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FAZ, Julia Spinola, 22. August 2011 Das Feuer der Empörung und der tragischen Musik
Er hat Buchenwald überlebt, jetzt spricht Stéphane Hessel vor einem Gedächtniskonzert an das Konzentrationslager bei Weimar zur Eröffnung des Kunstfests »Pèlerinages«. Eindrucksvolle Worte, gefolgt von eindrucksvoller Musik.
Er wirkt zerbrechlich und doch fast jugendlich beschwingt, wie er gegen die Widrigkeiten seines Alters ankämpft und energisch Stufe für Stufe das Podium erklimmt: »Also Sie sehen, es geht gerade noch die Treppe herauf. Und hier stehe ich, berauscht davon, daß dieser wunderbare Saal, die Weimarhalle, mich empfängt.« Stéphane Hessel, der 93 Jahre alte ehemalige Résistancekämpfer, den seine Kampfschriften »Empört euch!« und »Engagiert euch!« schlagartig zum Bestseller-Autor gemacht haben, ist als ein an die Autonomie des Individuums und an die Überwindung eines fatalistischen Ohnmachtsempfindens appellierender Aufrüttler unterwegs.
Seine frei gehaltene Rede beim Gedächtniskonzert Buchenwald zur Eröffnung des Weimarer Kunstfests »Pèlerinages« liefert keine Analysen und propagiert keine politischen Programme. Stattdessen wirft Hessel mit ansteckender Emphase noch einmal die Hauptthesen seiner Pamphlete in den Saal: die fundamentale Kritik am Finanzkapitalismus, an der Aushöhlung sozialer Rechte, an der zunehmend brutaler werdenden Kluft zwischen Arm und Reich, am ökologischen Zustand der Erde. So redet einer, der keine Zeit für Nebensächlichkeiten mehr hat und auf die Notwendigkeiten hinlenken will: »Habt Mut! Habt Vertrauen! Die Welt kann so aufgebaut werden, daß man ihrer würdig ist.«
Jedem anderen Sprecher hätte man manches Wort dieser Rede auf die Goldwaage gelegt: die Würdigung des Konzentrationslagers Buchenwald als der Geburtsstätte des Europa-Gedankens; den Aufruf, gerade Deutschland könne und müsse aufgrund seiner Geschichte Europas stärkste Nation werden. Diesem Mann aber, der als Widerstandskämpfer gefaßt und gefoltert wurde, der die Lager Buchenwald und Mittelbau-Dora unter dramatischsten Umständen überlebte, um nach dem Ende des Kriegs in den diplomatischen Dienst Frankreichs einzutreten und 1948 an der Verfassung der Menschenrechte mitzuwirken - diesem Menschen nimmt man die riskant verknappten Formulierungen seiner Rede ab.
Eindringlicher Dialog
Daß Menschen über diese Macht zur Veränderung grundsätzlich verfügen, ist die Botschaft, die er vermittelt - und wohl auch jene Nike Wagners, der künstlerischen Leiterin des dieses Jahr unter dem Motto »Vision« stehenden Pèlerinages-Festivals. Einer Vision verdankt sich auch die jüngste Gründung des aus Studierenden der Musikhochschulen in Weimar und in Jerusalem bestehende Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar, das mit der Bestreitung des musikalischen Teils der Veranstaltung seinen allerersten Auftritt absolvierte. Unter der Leitung des 27 Jahre alten Dirigenten David Afkham waren Werke von Viktor Ullmann, Karl-Amadeus Hartmann und Johannes Brahms zu hören. Der außerordentlich begabte, zuletzt 2010 mit dem Young Conductors Award ausgezeichnete und seither am Beginn einer internationalen Karriere stehende Afkham drohte in den wenigen Proben, die ihm zur Verfügung standen, wohl einige Male beinahe zu verzweifeln, angesichts einer Konstellation von Musikern, die - zum Teil vollständig unerfahren im Orchesterspiel - bislang tatsächlich nur die mal undeutlichere, mal schärfere Vision eines konturierten Klangbilds liefern konnten. Dennoch gelang der Abend mehr als nur achtbar dank der agogisch und dynamisch höchst differenzierten Interpretation Afkhams und dank einer klugen und stimmigen Werkauswahl.
Ullmann komponierte seine Klaviersonate Nr. 7 1944 in Theresienstadt, wenige Wochen vor seinem Abtransport ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das Manuskript läßt erkennen, daß Ullmann geplant hatte, das Stück für Orchester zu setzen; ein Wunsch, den der israelische Komponist Michael Wolpe, ein Großneffe von Stefan Wolpe, vor einigen Jahren ausführte. Den Variationen des Sonaten-Schlußsatzes über ein Lied Yehuda Sharets, das Ähnlichkeiten zu der von den Nationalsozialisten verbotenen slowakischen Nationalhymne wie auch zum Hussitenchoral »Die ihr Streiter Gottes seid« aufweist, verlieh Afkham mit dem ihm aufmerksam folgenden Musikern den Charakter eines eindringlichen Dialogs.
Pointierte Rhythmisierung
Nicht gleichermaßen gewachsen zeigte sich das Orchester dagegen dem klanglichen Raffinement von Hartmanns im Jahr 1939 bereits den Opfern des Nationalsozialismus zugedachten „Concerto funèbre“, das den genannten Hussitenchoral als ein Symbol der tschechischen Freiheitsbewegung im Part der Solovioline gleich zu Beginn zitiert. Atmend und strömend entwickelte sich der große Trauergesang des ersten Satzes, doch den dunklen Aufsässigkeiten des zweiten, dessen schwarzer Spuk sich allmählich zu einer atemlosen Hetzjagd steigert, fehlte es etwas an Schärfe und Prägnanz. Und auch die Solopartien des junge rumänischen Geigers Dragos Mihail Mânza hätte man sich ein wenig zupackender und voller im Ton gewünscht.
Afkhams Interpretation der Tragischen Ouvertüre von Johannes Brahms schließlich ließ sein Gespür für Stimmungsschattierungen, eine höchst differenzierte Gestaltung der Dynamik und einen elastischen Umgang mit den Tempi erkennen. Nicht wuchtig hob das d-Moll-Thema der Streicher an, sondern geradezu erhaben in seinen großen, wellenartig sich entfaltenden Bögen, zugleich auch voll latenter explosiver Energie in den pointierten Rhythmisierungen. Etwas von einer solchen Feurigkeit, wie sie Brahms in diese Komposition gelegt hat, sah man nach der Veranstaltung noch einmal in Stéphane Hessels verschmitztem Blick aufblitzen. Da saß er beim Wein im »Russischen Hof« und gab sich einer seiner Leidenschaften hin, indem er auswendig Gedichte rezitierte: Rilkes »Leda« und danach, mit großer Verwegenheit, die noch dramatischeren Verse des Sonetts »Leda and the Swan« von William Butler Yeats. Unfaßbar, wie viel Leben in einem einzigen Menschen stecken kann.
