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Eurasisches Magazin 4/12, 05. April 2012
»Liebe – Macht – Passion. Berühmte russische Frauen« von Tatjana Kuschtewskaja

Die russische Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja, geboren 1947 in der Turkmenischen SSR, zeichnet ein interessantes Porträt russischer Frauen durch die Jahrhunderte. Es waren Frauen, die russische Geschichte schrieben.
     Der Reigen beginnt mit Olga, Großfürstin der Kiever Rus und führt über Katharina die Große bis hin zur ersten sowjetischen Kosmonautin, Walentina Tereschkowa und zur First Lady der späten Sowjetunion, Raissa Gorbatschowa.
     Was brachte all diese Frauen dazu, ihre historischen Spuren zu hinterlassen? Vor uns treten Frauen mit einem starken, ja energischen Tatendrang auf. Der Titel des Buches ist gut gewählt: Liebe, Macht und Passion. Es waren Frauen, die trotz ihrer wechselvollen Lebensläufe immer wieder ihr eigenes Leben in die Hand nahmen, mehr noch mit ihrer Eigenwilligkeit, dem Streben nach Selbständigkeit gaben und geben sie Generationen von Frauen nicht nur in Russland ein Vorbild.
     Das Thema ist für Tatjana Kuschtewskaja nicht neu, in den 1970er und 1980er Jahren drehte sie Filme über sowjetische Frauen in ihrem Alltag. So über die Medizinprofessorin Ajna Grigorjewna Ambrumowa, die über den Suizid forschte, oder über eine Kolchosbäuerin aus Wologda. Mit ihren Dokumentarfilmen machte sich Kuschtewskaja zum »enfant terrible« bei Parteisekretären, denn es ging ihr nicht darum, Hochglanzheldinnen des Sozialismus, sondern widersprüchliche Charaktere zu präsentieren.
     Dazu schreibt die Autorin: »Menschen, die lediglich denken und sagen, was sich zu denken und zu sagen gehört, öden mich an; mich interessieren nur solche, die über alles selbst nachdenken und sich oftmals qualvoll bemühen, zu einem eigenen Urteil zu gelangen, Menschen, die mehrdeutig und mehrschichtig sind.« Tatsächlich trifft diese Aussage auf die hier vorgestellten Frauen aus der russischen Kulturgeschichte zu.
     Diese Weiberherrschaft war in Russland selbst nicht unumstritten, schon die altrussischen Chroniken beschrieben die heilige, apostelgleiche Großfürstin Olga als »listig«. Doch musste später selbst der Doyen der russischen Nationalgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert, Nikolai Karamzin, anerkennen, »unter Olga wurde Russland bis in die fernsten Länder Europas bekannt«. Die Nestorchronik schmückte die Heirat des Großfürsten Igor mit Olga zu einem Märchen aus. Doch präsentierte sich Olga keineswegs als reines »Heiratsobjekt«. Während ihrer Ehe mit Igor hielt sie diesem den Rücken frei, wenn der Großfürst Feldzüge unternahm, Olga führte die Regierungsgeschäfte, empfing Gesandtschaften. Ihr politischen Fähigkeiten stellte sie durch diplomatisches Geschick unter Beweis, scheute allerdings auch vor kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zurück. Den Ungehorsam tributabhängiger Stämme wie den Drevljanen schlug die Großfürstin mit Waffengewalt nieder.
     Welches Faszinosum starke Frauen schon damals darstellten, zeigt ein zeitgenössisches Urteil, »in den ihr unterstehenden Landen der russischen Erde herrschte sie nicht wie eine Frau, sondern wie ein starker, umsichtiger Mann, hielt die Macht fest in den Händen und wehrte kühn alle Feinde ab.« Auch in der gezielten Christianisierung ihres Landes sah sie ein machtpolitisches Kalkül, um ihre Herrschaft nach außen wie auch nach innen zu legitimieren. 1547 wurde Großfürstin Olga von der russisch-orthodoxen Kirche heiliggesprochen. 1988 drehte Autorin Kuschtewskaja anlässlich der tausendjährigen »Taufe Russlands« den Film »Von Irdischen und Himmlischen« am Grab der Heiligen Olga in Kiev.
     Nicht weniger mythenbehaftet ist eine andere russische Herrscherpersönlichkeit: Katharina die Große. Schon zu ihren Lebzeiten galt das öffentliche Interesse ihren zahlreichen Liebschaften, zu denen mancher Zeitgenosse, aber auch spätere Historiker einiges hinzudichteten. Der Zarin wurde Wollust zugeschrieben, was jedoch eher dem damaligen Zeitalter entsprach, dem, wie es Autorin Kuschtewskaja nennt, eine weltzugewandte Sinnenfreude nicht abzusprechen war.
     Jedoch nennt Tatjana Kuschtewskaja noch einen weiteren, plausiblen Grund. Katharinas Charaktereigenschaften wie Klugheit, Nachdenklichkeit, Willensstärke und (un-)heimliche Entschlossenheit riefen in der höfischen Gesellschaft Argwohn, Neid und nicht zuletzt Angst hervor. Ihr Staatsstreich, die Gefangennahme ihres Mannes, die Niederschlagung des Pugatschow-Aufstandes gaben Zeugnis, dass Katharina nicht zimperlich vorging. Auch die Außenpolitik ging die Zarin energisch an, wie die zahlreichen Kriege gegen die Osmanen zeigten.
     Was macht nun den Mythos Katharinas der Großen bis heute aus?, fragt sich Tatjana Kuschtewskaja. Zwei Antworten werden geboten: zum einen stelle sich Katharinas Lebensgeschichte als »erotische Utopie« dar, zum anderen verkörpere Katharina für viele Russen bis heute die unwiderstehliche, weil willensstarke Frau als »Mütterchen Zarin«, die gleichsam als Symbolfigur für das Leben, die Erde und die Natur das russische Volk an ihrem Busen nährt.
     Eine nicht weniger starke Persönlichkeit tritt dem Leser in der Gestalt der »kleinen Katharina« gegenüber: Katharina Woronzowa-Daschkowa (1743-1810). In der Epoche der Favoriten und Emporkömmlinge beruhte ihre Durchsetzungskraft nicht auf Intrigen und Patronage, sondern auf Tatkraft und profundem Wissen. Bei ihrer großen Namensvetterin löste allerdings ihre Popularität in der russischen Hof- und Adelsgesellschaft Eifersucht aus. Aber die Daschkowa zog auch den Neid männlicher Zeitgenossen auf sich, kein Wunder bei ihrer vielseitigen Bildung. Der britische Gesandte, Lord von Buckingham, urteilte: »Die Lady, deren Name zweifellos in die Geschichte eingehen wird, macht eine vortreffliche Figur … Ihre Ideen sind unsäglich grausig und naseweis; sie könnten unter Anwendung schrecklichster Mittel zur Befreiung der Menschheit führen und danach alle zu ihren Sklaven machen.«
     Dieser überzogene Spott enthielt jedoch ein Körnchen Wahrheit: die bei der Zarin in Ungnade gefallene Daschkowa erklärte bei ihrem Aufenthalt in Paris gegenüber den verwunderten französischen Aufklärern Diderot und Voltaire, das »aufgeklärte« Leibeigenschaftsrecht der Zarin diene dem Wohle der Bauern.« Ihr Kalkül, die Gunst der Zarin wiederzugewinnen, ging auf: 1771 vermachte ihr Katharina die Große eine Schenkung von 2.500 Leibeigenen sowie ein Palais in St. Petersburg. 1783 wurde sie von der Zarin zur Direktorin der Petersburger Akademie für Geisteswissenschaften ernannt. Daschkows Arbeitseifer und ihr feuriges Temperament, das in einer scharfen Zunge seine Worte fand, führte jedoch zu einer erneuten Entzweiung mit der Zarin. Auch ihre berühmten Memoiren entbehren nicht einer gewissen Polemik gegen die Autokratin. Sie wurden bezeichnenderweise erst 1840 veröffentlicht – und zwar in London.
     Nadeshda Durowa war eine besondere Frau: Sich als Mann ausgebend, trat sie 1806 in ein Kavallerieregiment ein und nahm am Krieg gegen Frankreich in den Jahren 1812 und 1814 teil. Sie war der Enge ihrer Familie und ihrer Ehe entflohen. Ihre Eltern empfanden es als Schande, dass ihre Tochter Ehemann und Kinder verlassen hatte. Als erfahrene Kommandeurin führte sie mit ihren Männern Angriffe auf die napoleonischen Truppen in der Schlacht von Borodino. Eine Verwundung zwang sie jedoch, ihren Dienst in der Zarenarmee zu quittieren. Nun zog sich Durowa zurück und wurde Schriftstellerin. Sie äußerte sich nicht nur über die Reformen in Russland, sondern auch nahm auch zur Emanzipation der Frauen Stellung: »In unserer Zeit ist eine Frau, die keine Betätigung findet und sich in die Untätigkeit schickt, falscher am Platz als jemals zuvor. Heute mehr denn je braucht die russische Gesellschaft Frauen voller Tatkraft und Einsatzbereitschaft, voller Empfänglichkeit für die großen Dinge, die sich rings um sie vollziehen, und mit der Fähigkeit, ihren Stein in das Gebäude der gesellschaftlichen Ordnung und des Gemeinwohls zu fügen, das es mit vereinten Kräften zu errichten gilt.«
     Tatkraft und Empfänglichkeit für die großen Dinge bewies auch die berühmte Theosophin Jelena Blawatskaja (1831-1891), die zunächst Tibet und Indien bereiste, dann 1875 die Theosophische Gesellschaft in New York gründete. Mehr noch, sie beeinflusste mit ihren Gedanken Komponisten und Maler wie Gustav Mahler, Jean Sibelius, Paul Gauguin und Wassily Kandinsky.
