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Zeitschrift für Parlamentsfragen, 01. April 2012
Bilder und Befunde zum Bundestag als Bauherr

Die beiden genannten Bücher zu rezensieren, fällt leicht und macht Freude, denn in dem einen Fall handelt es sich um eine reich bebilderte von Kunsthistorikern herausgegebene Studie mit gut lesbaren Texten, die den Leser in die Gründerjahre der »Bonner Republik« entführt. Im anderen Fall ist es eine vom Präsidenten des Deutschen Bundestages ausgezeichnete politikwissenschaftliche Dissertation, die - ebenfalls mit Abbildungen versehen und ohne sich in Details zu verlieren - quellen- und anmerkungsgesättigt die Entscheidungsprozesse im Deutschen Bundestag nachzeichnet, als dieser begann, die »Berliner Republik« architektonisch zu gestalten. Dazwischen liegen mehr als 40 Jahre und ein verändertes Demokratieverständnis. Standen die ersten Regierungsbauten in Bonn noch ganz im Zeichen des bescheidenen Provisoriums unter alliierter Besatzungsherrschaft, so sah sich der Bundestag gezwungen, im Schatten des Berliner Reichstagsgebäudes großstädtisch zu planen und eine selbstbewusste - weil inzwischen bewährte - parlamentarische Demokratie zu repräsentieren. Anhand der anzuzeigenden Werke kann das Diktum der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth überprüft werden, die anlässlich der Einweihung des Plenarsaalneubaus von Günter Behnisch in Bonn 1992 formulierte, dass Parlamentsgebäude »selbst ein bestimmtes Demokratieverständnis zum Ausdruck bringen«.
   Wie sehr sich das Selbstverständnis verändert hat, zeigt der alltägliche Sprachgebrauch. Während in Bonn der Parlamentsbau sogar von Hans Schwippert als »Haus der Bundesregierung«, später dann aber als »Bundeshaus« bezeichnet wurde, wird in Berlin vom »Reichstagsgebäude« (nur verkürzt, aber falsch von »Reichstag«) gesprochen; das gesamte Areal trotz seiner räumlichen Nähe zum Bundeskanzleramt - wird selbstbewusst als »Parlamentsviertel« bezeichnet.
   Bei den Bauvorhaben in Bonn (1949 ff.) und in Berlin (1991 ff.) (wie übrigens auch beim Plenarsaalbau im Bonner Wasserwerk 1986 ff.) wurde historische Bausubstanz integriert. Schwippert gelang es, den Altbau der Pädagogischen Akademie im Bauhaus-Stil als bestimmendes Element zugleich unaufdringlich und harmonisch einzubinden (S. 49). Auch Sir Norman Poster konnte - mit dem Ensemble von Stephan Braunfels und Axel Schultes (»Band des Bundes«) am Spreebogen - angestammte beziehungsweise historische Bausubstanz (Reichstagsgebäude) in die Moderne hinüberretten und ihr zu neuer Geltung verhelfen.
   Die Studie über das Bonner Bundeshaus in den Anfangsjahren der Bundesrepublik ist ein von mehreren Autoren verfasstes Werk, dessen Texte inhaltlich gut aufeinander abgestimmt sind und durch ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Fotografien sowie zahlreiche Skizzen von Schwippert bereichert sind. Nicht zuletzt mit dem Beitrag »Das Bundeshaus und seine Fotografen« wird deutlich, dass Fotografie nicht einfach nur illustrierende Abbildung ist, sondern Visualisierung, Inszenierung und auch Kunst. Wie fließend die Grenze zwischen Kunst und Architektur verläuft, wird schon bei Schwippert deutlich, der - wie später auch Poster - unter anderem mit eigenen Möbeln die Inneneinrichtung des Bonner Bundeshauses bestimmte und damit über »Kunst am/im Bau«. Gleichwohl bezeichnete Schwippert seinen Parlamentsbau selbst als »Notbau in Notzeiten« (S. 8), der unter größtem Zeitdruck stattfand und dessen Baubeginn erfolgt war, noch bevor ein Beschluss