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Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur. Peter Mosler, 01. Juni 2011 Die Tage gehn, ich verweile
Stéphane Hessels Gedichte
Im Nachtprogramm ein Interview mit Stephane Hessel. Jugendfrisch sagt der 93-Jährige: »Ich will die jungen Leute zur Rebellion ermutigen.« Junge Leute, für die er das kleine Buch »Empört euch!« geschrieben hat, inzwischen ein Weltbestseller. Zur Rebellion ruft er auf gegen eine Welt, in der zwei Millionen reich sind, mehrere Milliarden arm. Zur Rebellion gegen eine Welt, in der es Demokratie nur für eine Minderheit gibt. Das sagt ein Mensch, der im KZ Buchenwald war, der unter den Lebenden der letzte von jenen ist, die die Charta der Menschenrechte für die UNO aufgeschrieben haben, ein Mensch, der kaum eine Sekunde verstreichen lässt, bevor er antwortet, voll Empathie für sein Gegenüber, und zwischendurch zitiert er aus dem Kopf ein Gedicht von Hölderlin, das mit den Worten beginnt: »Größeres wolltest auch du, aber die Liebe zwingt/ All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger.«
Dreisprachig ist er, auf Englisch, Französisch und Deutsch sind Gedichte verfaßt, die Hessel unentbehrlich sind, abgedruckt in seinem Buch »Ô ma mémoire«. Vorangestellt hat er der Poesie einen Essay, in dem er von der wunderbar beruhigenden Wirkung Poes, Valérys in den eisigen Baracken von Buchenwald, Schönebeck, Rottleberode und Dora erzählt. Zu Kriegsende war er 28 und wurde Diplomat - anders als sein Vater Franz Hessel -, Schriftsteller und Flaneur in Berlin wie Walter Benjamin in Paris. 1948 wurde Stéphane Hessel Sekretär der UN-Menschenrechtskommission, und er assistierte bei der Erarbeitung der Charta der Menschenrechte. Für den französischen Diplomaten gilt das berühmte Wort von Marx: »Radikal sein, ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.« Maurice Merleau-Ponty zitiert es in seinem Werk »Humanismus und Terror«, das zu den bevorzugten Büchern Hessels zählt.
Im neuen Jahrhundert, nicht mehr in Diensten der Diplomatie Frankreichs, kehrt er zum Milieu seines Vaters zurück. Er schreibt seine Memoiren »Tanz mit dem Jahrhundert« (2002). In »Ô ma memoire« hat Hessel Gedichte, überwiegend von Autoren mit großem Namen, versammelt, die er auswendig sprechen kann. Von Goethe finden wir nur »Über allen Gipfeln/ ist Ruh«, aber Hessel gibt eine ausführliche Würdigung des Gedichts. Reichlich sind die deutschen Dichter Hölderlin und Rilke vertreten. Hessel hat eine Art »Rezitationshunger«, und wir finden in einem ausführlichen Einleitungsessay des Autors Gründe für den ursprünglichen Zusammenhang von Poesie und Rezitation. Wie häufig kann man sich auf die griechische Mythologie berufen: Mit der Göttin Mnemosyne (Gedächtnis) hat Zeus die neun Musen gezeugt. Poesie ist also die Tochter des Gedächtnisses. Für sich fasst Hessel die Arbeitsgänge so zusammen: Erst lesen, dann lernen, dann sich aneignen, dann aufsagen. Jede/jeder möge versuchen, in dieser Reihenfolge ein Gedicht auswendig zu lernen. Ich glaube, daß auch der Reim eine Funktion in Erinnerung und Rezitation hat, denn er ist dem Rhythmus verwandt. Hessel erzählt, dass er eine »Duineser Elegie« noch mit 85 gelernt hat. - Oft kann ich seine Neigung zu einem Gedicht nicht teilen...
Wie die Liebe zu einem Gedicht zustande kommt, hat Hessel in seinem Essay nicht reflektiert. Mir fiel dazu ein Buch aus Prousts »Suche nach der verlorenen Zeit« ein, nämlich »Eine Liebe Swanns«. Swann begegnet einer Frau, die in ihm Gefühle auslöst, und er hört dabei ein Musikstück. Wenn Swann neben seiner geliebten Odette im Salon Platz nahm, »pflegte der Pianist für sie beide das kleine Thema der Sonate von Vinteuil zu spielen, das gleichsam die Nationalhymne ihrer Liebe war«. Wann immer Swann dieser Musik wieder begegnet, tauchen Gefühle der Erotik, des Begehrens auf. Ebenso wenig wie es eine Trennung von Sinn und Form gibt, gibt es eine Trennung von Gefühl und Verstand. Es ist das Gefühl, das sich erinnert, und es ist der Verstand, der ein Gedicht auswendig sprechen kann.
Hessel verlangt »Poetizität« von den Gedichten, das ist poetische Tiefe und Ambiguität. Was er in seiner Anthologie gesammelt hat, ist nicht das gereimte Einerlei, sondern Gedichte von sprachlicher Tiefe, wie die »Hälfte des Lebens« von Hölderlin, das mit den Worten endet: »Die Mauern stehn/ Sprachlos und kalt, im Winde/ klirren die Fahnen.«
Es sind in dem Buch viele Entdeckungen zu machen, etwa die »Ballade der Gehängten« von Francois Villon, die mit der Bitte an Gott endet: »Ihr Menschen, höhnt nicht unser umso dreister/ und bittet Gott, daß er verleih uns allen!« Der Leser hört das Echo, das Brecht diesem Satz in der »Dreigroschenoper« gibt: »Und bittet Gott, er möge uns verzeihn.«
PS: Der Titel ist dem Gedicht »Der Pont Mira-beau« von Guillaume Apollinaire entnommen, Peter Mosler
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literaturblatt, Cornelia Frenkel-Le Chuiton, 01. Mai 2011 Obdach und Gewicht der Worte
Stéphane Hessel - 93-jähriger Weltbürger mit nachhaltigem Gedächtnis
Eine »poetische Trilingologie« nennt Stéphane Hessel sein kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenes Buch Ô ma memoire. Gedichte, die mir unentbehrlich sind. Darin erläutert der überzeugte Europäer und Kosmopolit seine Laufbahn anhand von 88 Gedichten. Sie entstammen der französischen, deutschen und englischen Lyrik, sind von Villon, Shakespeare, Hölderlin, Keats, Baudelaire, Verlaine, Rimbaud, Hofmannsthal, Valéry, Rilke aber vor allem von Guillaume Apollinaire. Stéphane Hessel kennt sie auswendig und in den Originalsprachen. Mit diesem Buch erweist sich der engagierte Diplomat und Widerstandskämpfer, dessen Leben vielfach von harten politischen Fakten geprägt war, als literarischer Feingeist, der das Humane stets im Sinn behält.