     Mit dem lamaistischen Buddhismus kam Jelena Blawatskaja bereits in ihrer Kindheit in Berührung; ihr Großvater hatte in der russischen Kolonialbürokratie Karriere gemacht, war zeitweise Gouverneur von Astrachan‘ gewesen, ein Onkel besaß Ländereien an der Grenze zur Mongolei. Auf ihren späteren Reisen nach Tibet, Indien, aber auch Nordafrika, wo sie unter den Beduinen lebte, konnte sie ihre Abenteuerlust stillen, nicht weniger abenteuerlich muten ihre theosophischen Schriften an. So entwickelte Blawatskaja eine eigene theosophische Theorie, sie ging davon aus, dass die geschichtliche Entwicklung der Menschheit zunächst von »Großen Erleuchteten« geleitet worden sei, solche Aufklärer würden in ihrer Zeit aber fehlen, die Menschheit habe die Weisheit ihrer Kindheit eingebüßt.
     Sie selbst verstand sich als Missionarin bzw. Medium, den Menschen das Licht der Wahrheit zu überbringen. Klingen ihre Aussagen heutzutage abstrus, so erkannte Blawatskaja jedoch den Bruch der modernen, säkularisierten Gesellschaft mit der Religion. Blawatskaja war bereits zu ihren Lebenszeiten umstritten, für die einen war sie eine charismatische Persönlichkeit, für andere ein Dämon. Ihr Vetter, Sergei Witte, schrieb einmal über sie: »Sie hatte etwas Dämonisches an sich. Augen wie die ihren habe ich kein zweites Mal gesehen – blau, riesengroß, unergründlich. Und wenn sie sprach, war es, als sprühten diese Augen Funken. Dass sie großen Einfluss auf andere ausübte, wundert mich gar nicht. « Dessen war sich die Blawatskaja auch durchaus bewusst: »Wer Menschen beherrschen will, muss sie hinters Licht führen. Ich habe all diese Seelchen schon vor Ewigkeiten durchschaut, ihre Einfalt amüsiert mich manchmal auf köstlichste.« Dass mit Esoterik Geld zu verdienen war, erkannte schon Blawatskaja. Noch heute werden Bücher von und über Jelena Blawatskaja weltweit millionenfach verkauft und damit trägt diese Frau nicht zuletzt auch heute zum boomenden Esoterik-Markt bei.
     In den nächsten Kapiteln stellt Tatjana Kuschtewskaja Frauen dar, die in die russische Literatur der Salons eingegangen sind: Maria Hartung und Sonka Goldhändchen. Starke Frauen treten als Protagonistinnen bei Lew Tolstoi und Anton Tschechow auf. Diese Frauen entstammten vornehmen Familien, waren gebildet und rebellierten gegen gesellschaftliche Konventionen. Die unglückliche Liebe der Maria Hartung, die mit Leonid Nikolajewitsch Hartung, einem Kavalleriegardisten und Spieler, ging in Tolstois Roman »Anna Karenina« ein.
     Auch die Ehe Scheindla Blüwstein-Solomiak, genannt Sonka Goldhändchen, stand unter keinem guten Zeichen. Nach der Geburt ihres ersten Kindes trennte sich Sonka von ihrem Mann. Sie machte sich daraufhin einen Namen als Russlands bekannteste Diebin, von dem entwendeten Geld finanzierte sie ihren Töchtern die Ausbildung in Westeuropa. Ab den 1870er Jahren war »Goldhändchen« jedoch auf ihren Diebeszügen nicht mehr allein, sie rekrutierte ein ganzes Netz von Helfern, Agenten – meistens Vorbestrafte. Sonka Goldhändchen avancierte zur Lady des »organisierten Verbrechens«. Immer wieder entkam sie der Polizei; erst im Dezember 1880 wurde man ihrer habhaft. Am 19. Dezember 1880 fand ein Gerichtsprozess gegen die Meisterdiebin in Moskau statt. Das Urteil lautete: Verbannung nach Sibirien. Der Schriftsteller Anton Tschechow begegnete ihr auf der Verbannteninsel Sachalin. Amüsant schreibt Tatjana Kuschtewskaja, dass die heutige russische Unterwelt zu ihrem Grab auf dem Wagankowskoje-Friedhof in Moskau pilgert, um »Segen für die Geschäfte« zu erbitten.
     In »Also sprach Zarathustra« verarbeitete der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche seine unglückliche Liebe zu Lou Andreas-Salomé. Lou entstammte einer baltendeutschen Familie mit hugenottischen Wurzeln. Nach ihrer Kindheit in St. Petersburg ging die junge Frau nach Zürich, wo sie ein Studium der Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte aufnahm. Ihr besonderes Interesse galt allerdings der Philosophie; sie schloss sich dem philosophischen Kreis um Malwida von Meysenburg an, eine bekannte Frauenrechtlerin, die mit Alexander Herzen befreundet war. Über diesen Kreis lernte Lou auch Nietzsche kennen. Er urteilte über die junge Frau: »Sie ist scharfsinnig wie ein Adler, muthig wie ein Löwe und zuletzt doch ein mädchenhaftes Kind. Sie ist auf die erstaunlichste Weise gerade für meine Denk- und Gedankenweise vorbereitet. «
     Doch Lou lehnte seinen Heiratsantrag ab. Stattdessen genoss sie es, mit Männern, die in sie verliebt waren, sich geistig auszutauschen. Dahinter verbarg sich jedoch noch ein anderes Motiv: sie fürchtete, durch eine Ehe auf das Nur-Frau-Sein reduziert zu werden.
     Dennoch fuhr sie 1886 mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas in den Hafen der Ehe ein. Die Beziehung hielt über vierzig Jahre, blieb jedoch platonisch. Lou machte sich vor allem als Schriftstellerin und Frauenrechtlerin einen Namen.
     Es folgten zahlreiche außereheliche Affären, u.a. mit Frank Wedekind und Rainer Maria Rilke. Lou wurde die Geliebte und Muse deutscher Dichter. Lous außerordentliche Intelligenz und Bildung zog die Männer an, ihr Perfektionismus, der Männern keine Fehler und Schwächen zugestand, machte sie zu einer schwierigen Person. Dabei war sie stets auf der Suche nach sich selbst. Diesem Umstand sind ihre Beziehungen zu den Psychiatern Friedrich Pineles, Poul Bjerre und Sigmund Freud zu verdanken. Durch Freud beeinflusst, beschloss Lou schließlich, selbst als Psychotherapeutin tätig zu werden.
     Offiziell stellte Nadezhda Krupskaja als Ehefrau des Revolutionsführers Lenin in der Sowjetunion eine Politikone dar, demgemäß wurde ihre politische Laufbahn in den Vordergrund gestellt. An der Seite Lenins vollzog sich ihre politische Karriere schnell: 1920 Vorsitzende des Hauptkomitees für politische Aufklärung beim Volkskommissariat für Volksbildung, seit 1929 Stellvertreterin des Volkskommissars für Volksbildung, 1927 Mitglied des ZK der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Sie trat vor allem mit Arbeiten über die sowjetische Pädagogik in Erscheinung und wurde mit dem Leninorden sowie dem Orden des Roten Arbeitsbanners ausgezeichnet. Im Zarenreich im politischen Untergrund seit 1890er tätig, wurde sie Kampfgefährtin Lenins, doch fühlte sie sich diesem trotz aller Bewunderung ebenbürtig.
     Gern widersprach sie ihrem Mann in politischen Fragen. Dass sie eine mutige Frau war, zeigte sich schließlich im Sommer 1930, als sie im Vorfeld des XVI. Parteitages die Methoden der Stalinschen Kollektivierung verurteilte. 1938 übte sie mit den Worten »allmählich zeigt der Großmachtchauvinismus seine Fratze« Kritik an der Einführung des obligatorischen Russischunterrichts in den Schulen der nationalen Republiken, also an Stalins Russifizierungspolitik. Die Krupskaja blieb damit eine Revolutionärin der alten Schule.
     Dies trifft noch mehr auf Alexandra Kollontaj zu, die sich weder mit Gleichmacherei noch Unterordnung zufrieden gab. Schon um 1900 wurde Kollontaj eine einflussreiche Agitatorin gegen die Zarenmacht, sie verband geschickt die Arbeiterfrage mit der Frauenemanzipation. Nach der Oktoberrevolution ernannte Lenin sie zur Volkskommissarin für staatliche Fürsorge. In dieser Funktion setzte sie in Sowjetrussland die Zivilehe durch. 1922 erschien ihr berühmtes, provokantes Buch »Dem geflügelten Eros freie Bahn«, in dem sie für die freie Liebe plädiert und damit der sowjetischen Zivilehe das Fundament entzieht. Sie selbst war zeit ihres Lebens eine skandalumwitterte Person, nicht zuletzt wegen ihrer unzähligen Affären, die aber gerade auch im Zeitgeist der turbulenten 1920er Jahre zu sehen sind.
     Nicht weniger turbulent waren die 1980er Jahre, die Zeit der Perestroika. Dass Frauen von politischem Format es in der Sowjetunion nicht immer leicht hatten, zeigt auch das Beispiel Raissa Gorbatschowa. Sie brachte an der Seite ihres Mannes einen Lady-Stil ins politische Leben der späten Sowjetunion, was sie von vorhergehenden Gattinnen der Führungselite unterschied. Mehr noch, Raissa hielt auf offiziellen Kundgebungen und in Fernsehstudios ihre eigenen Reden. Das brachte ihr allerdings nicht immer nur Anerkennung ein. Neidvolle Stimmen in der von Glasnost‘ geprägten sowjetischen Presse, aber auch im Ausland mahnten zur Zurückhaltung und Bescheidenheit.
     In der Gesamtschau liefert Tatjana Kuschtewskaja einen faszinierenden Einblick in Lebensläufe und Identitäten russischer Frauen im Laufe der Jahrhunderte. Auf der Suche nach ihrem Selbst jenseits gesellschaftlicher Konventionen waren sie von Liebe – Macht – Passion getrieben und blieben sich stets selbst treu!


