recherchen bewltigt hat. Dennoch bleibt eine Nachfrage: der Leser htte gerne gewusst, woher so mancher treffliche Zusatz zu ihrem vortrefflichen Text stammt.


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Tatjana Kuschtewskaja: »Geheimnisse schner Frauen«