Die Anthologie Ô ma memoire enthält auch einen anschaulichen Essay. Dort bemerkt Hessel zunächst, daß man im Deutschen »auswendig« lernt, im Englischen und Französischen aber »mit dem Herzen«: »by heart«, »par coeur«. Sodann unterstreicht er, die Lust an der Poesie sei ihm von seinen Eltern in die Wiege gelegt worden. Von Kindesbeinen an brachten sie ihm komplizierte Verse und lyrische Gebilde bei - nicht Gedichte, die sich simpel reimten und herunterleiern ließen. Seine Mutter lehrte ihn etwa »To Helen« von Edgar Allan Poe und er freute sich an darin enthaltenen Klangformationen (»The weary, way-worn Wanderer«); sein Vater brachte ihm »Melusinens Lied« von Rudolf Borchardt nahe - keine leichte Kost. In der Grundschule, im Pariser Vorort Fontenay-aux-Roses, lernte Stéphane Hessel Fabeln von La Fontaine und Balladen von François Villon. Lyrik von John Keats beeindruckte ihn dann, als er sich Mitte der 30er Jahre zum Studium in England aufhielt. Und auf Shakespeares Sonett Nr. 71 - „»No longer mourn for me when I am dead« -kam er schließlich immer wieder zurück, nachdem er im Juli 1944 in Paris von der Gestapo festgenommen und nach Buchenwald deportiert worden war. Hier vor allem entwickelten sich Gedichte zum wesentlichen Begleiter und »Kristallisationspunkt« seiner Existenz. »The Raven«, das unheimliche Poem von Edgar Allan Poe (»Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary [... ] Darkness there, and nothing more«), dessen Refrain »nothing more" und »Never-more« zwar tiefe Resignation, aber auch Gefasstheit ausdrückt, half ihm nach eigenen Worten, »sich über die Schrecken des Konzentrationslagers Buchenwald zu erheben«. Mitten im tödlichen Gebrüll einer sprachzerstörenden Situation, die dem zum Schweigen genötigten Zeugen und Überlebenden nur das stumme Sprechen als Ausweg ließ, hielt er sich an Worte aus einer anderen Zeit. Vom Innehalten im Gedicht spricht Hessel einmal als einem »tiefen Atemzug nach der Schönheit und dem Tod«.
Im einleitenden Essay zu Ô ma memoire zitiert Hessel eine humorvolle Nagelprobe auf die »Wahrheit« eines Gedichts; nach A. E. Housman werde sie dann offenkundig, wenn sich »die Bartstoppeln« sträuben, während man es sich beim Rasieren stumm aufsagt. Muss ein Gedicht auch nicht gleich haarsträubend wirken - ein Klang, der »ein besonderes Gefühl« hervorruft, konnte Hessel immer erneut fesseln und er ging ihm in einem oft langen Prozeß des »Beherzigens« nach. Über das Hören fühlt er sich in die Worte anderer ein, denen er dann als Rezitator sogar seine Stimme verleiht. Um der Substanz des Poetischen auf die Spur zu kommen, zieht Hessel Gedanken von Roman Jakobson und Ives Bonnefoy zu Rate, unternimmt Exkurse in die Mythologie, besonders zu Mnemosyne, der Muse des Gedächtnisses, die dem Dichter unerläßlich zur Seite steht. Dessen Werkzeuge sind der Körper, die Stimme und das Atmen - das besondere Atmen, wie es sich zum Beispiel in Rilkes ätherischen Zeilen zeigt: »In Wahrheit singen, ist ein andrer Hauch./Ein Hauch um nichts. Ein Wehn im Gott. Ein Wind.« (Sonette an Orpheus)
Stéphane Hessel kam 1917 in Berlin zur Welt, als Sohn des Schriftstellers und Übersetzers Franz Hessel und dessen Frau Helen, geborene Grund, damals Korrespondentin der Frankfurter Zeitung. Die Familie siedelte ab 1924 nach Frankreich über. Nach der deutschen Besatzung im Juni 1940, die zahllose NS-Verfolgte mit Internierung und Deportation bedrohte, arbeitete Stéphane Hessel zunächst in Marseille für das Rettungskomitee des amerikanischen Journalisten Varian Fry. 1941 schloss er sich in London der französischen Exilregierung von de Gaulle an; 1943 kehrte er als Geheimagent nach Paris zurück, fiel 1944 den Nazis in die Hände, wurde nach Buchenwald und Dora deportiert, konnte aber dank seines Mithäftlings Eugen Kogon überleben. Die Erfahrung von Solidarität blieb für ihn prägend. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Stéphane Hessel als Mitarbeiter der Vereinten Nationen an der Formulierung der UN-Menschenrechts-Charta mit. Bis ins hohe Alter setzte er sich als Diplomat und »Ambassadeur de France« nachdrücklich für Demokratie und Menschenrechte ein. Davon berichtet seine 1997 in Frankreich, im Jahr darauf auch in deutscher Übersetzung erschienene Autobiographie Tanz mit dem Jahrhundert.
Eine wichtige Quelle im Zusammenhang der Erinnerungen ist auch die schmale Textsammlung Letzte Heimkehr nach Paris. Franz Hessel und die Seinen im Exil. Hier wird auf subtile Weise eine Familiensaga erhellt, indem mehrere Beteiligte zu Wort kommen: Franz, Helen und Stéphane Hessel sowie sein Bruder Ulrich, zudem die Freunde Alfred Polgar und Wilhelm Speyer. Bemerkenswert ist darin nicht nur die ungewöhnliche Freundschaft von Franz und Helen Hessel mit dem Schriftsteller Henri-Pierre Roché, die zum literarischen Stoff wurde und als Filmvorlage für Truffauts »Jules et Jim« diente. Aus verschiedenen Erzählperspektiven stellt Letzte Heimkehr nach Paris eine Familie vor, die zunächst in Berlin und dann im Paris der 20er Jahre mit einem Milieu verbunden war, in dem sich Walter Benjamin, Max Ernst, Pablo Picasso, Man Ray und Marcel Duchamp bewegten. Der Schriftsteller Franz Hessel, 1941 in Sanary-sur-Mer - »Hauptstadt der deutschen Exilliteratur« - gestorben, war maßgeblich am Aufbruch der Moderne beteiligt. Literarisch einmalig bleiben seine unaufgeregten Blicke auf die Welt, etwa in Der Kramladen des Glücks, Pariser Romanze, Von den Irrtümern der Liebenden und Spazieren in Berlin. Das letztere Werk ist soeben in zwei Neuauflagen erschienen, eine davon enthält ein Vorwort von Stéphane Hessel. Im Dezember 2010 wurde im Übrigen erstmals eine deutsch-französische Literaturauszeichnung, der Franz-Hessel-Preis, verliehen: an zwei Schriftstellerinnen - Maylis de Kerangal und Kathrin Röggla -, deren Werke für die hervorragende Qualität zeitgenössischer Literatur stehen.
