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Düsseldorfer Jahrbuch, 01. Juni 2009
Die St. Andreaskirche im Herzen der heutigen Düsseldorfer Altstadt zählt zu den sehenswertesten Sakralbauten, die in Deutschland am Übergang zwischen Renaissance und Barock entstanden sind. Sie wurde nach dem Anfall des Herzogtums Berg an das Haus Pfalz-Neuburg im Auftrag des neuen Landesherrn Wolfgang Wilhelm seit 1622 für die Jesuiten errichtet. Als Vorbild diente die Hofkirche zu Neuburg an der Donau. Mit der Andreaskirche positionierte sich die neue Dynastie markant in der Stadt und schuf in Abgrenzung gegen ihre Vorgänger eine eigene, ganz auf das Haus Pfalz-Neuburg konzentrierte Gedächtniskultur. Wohl 1708 wurde sie von Johann Wilhelm II. (Jan Wellem) selbst zur Hofkirche erhoben. Hier auch fand der Kurfürst 1716 neben anderen Familienmitgliedern seine letzte Ruhestätte. Ihrer besonderen Nähe zum Herrscherhaus verdankt die Andreaskirche einen außergewöhnlichen Reichtum an sakralen Schätzen. Sie in würdiger Form zu präsentieren, ist vornehmste Aufgabe des opulenten Bandes, der nun vorzustellen ist. Doch bietet das Buch darüber hinaus noch eine ganze Menge mehr, denn die Präsentation des Kirchenschatzes wurde zugleich zum Anlaß genommen, die Beziehungen des Hauses Pfalz-Neuburg zu Düsseldorf darzulegen.
    Das Buch wurde vom Konvent der Dominikaner in Düsseldorf herausgebracht, die die Andreaskirche und die zugehörigen Klostergebäude 1972 übernommen haben. Es ist zweigeteilt, in einen Aufsatzteil und einen Katalogteil. Es wird eröffnet durch einen kleinen, höchst instruktiven Essay des Priors des Düsseldorfer Konventes der Dominikaner, Pater Johannes Blumenberg O.P. Er erklärt darin, wie die Anlage eines Kirchenschatzes aus kostbaren Kelchen, Patenen, Hostienschalen, Ziborien, Monstranzen, Gewändern, Gefäßen und Reliquienbehältnissen im Zeitalter des Barock theologisch legitimiert war. Der Beitrag ruft in Erinnerung, daß ein Kirchenschatz eben kein Selbstzweck war, sondern zur Verehrung und Verkündigung des Wortes Gottes gehörte. Dementsprechend wird der Bezug seiner Bestandteile zu biblischen Worten und Begebenheiten aufgezeigt. Unterstrichen wird, daß ein Kirchenschatz jenseits der praktischen Funktion seiner Teile bei der Feier der Messe und auch jenseits der Bezeugung der Bedeutung seiner Stifter vor allem dazu diente, den Sinn des Betrachters auf die immateriellen Schätze des Himmels zu lenken. Er sollte hinweisen auf den über alles erhabenen Wert des in ihm Bezeichneten. Angesichts des weitgehenden Abbruchs von Glaubenswissen in den letzten Jahrzehnten vermittelt der Beitrag das nötige Rüstzeug, um sich dem Kirchenschatz von St. Andreas angemessen nähern zu können.
    Die politischen Rahmenbedingungen, die die Anlage eines Kirchenschatzes in St. Andreas überhaupt erst ermöglichten, erläutern die folgenden Artikel. Michael Henker, der seit seiner Dissertation von 1984 als Kenner des Hauses Pfalz-Neuburg ausgewiesen ist und kürzlich erst die große bayerische Landesausstellung »500 Jahre Pfalz-Neuburg« mitgestaltet hat, schildert, »wie die Pfalzgrafen von Neuburg nach Düsseldorf kamen«. Er schlägt einen großen Bogen von der Entstehung und Konsolidierung eines neuen wittelsbachischen Fürstentums an der Donau seit 1505 über die Begründung und Geltendmachung von Erbansprüchen des Hauses Neuburg auf die Herzogtümer am Niederrhein in Konkurrenz insbesondere zu den brandenburgischen Hohenzollern bis zur endgültigen Beilegung des daraus erwachsenden Erbfolgestreits 1666. Zugleich stellt er die unter den Bedingungen des Erbfolgekonflikts 1613/1614 erfolgte Konversion des pfalz-neuburgischen Erbprinzen Wolfgang Wilhelm vom Luthertum zum Katholizismus dar, die die Grundlage bildete für das Überleben und Wiederaufblühen des katholischen Bekenntnisses auch in Düsseldorf. Leider verzichtet der Autor darauf, seine detailreichen Ausführungen mit Anmerkungen zu versehen, und gibt nur einen sehr summarischen Hinweis aufweiterführende Literatur. Seine Berufung vom Haus der bayerischen Geschichte an die Spitze der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern hat ihm dafür wohl keine Zeit mehr gelassen.
