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Beatrix Langner, nzz, 07. Februar 2005
Schreiben im eigenen Schatten
Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers Heinz Czechowski


Seine lyrischen Selbstprotokolle sind peinigende Exerzitien. Seine Tonart ist schwermütig. Seine Verse sind flüchtig angeschlagene Akkorde. Er liebt das Beschreiben von Gegenden, betrachtet wie durch ein Fernglas. Wie alle großen Melancholiker ist er ein Antiidylliker, ein Liebhaber der ironischen Untertreibung. Und doch möchte man diesem Dichter immerzu die Welt von den Schultern heben. Heinz Czechowski, am 7. Februar in Dresden geboren, lebt seit fünfzehn Jahren in der außersächsischen Diaspora. Er hat es mit Westfalen versucht und sich, nach mehreren Reisen, in Hessen angesiedelt. Und natürlich ist es nicht die Welt, an der er leidet. Es ist die Anstrengung, eine poetische Arbeit zusammenzuhalten, die sich im Widerstand gegen platten Realismus mit sich selbst auf einen radikalen Subjektivismus verständigt hatte und nach dem Untergang der DDR in zwei biografische Teilstücke zu zerbrechen drohte.

    Armutsnomade

Der elegische Grundton durchdringt die sichtbare Welt wie ein lichtschluckender Filter. «Hier gibt's Nachmittage, die / Schon nach drei ganz dunkel werden. / Regen sprüht. Im Asphalt glänzen, / Wie in alten trüben Spiegeln, kleine Neonmonde. Fische / Glitzern durch die nassen Straßen / Die allmählich sich verbrauchen.» Ein Stadtschreiber-Stipendium in Bergen-Enkheim, eins in Schöppingen; einige wichtige Literaturpreise; ein Arbeitszimmer über der Fußgängerzone einer westdeutschen Provinzstadt - Stationen der Ankunft im Westen für einen literarischen Armutsnomaden, der fortan von der öffentlichen Hand in den Mund leben muß. Er bleibt eine Weile in Limburg, zieht weiter. Sein «westfälischer Frieden» währt nur kurz. «Zu viele Kirchen, Pastoren und Nonnen», gesichtslose Straßendörfer. «Mein Sächsisch / wird täglich schlechter, fast schon / Red ich das Platt / der Bauern und Trinker.» - Mit 23 verließ Heinz Czechowski seine Heimatstadt Dresden. In Leipzig absolvierte der gelernte grafische Zeichner das von Johannes R. Becher begründete und in den sechziger Jahren von dem Lyriker Georg Maurer geleitete Literaturinstitut. In seinen ersten Gedichtbüchern trifft man Czecho, wie ihn Schriftstellerfreunde nennen, als Spaziergänger zumeist im Sächsischen zwischen Saale und Elbe, wie er die Gegend mustert, «dieses Fachwerk der Landgasthöfe / Die vor sich hinsterben: hier / fanden wir in einer Gewitternacht / Unterschlupf auf einer Dorfhochzeit.» Nach dem Debüt mit «Nachmittag eines Liebespaares» (1962) erschienen vier Gedichtbände, ein Reisebuch, autobiografische Prosaskizzen. Den Kotau vor dem sozialistischen Realismus vollzog er ebenso wenig, wie er sich in offenen Widerspruch zu ihm begab. So blieb er, weil er beschrieb, was er mit eigenen Augen sah, sächsischer als andere Sachsen seines Jahrgangs, Volker Braun, Karl Mickel, Wulf Kirsten oder Adolf Endler.
    Es gibt also ein Leben nach der DDR, und sei es auch das ungewisse Anderswo der Poesie. Selbstverloren spricht er sich die Orte vor, durch die er seitdem gekommen ist. Koblenz, Schöppingen, Amsterdam, Paris, Turin, Venedig, Fiesole. «Hier / War ich für ein paar Minuten / Tatsächlich glücklich.» Gelegentlich schickt er gallige Sprüche in Richtung der «Ostnachbarn», die ihn vergessen zu haben scheinen. Dabei haben die seit 1990 erschienenen Gedichte, Reiseberichte, Tagebuchnotate an Umfang und sprachlicher Intensität seine poetische DDR-Biografie längst übertroffen und ihn einem neuen, wenn auch gewiß kleinen Publikum bekannt gemacht. Der Zürcher Ammann-Verlag brachte 1993 den Band «Nachtspur» und 1997 «Wüste Mark Kolmen» heraus. Seit 1999 betreut Alexander Nitzberg im Düsseldorfer Grupello-Verlag seine Essays, Reiseprosa und Gedichte in einer schönen Paperback-Reihe, die sich als eine Art progressiver Werkausgabe präsentiert, deren Entdeckung höchst lohnenswert ist.
    Das «Exil» ist zum richtigen Leben geworden. In der Erinnerung wird jede Einzelheit zum großen Ganzen. Zusammenpassen will es trotzdem nicht. Unglück und Glück, der Untergang Dresdens am 13. Februar 1945, den er als Zehnjähriger miterlebte, und der «Garten meines Vaters» (in dem gleichnamigen Prosaband, 2003), die sächsischen Landschaften um Saale, Unstrut und Elbe werden immer wieder zu verschiedenen Zeiten erzählt, während der, der da schreibt, dabei immer weniger zu empfinden scheint. Czechowski ist bei einem poetischen Verfahren geblieben, das er schon früh entwickelt hat: Ortsnamen werden als Anker in die Zeit geworfen. Orte sind wiederholbare Anlässe, von sich zu reden.

