Zurück zu : Vigoleis – ein Wiedergänger Don Quijotes

Artikel in den Warenkorb
Preis: 18,00 Euro
Leseprobe herunterladen
PDF-Datei: 228 KB



Rainer Hoffmann, Neue Zürcher Zeitung, 08. Oktober 2007
Don Quijotes Wiedergänger

Während seines Studiums in Münster - der Stadt der Wiedertäufer - hat Albert Thelen an sich selber ebenfalls eine Art Wiedertaufe vollzogen: in Anlehnung an den Namen eines Ritters aus der mittelalterlichen Minnedichtung gab er sich den Beinamen Vigoleis. Der Student konnte damals nicht ahnen, welche Rolle ein real-fiktiver »Vigoleis« als erzählende und erzählte Figur im Prosawerk des Schriftstellers Albert Vigoleis Thelen (1903-1989) einmal spielen würde; vor allem in den »angewandten Erinnerungen des Vigoleis« mit dem Titel »Die Insel des zweiten Gesichts« (1953) und in dem wie ein »Insel«-Begleittext zu lesenden »Spiegel«-Buch »Der schwarze Herr Bahssetup« (1956). In seiner Studie unternimmt Lothar Schröder den Versuch, durch »immanente Deutung« der Texte »einen neuen Zugang zum Werk aus dem Werk selbst heraus zu finden«. Es geht um den literarischen Lebensweg des Helden. Als das alles umstürzende Ereignis dieser Lebensgeschichte bezeichnet Vigoleis selber seinen »Sturz in die Welt des Don Quijote«. Schröders Untersuchung, demonstriert eindrucksvoll, daß - wie bei Cervantes' Don Quijote - auch mit Thelens Vigoleis oder Don Vigo ein Leser im Zentrum der Geschichte steht - und ein Erzähler von immenser Fabulierlust. Wie Don Quijote erscheint auch Don Vigo als ein Ritter von trauriger und wunderbar komischer Gestalt. Beide sind romantische Außenseiter, d. h. Einheimische und grenzgängerische Bewohner der »Wolkenerde« oder des »magischen Randes« von Poesie und Imagination. Don Vigos und Don Quijotes Lebenswege gleichen einer Parallelaktion. Es kann doch kein Zufall sein, daß La Mancha, der Schauplatz von Quijotes Abenteuern, und Mallorca, Vigoleis' Insel des zweiten Gesichts, auf demselben Breitengrad liegen.

Zurück zum Titel:
Lothar Schröder: »Vigoleis – ein Wiedergänger Don Quijotes«




Rheinische Post, 01. September 2007
Abend über Vigoleis - ein Ritter in trauriger Gestalt

Spätestens, als Esther Hausmann im Heine-Haus die Passage von der Palnia-Führung las, wußte man: Dieses Buch muß man wieder hervorholen. Vor vielen Jahren hatte man es vielleicht angelesen, war vor dem Volumen zurückgeschreckt oder vor den so offen dargebotenen Dreistigkeiten eines Hungerleiders. Es geht um Albert Vigoleis Thelen und sein »Mallorca-Buch«. Als der Autor 1953 mit seiner »Insel des zweiten Gesichts« auf den deutschen Buchmarkt kam, war die Baleareninsel kaum bekannt. Und in der »Gruppe 47« kassierte der aus dem Exil zurückgekehrte Autor seinen ersten Verriß durch Hans Werner Richter: »Dieses Emigrantendeutsch brauchen wir nicht.«
    Das Prosawerk des niederrheinischen Dichters Albert Vigoleis Thelen (1903-1989) erzählt von einem großen Abenteuer: dem Leben des Vigoleis, eines Lesers, der die Wirklichkeit gegen seine Welt der Bücher herausfordert. Das Abenteuer hat in Don Quijote de la Mancha einen großen literarischen Vorgänger. Jetzt stellte Lothar Schröder, Literaturredakteur unserer Zeitung, seine als Buch erschienene Dissertation vor, in welcher er aufzeigt, dass Vigoleis auf vielfältige Weise ein Wiedergänger des Ritters von der traurigen Gestalt ist. Indem jener nämlich, bisweilen auf groteske Weise, versucht, die Literatur, das Rittertum und das Mittelalter zu leben. »Es sind große Fußstapfen, in die Vigoleis seinen Fuß setzt. Aber sie passen. Denn die Konfrontation der realen Welt mit der Welt der Bücher ist das zentrale Abenteuer, von dem die Bücher Albert Vigoleis Thelens erzählen.«
    Im Heine-Haus belegte Schröder seine These durch spannende und umwerfend komische Textbeispiele, vorgetragen von der Schauspielerin Esther Hausmann. Ein übergenau ironisches »Selbstbildnis« etwa oder die »Tauf-Episode«: Hiernach soll der kleine Vigoleis an seinem Tauftag von seinen Verwandten auf einer traditionellen »Schnapsfahrt« durch die Kneipen der Gemeinde vergessen worden sein.
    Am schönsten war jedoch die Geschichte, in der Vigoleis und seine geliebte Beatrice ohne jedwede Ahnung von Historie und Topographie deutsche Kreuzfahrt-Touristen der 30er Jahre über die Baleareninsel fuhren. Der ignorante Schelm peppt seine Erläuterungen mit genau den Elementen auf, die noch heute zum Erfolgs-Elixier jedes Reiseleiters gehören: Geschichten von Liebe und Gewalt, spanischem Machotum und mystischem Geheimnis.

Zurück zum Titel:
Lothar Schröder: »Vigoleis – ein Wiedergänger Don Quijotes«