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Tatjana Kuschtewskaja: »Liebe – Macht – Passion«




Frau und Kultur, 01. Januar 2011
Berühmte russische Frauen

Wie viele profilierte Frauen aus Russland fallen Ihnen auf Anhieb ein? Wahrscheinlich - Sportlerinnen ausgenommen - nicht viel mehr als ein halbes Dutzend. Sie sind in den Medien und auf dem Buchmarkt wesentlich schlechter vertreten als etwa Amerikanerinnen. Umso verdienstvoller der Porträtband der Journalistin und Drehbuchautorin Tatjana Kuschtewskaja, der uns mit 30 bemerkenswerten russischen, auch sowjetrussischen Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart bekannt macht, von Katharina der Großen bis Raissa Gorbatschowa. Im Inhaltsverzeichnis stoßen wir auf die Dichterinnen Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa, die Tänzerin Anna Pawlowa und die Filmschauspielerin Olga Tschechowa, auf die wohl bedeutendste zeitgenössische Komponistin Sofia Gubaidulina und die legendenumwobene Zarentochter Anastasia, von der drei Dutzend Frauen behaupten, die »echte« zu sein. Das revolutionäre Russland verkörpern Lenins Frau Nadeshda Krupskaja und seine zeitweilige Geliebte, die Frauenrechtlerin Alexandra Kollontaj. Daß Lou Andreas-Salomé, die verführerische, geistreiche Gefährtin Nietzsches, Freuds und Rilkes zu den attraktivsten Russinnen gehört, ist wohl unbestritten. Weniger bekannt hierzulande die scharfzüngige Provokateurin Sinaida Hippius, die »grünäugige Najade« der Petersburger Salons. Weitere Entdeckungen sind Maria Hartung, das Urbild der Anna Karenina oder die Meisterspionin Soja Woskressenskaja. In Deutschland schon fast vergessen die erste Kosmonautin Walentina Tereschkowa. Ein Dutzend weitere, bei uns nicht geläufige Namen machen neugierig: Die Lektüre der sorgfältig recherchierten Porträts lohnt sich.


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Regionalzeitung der Salzburger Nachrichten, 11. November 2010
Die Biografien berühmter russischer Frauen
Die russische Autorin Tatjana Kuschtewskaja las aus ihrem Buch »Liebe - Macht - Passion«


Kaprun - Im Rahmen der Buchwoche »Österreich liest« war vor Kurzem in der örtlichen Bücherrei die aus Russland stammende Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja zu Gast. Es wurde ein toller Abend. Das Publikum war fasziniert vom Vortrag der Autorin und ließ sich von deren Temperament mitreißen.
    Kuschtewskaja führte in ihre Arbeit ein, schilderte wie sie zu Themen gekommen war und von ihren Recherchen. Für die Lesung aus ihrem Buch »Liebe - Macht - Passion« wählte sie acht der dreißig porträtierten Frauen und las zu jeder kurze Passagen vor.
    Besonders spannend für die Zuhörer waren die Schilderungen persönlicher Begegnungen mit einigen dieser berühmten Frauen. Berührend war das Lied der ersten russischen Kosmonautin im Weltall, das Kuschtewskaja, sie ist auch ausgebildete Musikpädagogin, vortrug. Die Lesung beendete sie mit ihrem Gedicht »Haus im Abbruch«, vorgetragen in Russisch und Deutsch.
    Nach der Lesung entwickelten sich bei russischen Köstlichkeiten (Kwas, Kekse, Zedernnüsse) viele lebhafte Gespräche zwischen den Besuchern und der Autorin Tatjana Kuschtewskaja.

