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Prof. Dr. Hans Rudolf Vaget, IASL-online, 22. Oktober 2009
Von München nach Weimar am Pazifik
Leben und Werk des deutschen Schriftstellers Bruno Frank


Vorliegendes Buch, eine Düsseldorfer Dissertation, ist die erste umfassende, gründlich aus archivalischen Quellen gearbeitete Darstellung von Leben und Werk Bruno Franks. Mit diesem Buch bekommt eine anziehende Gestalt aus der zweiten Reihe der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts – Carl Zuckmayer charakterisierte ihn als den »Typus eines deutschen Gentleman« – Farbe und Kontur.
    Kirchner erhellt Leben und Werk Bruno Franks und zeichnet dabei ein detailfreudiges Bild der literarischen Szene Münchens vor 1933 sowie jenes legendären »Weimar am Pazifik«, wo Franks Laufbahn als Schriftsteller mit 58 Jahren ein zu frühes Ende fand. Da das Werk Franks kaum noch präsent ist, hat sich Kirchner vernünftigerweise entschlossen, die wichtigsten Romane, Novellen und Theaterstücke in gebotener Ausführlichkeit vorzustellen. Die kritische Analyse der Hauptwerke – die Romane Die Fürstin (1915), Trenck (1926), Cervantes (1934), Der Reisepass (1937), Die Tochter (1943), die Erzählungen Tage des Königs (1924), Politische Novelle (1928), Der Magier (1929) sowie das historische Drama Zwölftausend (1927) und die Komödie Sturm im Wasserglas (1930) – wird dankenswerter Weise jeweils ergänzt durch eine Skizze der zeitgenössischen Rezeption.
    Ein weiterer Vorzug dieser Arbeit ist die aufschlussreiche zeitgeschichtliche Kontextualisierung der Bücher Bruno Franks. Bei den Werken mit historischem Stoff, wie dem historischen Schauspiel Zwölftausend (es handelt von dem Verkauf deutscher Soldaten, die im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf Seiten der englischen Krone kämpften), wird auch der Stand der gegenwärtigen historischen Forschung zum Vergleich referiert. Im Übrigen befleißigt sich der Autor eines unprätentiösen, attraktiven Stils ohne alle akademische Schnörkelhaftigkeit, welche die Lektüre einer Dissertation oft so beschwerlich macht.

Leben und Werk
Frank entstammt dem gut situierten jüdischen Bürgertum Stuttgarts, wo der Vater, Sigismund, Mitinhaber einer florierenden Privatbank (Gebrüder Rosenfeld) war. Bruno Frank legte das Abitur am humanistischen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium ab und studierte zunächst Jura, um dann aber nach etlichen Bummelsemestern in Tübingen mit einer germanistischen Dissertation über den schwäbischen Dichter Gustav Pfizer abzuschließen. Der junge Frank schlug aus der Art: er bekundete eine unüberwindliche Abneigung gegen die Berufserwartungen des Vaters und überließ sich der für die »Dilettanten« der Jahrhundertwende charakteristischen »Haltlosigkeit«, die er als »Weltbummlertum« (S. 29) glorifizierte. Seine Spielleidenschaft, der er in den Casinos von Monte Carlo und anderswo frönte, zwang ihn immer wieder, bei seinen Freunden Schulden zu machen. Darüber hinaus übte er sich schon als Gymnasiast in den Tugenden, die ihn in reiferen Jahren zum homme à femmes stempelten. Eine seiner frühesten Affären war mit der Frau Theodor Lessings, der in Haubinda vorübergehend sein Lehrer war.
    Zu schreiben begann Bruno Frank ebenfalls schon als Gymnasiast. Zur »Urszene« seiner Literaturbegeisterung wurde die mit einer Schulfreundin »unter Tränen der Rührung und Belustigung« zu Ende gebrachte Lektüre der Buddenbrooks (S. 18). Fortan war Thomas Mann sein literarisches »Idol«. Der Autor des Tonio Kröger war für den jungen Bruno Frank der einzige deutsche Schriftsteller, dessen sprachliche und stilistische Meisterschaft den Vergleich mit Flaubert aushielt. Als er dem Buddenbrooks-Autor 1910 seine Aufwartung machte – die Manns wohnten noch in der Franz-Joseph-Straße – küsste er dem Verehrten die Hand, »zu Ihrem Unbehagen, wie ich glaube« (S. 274). Neben Flaubert erhob er Iwan Turgenjew in seinen persönlichen Olymp. Was er an dem russischen Autor bewunderte, war dessen Weltbürgertum, seine Immunität gegenüber Dogmen jeder Art und die Fähigkeit zum Mitleid. Turgenjews »Humanitätsidee« (S. 150) war auch die seine.     Den ersten Weltkrieg machte Bruno Frank in Flandern und Russland als Dolmetscher mit, allerdings nur kurze Zeit, denn bereits im Dezember 1914 wurde er krankheitshalber entlassen, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Nach dem anfänglichen »patriotischen Rausch« (S. 74), der sich in seiner Kriegslyrik niederschlug, zog er aus Krieg und Revolution realistische Lehren und bekannte sich, früher als Thomas Mann, zu Republik und Demokratie. In München gehörte Frank dem »Politischen Rat geistiger Arbeiter« an, in dem er sich als »Anwalt eines geläuterten Bürgertums« (S. 94) profilierte.