Stéphane Hessel hat nun vor einigen Monaten, im Alter von 93 Jahren, großes Aufsehen erregt und einen Bestseller verfasst: das 32 Seiten dünne Manifest Indignez-vous! - Empört Euch!. Außer ins Deutsche wurde es mittlerweile in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auf der ersten Seite wird mit Paul Klees Aquarell »Angelus Novus« an Walter Benjamin erinnert, der das Bild als Gleichnis für einen von einem unaufhaltsamen Sturm getriebenen »Fortschritt« sah. Empört Euch! handelt aber vom möglichen Einschreiten gegen scheinbar unaufhaltsame Entwicklungen. Hessel sieht gesellschaftliche Grundwerte gefährdet, die aus der Opposition gegen die NS-Diktatur hervorgingen und an denen es festzuhalten gelte. Das Alter ist für Hessel die Chance, sich furchtlos zu exponieren und an die existentiellen Träume des 20. Jahrhunderts zu erinnern, nicht ohne Trauer und als seien es Abschiedsworte, ähnlich dem »L'adieu« (»J'ai cueilli ce brin de bruyere«) von Guillaume Apollinaire. Stéphane Hessels nächstes Buch ist bereits im Druck: Engagez-vous! Es setzt auf Leser, die gewaltfrei für eine nachhaltige Gesellschaftsentwicklung eintreten. Hier kann man an Heinrich Böll, ebenfalls Jahrgang 1917, denken, der einmal sagte, auch »die Gerechtigkeit hat ihre Poesie«.
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Süddeutsche Zeitung, Hilmar Klute, 05. März 2011 Interview mit Stéphane Hessel (Auszug): Vom Vorzug des Lügens
SZ: Stéphane Hessel, Sie können beinahe hundert Gedichte auswendig sagen. Wie gut muß man ein solches lyrisches Gedächtnis pflegen?
Stéphane Hessel: Ich versuche immer wieder, sie vorzulesen, damit sie in meinem Gedächtnis drinbleiben.
SZ: Welches ist Ihr jüngstes Gedicht?
Hessel: Ich habe mir jetzt Rilkes Gedichte an Orpheus angesehen. Ich konnte ja nur eine der Duineser Elegien auswendig, die erste, und Rilke sagt ja selbst, man müsse, wenn man die Elegien richtig verstehen will, auch die Sonette auswendig lernen, ich habe also die ersten drei Sonette auswendig gelernt, das waren meine letzten.
SZ: Warum ist es wichtig, Gedichte auswendig zu lernen?
Hessel: Ich halte es für wichtig, daß der Mensch in seinem Geist nicht nur das Materielle, sondern auch die Einbildungskraft benutzen kann. Die Lust, etwas auswendig zu können - das hat mich immer beeindruckt. Ich habe das von meiner Mutter gelernt, und es hat mir sehr geholfen in verschiedenen Zeiten meines Lebens, wenn ich mich entweder langweilte oder noch schlimmer: wenn es mir schlecht ging wie in den Konzentrationslagern.
SZ: Es gefällt Ihnen, Menschen zu irritieren, indem Sie plötzlich aufstehen und ein Gedicht rezitieren.
Hessel: Viele fragen, warum soll ich Gedichte hören, das tut mir doch nicht gut. Meine Kinder wissen, daß ich gerne lange Gedichte aufsage, und sie sagen dann: Papa, mais un court.
SZ: Sie wollen nur ein kurzes hören.
Hessel: Ja, es ist vielleicht ein bißchen übertrieben und stellt mich als jemanden vor, der sich für groß hält, und das finde ich auch nicht angenehm. Deshalb versuche ich es auch nicht so oft, wie ich es in meinem Buch sage.
SZ: Ihr Buch »O ma mémoire«, in welchem Sie von Ihrer lebenslangen Leidenschaft für Gedichte erzählen.
Hessel: Es macht immer wieder Spaß, wenn man jemanden trifft wie Sie zum Beispiel, und sagt sich, ach, ein kleines Gedicht kann man sich doch aufsagen.
[...]
SZ: In Ihrer Autobiographie schildern Sie die große Bedeutung von Kultur und Bildung im KZ.
Hessel: Ich konnte die meisten meiner Gedichte damals schon auswendig. Gerade die deutsche Sprache war ja in den Konzentrationslagern sehr wichtig. Einer, der Deutsch sprach, konnte sich besser behaupten als jemand, der kein Deutsch sprach. Zum Beispiel mit einem Kapo, der mal Lust hat, ein deutsches Gedicht zu hören, das kann schon viel dazu beitragen, daß man überlebt.
SZ: Ihr lyrisches Gedächtnis war also ein Überlebensinstrument im rein praktischen Sinn.
Hessel: Im rein praktischen Sinn ja. Entweder wurde der Kapo wütend und gab einem nochmal 'ne Ohrfeige, oder er sagte: Ja, das hör' ich mir gern an. Das war die Schwierigkeit, gut zu unterscheiden: Was für ein Kapo ist dieser, was für ein Stubenältester ist der, kann man mit dem versuchen, etwas herauszuschlagen oder muß man im Gegenteil sehr vorsichtig sein, weil der brutal wird.
[...]
SZ: Wenn in Ihrem »Empört euch!« ein Gedicht stehen müßte, welches müßte das sein?
Hessel: Das lange schöne Gedicht von Guillaume Apollinaire »La Jolie Rousse« hört mit drei Zeilen auf, wo er sagt: »Aber lacht doch, lacht über mich, es gibt so viele Sachen, die ich euch nicht gesagt habe, so viele Sachen, die ich euch nicht sagen durfte, lacht über mich.«
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Süddeutsche Zeitung, Hans-Peter Kunisch, 25. Oktober 2010 Glückskind in schweren Zeiten
Der Diplomat und Gedichtliebhaber Stéphane Hessel zu Gast in Berlin
»Sie sind doch das Mädchen aus ›Jules und Jim‹«? Wenn er das hört, ärgert sich Stéphane Hessel. Er habe sich um Truffauts Film nie groß gekümmert. Obwohl (oder weil) seine Eltern das Vorbild zur bekanntesten Dreiecksgeschichte des europäischen Films waren. Oskar Werner spielt Franz Hessel, der Stéphanes Mutter Helen (Jeanne Moreau) – nicht eben freudig, aber duldend – zeitweilig an seinen Freund Henri-Pierre Roché abgibt. Roché schrieb darüber den Roman, auf dem Truffauts Film beruht. Franz Hessel war, mit seinen Romanen (»Heimliches Berlin«) und Übersetzungen von Balzac bis Proust seinerseits ein bekannter Autor, und auch die Modejournalistin Helen, die Helene hieß, hat sich später als deutsche Übersetzerin von Nabokovs »Lolita« in der Literaturgeschichte verewigt.
Doch an diesem Abend im Berliner Literaturhaus spielen die legendären Eltern keine Rolle. Es geht, bis auf Franz Hessels schönes Herbstgedicht »Rotes Laub«, um die Gedichte anderer Autoren. Stéphane Hessel rezitiert sie auswendig. Gedichte auswendig lernen? Das kann ein Instrument schwarzer Pädagogik sein oder eine brav vollzogene Übung. Beim 93jährigen Stéphane Hessel, der in Berlin, wo er 1917 geboren wurde, sein neues Buch »Ô ma mémoire« (Grupello-Verlag, Düsseldorf) vorstellte, ist es anders. Im Buch erklärt er das am Unterschied der Redewendungen: »Auswendig lernen« macht aus der Sache ein fleißakrobatisches Kunststück. Im englischen »learn by heart« oder im französischen »apprendre par coeur« – der zweiten und dritten Sprache Hessels – ist Gedichte lernen als bloße Mechanik nicht denkbar. In den KZs von Rottleberode und Buchenwald, in die Hessel als Widerstandskämpfer kam, lebte er mit Edgar Allen Poes »The Raven« und Paul Valérys »Le Cimetière marin«. Es sind Gedichte, in denen von Büchern die Rede ist – die im KZ nicht zur Verfügung standen. Hessel trug in Buchenwald Gedichte von Hölderlin vor, während dessen patriotische Hymnen von den Nazis als gewalttätiger Nationalismus interpretiert wurden.