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Tatjana Kuschtewskaja: »Liebe – Macht – Passion«




Kronen Zeitung Salzburg, 19. Oktober 2010
Russin liest in Kaprun und Salzburg: Liebe, Macht, Passion

Treffpunkt Bibliothek heißt es heute auch in Kaprun - mit einer literarischen Sensation: Die in Deutschland lebende russische Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja gibt ihre Salzburg-Premiere. Ihr jüngstes Werk »Liebe - Macht - Passion« widmet sich 30 berühmten Frauen, am Freitag auch in Salzburg.
Eingefädelt hat das Gastspiel der Autorin eine Salzburger Psychologin, die für die Familienberatung tätig war. Und jetzt ihr literarisches Herz intensiver schlagen lässt: Dr. Ilse Stahr, die selber einen Teilnachlass der Russin Alja Rachmanowa verwaltet. »Den Kontakt zu Autorin Kuschtewskaja stellte ich 2008 bei der Leipziger Buchmesse her. Jetzt liest sie aus ihrem neuen Werk über berühmte russische Frauen. Es ist aber mehr als eine herkömmliche Lesung«, sagt Stahr.
Diese Perfomance gibt es heute beim Kapruner Leseherbst (Bibliothek, 20 Uhr) und am 22.10. (19 Uhr): Frauenhilfe Salzburg, Franziskanergasse 5a.

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FrauenBuchKritik Virginia, Elke Heinicke, 15. Oktober 2010
Rußland hat ein weibliches Gesicht

Das Buch kommt leicht und unterhaltsam daher, so wie eine Einladung zum Tee. Kuschtewskaja plaudert mit ihren Leserinnen, erzählt von berühmten russischen Frauen quer durch die Jahrhunderte geradeso, als wären sie allesamt gute Bekannte der Autorin. Auf der Grundlage einer profunden Sachkenntnis ist es gelungen, biografische Essays zu verfassen, die die Persönlichkeit der Vorgestellten lebendig werden lassen.
»Rußland hat ein weibliches Gesicht.« Diese Worte Nikolaj Berdjajews stellt die Autorin ihrem Buch voran. Fürwahr. Mit ihrer Auswahl der Porträtierten nimmt das Gesicht Russlands mit jeder Seite deutlichere Züge an. Herrscherinnen, Künstlerinnen, Abenteuerinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Philosophinnen, die das Gesicht von Mütterchen Russland nachhaltig prägten.
In jedem der Kapitel folgt auf eine einleitende Zusammenfassung von Leistungen und Bedeutung der jeweiligen Frau die Erzählung ihres Lebenswegs. Nun, wie wäre es mit noch einem Tässchen Tee und dazu einer Geschichte von der Mathematikprinzessin Sonja Kowalewskaja, die in einer Zeit, da Frauen kaum Zugang zu Universitäten hatten, mit 24 Jahren promovierte und eine Lösung des Problems der Rotation fester Körper um einen Fixpunkt fand, an dem sich berühmte Mathematiker wie Euler die Zähne ausgebissen hatten? Oder kennen Sie Nadeshda Lamanowa,. die glamouröse Modeschöpferin der vorrevolutionären Ära und Schneiderin der Zarenfamilie, die in der frühen Sowjetunion als Kostümbildnerin für das Wachtangow-Theater und Filmproduktionen erfolgreich war? Oder Nadeshda Krupskaja, die Ehefrau Lenins, Revolutionärin, Pädagogin, Bildungspolitikerin, die mit dem großen Lenin auf Augenhöhe diskutierte und Stalins Politik, insbesondere dessen Methoden der Kollektivierung der Landwirtschaft, auf das Heftigste kritisierte?
In seiner 1000-jährigen Geschichte wurde Russland 103 Jahre lang von Frauen regiert. Eine von ihnen war Großfürstin Olga, die eine entscheidende Rolle in der Christianisierung der Rus spielte, die Sophienkathedrale in Kiew errichten und Städte befestigen ließ sowie durch ihre geschickte Politik das Reich erstmals zur Großmacht erstarken ließ. Katharina die Große mit ihren zahlreichen Liebhabern, die sie förderte und deren Zukunft sie absicherte, war eine große Herrscherin, aber auch Verfasserin einer Fibel für Leseanfänger.
Was das Buch »Liebe - Macht - Passion« zu etwas ganz Besonderem macht, sind die zu jeder porträtierten Frau hergestellten persönlichen Bezüge der Autorin: Die Leserinnen schlendern mit ihr über den Moskauer Wagankowskoje-Friedhof zum Grab der Abenteuerin Scheindla Blüwstein-Solomoniak, auf dessen Sockel sich heute die russische Unterwelt verewigt, um den Beistand der Patronin zu erbitten. Kuschtewskaja erzählt, wie ihr einst in der Schulbücherei die zerlesenen Memoiren von Nadeshda Durowa in die Hände fielen, derjenigen, die als Mann verkleidet Kavalleristin im Krieg gegen das napoleonische Frankreich war und die erste Offizierin Russlands wurde. Und im nächsten Augenblick stellt sie den Zusammenhang zu deren Nachfahrin Natalija Durowa her, die aus der berühmten Dompteursdynastie stammend in den 90ern Leiterin des Moskauer Tiertheaters wurde.
Die Autorin erzählt von Walentina Tereschkowa, der ersten Frau, die in die Weiten des Kosmos eindrang, vom Weltraumabenteuer und davon, wie der Lebensweg dieser ungewöhnlichen Frau, die ich schon als kleines Mädchen bewunderte, weiter verlief.
So persönlich scheinen die mit der Leserin geteilten Erinnerungen, dass ich immer wieder in Versuchung gerate, auch meine eigenen Geschichten zu erzählen: Wie eine meiner ersten Freundinnen mir bei Tee und Kerzenschein nächtelang die Gedichte der Zwetajewa vorlas. Aber das wäre schon wieder eine neue Geschichte und dazu braucht es unbedingt noch ein TässchenTee. Tschajok jeschtscho budete?


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Lesbenring-Info, 01. Oktober 2010
»Russland hat ein weibliches Gesicht.«