Weimarer Republik in München
Bruno Franks große Zeit war die Weimarer Republik. Mit Tage des Königs und Trenck. Roman eines Günstlings, beide aus der Welt Friedrichs II., gelang Frank der literarische Durchbruch. Kirchner legt zu Recht großen Wert darauf, Franks psychologischen Zugriff auf den Preußenkönig von der nationalistischen »Fredericus Rex«-Mode, die in Hitler-Deutschland Kultstatus annahm, deutlich zu unterscheiden. Dem Erfolg seiner Erzählkunst folgte der Erfolg seiner Bühnenwerke auf dem Fuß. Zwölftausend wurde auf 400 deutschsprachigen Bühnen aufgeführt und war auch am Broadway erfolgreich. Sturm im Wasserglas, eine Satire auf die Münchner Hundesteuer, wurde 1930 in ganz Deutschland gespielt und erschien bereits ein Jahr darauf unter der Regie von Georg Jacoby in den deutschen Kinos. Was die umstrittene, auch von der Linken kritisierte Politische Novelle von 1928 anbelangt, eine kritische Zeitdiagnose Deutschlands im transnationalen »Geist von Locarno«, so verteidigt sie Kirchner beherzt gegen die später erhobenen Vorwürfe des latenten Rassismus, Sexismus und Antisemitismus.
    Auch Franks persönliche Verhältnisse gerieten in den zwanziger Jahren in ruhigeres Fahrwasser zumal nach seiner Eheschließung mit Elisabeth Massary-Pallenberg, Tochter des Operettenstars Fritzy Massary. »Liesls« leiblicher Vater war Karl-Kuno Graf von Coudenhove, Max Pallenberg, Fritzis Ehemann, ihr Adoptivvater. Die Franks bezogen das zuvor von Bruno Walter bewohnte Haus Mauerkircherstraße 43 in München-Bogenhausen und waren somit Thomas Manns Nachbarn.

Exil
Es zeugt von Franks gutem Urteilsvermögen, dass er keine Illusionen hatte über die vermeintlich kurze Dauer der Hitler-Herrschaft. Die Franks verließen München am Tag nach dem Reichstagbrand und begaben sich nach Lugano, wo sie wenig später mit den Manns zusammentrafen. Über die Schweiz, Frankreich und England gelangten Bruno und Liesl Frank schließlich 1937 nach Los Angeles, wo er zunächst als Drehbuchautor für das MGM Studio arbeitete. Die Franks konnten sich in Beverly Hills (513 North Camden Drive) ein hübsches Haus kaufen, in dem früher Charlie Chaplin wohnte; es wurde zu einem beliebten Treffpunkt von »Weimar am Pazifik«. Liesl und Bruno Frank gründeten den European Film Fund, einen Hilfsfond für die weniger erfolgreichen Emigranten in Hollywood und zeichneten sich auch sonst durch ihre Hilfsbereitschaft aus.
    Bruno Frank erlag am 20. Juni 1945 einem Herzinfarkt, zwei Monate nach dem Tod des von den meisten Emigranten verehrten Präsidenten Roosevelt, als amerikanischer Staatsbürger, der er im Jahr davor geworden war. So blieb ihm anders als Thomas Mann die Enttäuschung über das post-Roosevelt'sche Amerika erspart.