    «Hilfsbuchhalter des Lebens»

Immerzu kombiniert, probiert, verwirft und schreibt er sein Leben um und um. So begegnet man seinen Gedichten und Prosameditationen in verschiedenen Sammelbänden immer wieder wie alten Bekannten in fremden Städten. Er sucht nicht Metaphern für die Welt, wie er sie sieht; er sucht eine Welt für seine Metaphern. Sein Leben als Dichter ist auf den Zweifel gebaut. «Was ich hinterlasse? Fragmente, / Und nicht einmal die. / Was ich noch sagen wollte: / Es ist schon gesagt.» Das alte Lied. Je mehr einer erkennt, umso weniger versteht er sich selbst. «Ich habe das Licht / dingfest gemacht», schrieb er schon in den siebziger Jahren. «Ich schreibe / im eigenen Schatten.»
    Natürlich, die absoluten Grenzen des Ich - Krankheit, Tod, Einsamkeit - sind auch die Grenzen unserer Sprache. Doch wie er sich auch bemüht: Schreiben und Leben bleiben zweierlei. Zum Glück. In Lissabon, Pessoas Stadt, wo Czechowski einmal einen physischen Zusammenbruch erleidet, trifft der Dichter mit seinem Autor-Ich zusammen - und erschrickt nun wirklich. «Was / Sind denn wir Dichter anderes / Als Hilfsbuchhalter des Lebens? Wir suchen noch immer nach Heteronymen, / Während uns Gott schon lange / Verurteilt hat unter unserem wirklichen Namen.»

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Heinz Czechowski: »Der Garten meines Vaters«




Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland, 07. Februar 2005
Rückwende
Der Lyriker Heinz Czechowski wird heute 70