    Clemens von Looz-Corswarem, der Leiter des Düsseldorfer Stadtarchivs, handelt über »Kurfürst Johann Wilhelm II. von der Pfalz und seine Residenzstadt Düsseldorf«. Ergibt, stärker als es der Titel seines Beitrags vermuten läßt, einen Überblick über das gesamte politische Wirken Johann Wilhelms nicht nur in Düsseldorf, sondern auch von Düsseldorf aus ins Reich und nach Europa hinein. Er charakterisiert Johann Wilhelm als einen ehrgeizigen, mit spekulativer Phantasie begabten, von katholischer Barockfrömmigkeit geprägten Fürsten, der, darin ganz zeitgemäß, am Wettlauf der deutschen und europäischen Dynastien nach Mehrung von Ruhm und Ansehen teilnahm. Dies fand seinen äußeren Ausdruck im Streben nach Rangerhöhung, in der Entfaltung von höfischer Pracht, in einem verschwenderisch anmutenden Lebensstil, in der Förderung der Künste und nicht zuletzt in der Unterstützung der Kirchen als Orte jener Glaubens Verkündigung, die die Basis auch seines Selbstverständnisses als Herrscher von Gottes Gnaden bildete. Da Johann Wilhelm in europäischen Maßstäben dachte und agierte, wurde Düsseldorf unter seiner Regierung zeitweise beinahe zu einem Umschlagplatz europäischer Politik. Der Autor eröffnet seine Ausführungen, indem er Düsseldorfs Tradition als Residenzstadt erörtert und noch einmal knapp den Weg der Pfalz-Neuburger an den Rhein rekapituliert. Dann skizziert er Kindheit, Jugend und Erziehung Johann Wilhelms. In einem nächsten Schritt zeigt er Johann Wilhelm als Landesherrn in den Herzogtümern Jülich-Berg, die ihm 1679 anläßlich seiner Hochzeit mit Erzherzogin Maria Anna Josephs von seinem Vater übertragen wurden, wobei dieser sich jedoch die Leitung der äußeren Politik vorbehalten hatte. Es folgt ein Abschnitt über die außenpolitischen Bestrebungen Johann Wilhelms vom Tod des Vaters 1690 bis zu den Friedensschlüssen von Utrecht und Rastatt 1713/14, die das Scheitern seiner weitgespannten und wohl auch überspannten Ziele besiegelten. Anschließend untersucht der Autor die Auswirkungen der Regierungszeit Johann Wilhelms auf die Stadt Düsseldorf. Hier behandelt er die Plane Johann Wilhelms zur Stadterweiterung Düsseldorfs, die Zusammensetzung des Hofstaates, den Ausbau der Regierungs- und Verwaltungsbehörden, die Schloß- und Hofgebäude, die Sammelleidenschaft des Fürsten und seiner zweiten Frau Anna Maria Luisa von Medici, die Kirchen- und Konfessionspolitik, die Land es Verwaltung und Wirtschaftsförderung. Abschließend fragt er nach »Magnificence« und Nachruhm Johann Wilhelms. So rundet sich sein Beitrag zu einer gelungenen Kurzbiographie des Kurfürsten.
    Edmund Spohr, durch zahlreiche Veröffentlichungen zur städtebaulichen Entwicklung und Denkmalpflege hervorgetretener Düsseldorfer Architekt, gibt einen Abriß der Bautätigkeit Johann Wilhelms in Düsseldorf. Er bietet kurz und knapp die Essentials der Architekturgeschichte. Er berücksichtigt, anders als es der Titel seines Beitrags nahelegt, nicht nur aus Initiative des Fürsten entstandene, sondern auch private Gebäude. Er erfaßt auch solche Häuser, die in dem unten noch vorzustellenden Band von Benedikt Mauer über die Bauten aus der Jan-Wellem-Zeit nicht eigens aufgeführt sind, weil die spärliche Überlieferung eine genauere Beschreibung nicht zuläßt.