Freundschaft mit Thomas Mann
Die kollegiale und nachbarliche Freundschaft, die Bruno Frank und Thomas Mann über lange Jahre verband, bildet ein eigenes Kapitel, das in diesem Buch jedoch nur partiell ausgeleuchtet wird. Thomas Mann bezeichnete in seinem Nachruf auf Bruno Frank dessen Freundschaft und Treue »eine Zierde meines Lebens«. – Merkwürdigerweise verwendet Kirchner einige Mühe darauf, uns an der Wahrhaftigkeit dieses Bekenntnisses zweifeln zu lassen. Er betont zu Recht, dass Franks Bewunderung für sein »Idol« keineswegs unkritisch war. Doch wann und wo wäre das unter intelligenten Menschen je der Fall? Franks politische aber auch persönliche Sympathien galten Thomas Mann und seinen Kindern. Zu Heinrich Mann, dem Anwalt der Volksfront und Bewunderer Stalins, hielt er auf Grund seiner politischen Überzeugungen Distanz. Kirchner macht es sich ein wenig zu leicht, wenn er sich damit zufrieden gibt, gelegentlich kritische, doch keineswegs aus der Luft gegriffene Bemerkungen in Thomas Manns Tagebuch zu zitieren, um dann kleinlich auftrumpfend mit dem Finger auf die angeblich allseits bekannte Eitelkeit dieses Autors und seinen Egoismus zu verweisen. Als ob damit etwas erklärt wäre! Am Ende will uns Kirchner gar einreden, dass der Faustus-Autor stets die »Erfolge anderer zu verkleinern suchte, wenn sein Selbstbewusstsein litt« (S. 330). Damit werden Größenverhältnisse angedeutet, die Bruno Frank selbst bescheiden von sich gewiesen hätte. Derartige »Erklärungen« lassen sich nur aus einer oberflächlichen Kenntnis Thomas Manns herleiten oder aus dem unkritischen Vertrauen auf Klaus Harpprecht, dessen imposanter Biographie man alles Andere nachsagen kann, nur nicht Unvoreingenommenheit.

Fazit
Lob und Dank verdient der Autor für das Verzeichnis der selbständigen und unselbständigen Veröffentlichungen Bruno Franks, das an Hand des in Marbach ruhenden Nachlasses erarbeitet wurde. Hier wird jede weitere Beschäftigung mit diesem Autor mit Gewinn ansetzen können.

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Sascha Kirchner: »Der Bürger als Künstler«