   Das Buch kommt leicht und unterhaltsam daher, so wie eine Einladung zum Tee. Kuschtewskaja plaudert mit ihren Leserinnen, erzählt von berühmten russischen Frauen quer durch die Jahrhunderte geradeso, als wären sie allesamt gute Bekannte der Autorin. Auf der Grundlage einer profunden Sachkenntnis ist es gelungen, biografische Essays zu verfassen, die die Persönlichkeit der Vorgestellten lebendig werden lassen.
   Rußland hat ein weibliches Gesicht. Diese Worte Nikolaj Berdjajews stellt die Autorin ihrem Buch voran. Fürwahr. Mit ihrer Auswahl der Porträtierten nimmt das Gesicht Russlands mit jeder Seite deutlichere Züge an. Herrscherinnen, Künstlerinnen, Abenteuerinnen, Wissen- schaftlerinnen, Politikerinnen, Philosophinnen, die das Gesicht von Mütterchen Russland nachhaltig prägten.
   In jedem der Kapitel folgt auf eine einleitende Zusammenfassung von Leistungen und Bedeutung der jeweiligen Frau die Erzählung ihres Lebenswegs.
   Nun, wie wäre es mit noch einem Tässchen Tee und dazu einer Geschichte von der Mathematikprinzessin Sonja Kowalewskaja, die in einer Zeit, da Frauen kaum Zugang zu Universitäten hatten, mit 24 Jahren promovierte und eine Lösung des Problems der Rotation fester Körper um einen Fixpunkt fand, an dem sich berühmte Mathematiker wie Euler die Zähne ausgebissen hatten. Oder kennen Sie Nadeshda Lamanowa, die glamouröse Modeschöpferin der vorrevolutionären Ära und Schneiderin der Zarenfamilie, die in der frühen Sowjetunion als Kostümbildnerin für das Wachtangow-Theater und Filmproduktionen erfolgreich war? Oder Nadeshda Krupskaja, die Ehefrau Lenins, Revolutionärin, Pädagogin, Bildungspolitikerin, die mit dem großen Lenin auf Augenhöhe diskutierte und Stalins Politik, insbesondere dessen Methoden der Kollektivierung der Landwirtschaft auf das Heftigste kritisierte.
   In seiner 1000-jährigen Geschichte wurde Russland 103 Jahre lang von Frauen regiert. Eine von ihnen war Großfürstin Olga, die eine entscheidende Rolle in der Christianisierung der Russen spielte, die Sophienkathedrale in Kiew errichten und Städte befestigen ließ sowie durch ihre geschickte Politik das Reich erstmals zur Großmacht erstarken ließ. Katharina die Große mit ihren zahlreichen Liebhabern, die sie förderte und deren Zukunft sie absicherte, war eine große Herrscherin, aber auch Verfasserin einer Fibel für Leseanfänger.


   Was das Buch Liebe - Macht - Passion zu etwas ganz Besonderem macht, sind die zu jeder porträtierten Frau hergestellten persönlichen Bezüge der Autorin: Die Leserinnen schlendern mit ihr über den Moskauer Wagankowskoje-Friedhof zum Grab der Abenteuerin Scheindia Blüwstein-Solomoniak, auf dessen Sockel sich heute die russische Unterwelt verewigt, um den Beistand der Patronin zu erbitten. Kuschtewskaja erzählt, wie ihr einst in der Schulbücherei die zerlesenen Memoiren von Nadeshda Durowa in die Hände fielen.


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Neues Deutschland, Irmtraud Gutschke, 22. Juli 2010
Liebende und Leidende

Lew Tolstoi begegnete ihr bei Bekannten in Tula. Später würde er sie vor Augen haben - ihre graziöse Haltung und Gestalt, besonders ihre Nackenlocken -, als er einen seiner berühmtesten Romane schrieb. Maria Alexandrowna Hartung (1834-1918), Puschkins älteste Tochter, wurde zum Urbild für Anna Karenina. Doch ihr Schicksal verlief ganz anders: Sie hatte den Kavalleriegardisten Leonid Hartung geheiratet, der später als Generalmajor vor Gericht kam und sich erschoß. Es hieß, er habe all sein Hab und Gut verspielt, sich Geld geliehen und den Leihwechsel vernichtet. Seine Witwe Maria, in Armut gestürzt, wußte sich keinen anderen Rat, als sich noch kurz vor ihrem Tod an Volkskommisar Lunatscharski mit der Bitte um Hilfe zu wenden ...
    Eines von 30 Frauenschicksalen, die in diesem Band von Tatjana Kuschtewskaja beschrieben werden: Er beginnt mit Großfürstin Olga (881-969), die nach dem Tod ihres Mannes zur Alleinregentin der Kiewer Rus wurde, das Reich festigte und das Christentum ins Land brachte, und endet mit Ljudmila Pachomowa (1946-1986), die mit ihrem Eistanzpartner und späteren Ehemann Alexander Gorschkow den Tango in der UdSSR populär machte. Dazwischen zahlreiche Frauen, über die man hierzulande wenig weiß: Nadeshda Durowa (1783-1866) zum Beispiel, die sich, als Mann verkleidet, in der Kavallerie Verdienste erwarb. Durch Täuschungsmanöver anderer Art »bewies« die Theosophin Jelena Blawatskaja (1831-1891) ihre spiritistischen Fähigkeiten. Scheindla Blüwstein-Solomoniak (1846-1891) war als Sonja Goldhändchen eine begnadete Diebin und führte die Polizei lange an der Nase herum. Sofja Kowalewskaja (1850-1891) machte als Mathematikerin international Furore. Nadeshda Lamanowa (1861-1941) wurde zur »russischen Chanel«, Natalja Gontscharowa (1881-1961) zur »Ikone der russischen Avantgarde«. Auch Nadeshda Krupskaja (1869-1939) und, in neuerer Zeit, Raissa Gorbatschowa (1932-1999) und Valentina Tereschkowa (* 1937) fehlen nicht. Dabei nutzt die Autorin vielerlei Quellen, auch persönliche Erinnerungen, verbindet die Biografien der Frauen mit den geschichtlichen Umständen, unter denen sie lebten.
    Seine stärksten Seiten hat das Buch jedoch, wenn Tatjana Kuschtewskaja über leidenschaftliche Affären schreiben kann. Als tolle Frau erscheint Katharina II. (1729-1796). In ihren Memoiren hat sie sich zu 20 Liehabern bekannt, die mit ihrem Altern immer junge wurden und die sie größzügig beschenkte. Alexadra Kotlontaj (1872-1952) predigte die freie Liebe. Aber Lou Andreas-Salomé (1861-1937) lebte sie auf verführerische Weise. Jelena Djakonowa (1894-1982) führte eine ménage à trois mit dem Dichter Paul Éluard und dem Maler Max Ernst, ehe sie unter dem Namen Gala zur Muse Salvador Dalís avancierte. Lilja Brik (1891-1978), zwischen ihrem Mann Ossip und Wladimir Majakowski, besaß einen Ausweis der Staatssicherheit, um frei reisen zu können. Olga Tschechowa (1897-1980), Lieblingsschauspielerin des »Führers«, war zugleich Agentin des NKWD. Und die Kinderbuchautorin Soja Woskresenskaja (1907-1992) darf gar zur »Weltelite der Spione« gerechnet werden.
    Mut und Abenteuer, und Leidenschaft, Eigensinn von Kindheit an bis ins Alter - Leben außerhalb der Norm. Immer wieder erweist sich: Größe hat auch ihren Preis. Viele, der vorgestellten Frauen sind sich darüber auch von vornherein im klaren gewewesen. Und einige wurden zu Meisterinnen darin, auch noch ihrem Leiden Stil zu geben, wie man an den Dichterinnen Anna Achmatowa (1889-1966) und Marina Zwetajewa (1892-1941) sehen kann.

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russland.RU, Roland Bathon, 01. Juli 2010
Bewegende russische Frauenschicksale

Die Autorin Tatjana Kuschtewskaja hat schon mit dem außergewöhnlichen Buch »Tolstoi auf dem Klo« in der russland.RU-Redaktion punkten können. Und auch ihr neustes Werk mit dem Titel »Liebe - Macht - Passion«, in dessen Mittelpunkt Frauenschicksale aus der russischen Geschichte stehen, bietet Außergewöhnliches.
    Wirklich handverlesen ist der Kreis der Damen, deren Lebensweg quer durch die russische Historie beleuchtet wird. Weltweite Berühmtheiten wie Katharina die Große, Raissa Gorbatschowa oder Anastasia Romanowa sind ebenso dabei wie Namen, die nur wirklichen Rußland-Kennern etwas sagen werden wie Maria Härtung, das Vorbild der »Anna Karenina«. Lange hat die Autorin wohl recherchiert, um im ständigen Wechsel Personen der Weltgeschichte und »lnsidertips« mit interessanten Lebenswegen aus ganz verschiedenen Epochen zwischen die Buchdeckel packen zu können.
    So geht die Reise geschichtlich chronologisch von Großfürstin Olga aus dem 9. Jahrhundert bis hin zur ersten Frau im Weltall Walentina Tereschkowa, die bis heute sehr lebendig und vital ist. 30 Frauenschicksale begegnen uns unterwegs auf über 300 Seiten voller abwechslungsreicher und informativer Unterhaltung. Bunt gemischt werden gekrönte Häupter, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Inspirationen von zeitgenössischen männlichen Berühmtheiten. Durch einen lockeren, aber dennoch sachlichen Erzählstil kommen dabei sowohl Leser auf ihre Kosten, die sich über die Geschichte Rußlands informieren wollen, als auch solche, die nach anspruchsvoller Zerstreuung suchen.
    Alles in allem gibt es an diesem Buch also nichts zu kritisieren. Wem das Thema zusagt, dem sei der Gang ins Buchgeschäft ungeteilt empfohlen.