Nach frühem Abitur ging Stéphane Hessel 1933 aus Paris an die London School of Economics, bereitete sich dann an der École Normale auf die Laufbahn eines hohen Staatsbeamten vor. Die Mobilisierung brachte ihn, inzwischen Franzose, in die Armee. Sein Offiziersanwärterstatus half, den jüdischen Vater aus dem Internierungslager Les Milles zu holen. Für Franz Hessel bekanntlich zu spät, entkräftet starb er 1941 in Sanary-sur-Mer. Stéphane ging in die Résistance, bis ihn ein Kollaborateur im Pariser Untergrund verriet.
»Ich sollte ihm«, erklärt Hessel , »Papiere verschaffen, traf mich an der Ecke der Boulevards Raspail und Edgar Quinet mit ihm, in der Nähe meiner heutigen Wohnung, doch im Hintergrund wartete die Gestapo«. Aus Buchenwald kam Hessel dank der Hilfe von Eugen Kogon frei. Kogon, später Autor von »Der SS-Staat«, verschaffte ihm die Papiere eines Toten aus der Typhus-Baracke, »in die sich die Gestapo nicht traute«. So entkam Hessel dem schon ausgesprochenen Todesurteil.
Er sei »immer ein Glückskind« gewesen, meint der unendlich freundliche Gast, der während des lockeren Geplauders mit Peter von Becker im vollbesetzten Kaminzimmer des Literaturhauses immer wieder neue Gedichte zum Besten gibt. Und jedes Mal ist es schön zu hören, wie er nach wenigen Zeilen in den Ton des Gedichts findet, am leichtesten und innigsten im Französischen. Als er 88 geworden sei, erzählt der letzte lebende Unterzeichner der UN-Menschenrechtskonvention von 1948, habe er sich gedacht, »jetzt habe ich so viele Jahre mit Diplomatie und Krieg und Menschenrechten verbracht, doch was mich eigentlich interessiert, sind Gedichte«. Aus Spaß suchte er sich aus seinen drei Sprachen 88 aus, die ihn mit jenem »punctum« persönlich berühren, das Roland Barthes für die Photographie als Gegenstück zum ordentlichen »studium« bestimmt hat. »Wenn das geschehen ist, dauert es drei Tage, bis es drin ist, dann geht es meistens nicht mehr raus.«
Doch der unglaublich vitale Rezitator, über den man in seiner Autobiographie »Tanz mit dem Jahrhundert« viel erfährt, der gerade ein zwanzigstrophiges Shelley-Gedicht gelernt hat, lebt keineswegs »nur noch« in Gedichten. Am Sonntag ist der alte Diplomat in den Gaza-Streifen aufgebrochen, wo er sich um ein Projekt für palästinensische Jugendliche kümmert, die in der zweiten und dritten Generation im Lager leben.
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Der Tagesspiegel, Thomas Wegmann, 23. Oktober 2010 Güte, gewaltiges Land
Stéphane Hessel im Berliner Literaturhaus
Noch gibt es sie, die Generation derer, die während der Schulzeit Gedichte auswendig lernten und diese bis heute aufsagen können. Die nachfolgenden Generationen wissen allenfalls, wo sie stehen – neuerdings meistens im »Netz«. Dem 1917 in Berlin geborenen Diplomat Stéphane Hessel, Sohn des Schriftstellers Franz Hessel und der Modejournalistin Helen Grund, ist das Auswendiglernen von Lyrik auch außerhalb der Schulzeit zur Passion geworden. Das begann mit Edgar Allen Poes Gedicht »Helen«, das er als Junge lernte, um seine Mutter zu beeindrucken. Und setzt sich fort mit La Fontaine, den er den Eltern rezitierte, nachdem die Familie 1924 nach Frankreich übersiedelte.
    Als er 1944 von der Gestapo verhaftet wurde, schrieb er die erste Zeile von Shakespeares Sonett Nr. 71 auf einen Zettel, als Botschaft an seine Frau: »No longer mourn for me when I am dead«. An seinem 88. Geburtstag fragte er sich, was wirklich wichtig gewesen war in seinem Leben – und stieß auf 88 Gedichte, die er in sich selbst versenkt hatte und die größtenteils von der Liebe und dem Tod handeln. Die stellte er zu einer dreisprachigen Anthologie im Grupello Verlag zusammen, die sein bewegtes Leben spiegelt: ein Selbstporträt in Gedichten.
    Von Hessels Gedichtegedächtnis, aber auch von seinen Entertainer-Qualitäten konnte man sich nun im überfüllten Literaturhaus überzeugen. Als »Dichter ohne eigene Gedichte« hatte Peter von Becker ihn vorgestellt. Der letzte noch lebende Verfasser der UN-Charta der Menschenrechte gab sich launig und von heiterster Humanität, rezitierte, plauderte und kalauerte nach Herzenslust.
    Dass Poe der Beginn von Po-esie sei. Dass Goethe schlecht, Hölderlin und Hofmannsthal dagegen gut auswendig zu lernen seien – zumindest für ihn. Dass er für jedes Gedicht rund drei Tage brauche: »Wenn es aber drin ist, hält es meistens.« Telefonnummern und Namen dagegen könne er sich schlecht merken, was in seiner Diplomatenlaufbahn nicht unbedingt vorteilhaft gewesen sei. Dass man das Leben erst verstehen werde, wenn man tot ist. Und dass Buchenwald kein Ort zum Urlaub machen sei, weil dort immer schlechtes Wetter herrsche, zumindest an den Jahrestagen der Befreiung, an denen er als ehemaliger Häftling des Öfteren teilnahm.
    Nicht zuletzt deshalb dürfte es wohl in der Tat ein Vers von Apollinaire sein, der Hessels eigene Erfahrungen, sein politisches Anliegen und seine in ihm versunkenen Gedichte kongenial zum Ausdruck bringt: »Wir wollen die Güte erforschen gewaltiges Land drin alles schweigt.« Güte, das ist so ein Wort, das nur wenigen steht. Bei Stéphane Hessel passt es. Weil sein Kulturbeutel Gedichte enthält, wo beim Normalmenschen nur eine Zahnbürste mahnt.
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Der Tagesspiegel, Peter von Becker, 25. Juli 2010 Stéphane Hessel
Poet des Widerstands
Ein Jahrhundertleben: Er überstand Buchenwald und schrieb die UN-Menschenrechts-Charta. Er begegnete Picasso, Max Ernst, Walter Benjamin, de Gaulle. Er kämpfte in der Résistance. Der 92-jährige Stéphane Hessel träumt in seinem alten Kopf noch immer junge Träume.