Prof. Dr. med. et phil. Gerhard Danzer, Zeitschrift für Tiefenpsychologie und Kulturanalyse, 01. Juni 2009
Im Zusammenhang mit der Kultur Alteuropas bis 1933 lohnt es, an einen weiteren fast Vergessenen dieser Epoche zu erinnern: An den Schriftsteller Bruno Frank, dem Sascha Kirchner (Germanist an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) mit dem vorliegenden Buch eine gelungene Hommage verfaßt hat.
        Bruno Frank wurde 1887 in Stuttgart als Sohn eines jüdischen Bankiers in großbürgerliche Verhältnisse hineingeboren. Er studierte Jura und Philosophie in Tübingen, München, Straßburg und Heidelberg und promovierte später in Tübingen zum Dr. phil. Während des Ersten Weltkriegs war er Soldat; danach war er freischaffend tätig.
        Schon 1912 hatte Frank einen Gedichtband unter dem Titel »Die Schatten der Dinge« publiziert. Drei Jahre darauf folgte der Roman »Die Fürstin«. Nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er in rascher Folge den Erzählband »Tage des Königs« (1924), den Roman »Trenck« (1926), die »Politische Novelle« (1928) und die Novelle »Der Magier« (1929) sowie die Komödien »Sturm im Wasserglas« 1930 und »Nina« (1931).
        Neben seinen literarischen Qualitäten zeichnete sich Frank durch seine Fähigkeit aus, Freundschaften einzugehen und über lange Zeit zu halten. Mit Thomas Mann, an dessen Zauberberg er korrigierend mitwirkte, unterhielt er ebenso wie mit Klaus Mann, Lion Feuchtwanger, Ludwig Marcuse und Alfred Polgar zum Teil Jahrzehnte andauernde enge Beziehungen. Über seine soziale Ausstrahlung schrieb Marcuse: »Ich habe manchen unscheinbaren Menschen gesehen, den sein Händedruck zum Scheinen brachte. Das ist Bruno Franks Beitrag zum kommenden Paradies gewesen.«
        Der Dichter soll ein geradliniger, lebensfroher und offener Mensch gewesen sein. Diese Eigenschaften spiegeln sich im Stil seiner Bücher wieder. Über seine Art der Schriftstellerei meinte er in einem Gespräch mit Klaus Mann: »Äußerste Klarheit, das scheint mir von allein das schönste. Ein Minimum an Wortaufwand - das Komplizierteste in schlichten Worten sagen. Eigentlich sollte man schreiben wie Tacitus.«
        Einen Tag nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 verließ Frank zusammen mit seiner Frau Liesl (der Tochter von Fritzi Massary) Deutschland und emigrierte zuerst nach Österreich. Bald flüchteten sie weiter in die Schweiz sowie nach Frankreich und England. In Sanary-sur-Mer an der Côte d'Azur gelegen bezogen die Franks eine komfortable Villa. Dort entstand »Cervantes« (1934), der zu den wichtigsten Exilromanen (im Querido-Verlag in Amsterdam erschienen) gezählt wird.
        In »Der Reisepaß« (1937) und in der politischen Schrift »Lüge als Staatsprinzip« (1939) setzte sich Frank kritisch mit den politischen Verhältnissen in Nazideutschland auseinander. Der Dichter sympathisierte anfangs mit den Bestrebungen von Klaus Mann, die unterschiedlichen Kräfte des Exils zu sammeln. Bald mußte er allerdings erkennen, daß es zwischen den Vertretern des linken und des konservativen Flügels unüberbrückbare Divergenzen und viele Streitereien gab, denen er sich nicht aussetzen wollte.
        Ab 1937 bis zu seinem frühen Tod 1945 lebte Bruno Frank in Beverly Hills (Kalifornien). Dort entstanden das Filmdrehbuch zu »Der Glöckner von Notre-Dame« (1939) sowie sein letzter Roman »Die Tochter« (1943). In den USA hatte er intensive Kontakte zu den anderen deutschen Exil Schriftstellern, die sich mehrheitlich ebenfalls an der amerikanischen Pazifikküste niedergelassen hatten.
        1944 überlebte Frank einen ersten Herzinfarkt, der ihm jedoch unmißverständlich zu erkennen gab, wie sehr er gesundheitlich angeschlagen und gefährdet war. Neben den Strapazen des Exilanten-Daseins und der dauernden Sorge um die politische und kulturelle Zukunft Europas machte dem Dichter damals noch die Tatsache zu schaffen, daß er vom FBI wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe überwacht wurde - ein Vorwurf, der absurd war. Frank war ein Mensch, der allen Ismen und damit auch dem Kommunismus gegenüber skeptisch eingestellt war.
        Im Frühjahr 1945 starb Franklin Roosevelt, der für Frank wie für viele weitere fortschrittliche Menschen eine große Hoffnung für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutet hatte. Bruno Frank reagierte mit schwermütigen Gedanken auf den Tod des amerikanischen Präsidenten. Wenige Wochen später erkrankte er an einer Lungenentzündung, die wie ein Vorbote seines eigenen Todes wirkte. Der Dichter starb im Juni 1945 an einem neuerlichen Herzinfarkt.
        Frank hat bis auf eine kleine Selbstdarstellung kaum biographische Texte hinterlassen. Er begründete das Fehlen von Tagebüchern, Briefen und autobiographischen Schriften mit der Idee des Dichters, die er in sich trug. Dieser sollte den Zeitgenossen und Nachgeborenen durch sein Werk, nicht aber durch seinen Lebenslauf in Erinnerung bleiben. Und weiter schrieb er in seiner Selbstdarstellung, in der er von sich in dritter Person sprach:
        »Bruno Franks ethischer und literarischer Geschmack ist ziemlich altmodisch. Er ist kein Faschist und kein Chiliast, kein Machtfanatiker und kein Chaosgläubiger, alles steile und laute Getue in der Kunst langweilt ihn unaussprechlich, und sollte er ein Lebensideal für sich aufstellen, so wäre es der Typus des humanen Gentleman, wie ihn unter den Schriftstellern des 19. Jahrhunderts etwa Turgenjew verkörperte.«
        Allem Anschein nach ist Bruno Frank diesem Ideal eines humanen Gentlemen mit Skepsis, Gelassenheit und humorvoller Lebensfreude nahe gekommen ist. Zu diesem Ideal passt übrigens das Thema seines allerletzten Buches »Chamfort«, das er nur noch in groben Zügen entwerfen, aber nicht mehr vollenden konnte. Bis zu seinem Tod beschäftigte er sich mit dem französischen Moralisten, mit dessen Charakter und Gangart er sich ähnlich wesensverwandt fühlte wie mit derjenigen Turgenjews.


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Sascha Kirchner: »Der Bürger als Künstler«