Teestauden, sagen wir mal: in Schweden, sind eher selten. Ebenso ist hier zu Lande wahre Ironie eine seltene Pflanze – diese Fähigkeit, einen Spiel-Raum zuzulassen, eine Unvorhersehbarkeit anzuerkennen. Sprache freilich – wenn sie uns denn überkommen darf, bedenkenlos, unabgerichtet - hat diese Fähigkeit, und jeder wahre Dichter ist Ironiker, balancierend in der Klugheit des unabweislich Unentschiedenen, des Zweifels, eben jenes Spiel-Raumes, in dem Wahrheit nie in die Verlegenheit von etwas Unumstößlichem kommt. Dem Ironiker, der ja kein Darüberstehender, sondern ein Untergepflügter ist, sieht man das Elend der Welt an und sein eigenes Elend. Aber er balanciert trotzdem, mitten im Sturz, und er lässt sich Zeit, denn der Sturz ist meist beträchtlich lang. Leben kann schließlich dauern, so gemein ist es allemal.
    Auf den ersten Blick ist Heinz Czechowski, liest man seine Gedichte und Essays der jüngsten Jahre, alles andere als ein Balancierer, alles andere als ein Ironiker. Zu unverhohlen, zu aggressiv, auch gegen sich selbst, kommt mitunter die Unverträglichkeit zum Ausdruck, die Verlorenheit des Deutschen in Deutschland, die Heiserkeit seiner Rede von Liebe und Sinn. »Sag mir, / Wohin ich noch könnte / Vor Winter.« Er hätte »den Sommer getrunken«, schrieb er 1967. »Und Leute, Lampen, Gerüche und Stimmen /Reden zu mir mit der Stimme des Lands, / In dem ich lebe«. Dreißig Jahre später wünscht sich der Dichter einen geschichtslosen Raum, »Eine Vergangenheit / Ohne Zitate«, er schreibt nun: »Wenn mich mitunter / Die Gewissheit verläßt, / Daß alles so gewesen sein könnte, wie / es tatsächlich war, bin ich / Für einen Moment / Tatsächlich glücklich.« Das Gedicht heißt »Rückwende« und endet mit den Versen: »Ahnungslos / Schrieb ich, / Ich hätte den Sommer getrunken ...« Lyrik eines bitterlich Genauen (»Deutschland / Ist eine Republik,/ Ihre geteilte Vergangenheit / Teilt unsere Leben / in zwei ungleichmäßige / Hälften«). Vor der eigenen Biografie steht er ein wenig auch wie ein Verirrter, Überforderter, begründet Selbsthassender, der in seinem Werk wie in seinem Leben nun, in Bilanzzeiten, kein Genügen, keinen Rückhalt des Stetigen mehr findet.
Aber die Rede ging ja von Ironie. Der genauere Blick auf diese Lyrik offenbart nämlich eine gewisse tieftraurige Unterwerfungslust des Dichters unter die Umstände – dies als eine letzte freie Arbeitsmöglichkeit, die Gedichte schaffen kann. Sprache als einzig sichere Schanze (und Chance), wenn alle denkbaren Zusammenhänge auseinander fallen und im babylonischen Wörterbuch lediglich ein Wort zu entziffern ist: Verzweiflung. »Das Wunderbare der Poesie / ist nichts als eine der schönen / Illusionen, die Zeit zu besiegen... Die Seele / Vom Buttergeschäft / Ist der Quark, den du erzeugst.«
Czechowski wird 1935 in Dresden geboren. Erlebt als Zehnjähriger den Feuersturm auf die Stadt. Wird das Trauma so wenig los wie die Landschaft. Es ist die Gegend, die später Adolf Endlers Wort von der »Sächsischen Dichterschule« hervorbringen wird. Braun, Mickel, Jentzsch, Kunze, Leising, Rainer Kirsch, Kirsten. Und Czechowski, der Reklamemaler, der Student bei Georg Maurer, der Lektor und Dramaturg in Halle bzw. Magdeburg. Seine Gedichtbände: »Nachmittag eines Liebespaares«, »Wasserfahrt«, »Schafe und Sterne«, »Was mich betrifft« (Mitteldeutscher Verlag Halle/Saale). Der Ton erzählend, schweifend. Aus dem »Mikrokosmos / Meines Gefühls, handtellergroß« entwickelt sich das Reise- und Weltbedürfnis, das mit den Jahren den bejahenden gesellschaftlichen Grundton verliert; fast könnte man sagen: eine Lyrik, die sich in den Umschreibungsmühen verschleißen muss, wo doch Czechowski ein kantiger, meißelnder Metaphern-Bildner nie war, eher ein Empfindungs- und Eindrucks-Protokollant; Poesie der Langgedichte, nahe mitunter am Prosaischen – was etwa sein wundervolles Reise-Buch »Von Paris nach Montmartre« (1981) so lyrisch machte. Nach 1990 geht er in den Westen, wird Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, lebt jetzt in Frankfurt (Main).
Ging das Gedicht früher von der Natur aus und weitete sich zur Assoziation, die öffnendes, aufbrechendes Denken meinte (»Im Schweigen des Morgens / Wir sehen / Den Tag«), so ist das späte Gedicht ein Rückkehrer in die Unmittelbarkeit dessen, was bleibt: Anschauung der Welt, ohne Anmaßung. »Frei von Skrupeln, vom Zweifel. / Frei von verpflichtender Tat. / Über die Höhen der Eifel / Wehet ein herbstliches Blatt.« Die Erfahrungen einer immerwährenden Zwischenexistenz, die ein Leben bis in die tiefsten Gründe ernüchtern und also aufreiben kann, hat einen großen deutschen Elegiker hervorgebracht, einen lyrischen Chronisten des Abschieds, der auf nichts mehr schwört und sich selbst dabei nicht auszunehmen vermag. Dem die so drückend fühlbare Unzugehörigkeit auch heftige Angriffe gegen frühere Gefährten in die Feder diktierte («»Dreimal verfluchte DDR« heißt ein Essay). Aber wo die Anklage zur Klage sich aufrichtete, da gelangen ihm bleibende Prosatexte, etwa über Hölderlin, die Droste, Klopstock. Und: Da entstanden eindringliche Gedichte eines radikalen Erkenners. Der seine dichterische Vergangenheit im klaren Licht sieht (»Ein paar Harmlosigkeiten / Aufs Niveau / Der Sklavensprache gebracht«), der irgendwann nicht mehr weiter weiß (»Wer / Sagt mir, / Werwo ich bin?«). Und der schon wenige Jahre nach dem auf dieser Seite abgedruckten Gedicht zur Feststellung kommt: »Die Welt ist verändert, / Aber das Leben / Läßt sich nicht korrigieren.« Geschrieben 1974.