In der Mittagsglut von Paris öffnet er die noch halb abgedunkelte Wohnung. »Bitte, es ist nicht ganz aufgeräumt, aber vielleicht nehmen Sie einfach Platz auf dem Sofa.« Stéphane Hessel legt nur das Jacket seines hellen Sommeranzugs ab, die Krawattenspitze steckt im Hosenbund, die Manschetten des weißen Hemds bleiben geschlossen. Eben erst ist er nach einer Bahnreise aus der Normandie, wo er mit seiner Frau ein Appartement nahe am Meer besitzt, wieder in Paris eingetroffen. Und wie immer hat der »Ambassadeur de France«, so der Titel, den ihm einst Präsident Mitterrand im Élysée-Palast verliehen hat, vom Bahnhof statt eines Taxis die jetzt stickig heiße Metro benutzt.
Möchte er nicht eine kleine Pause? »Nein, warum? Mir geht es gut, lassen Sie uns miteinander reden.« Stéphane Hessel wird im Oktober 93 Jahre alt. Er sitzt in seinem Lieblingsohrensessel und ist ohne weitere Umschweife, ohne Kaffee oder auch nur ein Glas Wasser, ganz bei der Sache. Und seine Sache ist: die Welt – wie sie ist oder besser noch sein sollte. Er selber hat dafür ja ein Stück Weltgeschichte geschrieben. Buchstäblich. Als gerade 30-jähriger französischer Diplomat und Kommissionssekretär der Vereinten Nationen hatte er in New York und in Genf am Text der 1948 verabschiedeten UN-Menschenrechts-Charta mitgewirkt.
Nun ist Hessel der letzte noch lebende Autor dieser Gründungsurkunde des modernen Völkerrechts. Und selbst mit über 90 Jahren und lange nach seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst bleibt er als Berater und Vermittler in internationalen Missionen und für zahlreiche Nichtregierungsorganisationen aktiv. So ist er 2009 beispielsweise zum wiederholten Mal in den Gaza-Streifen gereist, um die Lebensverhältnisse der palästinensischen Bevölkerung angesichts der israelischen Blockade zu überprüfen.
Doch die Sorge um den Zustand der Welt fängt dieser Tage in Frankreich an, wo die Medien kaum ein anderes Thema mehr kennen als die Verwicklung des Staatspräsidenten in die Korruptionsaffäre Bettencourt. Monsieur Hessel schüttelt darüber mit einem sanft ingrimmigen Lächeln den Kopf. »Für die Franzosen stellt sich nur noch die Frage, wie werden wir den Sarkozy wieder los?« Hessels kurze Handbewegung gleicht dem Wegfächern einer Mücke. »Eigentlich ist ja das Grundproblem der Welt heute der Umgang mit der Erde, die Verheerungen der Umwelt und die Vernichtung unserer natürlichen Ressourcen. Aber eine zweite Herausforderung ist der gespenstische Einfluss der Finanzmächte.«
Mittelbar gehöre hierzu auch die Affäre Bettencourt. Denn inzwischen, meint Hessel, verändere sich das Selbstverständnis der Politik in einer Weise, daß diese immer mehr die Empfindung verliere für Begriffe wie »Korruption« oder andererseits für »Gerechtigkeit«. Vor allem die junge Generation müße »sich dagegen wehren, daß materielle Werte von Asien bis Amerika zum einzigen Lebensziel werden«. Politiker wie Sarkozy oder Berlusconi erscheinen dem alten Herrn dabei als prekär, weil sie infolge ihrer Identifikation mit der Sphäre des Reichtums auch jenen Sockel der europäischen Demokratie untergraben, in den einmal »die Idee der Gleichheit und Brüderlichkeit« gemeißelt wurde.
Das sagt Stéphane Hessel, der 1917 in Berlin-Tiergarten als Deutscher geboren wurde, ohne Pathos. Aus ihm spricht in seinem melodiösen, nur leicht französisch gefärbten Deutsch wie selbstverständlich ein Jahrhundertleben. Schon in jungen Jahren hatte Hessel an Leib und Seele weit mehr erfahren, als ein gewöhnliches Dasein je zu fassen kriegt.
Millionen Menschen, die sonst vielleicht nie von ihm gehört haben, kennen zumindest die Liebesgeschichte seiner Eltern. Francois Truffauts klassischer Kinofilm »Jules et Jim« hat diese Geschichte so romantisch wie nahezu wahr erzählt. Der junge Deutsche Jules, gespielt von Oscar Werner, hatte zum realen Vorbild Stéphanes Vater, den Berliner jüdischen Schriftsteller und Großstadtflaneur Franz Hessel – und die von Jules und dessen französischem Freund Jim geliebte Kathe, verkörpert von Jeanne Moreau (mit der Stéphane Hessel befreundet ist), war im wirklichen Leben seine Mutter Helen Hessel-Grund. Das Elternpaar hatte mit Jim alias Henri-Pierre Roché, dem Verfasser der autobiografischen Romanvorlage für »Jules et Jim«, in einer fröhlichen Ménage à trois gelebt: eigentlich skandalös, aber auch ein fabelhafter Fall deutsch-französischer Freundschaft. Roché war für den jungen Stephan und dessen älteren Bruder Ulrich einfach »Onkel Pierre«.
Als Franz und Helen 1925 nach Paris umzogen, wo Helen als Modekorrespondentin für die »Frankfurter Zeitung« arbeitete, wuchsen die Söhne in einem Haushalt auf, in dem auch Picasso, Max Ernst, Man Ray (der Helen als Akt am Strand fotografierte) oder der Dichterfürst André Breton verkehrten, wo der Kunstrevolutionär Marcel Duchamps dem kleinen Stéphane das Schachspielen beibrachte.
Das geschah im Pariser 14. Bezirk, südlich des Montparnasse und nicht weit von der kleinen Seitenstraße der heutigen Avenue Jean Moulin, in der Hessel jetzt lebt. Eine beziehungsreiche Nachbarschaft, denn Moulin war im Zweiten Weltkrieg Chef der französischen Résistance; er wurde verraten und 1943 von dem berüchtigten Gestapo-Offizier Klaus Barbie so gefoltert, daß er auf dem anschließenden Transport in ein KZ verstarb. Auch Stéphane Hessel, der als Student bereits 1937 aus Protest gegen die Hitler-Diktatur die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, wird Mitglied des Widerstands gegen die Deutschen und das mit ihnen verbündete, vor 70 Jahren im Juli 1940 errichtete Vichy-Regime. Stéphane arbeitet in Marseille für den »amerikanischen Schutzengel« Varian Fry und sein Flüchtlingskomitee, das tausenden Juden und NS-Verfolgten die Rettung ins außereuropäische Exil ermöglicht. Auch den Philosophen Walter Benjamin trifft er kurz vor dessen Selbstmord an der französisch-spanischen Grenze – und Mutter Helen und er holen Franz Hessel, der sich zwischenzeitlich von der Familie getrennt hatte, aus einem Lager in Südfrankreich. Doch der Vater stirbt bald darauf.