    Jürgen Rainer Wolf, Direktor des Sächsischen Staatsarchivs in Leipzig, liefert in seiner Studie über »Das Mausoleum Kurfürst Johann Wilhelms von der Pfalz an St. Andreas zu Düsseldorf« eine Neubewertung der Entstehung dieses Monumentes. Sie ist ein Forschungsbeitrag im besten Sinne des Wortes. Das Mausoleum wurde bisher immer mit dem Testament des Stifters von St. Andreas, Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, dem Großvater Jan Wellems, von 1642 und mit einem Plan seines Baumeisters Johann Lollio gen. Sadeler in Verbindung gebracht. Wolf zeigt nun, daß dies offenbar ein Mißverständnis ist. Nach den Vorstellungen Wolfgang Wilhelms hätte der Chor von St. Andreas lediglich um eine mit einer Apsis überwölbte Gruft ergänzt werden sollen. »Die Anfügung des heutigen Mausoleums geht jedenfalls mit Sicherheit nicht auf dieses Testament zurück«, konstatiert Wolf. Ferner lassen nach seinen Ausführungen auch die Testamente Johann Wilhelms II. noch nicht die Absicht erkennen, den Chor von St. Andreas zu vergrößern; Johann Wilhelm dachte anscheinend eher daran, für sich und seine Angehörigen eine Totenkapelle in die Andreaskirche einbauen zu lassen. Die endgültige Umgestaltung des Chors und der Anbau des Mausoleums erfolgten Wolf zufolge erst nach dem Tod Johann Wilhelms in den Jahren 1716/1717. Als Architekten kann Wolf den Baumeister Simon Sarto glaubhaft machen. Seine Thesen stützt Wolf vor allem auf Quellen, die er im Bayerischen Hauptstaatsarchiv aufgefunden hat. Insbesondere der (leider nur unvollständig überlieferte) Briefwechsel der Düsseldorfer Räte und der Witwe Johann Wilhelms mit dessen Bruder und Nachfolger Karl Philipp ermöglichtes ihm, die Baugeschichte von Chor und Mausoleum in der beschriebenen Weise neu zu deuten. Anhand von Quellen aus dem Hauptstaatsarchiv Düsseldorf verfolgt Wolf schließlich die weiteren Geschicke des Mausoleums bis zu den Instandsetzungsarbeiten von 1934/1935, die deutliche Zugeständnisse an die Nazi-Zeit machten. Man darf gespannt sein, wie die weitere Forschung seine wohlabgewogene, quellengestützte Interpretation des Bauverlaufs an St. Andreas aufnehmen wird.
    Inge Zacher, ehem. Mitarbeiterin des Stadtmuseums Düsseldorf und Kustodin von Schloß Benrath, analysiert den »Kirchenschatz der Jesuiten- und Hofkirche St. Andreas«, der sich sowohl nach der Zahl der erhaltenen Stücke als auch durch deren hohe künstlerische Qualität auszeichnet. Dies ist ein höchst schwieriges Unterfangen, da die Überlieferung zur Geschichte des Kirchenschatzes spärlich ist und es außer dem Inventar von Sonja Schürmann kaum brauchbare Vorarbeiten gibt. Zacher verfährt so, daß sie die Schatzstücke, nach ihrer religiösen Bedeutung und ihrer Funktion im Kultus der Kirche in Kategorien wie Reliquiare, Stiftungen für den Hochaltar oder Altargerätschaften gegliedert, verschiedenen Provenienzen zuzuordnen versucht. Als solche macht sie vor allem den Jesuitenorden, die fürstliche Familie und die der Andreaskirche verbundenen Laienbruderschaften aus. In besonderem Maße traten der Kirchengründer Wolfgang Wilhelm und sein Enkel Johann Wilhelm, Jan Wellem also, als Stifter hervor. Zur Bereicherung gerade des Reliquienschatzes trug Anna Catharina Constantia von Polen, die erste, bereits 1651 verstorbene Gemahlin Herzog Philipp Wilhelms, in der Mitte des 17. Jahrhunderts bei. Weniger eng waren die Beziehungen Philipp Wilhelms selbst zu St. Andreas, und unter den Nachfolgern Johann Wilhelms, die nicht mehr in Düsseldorf residierten, gingen die Zustiftungen des Fürstenhauses noch weiter zurück. Darüber hinaus versucht Zacher die Geschichte des Kirchenschatzes bis zur Gegenwart nachzuzeichnen. Oft kann sie nur Vermutungen äußern und Fragen formulieren. Und doch vermittelt ihr Beitrag einen lebendigen Eindruck von der uns fremd gewordenen Frömmigkeit des Barock.