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Heinz Czechowski: »Der Garten meines Vaters«




Süddeutsche Zeitung, Jens Bisky, 07. Februar 2005
Vom Nichts begleitet
Zum 70. Geburtstag des Lyrikers Heinz Czechowski


Von Heinz Czechowski, der heute seinen siebzigsten Geburtstag feiert, heißt es in gedankensparender Regelmäßigkeit, er gehöre zur »sächsischen Dichterschule«, und er sei Melancholiker, Pessimist vielleicht, mit dem Vergeblichen vertraut. Beides stimmt schon, irgendwie, aber wer in den Bänden blättert, den älteren aus dem Mitteldeutschen Verlag und den neuen, die er - ungebrochen produktiv - in den fünfzehn Jahren seit der ostdeutschen Revolution herausgegeben hat, dem drängt sich der Verdacht auf, weder das Sächsische noch gar das melancholische sei verantwortlich für das besondere Vergnügen, Czechowskis fast durchgängig ungereimten, freistrophigen Verse oder seine beispielhaft unprätentiöse Prosa zu lesen.
    Gewiß, er wurde in Dresden geboren und ist kein Künder guter Laune, sein Werk aber erzählt vor allem vom Fremdwerden in der heimatlichen Provinz, und für einen Melancholiker scheint er zu neugierig zu sein, ein wenig zu sehr der Welt zugewandt und ihren Bewandtnissen: Er stürzt nicht ins Bodenlose des Ich, aber größeren Zusammenhängen traut er noch weniger. »Auf mich also verwiesen / Im Guten und Schlechten, / Teile ich mit: / Was mich betrifft, / So bin ich ich.«
    Manches verbindet Czechowski mit Karl Mickel, Wulf Kirsten, Sarah und Rainer Kirsch, all den Sachsen, ohne die es eine nennenswerte Dichtung in der DDR kaum gegeben hätte. Als Zehnjähriger erlebte er die Bombardierung Dresdens, eine Erfahrung, die für sein Schreiben so wichtig wurde wie für das Volker Brauns. Er arbeitete als technischer Zeichner, bevor er 1958 an das Leipziger Literaturinstitut ging und dort, wie es sich für einen sächsischen Dichter gehört, von Georg Maurer »Genauigkeit in der Behandlung des Gegenstands« lernte. Auch erfuhr er jenes »Kontinuum großer Musik und geistiger Anregung«, das Leipzig vor allen DDR-Städten auszeichnete. 1998 erinnerte er sich, »daß wir, hinter einer Säule der Kongreßhalle verborgen, Ernst Bloch, Hans Mayer und Georg Maurer belauschten, als sie sich über die Strawinsky-Interpretation von Leopold Stokowski unterhielten«.
    Dem sozialistischen Staat war er in Distanz und Abweichung verbunden: »Natürlich ihr fragt mich / warum diese Traurigkeit / Warum immer wieder die Rückkehr / Zu diesen Stätten des Unmuts / Doch ihr müßt schon gestatten / Daß Fragen gestellt werden / Nach all euren vielen Antworten.« Einen Grund, dem Lande Tränen nachzuweinen, fand er 1989 nicht und ging selbstbewuß skeptisch in den Westen: nach Schöppingen, Bergen-Enkheim, Italien, Frankfurt am Main. »Wir haben den Krieg überlebt / Zwei Diktaturen. Ich / Stelle jetzt wiederum fest: / Das Leben läßt sich nicht korrigieren. / Das Nichts / War mein bester Begleiter.« Hier steht kein Wort zu viel. Czechowski, dem Klopstock und Hölderlin die wichtigsten Helden waren, versagt sich den hohen Ton, das Schwelgende, Überströmende zugunsten des Treffenden, trocken Prosaischen.