über den »vorläufigen Sitz« des Bundestages gefasst werden konnte (S. 44). Schwipperts Architektur war dienend und frei von Profilierungszwang. Sein Plenarsaalbau war ohne Vorbild. Woher sollte es auch kommen? Gebaute Demokratie gab es in Deutschland nicht. Das Reichstagsgebäude von Paul Wallot hatte viel zu sehr Formen herrschaftlicher Repräsentation entliehen und keine genuine demokratische Bautradition begründet (S. 59). Aber Schwippert hat nie von »Demokratie bauen« gesprochen, denn er war doch »nur« der Architekt für eine provisorische Demokratie. Dennoch gelang es ihm, eine symbolische Architektur zu schaffen, über die er an den späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer schrieb: Der Parlamentsbau habe »eine Atmosphäre zu begünstigen und einer Arbeit zu dienen, welche im Gegensatz zu allen anderen europäischen Parlamenten vielleicht nicht ohne innere Bedeutung sich eines neuzeitlichen, zur rheinischen Landschaft gebührend offenen Hauses bedient.« So war Schwipperts Plenarsaal doch weit mehr als nur ein »Anbau« (S. 42), bei dem »in fahrlässiger Weise Steuergelder verschwendet« worden seien (S. 69).
   Schon Schwippert schlug eine kreisrunde Sitzanordnung im Plenum vor - wie er sie in den Nachkriegsjahren in der ohnehin runden St. Hedwigskathedrale in Berlin verwirklichen konnte; erst Behnisch konnte diese aber bei dem Bau des neuen Plenarsaals 40 Jahre später umsetzen. Sie bewährte sich aber nicht (wie Galetti, S. 281 ff., nachweist), so dass die Verantwortlichen beim Reichstagsgebäude von derartigen Konzepten wieder Abstand nahmen.
   An wenigen Stellen wäre im Band von Buslei-Wuppermann und Zeising die Mitwirkung eines Parlamentshistorikers hilfreich gewesen, der bei der Identifizierung mancher abgebildeter Personen der Zeitgeschichte hätte behilflich sein können (zum Beispiel Abbildungen S. 100, S. 101, S. 106) und vielleicht dafür gesorgt hätte, in stärkerem Maße parlamentarische Begrifflichkeiten einzubringen. So wird der Parlamentarische Rat unzutreffend als ein von den Besatzungsmächten eingesetzter verfassungsgebender Länderkonvent (S. 41) bezeichnet; oder es wird von »Eröffnung« (S. 55), statt von Konstituierung des Bundestages gesprochen. Doch im Gegenzug nimmt der Leser die Einbindung des Bonner Parlamentsbaus in das gesamte Schaffen von Schwippert durch die Kunsthistoriker dankbar an.    Parlamentarische Begrifflichkeiten beherrscht Nino Galetti, der in seiner Geschichte über den Bundestag als Bauherrn in Berlin schildert, wie kompliziert das Gegeneinander- und Miteinanderwirken von profilierten Politikern, Architekten, Bundesbaugesellschaft, Berliner Senat, Bundestagsverwaltung, Bundesregierung (Kanzler und Bundesbauministerium), Presse und den Gremien im Bundestag, nämlich den Fraktionen sowie der Konzept- und Baukommission, war.
   Gern liest man nach, wie der geschmeidige Foster (Galetti, S. 309 spricht von »Flexibilität«) vorn Gegner zum Befürworter der Reichstagskuppel mutierte oder wo architektonische Gestaltungsfreiheit ihre Grenzen erfuhr. Galetti weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Gegner des Bonn-Berlin-Umzugs »einen wichtigen Beitrag zur Errichtung der Kuppel geleistet haben« (S. 281); sie versprachen sich eine Verzögerung des gesamten Umzugsprojektes.