    Ähnliches läßt sich vom letzten Beitrag des Aufsatzteiles über den Paramentenbestand der ehemaligen Hofkirche St. Andreas sagen, den Birgit de Boer verfaßt hat. Paramente sind alle im sakralen Bereich verwendeten Textilien. In St. Andreas gibt es ca. 180 Gewänder und eine Vielzahl von weiterem Messzubehör. Etwa ein Drittel davon gehört in die Zelt vor 1900. Welche davon lassen sich aber mit der Zeit des Kurfürsten Johann Wilhelm verbinden? Die Verfasserin demonstriert die Schwierigkeiten, die diese Frage aufwirft, und stellt Kriterien vor, um ihrer Lösung ein Stück näherzukommen.
    Der Aufsatzteil ist reichlich und textnah bebildert. Er nimmt die erste Hälfte des Bandes ein. Dessen zweite Hälfte umfaß den Katalog der Schatzstücke des 17. und 18. Jahrhunderts aus dem Kirchenschatz von St. Andreas. Sonja Schürmann hat hier die Abteilungen Vasa sacra, Vasa non sacra, Verschiedenes (Ansteckschließen, Stabknäufe, Weiser etc.), Reliquiare und Skulpturen bearbeitet sowie einen Exkurs über den mutmaßlichen Silberaltar von St. Andreas beigefügt. Birgit de Boer hat die Paramente zusammengestellt. Rund 120 Objekte werden in oft ganzseitigen Bildern, ergänzt um Detailaufnahmen, präsentiert. Zu jedem Stück werden Inventarnummer, Material, Maße, Herstellungsort und -zeit, soweit bestimmbar, und eventuell vorhandene Marken sowie Restaurierungsvermerke mitgeteilt, ferner wird eine Beschreibung gegeben und gegenstandsbezogene Literatur aufgelistet. Geleistet wird hier mithin eine umfassende Inventarisierung des Kirchenschatzes der Andreaskirche aus pfalz-neuburgischer und pfalz-bayerischer Zeit. Der Katalog läßt den Betrachter nicht nur teilhaben an der Prachtentfaltung der tridentinischen Kirche, sondern stellt der Wissenschaft ein Hilfsmittel von bleibendem Wert zur Verfügung.


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Michael Brockerhoff und Hans Onkelbach, Rheinische Post, 11. September 2008
Die Geschichte Jan Wellems.
Zum Jubiläumsjahr sind sechs Bücher über den Kurfürsten erschienen. Sie bieten fundierte Forschungen, schildern das Leben am Hofe und beleuchten die Entwicklung Düsseldorfs.


Das große Format und der Umfang von mehr als 250 Seiten sprechen schon für sich: Das Buch zur Ausstellung in der Hofkirche St. Andreas ist die schwerwiegendste Neu-Erscheinung zum Jan-Wellem-Jahr. Trotzdem ist es nicht schwer zu lesen, weil mehrere Autoren mit unterschiedlichem Stil die vielen Facetten der Persönlichkeit des Kurfürsten in mehreren Kapiteln beschreiben. Jedes Kapitel ist für sich interessant, zusammengenommen ergeben sie ein umfassendes Bild der Zeit und des Kurfürsten. Der geschichtliche Hintergrund, wie die Pfalzgrafen von Neuburg nach Düsseldorf kamen, macht verständlicher, welche Rolle Düsseldorf als Residenzstadt hatte und warum Jan Wellem sehr viel in Düsseldorf bauen ließ.
    Unter diesen Bauten ist St. Andreas, die unter Jan Wellem Hofkirche war, ein Schatz. Der wird mit dem Buch gleichsam aus seinem Versteck geholt. Vor allem die Kunsthistorikerin Inge Zacher hat die Historie der Kirche und ihres Schatzes sorgfältig aufbereitet, hat viele neue Erkenntnisse gewonnen. Die vielen ausgezeichneten Abbildungen machen das Buch, das auch durch die Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post unterstützt wurde, zu einem anschaulichen Blick in eine wichtige Zeit für Düsseldorf.

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