    Und doch berückt seine Sprache durch Intensität, wie jener Vers, mit dem er vor fünf Jahren seine lyrische Bilanz, die »Ausgewählten Gedichte« begann: »Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß«. Diesem Ich fehlt jede Pose, es scheint ein Unzugehöriges, in der Nüchternheit beheimatet. »mit Alkohol alleine«, beginnt eines seiner wenigen beschwingten Gedichte, »Ist es noch nicht getan: / Mich blicken starr die Steine / Und ich die Steine an. - Hab ich gelernt zu leben? / Ich glaub ich lern es nie. / Die Zeit, die mir gegeben, / Steht still. Ich hasse sie.«

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Heinz Czechowski: »Der Garten meines Vaters«




Dresdner Neueste Nachrichten, Tomas Gärtner, 07. Februar 2005
Illusionsloser Blick, geschichtsträchtige Verse
Der Dichter Heinz Czechowski wird heute 70 Jahre alt


Ein illusionsloser Blick bestimmt seine Gedichte. Der Lyriker Heinz Czechowski ist ein zutiefst Ernüchterter. Heute wird er 70 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen ist er in Dresden. Die »im Feuer versunkene Stadt«, so der Titel eines seiner Gedichte, durchzieht als Thema sein gesamtes Werk. Vom Wilden Mann aus, der »Landschaft seiner Kindheit«, beobachtete er im Februar 1945 die Zerstörung der Stadt. Dieses Erlebnis prägte ihn nachhaltig: »Ich / Bin verschont geblieben, aber / Ich bin gebrandmarkt«. Die Gegend seiner Kindheit ist der Rand der Elbmetropole: »Meine Welt ist die Peripherie dieser Stadt«. Alt-Kaditz, Pieschen besonders, wo inmitten der Stadtviertel deren dörfliche Vergangenheit noch sichtbar ist.
    Mit 23, nach Lehre und Arbeit als technischer Zeichner, verließ Heinz Czechowski Dresden, ging nach Leipzig ans Literaturinstitut. Nach dem Studium arbeitete er als Verlagslektor und Dramaturg. 1962 erschien sein erster Gedichtband »Nachmittag eines Liebespaares«. Das poetisch Konventionelle und die naive weltanschauliche Hoffnung, die hier vorherrschten, verloren sich rasch. In den 70er Jahren fand Czechowski zu einer verknappenden, lakonischen, nicht selten sarkastischen Sprache. Er wurde zu einem der wichtigsten Vertreter jener neuen Lyrikergeneration in der DDR, die stärker auf Subjektivität setzte und einen Individualstil verfocht.
    Wobei Czechowski selten metaphorisch umschreibt. Er bevorzugt das direkte Bild, das harte Benennen. Betroffenheit, ein elegischer Grundton beherrschen fortan seine Gedichte. Sein Blick richtet sich auf die bedrohte Existenz der Natur und des Menschen in der Landschaft. Es entstehen Verse, die stets auch von „Geschichtsträchtigkeit" (Wulf Kirsten) bestimmt sind. In seinen nach 1989 entstandenen Texten zeigt er sich noch verletzlicher als früher, bisweilen verzweifelt.