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Tatjana Kuschtewskaja: »Liebe – Macht – Passion«




Neue Zürcher Zeitung, Ilma Rakusa, 17. Juni 2010
Starke Charaktere
Porträts herausragender Russinnen


Greift man zu diesem Buch, kann man sich kaum davon losreißen, so spannend lesen sich die Lebensläufe der darin porträtierten russischen Frauen. Tatjana Kuschtewskaja, bekannte Drehbuchautorin, Essayistin und Verfasserin von Reportagen und Sachbüchern, widmet sich in ihrem jüngsten Opus dreißig weiblichen Berühmtheiten, die es in Sachen Talent, Leidenschaft und Macht besonders weit gebracht haben.
    Zum Reigen dieser exzellenten Russinnen gehören Herrscherinnen wie die heiliggesprochene Großfürstin Olga und die (deutschstämmige) Zarin Katharina II., gehören Autorinnen (wie Maria Baschkirzewa, Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa), Mathematikerinnen (Sofja Kowalewskaja), Ballett-Tänzerinnen (Anna Palowa), Schauspielerinnen (Wera Komissarschewskaja, Olga Knipper-Tschechowa), Malerinnen (Natalja Gontscharowa), aber auch Gaunerinnen (»Sonka Goldhändchen«), Spioninnen (Soja Woskressenskaja), Politikerinnen (Nadeschda Krupskaja, Alexandra Kollontai), Kosmonautinnen (Walentina Tereschkowa), Hirnforscherinnen (Natalja Bechterewa), Modedesignerinnen (Nadeschda Lamanowa) und Künstlermusen. Zu letztgenannten zählte Lou Andreas-Salomé ebenso wie Lilja Brik und Jelena Djakonowa, die im Westen als Gala Eluard bzw. Gala Dalí bekannt geworden ist.
    Tatjana Kuschtewskajas Auswahl konzentriert sich vor allem auf das 20. Jahrhundert, mit einigen der Porträtierten kam sie persönlich in Kontakt. Daß ihre Porträts subjektive Reflexionen einschließen, macht sie besonders reizvoll und tut der sorgfältigen Recherchierarbeit keinen Abbruch. Jedenfalls erfährt man auf Schritt und Tritt Neues, in biografischen Belangen eine Fülle faszinierender Details. Die Porträtierten erweisen sich dabei als starke Charaktere, mit einer ausgeprägten Vision, was die eigenen Möglichkeiten betrifft, und einem nicht minder ausgeprägten Durchsetzungsvermögen, das den oft ungnädigen Zeitläuften zu trotzen hatte. Kuschtewskaja erinnert daran, daß das autokratische Rußland während seiner 1000-jährigen Geschichte insgesamt 103 Jahre lang von Frauen regiert wurde; den großen Umschwung brachte die Sowjetzeit, die dem Groß der Frauen Gleichberechtigung und vielfältige Betätigungen zugestand, freilich verbunden mit ideologischen Auflagen.
    Ausnahmeerscheinungen aber bleiben Ausnahmeerscheinungen. Selten ist über russische Frauenschicksale so passioniert geschrieben worden.

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Tatjana Kuschtewskaja: »Liebe – Macht – Passion«




Berliner Literaturkritik, Dorothee Arndt, 07. Juni 2010
Weibliche Kulturgeschichte
Tatjana Kuschtewskajas »Biografien berühmter russischer Frauen«