Stéphane flieht seinerseits über Portugal nach England und begegnet in London General de Gaulle, dem Kopf der französischen Exilregierung, für die er als Luftwaffenoffizier und Geheimdienstmann im Frühjahr 1943 nach Frankreich zurückkehrt und im Untergrund arbeitet. Exakt ein Jahr nach dem Tod von Jean Moulin wird auch er im Juli 44 von einem verhafteten Kollegen verraten. »Die Gestapo«, erzählt Hessel, »schnappte mich in einem Café, nicht weit von hier, direkt an der Ecke zum Friedhof von Montparnasse, wo jetzt meine Mutter liegt.« Auch Sartre und Beckett sind dort begraben. Und das Café gibt es noch? »Oh ja, das Café des Arts.« Ein Künstlercafé? »Damals wohl nicht«, ergänzt Hessel mit leichter Ironie. »1943 hieß es >Café des Quatre-Sergents<.« Vom Café der vier Sergeanten ging es ins Gestapo-Quartier an der Avenue Foche, wo auch Moulin gefoltert wurde.
»Ich wurde dort 29 Tage gefangen gehalten und unter anderem vier Mal mit dem Kopf in die Badewanne getaucht.« Stéphane Hessel, der an den Beinen noch Narben hat von deutschen KZ-Schäferhunden, weiß, warum er als Mitverfasser der Menschenrechts-Charta für das Verbot der Folter eintrat. Und natürlich überkamen ihn seine Erinnerungen während der Debatten um das bei der CIA zu Bush-Zeiten übliche »waterboarding« von Terrorverdächtigen. »Ich weiß heute nicht mehr genau, was ich der Gestapo am Ende gesagt habe. Das verdrängt man, ich habe ihnen irgendetwas, das hoffentlich nicht so wichtig war, erzählt und sie damit verblüfft, daß ich Deutsch sprach. Außerdem waren es die Tage um das Hitler-Attentat am 20. Juli, es herrschte wohl eine gewisse Verwirrung, deshalb wurde ich nicht gleich erschossen.«
Und die Folter? »Sie ist nicht nur grausam, ich halte sie auch für dumm«, sagt Hessel und fügt hinzu: »Dumm, weil der Folterer meist nicht weiß, ob er die Wahrheit oder eine Lüge erfährt. Die Folter ist ein System des Wahnsinns.« Wie das System der Konzentrationslager. Stéphane Hessel, der nicht als Jude, sondern als politischer Häftling gilt, überlebt nach der Deportation aus Paris das KZ Buchenwald und das Lager Dora im Harz, wo todgeweihte Sklaven unter Tage für Albert Speer und Wernher von Braun die »V 2«, die letzte Wunderwaffe der Nazis, bauen müßen. Wiederum Glück und eine Vernunft, die nur der Wahnsinn gebiert, ließen Hessel der eigenen Exekution entkommen, indem er die Identität eines im letzten und, schlimm zu sagen: rechten Moment an Typhus verstorbenen anderen französischen Häftlings annahm, der statt seiner unter dem Namen Hessel verbrannt wurde.
»Der Mann hieß Michel Boitel, und seinem Tod verdanke ich mein Leben. Für dieses Glück kann ich mich bis heute nur schämen.« Den Identitätswechsel in den Lagerakten organisierte Eugen Kogon, selber Häftling in Buchenwald und 1945 Verfasser des ersten grundlegenden Werks über die Nazigräuel (»Der SS-Staat«). Stéphane Hessel, dessen Fall dort erwähnt wird, hat seine schuldlose Schuld freilich abgetragen mit dem lebenslangen Einsatz für die Idee der Menschenrechte – ob während des Algerienkriegs (gegen die eigene Regierung) oder in internationalen Missionen in Indochina oder Zentralafrika.
Daran wird jetzt an ungewöhnlichen Orten erinnert. Zum Beispiel in Modeboutiquen, in Kunstgalerien, avancierten Cafés oder Museen. Dort nämlich vertreibt die französische Modeschöpferin, Kunstsammlerin und Mäzenatin Agnès Troublé alias agnès b. ihr in loser Folge erscheinendes und immer einer Person der kulturellen Zeitgeschichte gewidmetes Gratis-Magazin mit dem Titel »Point d’Ironie«. Auf diesem »Gipfel der Ironie« wurden bereits Yoko Ono, der Philosoph Michel Foucault oder der Großkünstler Damien Hirst präsentiert; die Jubliläumsnummer 50 trägt nun den Titel »La violente espérance de Stéphane Hessel« (»Die gewaltige Hoffnung von St. H.«).
Der belgische Zeichner Pascal Lemaître, Illustrator ansonsten des »New Yorker« oder beim »Time«-Magazine und in Deutschland beliebt als Kinderbuchautor (»Papa Pirat«), hat das schwarz-weiße Abbild von Monsieur Hessel auf das Cover gestrichelt: ein Mann mit den Fußspitzen an einen Felsen geheftet, halb Prometheus, halb Sisyphos, dabei ganz aufrecht überm Abgrund schwebend. »Das gefällt mir«, lacht der Porträtierte. Ein witziges Bild, weil kindlich naiv und voll der Philosophie und Würde des Absurden. In den kurzen, gleichfalls mit schwarzem Pinsel gezeichneten Texten, die Hessel selber ausgewählt hat, zitiert er auf Französisch und Englisch mehrfach Artikel der UN-Menschenrechts-Charta, nennt Folter und rechtlose Gefangenschaft eine »Schande« (»shame«) der Gegenwart und schreibt darunter die Stichworte »Dora, Guantanamo, Abu Ghraib, Tibet, Gaza …«. Zudem immer wieder Gedichtzeilen von Guillaume Apollinaire, des am Ende des Ersten Weltkriegs gestorbenen Genies der modernen französischen Lyrik.
Eine Sisyphos-Arbeit sei das schon, dieser gewiß nie endende Kampf für die Menschenrechte, bei dem ihn auch seine zweite Frau Christiane, eine herzlich diskrete Dame im Hintergrund, unterstützt. Albert Camus hatte in seiner philosophischen Studie über den »Mythos des Sisyphos« einst geschrieben, man habe sich den felsenwälzenden S. als »glücklichen Menschen« vorzustellen. »Ja, sei ein glücklicher Mensch! Das ist deine schönste Berufung, habe ich von meiner Mutter immer wieder gehört. Und wirklich«, sagt Stéphane Hessel, »ich bin ein glücklicher Mensch geworden.« Spricht der Diplomat und Weltbürger, das Oberhaupt einer Familie mit drei Kindern, zehn Enkeln und drei Urenkeln.