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Heinz Czechowski: »Der Garten meines Vaters«




Merkur, Renatus Deckert, 01. März 2004
Auf eine im Feuer versunkene Stadt
Heinz Czechowski und die Debatte über den Luftkrieg


Finster wie eine Verschwörungstheorie klang das, was W. G. Sebald im Herbst 1997 in seinen Züricher Vorlesungen über »Luftkrieg und Literatur« vortrug. Die Bombardierung deutscher Städte sei von der Nachkriegsliteratur fast durchgängig ignoriert worden. »Der wahre Zustand der materiellen und moralischen Verpflichtung, in welchem das ganze Land sich befand, durfte aufgrund einer stillschweigend eingegangenen und für alle gleichermaßen gültigen Vereinbarung nicht beschrieben werden.« Die Zerstörungen nannte Sebald »ein schandbares, mit einer Art Tabu behaftetes Familiengeheimnis«.
    Sebalds Thesen haben ein gewaltiges Echo ausgelöst. Der Luftkrieg rückte wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses. Im Herbst 2002 erschien Jörg Friedrichs historische Darstellung der alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte, Der Brand, und avancierte rasch zum Bestseller. Wieder war von jenem Tabu die Rede, das Sebald mit Blick auf die deutsche Nachkriegsliteratur diagnostiziert hatte.
    In seinem Essay Zeugen der Zerstörung hat jetzt Volker Hage die These vom Tabu unfreiwillig widerlegt. Aus seiner Darstellung spricht das Bemühen, jede Kritik an der Position des inzwischen verstorbenen Sebald zu vermeiden. Die erstaunliche Anzahl der von Hage aufgeführten Titel zeigt jedoch, daß der Luftkrieg sehr viel häufiger thematisiert wurde, als Sebald hatte glauben machen wollen. Der Essay versteht sich als Resümee der von Sebald initiierten Debatte. Er übernimmt ihre merkwürdig selektive Wahrnehmung. Hage teilt zwar nicht Sebalds Ignoranz gegenüber der in der DDR entstandenen Literatur. Aber seine Bestandsaufnahme weist in diesem Bereich erhebliche Lücken auf. Hage erwähnt, daß sich »die Tabuproblematik« in der DDR von der in der alten Bundesrepublik unterschied. Als Beleg zitiert er Monika Maron, die sich erinnert, daß im Osten vom, wie es hieß, anglo-amerikanischen Angriff auf Dresden gesprochen wurde.
    Hage beläßt es bei dieser Quelle aus zweiter Hand. Der Umgang mit dem Luftkrieg in der DDR interessiert ihn offenbar nicht. Sebald wiederum verfährt mit dem Thema Dresden in seiner Nachschrift zu den Züricher Vorlesungen in erstaunlicher Weise. Er führt den Brief einer Leserin an, die ihn darauf hinwies, daß der Luftkrieg in der DDR durchaus ein Thema gewesen sei. Sie erinnerte an das alljährliche Gedenken am 13. Februar, dem Tag der Zerstörung Dresdens. Sebald kommentiert: Von der Instrumentalisierung dieses Untergangs in der offiziellen Rhetorik des ostdeutschen Staats scheine die Dame keine Vorstellung zu haben.
    Die Ignoranz, die Sebald der Leserin bescheinigt, fällt auf ihn selbst zurück. Gerade an Dresden zeigt sich, wie unhaltbar seine These vom Tabu ist. Die staatliche Instrumentalisierung im Kalten Krieg ändert nichts daran, daß der Luftkrieg in Dresden immer präsent war. Noch Jahre nach den Angriffen prägten Ruinen und leere Flächen das Bild der Stadt. Die berühmteste Ruine war die der Frauenkirche, mit deren Rekonstruktion erst in den neunziger Jahren begonnen wurde. Der brandgeschwärzte Trümmerhaufen mitten in der Altstadt war ein Sinnbild dafür, wie Dresden mit diesem Kapitel seiner Geschichte lebte.