Der flächenmäßig größte Staat der Erde hat im Laufe seiner bewegten Geschichte eine Vielzahl großer Persönlichkeiten zu Tage gefördert. Auf ganz natürliche Weise flechten sich die Namen russischer Schriftsteller, Komponisten und Revolutionäre in unseren Lebensalltag. So mancher Tag beginnt bereits mit den melodischen Klängen einer Tschaikowski-Symphonie, die dem Radiowecker entströmt. An der Kinokasse läßt sich eine Karte für den neuen Michael Hoffmann Film lösen, um als cineastischer Augenzeuge der familiären und testamentarischen Verzwickungen des Jahrhundertromanciers Lew Tolstoi beizuwohnen. Auf dem Internet-Videoportal youtube zeigt ein alter Fernsehbericht, wie der ehemalige russische Präsident und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow seinen 75. Geburtstag 2006 in Bremen feierte.
    Die Dokumentarfilmerin und Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja - unter anderem Autorin des Buches »Hier liegt Freund Puschkin...: Streifzüge auf russischen Friedhöfen« - möchte in ihrem neuesten Kleinod einmal diese männlich-russischen Obelisken beiseite schieben, um ein Atem- und Sichtfeld für das sogenannte »schwache Geschlecht« zu erschließen. Dieses ist - man kann es sich denken - gar nicht so schwach. In »Liebe - Macht - Passion. Berühmte russische Frauen« fedelt Kuschtewskaja dreißig Frauenporträts en miniature einer Perlenkette gleich aneinander, die sie durch die Jahrhunderte spannt.
    Zum Auftakt eine Heilige: Großfürstin Olga von Kiew, die nicht nur den Stein der Christianisierung der Kiewer Rus ins Rollen brachte, sondern auch aufgrund der Trauer über den Verlust ihres Mannes Igor, eine drewljanische Gesandtschaft samt Boot lebendig begraben ließ und eine zweite im Badehaus verbrannte. Da meint der Leser doch glatt ein Augenzwinkern der Autorin zu spüren. Denn die Russinnen, so das gefühlsmäßige Fazit dieses ersten Portraits, scheinen es in sich zu haben.
    Daß Tatjana Kuschtewskaja bereits von ihrem 15. Lebensjahr an eine besondere Vorliebe für biographische Schriften hat, wird gleich im Prolog klargestellt. Es mutet dabei nicht seltsam an, wenn sie schreibt, daß sie sich gar an den genauen Tag zuzüglich der genauen Tageszeit erinnern kann, also an den Moment, wo diese lebenslange Faszination ihren Anfang nahm. Ein Ausspruch des Dichters Heinrich Heine gab gewissermaßen den letzten Anstoß, sich dieser Galerie großer russischer Frauenpersönlichkeiten zuzuwenden. Denn sie haben nicht minder als ihre männlichen Pendants die Geschichte ihres Landes geprägt, »obgleich der Historiker nur Männernamen kennt...«. Im Zeitalter von Frauenparkplätzen in der Tiefgarage, der obligatorischen Frauenbeauftragten an den Hochschuleinrichtungen und den zahlreichen Büchern, in denen jetzt doch endlich auch Mal die Frau zu Wort kommen soll, mag dieser Rückgriff vielleicht eher einen naiven Charme versprühen, doch eben dieser ist es, der Kuschtewskajas Erzählweise so liebenswert einfärbt. Nicht allen in gleichem Maße, doch vielen der vorgelegten Portraits, wendet sich die Autorin mit geradezu rührender Hingabe zu.
    Einige der vorgestellten Damen sind auch hierzulande schon längst keine Unbekannten mehr. Berichtet wird immer mal wieder von den Liebeleien einer Katharina der Großen oder den verteufelt musenhaften Einflüssen einer Lou Andreas-Salomé auf einen Rilke oder Nietzsche. Auch Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa haben längst Einzug in unser Pantheon der Lyrik genommen. Es ist ja auch nichts Neues, was da geschrieben wird, aber darum geht es auch nicht. Denn Tatjana Kuschtewskaja ist keine Biografin, sie ist Erzählerin. Sie bringt es fertig, den Leser mitzunehmen auf ihre Reise hinter den Vorhang der Zeit. Hier fühlt man sich einmal nicht wie ein Aufklärungsbedürftiger, ein Esel, der am Strick des Biografen an der grande personnage vorbeigezerrt wird, wie an einer steinernen Mauer. Vielmehr gelingt es Kuschtewskaja häufig selbst hineinzutreten in das Bild, das sie entstehen läßt. Anstatt sich mit der reinen Wiedergabe allzu bekannter Hintergrunddaten zufrieden zu geben, träumt sie vielmehr davon, über die Zeitgrenze hinweg der einen oder anderen dieser historischen Figuren doch noch irgendwie selbst begegnet zu sein. Dazu wiegt sie sich ganz einfach in fabulösen Phantasien.
    Als Kuschtewskaja einmal im Zuge einer Reportage die Tierdompteurin Natalija Durowa interviewte, stattete sie gleichsam der bereits 1866 verstorbenen Ausnahme-Offizierin Nadeshda Durowa einen Besuch ab. Der Frau nämlich, die nicht nur als erste die höchste militärische Auszeichnung Russlands errang, sondern zudem auf ihren Wunsch hin unter dem Namen Alexander Andrejewitsch Alexandrow zu Grabe getragen wurde. Da ist es beinahe so, als hätte Tatjana Kuschtewskaja die Ausnahme-Offizierin Nadeshda Durowa doch noch erleben können, obgleich sie nur eine Nachfahrin besuchte:
    »Ich wartete in einem Zimmer, Natalija Durowa trat ein - schön, groß und schlank, mit ihrem berühmten Hut, die Finger voller Ringe und eine qualmende Papirossa zwischen den Fingern. [...] Mir war, als müßte jeden Moment die andere, die ältere Durowa [...] hereinkommen - raschen Schrittes, in Kosakenuniform, mit hoher Mütze - und mich mit der klangvollen, gutturalen Stimme der Natalija etwas fragen. Stimmen von solchem Timbre, solcher Fülle und Festigkeit sind selten geworden.«
    Wo die jung verstorbene Malerin Maria Baschkirzewa klagt, daß sie am liebsten sieben Leben gehabt hätte, fragt man sich gelegentlich, wie viele Leben wohl eine Autorin hat, die sich derart leidenschaftlich dem Leben anderer zuwendet.
   Ein bißchen ermüdend wird es mit der Zeit aber doch. Zumeist sind es die Liebschaften der einzelnen Frauen, die zum Ankerpunkt der Kurzbiografien werden und die ungezählten ménages à trois purzeln irgendwann etwas angeschlagen übereinander. Generell tummelt sich hier allzu viel auf zu engem Raum. Da hätte sich die Verfasserin in der Anzahl der Portraits ein wenig zurücknehmen können und dafür die häufig recht spannenden Fäden ein wenig länger spinnen können, anstatt nur einmal kurz das Licht anzuknipsen.
    »Liebe - Macht - Passion. Berühmte russische Frauen« richtet sich nicht an den Russlandkenner, sondern an denjenigen, der einfach mal ein wenig in diesen weiblichen Kulturgeschichten schmökern möchte. Ein angenehmes, ein sympathisches Buch, obgleich es auch nichts wirklich Neues zu Tage fördert.

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Tatjana Kuschtewskaja: »Liebe – Macht – Passion«




Thüringer Allgemeine, Elena Rauch, 22. Mai 2010
Eigene Wege
30 Frauenportäts erzählen von überraschend anderer russischer Geschichte


Das beste Los, das einer Frau widerfahren könne, behauptete Alexander Solschenizyn, sei still für diejenigen zu arbeiten, die sie führen. Daß solch rückwärtsgewandte Frauenreden ausgerechnet von einem Nobelpreisträger, einem Dissidenten und Menschenrechtler kamen, kann nur diejenigen erstaunen, die vom Mushik-Unwesen nie gehört haben. Diesem tiefsitzenden Machismo mit russischen Mitteln, den selbst Jahrzehnte verfassungsrechtlich verordneter Gleichstellung der Geschlechter nicht austreiben konnten.
    Frauen mit Anspruch auf eigenes Leben hatten es schon immer besonders schwer in dieser Männergesellschaft. Trotzdem hat es sie natürlich gegeben.
    Die russische Autorin Tatjana Kuschtewskaja hat 30 Kurzporträts solcher Frauen aufgeschrieben. Ein Streifzug durch russische Geschichte mit Überraschungspotenzial.
    Die Fantasie unzähliger Biografien hat etwa der Männerverschleiß von Katharina der Großen beflügelt. Für die Autorin war es nicht erotischer Appetit, der diese Freizügigkeit antrieb, sondern die Sehnsucht nach einem Seelenpartner. Und als einer ihrer letzter Liebhaber, der blutjunge Offizier Lanskoj, am Fieber starb, zerbrach sie fast daran.
    Lenins Ehefrau Nadeshda Krupskaja, wahrgenommen als stocksteife und verhärmte Parteisoldatin, war eine geistreiche, in ihrer Jugend schöne Frau. Als Lenin starb, legte sie sich erbittert mit Stalin an. Bis heute halten sich Gerüchte, daß es kein Blinddarmdurchbruch war, dem sie am 27. Februar 1937 erlag.
    Manche Frauen wie Maria Hartung fügten sich dem Diktat der Liebe und gingen als Prototyp für Tolstois Anna Karenina in die Literaturgeschichte ein. Andere brachen aus allen Konventionen aus. Die in Petersburg geborene Generalstochter Lou Salomé brachte als »russische Amazone« in Westeuropa Geistesgrößen reihenweise um den Verstand von Wedekind bis Nietzsche. Nadeshda Durowa blieb in Russland, zog es aber vor, den ungeliebten Mann zum Teufel zu schicken, sich die Haare zu scheren und in eine Kosakenuniform zu steigen. Jahrelang säbelte sie unerkannt als berüchtigter Haudegen napoleonische Soldaten nieder.
    »Sonka Goldhändchen« eroberte ganz andere Männerdomänen. Als eine der berühmtesten Betrügerinnen der russischen Geschichte ergaunerte sie Millionen, bis sie in sibirischer Verbannung landete. Immerhin ist sie bis dahin für ihren luxuriösen Lebensstil selbstbestimmt aufgekommen.