   Erfreulicherweise behandelt der Autor, anders als der Buchtitel ausweist, in der gebotenen Kürze auch die Bonner Parlamentsbauten sowie die Baugeschichte des Reichstagsgebäudes seit Paul Wallot. Nur so wird deutlich, dass der Umzug, der Umbau des Reichstagsgebäudes von Foster und die Errichtung neuer Parlamentsbauten auch deshalb gelingen konnten, weil die Baukommission des Bundestages über mehrere Wahlperioden hinweg in ihrer personellen Zusammensetzung eine erstaunlich hohe Kontinuität aufwies. Diese Kontinuität in den entscheidenden Gremien fehlte in den 1970er Jahren, um »demokratisches Bauen« in Bonn zu ermöglichen.
   Bei aller geforderten Modernität eines zukünftigen Parlamentssitzes in der Hauptstadt war es wohl ein Segen, dass der von Foster vorgelegte erste Adlerentwurf für den Bundestag (Galetti, S. 316) nicht umgesetzt wurde und als Zeichen der Kontinuität »von Bonn nach Berlin« wieder die »Fette Henne« von Ludwig Gies im Plenum Platz fand, was Foster lange zu verhindern suchte.    Neben dem Reichstagsgebäude wurden weitere Parlamentsbauten errichtet, um deren Ausschreibungen es Ärger und Streitigkeiten gab. Sie waren auch deswegen entstanden, weil architektonische Entwürfe vor politisch notwendigen Entscheidungen vorgelegt worden waren; mit anderen Worten: Klare Vorgaben des Bauherrn fehlten. Dagegen scheint der Plenarsaalbau von Schwippert ein Kinderspiel gewesen zu sein. Doch macht Galetti deutlich, wie sehr sich die Bedingungen in Bonn 1949 ff. und Berlin 1991 ff. ähnelten. Schwippert und Foster suchten nach einem zeitgemäßen, repräsentativen und funktionalen Stil (S. 380). Gleichwohl waren auch Unterschiede vorhanden. Während der spätere Bundeskanzler Adenauer für Bonn Bescheidenheit anmahnte, Funktionalität wünschte und architektonische Experimente zu unterbinden suchte, waren es Persönlichkeiten wie Rita Süssmuth, Helmut Kohl und Oskar Schneider, die den nötigen Mut aufbrachten, hauptstädtisches Bauen in Berlin zu fordern. Nur der Umzug von Bonn nach Berlin ermöglichte derartige Bauten und konnte dem Bundestag mit dem Reichstagsgebäude und den umliegenden Gebäuden zur Repräsentativität verhelfen. Der Umzug war eine große Chance.
   Mit den hier vorgestellten Werken haben die Parlamentsbauten von Schwippert und Foster eine beachtenswerte Darstellung gefunden, und es wird einmal mehr bewusst, dass Demokratien auch eine Repräsentationsarchitektur ausbilden können, die natürlich zu verschiedenen Zeiten verschieden ausfällt. Buslei-Wuppermanns und Zeisings Verdienst ist es, die Geschichte des Schwippert-Baus neu erzählt und eindringlich visualisiert zu haben. Galetti ist es gelungen, am Beispiel des Umzugs von Bonn nach Berlin und des Entstehens der Regierungs- und Parlamentsbauten in Berlin parlamentarisches Handeln gründlich dokumentiert zu haben, das sich abseits der klassischen Kernaufgaben eines Parlaments mit Staatssymbolik und repräsentativer politischer Architektur zu befassen hatte. Diese Debatten und politischen Auseinandersetzungen haben das Selbstbewusstsein des Bundestags wesentlich gestärkt und den Parlamentarismus in Deutschland begünstigt; manche dieser Debatten zählen nicht ohne Grund zu den Sternstunden des gesamtdeutschen Parlaments.
   Buslei-Wuppermann und Zeising zitieren eine Notiz Schwipperts über den Bonner Parlamentssitz: »Sorgfältig wurden die unangebrachten Größen und Maßstäbe gemieden« (S. 59). Galetti verdeutlicht, dass im Umkehrschluss für Berlin zu formulieren ist: Sorgfältig wurden angemessene Größen und Maßstäbe gesetzt - gebaute Demokratie in Deutschland hat sich ins Gegenteil verändert. Stand der Schwippert-Bau in Bonn noch für bundesrepublikanischen Neuanfang, so atmen der Plenarsaal von Behnisch und noch mehr die Berliner Bauten den Geist eines neuen demokratischen Selbstverständnisses.