    Im offiziellen Sprachgebrauch war die Ruine ein »Mahnmal für die Lebenden im Kampf gegen imperialistische Barbarei«, so stand es auf einer Tafel. Aber die ideologische Rhetorik vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren sowie zur Zeit der nuklearen Nachrüstung war nur die eine Seite des Gedenkens. Die Trauer der Dresdner über den Verlust ihrer als einzigartig empfundenen Silhouette wog schwerer als die martialischen Schuldzuweisungen an Engländer und Amerikaner von seiten dogmatischer Kommunisten.
    Diese Trauer paßte freilich nicht zum Bild vom sozialistischen Menschen. Dieser sollte sich nicht der Vergangenheit zuwenden, sondern der Zukunft, wo die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft angeblich Realität zu werden versprach. So wurde Dresden von den Mächtigen der DDR stets mißtrauisch beäugt. Die ihrer alten Größe nachtrauernde Residenz an der Elbe bildete einen Gegenpol zu den »fortschrittlichen Kräften« in Berlin. Ein Tabubruch war das Gedenken der Dresdner nicht. Allerdings sah der Staat eine Provokation darin, daß sich das Gedenken in den achtziger Jahren in die Kirchen verlagerte und mit den Friedensgebeten gegen das Wettrüsten verband. Eine kämpferische Haltung gegenüber den Westmächten hätte der Staat den Fürbitten der Dresdner vorgezogen. Von all dem weiß Sebalds Essay nichts.
    Es genügt ein Blick in das Werk von Volker Braun, einen der offiziellen Rhetorik unverdächtigen Dichter von Rang. Dresdens Andenken heißt ein autobiographischer Text von 1995. Er erzählt von dem Phantomschmerz, den die schwelenden Trümmer seiner Geburtsstadt in ihm hinterließen und der bis heute anhält. Gustav Seibt nannte Dresden die »Brandstätte«, auf der Brauns »Wortschöpfungen voller Pathos und Philosophie mit ihrer Spannung von Scharfsinn und Versmaß, Eleganz und Entsetzen, Trauer und Witz erst entstehen konnten«. Dies belegen etliche Texte aus DDR-Zeiten. Auch für Heinz Czechowski, Karl Mickel und B. K. Tragelehn war die Zerstörung Dresdens eine am eigenen Leib erlittene Erfahrung, die sich in ihre Texte eingeschrieben hat. Weder bei Sebald noch bei Hage ist von ihnen die Rede.
    Heinz Czechowski hat den Verlust seiner Heimatstadt immer wieder thematisiert und die Brandnacht als auslösendes Moment für sein Schreiben bezeichnet.(Die Gedichte von Heinz Czechowski erschienen in der DDR im Mitteldeutschen Verlag. Heute gibt der Grupello Verlag in Düsseldorf sein Werk heraus. Zuletzt erschienen der Lyrikband Seumes Brille sowie die Essaybände Einmischungen und Der Garten meines Vaters, die Teil 1 und 2 einer Schriftenreihe bilden.) Auf eine im Feuer versunkene Stadt heißt eine Anthologie von 1990, die Lyrik und Prosa über Dresden aus allen bis dahin erschienenen Bänden Czechowskis versammelt. Das »Eindringen von Bombenflugzeugen in einen Kindheitsraum« nennt er »eine Welterfahrung, Erfahrung größerer Welt, eine tragische, eine vom Tod betroffene«.