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Tatjana Kuschtewskaja: »Liebe – Macht – Passion«




www.osteuropa.ch, 01. April 2010
Tatjana Kuschtewskaja zeichnet Porträts der Frauen, die Russland geprägt haben: eine die Jahrhunderte umspannende Galerie von Frauen, in deren wechselvollen Lebensläufen Talent und Berufung treibende Kräfte waren. Es finden sich jene Frauen, die Geschichte schrieben: die Fürstin Olga, die die Kiewer Rus im 10. Jahrhundert regierte, Katharina die Große, deren Leben den Stoff für manchen Liebesroman bietet, die Sowjetrevolutionärin Alexandra Kollontaj. Man liest gebannt vom Leben und Sterben der großen russischen Künstlerinnen: von der leidvollen Biographie der Dichterin Anna Achmatowa, von Anna Pawlowa, dem »russischen Schwan«, von der »russischen Chanel« Nadeschda Lamanowa, von Lilja Brik, der femme fatale, und von Lou Andreas-Salomé, der Gefährtin Nietzsches und Rilkes. Tatjana Kuschtewskajas Blick reicht bis in die Gegenwart, und sie vergißt nicht, an eine im »Westen« wohlbekannte Russin zu erinnern: Raissa Gorbatschowa, die charakter­volle »First Lady«.
    30 Romane en miniature, die ihre Spannung dadurch gewinnen, daß sie gelebter Wirklichkeit abgelauscht sind – ein Buch, das Heinrich Heines Bonmot illustriert, daß die Frauen Geschichte machen, »obgleich der Historiker nur Männernamen kennt ...«

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Tatjana Kuschtewskaja: »Liebe – Macht – Passion«




Heidrun Küster, ekz Bibliotheksservice, 01. April 2010
Der mit Schwarz-Weiß-Porträtzeichnungen angenehm schlicht aufgemachte Titel stellt in 30 Lebensbildern viele russische Frauen vor, die bei uns kaum bekannt sein dürften. Katharina die Große oder Raissa Gorbatschowa sind breit bekannt, vielleicht auch die Mathematikerin Sofia Kowalewskaja (1850-1891) oder Majakowskijs große Liebe Lilja Brik (1891-1978), wer aber kennt die Offizierin Nadeshda Durowa (1783-1866) oder die Spionin Soja Woskressenskaja (1907-1992)?     Die Autorin hat bereits mehrere (hier nicht angezeigte)Bücher veröffentlicht und profund recherchiert. Sie schreibt lebhaft, wie im Zwiegespräch, wie mündlich erzählend, in steter Auseinandersetzung mit den Porträtierten deren Entscheidungen und Wege kommentierend, mit dem fühlbaren Schwung tiefer Berührtheit und respektvoller Liebe zur heimatlichen Kultur - und das liest sich außergewöhnlich gut.     Diesem mitreißenden Blick auf die weibliche Seite russischer Geschichte, von der Großfürstin Olga (881-969) bis zur Tangolegende Ljudmila Pachomowa (1946-1986), würde ich viele Leser/-innen wünschen!

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Freies Wort, Theo Schwabe, 09. März 2010
Schwaches Geschlecht? Starker Geist

Auf Einladung der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft in Thüringen e.V. (DRFT) weilte die 1947 in Turkmenistan geborene russische Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja in Suhl. Das nun bereits zum fünften Mal.
    Von der seit 1991 in Essen lebenden freien Autorin, die zahlreiche Drehbücher und Reportagen veröffentlichte, sind mittlerweile zwölf Bücher erschienen. Ihr kürzlich erschienenes elftes unter dem Titel »Liebe - Macht – Passion: Berühmte russische Frauen« stellte sie im Rahmen eines interessanten und amüsanten Abends im Hotel Thüringen vor und verwies in diesem Zusammenhang gleichzeitig auf ihre jüngste Neuerscheinung »Tolstoi auf'm Klo« - Rußlands Kultur durch die Toilettenbrille betrachtet.
    In diesem Werk stellt die Autorin einmal mehr all ihre Fähigkeiten in bunter und überraschender Vielfalt unter Beweis, welches auf der Buchmesse in Leipzig seine Premiere erleben soll. »Es ist kein Satirebuch und auch kein Beitrag zum 100. Todestag Leo Tolstois«, sagte Günter Weiß vom Vorstand der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft. »Es ist auch kein trockenes Sachbuch, sondern Literatur vom Feinsten, das man mit viel Vergnügen und Genuß lesen und verschlingen kann.« Es beleuchtet Rußland aus dem Blickwinkel der Toilettenkultur im Spiegel der Literatur und bildenden Kunst.
    Tatjana Kuschtewskaja, die 2003 ihr erster Buch mit dem Titel »Transsibirische Eisenbahn« in der Rimbach-Buchhandlung vorstellte, ist unter Literaturfreunden in Suhl längst keine Unbekannte mehr. »Für mein Schaffen und Wirken ist es sehr wichtig«, betonte Kuschtewskaja, »wenn ich meine Bücher vor einen interessierten und sehr aufgeschlossenen Publikum der DRFT mit vielen russischsprachigen Pädagogen vorstellen kann.« Deshalb ist die Autorin auch weiterhin an gute Kontakte zur Gesellschaft bemüht und freute sich ganz besonders über die gute Resonanz.
    »Um berühmte Frauen habe die Weltliteratur zwar keinen Bogen geschlagen«, sagte Kuschtewskaja, »doch ihre Biographien standen wohl immer im Schatten der Männer.« Bereits seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr begann Kuschtewskaja sich für Biographien berühmter Menschen zu interessieren. »Fortan gehörten Biographien wie auch Memoiren und Briefe zu meiner bevorzugten Lektüre«, sagte die Autorin.
    Den letzten und wohl entscheidenden Anstoß, ein Buch über das Leben berühmter russischer Frauen zu schreiben, hatte etwas mit dem Dichter Heinrich Heine zu tun, wie sie zu verstehen gab. »Das Zitat von Heinrich Heine: >Die Weiber regieren und machen Geschichte, doch der Historiker kennt nur Männernamen< ging mir bei meinem Vorhaben nicht mehr aus dem Kopf und hat mich immer emotional sehr bewegt.« Viele herausragende, die Geschichte mitbestimmende Frauen sind in Vergessenheit geraten, und manch eine wird wohl für immer hinter dem Vorhang der Geschichte verborgen bleiben. Für die gelernte Drehbuchautorin und freie Journalistin stand deshalb die Frage, für welche Frauen sie sich aus der 1000jährigen Geschichte Rußlands entscheiden sollte. So habe »Iwan der Schreckliche« viele Frauen besessen, die leider keiner kannte. Für Kuschtewskaja war es der dringlichste Wunsch sich für die Frauen zu entscheiden, die die Geschichte Rußlands mitbestimmten und in Vergessenheit geraten sind.
    Zunächst standen vierzig Frauen auf ihrer Liste. Geblieben waren dreißig faszinierende Persönlichkeiten, angefangen von großen Revolutionärinnen, Politikerin, Arbeiterinnen, Großfürstinnen, Kolchosbäuerinnen bis hin zu Kosmonautinnen, also Frauen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen mit ihren Lebens- und Liebesgeschichten.
    Acht von ihren 30 Protagonistinnen mit ihren Höhen und Tiefen beleuchtete Kuschtewskaja bei ihrer Lesung in Suhl, unter anderem die erste weibliche Botschafterin Alexandra Kollontaj, die Tänzerin Anna Pawlowa, die Schriftstellerin Anna Achmatova, Jelena Djakonowa, die Frau von Salvadore Dali, die Filmdiva des Dritten Reiches, Olga Tschechowa bis zur ersten Kosmonautin Walentina Tereschkowa.
    All ihre Protagonistinnen des »schwachen Geschlechts«, doch mit starken Geist, stellte Kuschtewskaja mit einer bezaubernden und emotional getragenen Leidenschaft dem Publikum vor, um letztendlich noch mehr über die Frauen zu erfahren. Mit ihren Porträts hat die Autorin ein lebendiges Bild von Frauen geschaffen, die Geschichte schrieben, aber gleichzeitig Einblicke in Höhen und Tiefen ihres Lebens, von ihren aufsehenerregenden Erfolgen wie von ihren schweren Prüfungen und Niederlagen vermitteln.

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Tatjana Kuschtewskaja: »Liebe – Macht – Passion«