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Agatha Buslei-Wuppermann, Andreas Zeising, Hans Schwippert: »Das Bundeshaus von Hans Schwippert in Bonn«




Neue Zürcher Zeitung, 01. Dezember 2009
Transparenz der Bonner Republik

An kaum einem anderen Ort in der jungen Bundesrepublik manifestierten sich der politische und der architektonische Wunsch nach einer neuen Staatsarchitektur so unmittelbar wie in Hans Schwipperts (1899–1973) Umbau der ehemaligen Pädagogischen Akademie in Bonn zum Bundeshaus als Sitz des Deutschen Bundestages. »Wir alle haben Sehnsucht nach dem leichten Gehäuse, nach der Helle, nach der Offenheit, nach einem Dach zwar, aber nicht nach Fluchtburg und dem Bunker«, so fasste Schwippert 1951 die deutsche Suche nach einer neuen demokratischen Architektur in Worte. Und auch wenn spätere Jahre die Idee der »demokratischen Architektur« überstrapazierten und eine gläserne Baukunst kurzerhand mit »Demokratie« gleichsetzten, so drückte sich in der mächtigen Glasfront des neuen Plenarsaals doch etwas von dieser erwünschten Einsehbarkeit aus. Mit ihrem Buch über das Bonner Bundeshaus haben Agatha Buslei-Wuppermann und Andreas Zeising nun eine eindrucksvolle Monografie vorgelegt. Diese lässt nicht zuletzt dank der umfangreichen Bebilderung die Gestaltung und Geschichte des Bundeshauses lebendig werden. Obwohl in ihm der Geist des Neuanfangs greifbar wurde, musste es 1988 dem Neubau von Günther Behnisch weichen. In der Zerstörung lässt sich bereits der beginnende Abschied vom bundesrepublikanischen Selbstverständnis der Nachkriegszeit erkennen – dem die Wiedervereinigung 1990 und der Regierungsumzug nach Berlin 1999 folgen sollten.

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Deutsches Architektenblatt, Ausgabe Nordrhein-Westfalen 11/2009, 01. November 2009
Das Bundeshaus von Hans Schwippert in Bonn

Die Diskussionen um die Zukunft der Baustelle für das World Conference Center Bonn überdecken derzeit ein Jubiläum, das den Blick auf die Gründungsjahre der Bundesrepublik Deutschland lenkt: Das Bundeshaus in Bonn kann in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiern.
    Architekt Hans Schwippert entwarf in den Nachkriegsjahren im Auftrag des Düsseldorfer Wiederaufbauministeriums den Sitz des deutschen Bundestages nach einem Konzept, das auf die sachlichen Prinzipien des Internationalen Stils setzte, auf Offenheit und Transparenz, auf schlichte Eleganz und Bescheidenheit. Und das damit den Geist der Nachkriegszeit und den Wunsch nach einem Neuanfang der jungen Republik ein bauliches Gesicht gab, das nicht unumstritten blieb.
    Die Düsseldorfer Architektin und Innenarchitektin Dr. Agatha Buslei-Wuppermann stellt mit dem Kunsthistoriker Andreas Zeising »Das Bundeshaus in Bonn. Architektonische Moderne und demokratischer Geist« ausführlich vor.
    Neben zahlreichen Fotos aus den Gründerjahren der Bundesrepublik überzeugt das Buch vor allem mit einer anschaulichen Darstellung der Haltung und Entwurfsphilosophie des Architekten Schwippert.

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Bernward Althoff, Kölnische Rundschau, 15. September 2009
Die eigene Stimme brachte den Sieg