Auch seine »violente Hoffnung« gebe er niemals auf. Schon gar nicht im Nahen Osten, wo Hessel zuletzt als Botschafter der Organisation »La voix des enfants« seine Stimme für Kinder in Israel und den palästinensischen Gebieten, vor allem im Gazastreifen, erhebt. Hessel nennt die Regierung Israels »eine Schande für das Land«, denn sie betreibe statt legitimer Verteidigung durch »Blockaden, Besetzung, Landraub und die ständige Demütigung der Palästinenser« eine aggressive Verletzung des Völkerrechts. Damit steht er unter jüdischen Intellektuellen und Künstlern, von Daniel Barenboim bis Cordelia Edvardson, nicht allein. Trotzdem hat er den jüngst von französischen Juden formulierten Aufruf zu einer neuen Politik Israels (»J call«) nicht unterschrieben. Initiatoren wie der modisch elegante Philosoph Bernard-Henry Lévy sind nicht so sein Fall.
Hessels Wohnung im zweiten Stock eines Pariser Altbaus misst knapp 60 Quadratmeter, drei Zimmer voll bürgerlicher Behaglichkeit, doch bar jedes Luxus. Kaum ein anderer »Ambassadeur de France« dürfte so bescheiden hausen, und niemand würde in den Schubladen einen Haufen Fotos vermuten, die ihn zusammen mit Ministern, Präsidenten, Königen und Königinnen zeigen, von denen ihm im Nachhinein nur noch wenige bedeutsam erscheinen. Eine der Ausnahmen war freilich die Begegnung mit Nelson Mandela.
Auf Fotos und im nahen Augenschein wirkt Stéphane Hessel sehr groß. Der mächtig kahle Schädel, die buschigen Augenbrauen, die starke Nase über dem ausladenden Mund, die kräftigen Hände. Doch schon die Stimme ist sehr sanft, und die Hände, die Schaufeln sein könnten, zeichnen beim Reden allerlei zarte Figuren in die Luft oder dirigieren das Gesagte, gleich ob er vom Schönsten oder Schrecklichsten erzählt, wie Musik. Steht er auf aus seinem Sessel oder spaziert er auf der Straße, ohne Stock, mit nur etwas weichem Schritt wie ein in die hohen Jahre gekommener Tänzer, dann ist er von überraschend zierlicher Gestalt. Sofort versteht man: Dieser Mann ist so politisch wie poetisch, er lebt fest verankert in der Realität und träumt in seinem großen alten Kopf doch immer noch kühne, junge Träume.
Wo aber sind all seine Bücher? Wenige Regale, ein paar Bilder, mehr hat nicht Platz in der Wohnung. »Ich bin kein Büchersammler.« Nur ein immenser Leser, am liebsten von Lyrik, und seine Lieblingsgedichte hat er – alle im Kopf. Auswendig, oder schöner noch, wie er auf Englisch sagt: »by heart«. Hessels Lebensbericht »Tanz mit dem Jahrhundert« ist seit Jahren vergriffen, doch eben jetzt ist im Düsseldorfer Grupello Verlag sein zweites Buch auf Deutsch erschienen: »Ô ma mémoire – Gedichte, die mir unentbehrlich sind«.
Darin hat Hessel 88 Texte aus seinen drei Lebenssprachen Deutsch, Französisch und Englisch/Amerikanisch versammelt: Die Zahl bezeichnet »in horizontaler Lage die unerbittlichste aller Unlösbarkeiten, die Unendlichkeit«. Und Hessels begleitender Essay, übersetzt von Michael Kogon, dem Sohn Eugen Kogons, enthält nicht nur eine Geschichte der Poesie, er ist auch eine poetische Autobiografie. Hessel zitiert Shakespeare, schon nach seiner Verhaftung durch die Gestapo hatte er seiner jungen ersten Frau aus dem 71. Sonett auf einen rausgeschmuggelten Zettel den Vers geschrieben: »No longer mourn when I am dead.« Von Edgar Allan Poe (»Poe wie der Beginn von Poesie«) ist naturgemäß das Gedicht »For Helen« dabei, Goethe und Hölderlin hatte er einst für Mitgefangene im KZ rezitiert, dazu viel Baudelaire, Rimbaud, Keats, Apollinaire, Rilke, eine Strophe des Vaters Franz H., und das letzte Gedicht hat ein 1954 geborener französischer Schäfer verfaßt, Christian Planque, mit dem er sommers oft durch die Cevennen gewandert ist. Diese 88 Poeme in drei Sprachen, fast 150 gedruckte Seiten, kann Hessel noch immer auswendig – und zwei Lieblingszeilen stammen vom Lieblingsdichter seiner Mutter, von August Wilhelm von Platen: »Wer die Schönheit angeschaut mit Augen / Ist dem Tode schon anheimgegeben.«
Fürchtet er selber, der Glücksmensch, den Tod? »Nein, überhaupt nicht«, sagt Stéphane Hessel, er möchte nur nicht dement werden oder lange körperlich leiden. Wie die Dichter nennt er den Tod einen zweiten Schlaf. »Der erste war vor meiner Geburt, und der nächste wird meine fernste, abenteuerlichste Reise sein, auf die ich mich freuen kann.«
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Rheinische Post, Jan Caspers, 28. Juni 2010 Stéphane Hessel – Gedichte als Lebensbegleiter
Im gut besuchten Vortragssaal des Goethe-Museums war jetzt der Diplomat Stéphane Hessel zu Gast. Im Gespräch mit Professor Bernd Witte stellte er dort sein jetzt im Grupello Verlag erschienenes Buch »Ô ma mémoire – Gedichte, die mir unentbehrlich sind« vor. Es ist die ungewöhnliche Form einer Autobiographie, denn anhand von 88 Gedichten, die er im Laufe von Jahrzehnten auswendig gelernt hat, reflektiert Stéphane Hessel sein überaus bewegtes Leben.
Geboren 1917 in Berlin, zog der Sohn des jüdischen Schriftstellers Franz Hessel 1924 mit seinen Eltern nach Paris. Nachdem er 1939 die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, schloß er sich 1941 der Résistance an. Drei Jahre später wurde Stéphane Hessel von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Dort freundete er sich mit dem Publizisten Eugen Kogon an, der ihm zur Flucht verhalf und Hessel somit das Leben rettete.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Stéphane Hessel zunächst Vertreter Frankreichs bei den Vereinten Nationen in New York, wo er 1948 die Charta der Menschenrechte mit unterzeichnete, ehe er als Diplomat im Auftrag der UNO und des französischen Außenministeriums tätig war. In all diesen Jahren waren Gedichte seine treuen Begleiter, die er »mit dem Herzen gelernt hat«. »Manche Gedichte wecken in mir ein besonderes Gefühl, und ich finde in ihnen etwas, das ich brauche«, beschreibt Stéphane Hessel seine ganz besondere Liebe zur französischen, englischen und deutschen Lyrik.
So half ihm beispielsweise das Auswendiglernen des Gedichtes »The Raven« von Edgar Allan Poe dabei, sich »über die Schrecken des Konzentrationslagers Buchenwald zu erheben«. Auch die großen Gedichte von Villon und Baudelaire, Shakespeare und Keats, Rilke und Hölderlin haben Stéphane Hessel Zeit seines Lebens begleitet. »Ich bin meinem Gedächtnis sehr dankbar dafür, daß es mich nicht im Stich läßt«, freut sich Stéphane Hessel über seine erstaunliche Vitalität.
Und als Zuhörer teilt man diese Freude mit ihm.
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