BONN. Zwischen dem Museum Alexander Koenig an der Koblenzer Straße, dem vorläufigen Dienstsitz des späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer, und dem so eben fertig gestellten Bundeshaus an der Görresstraße liefen heute vor 60 Jahren, am 15. September 1949, schon am frühen Morgen die Drähte heiß. Schließlich sollte zur Mittagsstunde der erste Bundeskanzler gewählt werden, ein wahrhaft historischer Akt.
    Wegen der äußerst knappen Mehrheit an Sitzen im Deutschen Bundestag für die Wunschkoalition CDU / CSU, FDP und DP (Deutsche Partei) kam es auf jede Stimme an, Wackelkandidaten - davon gab es besonders auf Seiten von FDP und DP einige - mussten in letzter Minute auf Konrad Adenauer als Bundeskanzler eingeschworen werden. Adenauer war damals alles andere als populär, er galt als kalter Machtmensch und »harter Hund« – so hatte er sich selbst eine Woche zuvor bei der Wahl zum CDU-Fraktionschef den Unions-Politikern vorgestellt.
    Herbert Blankenhorn, neben Robert Pferdmenges Konrad Adenauers engster Berater und Bindeglied zur CDU / CSU-Fraktion, checkte wieder und wieder die Namenslisten der Koalitions-Fraktionen, eine Probeabstimmung ergab eine hauchdünne Mehrheit. Plötzlich, eine halbe Stunde bevor Bundestagspräsident Erich Köhler zur Abstimmung in den Plenarsaal rief, gab es vonseiten des hessischen FDP-Abgeordneten August Martin Euler nochmals Querschüsse gegen Konrad Adenauer. Der trickreiche Rheinländer passte dem standhaften Hessen offenbar nicht. Euler wurde nochmal von Herbert Blankenhorn und anderen Koalitionären »ins Gebet genommen«.
    Dann ging es in den Plenarsaal, die insgesamt 402 Abgeordneten wurden aufgerufen, ihre Stimme in die eigens für diesen Akt geschaffene, mit Ländersymbolen verzierte bronzene Urne zu stecken. Gelassen saß Konrad Adenauer in der ersten Reihe, neben ihm der Kölner Bankier und Adenauer-Intimus Robert Pferdmenges. Dann gab Bundestagspräsident Erich Köhler das Ergebnis bekannt. »Auf den Abgeordneten Adenauer entfielen 202 Stimmen. Damit ist er zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt.« Adenauer raunte Robert Pferdmenges zu: »Et hätt noch immer joot jejange!« Und wie, eine Stimme »über den Durst,« knapper konnte die Wahl nicht ausfallen. Dass es seine eigene Stimme war, die die Mehrheit ergab, störte ihn nicht weiter. Später sagte er: »Ich wäre mir gegenüber unredlich gewesen, hätte ich mich der Stimme enthalten!«
    Zum 60-jährigen Bestehen der Bundesrepublik gibt es zwei bemerkenswerte Bücher, die über die Anfänge der Bonner Republik berichten. Ganz frisch auf dem Markt ist der Bildband von Agatha Buslei-Wuppermann und Andreas Zeising: »Das Bundeshaus von Hans Schwippert in Bonn - Architektonische Moderne und demokratischer Geist.« (Grupello-Verlag Düsseldorf, Preis 19,90 Euro). Der Band besticht durch eine Unmenge von historischen Fotografien, viele davon noch nie veröffentlicht. Beispielsweise Bilder vom Bau des Plenarsaals, von seinem Richtfest am 5. Mai 1949, wo Konrad Adenauer am Tisch sitzt, vor sich einen Bierkrug und ein Schnapsglas. »Ne lütte Lage« für den Abstinenzler Adenauer? Kaum vorstellbar!


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Imke Habegger, Bonner General-Anzeiger, 05. September 2009
Ein Haus und seine Geschichte

Die meisten Bonner werden sich erinnern, aber der Rest der Republik vergisst allmählich, wo die Wiege der neuen deutschen Demokratie stand: direkt am Ufer des Rheins. Vor zehn Jahren ging das »Intermezzo« Bonn zu Ende, das immerhin ein halbes Jahrhundert Bestand hatte und die junge Demokratie prägte.
    Die von Martin Witte im Bauhausstil gebaute Pädagogische Akademie gestaltete der Düsseldorfer Architekt Hans Schwippert (1899-1973) zu einem Parlamentssitz um. In nur acht Monaten – und mit dem Anspruch einer hellen, offenen Architektur, die die Arbeit des Parlaments ins Licht der Öffentlichkeit rücken sollte. Schwipperts Grundbekenntnis zu Transparenz und Klarheit geriet mehr als einmal in Konflikt mit dem konservativen Baugeschmack Konrad Adenauers, der sich anfangs nicht vorstellen konnte, in einem Haus mit gläsernen Wänden zu tagen.
    Solche und andere Details haben die Architektin Agatha Buslei-Wuppermann und der Kunsthistoriker Andreas Zeising jetzt zu einem Band zusammengetragen, der mit vielen historischen Fotos an die (Bau-)Geschichte des Bonner Bundeshauses erinnert. Und vor allem an den Architekten Schwippert und seine schwierige Arbeit auf der Baustelle, wo er Neues entwarf und plante, während gleichzeitig die Arbeiten auf Hochtouren liefen. Unter enormem Zeitdruck, denn zumindest der neu hinzugefügte Plenarsaal musste unter allen Umständen bis zum 7. September 1949 fertig werden, dem Tag, an dem sich der Deutsche Bundestag in Bonn zu seiner konstituierenden Sitzung zusammensetzte.
    Viele Originaldokumente, darunter Briefe Adenauers und jede Menge bisher unveröffentlichter Skizzen und Entwürfe Schwipperts, schmücken diese amüsante und informative Baugeschichte, die aufzeigt, wie der Bonner Regierungssitz zum Aushängeschild eines gewandelten, weltoffenen Deutschlands werden konnte.


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