    Er war zehn Jahre alt, als er vom Dach eines Vorstadthauses den Feuerschein des brennenden Dresden sah. Später hat er die Geschehnisse dieser Nacht mehrfach beschrieben. Die Ungläubigkeit der Hausbewohner, die plötzlich der nackten Angst weicht. Das Entsetzen, als die ersten Menschen eintreffen mit verrußten Gesichtern und sagen, »daß es die Stadt nicht mehr gibt«. In Dresden hatte man nicht an einen Angriff geglaubt. Legenden wurden gestrickt, die dieses Gerücht belegen sollten. Sogar von einer Großmutter Churchills war die Rede, die angeblich in Dresden lebte (Churchill selbst war damals siebzig Jahre alt). In dieser Nacht zerschlugen sich alle Hoffnungen, daß die Stadt den Krieg unversehrt überstehen würde.
    Czechowski erinnerte sich später an die Atmosphäre im Luftschutzkeller: »Das Licht ist verloschen. Die Dunkelheit bebt. Die Türen springen schreiend aus den Riegeln. Ein riesiges Rauschen und Dröhnen, in das sich wie dunklere Punkte die Detonationen einzelner, ganz in der Nähe einschlagender Bomben mischen, ist um uns. Meine Mutter hat mich an sich gepreßt.«
    Den Angriffen auf Dresden fielen 35 000 Menschen zum Opfer. In dem Gedicht Ich und die Folgen hat Czechowski die lebenslängliche Empfindung der Überlebenden in Worte gefaßt: »Ich / Bin verschont geblieben, aber / Ich bin gebrandmarkt«. Nicht nur das unmittelbare Erleben der Katastrophe erwies sich als Prägung. Auch der Anblick der verbrannten Leichen und der Verwüstung fraß sich in das Gedächtnis: Bilder einer Stadt »zwischen Feuer und Frost, ein Steinmeer in beunruhigender Gestaltlosigkeit zwischen lieblichen Hügeln, ... bewohnt von Ratten und Toten, ausgetilgt in einer Nacht«.
    Etliche solcher Beschreibungen finden sich bei Czechowski. Es sind heute die letzten Zeugnisse vom zerstörten Dresden: neben Fotografien und den Zeichnungen des Dresdner Malers und Holzschneiders Wilhelm Rudolph, der monatelang zwischen den Ruinen unterwegs war, um durch seine Federzeichnungen das Ausmaß der Zerstörung für die Nachwelt festzuhalten. Eine solche Haltung war den Ideologen jedweder Couleur suspekt. Ähnlich wie Rudolph war auch Czechowski geradezu manisch auf Spurensuche: »Ich bin fast jeden Tag in der Stadt gewesen, um die Trümmerberge zu betrachten und die Geschichte buchstäblich durch die Nase einzusaugen.«
    Bereits 1962 in seinem ersten Gedichtband Nachmittag eines Liebespaares spricht Czechowski über die verbrannte Stadt: »Damit wir es nicht vergessen, / woher wir gekommen sind«. Einem ähnlichen Impuls folgten Volker Braun, Karl Mickel und B. K. Tragelehn in ihren Gedichten über Dresden. Aber keiner von ihnen kam so oft auf den 13. Februar 1945 zurück wie Heinz Czechowski. Die Texte dieser vier Autoren hatten nichts gemein mit den ideologisch gefärbten Reden von Partei und Staat. Im Gegenteil: Ein Gedicht wie Karl Mickels Dresdner Häuser kollidierte mit der staatlich verordneten Auffassung, weil es den optimistischen Aufbauliedern der fünfziger Jahre geradezu entgegengesetzt war. Nicht die Trümmer der Vergangenheit sollten ein Thema für Dichtung im Sozialismus sein, sondern das, was darauf neu entstand. Der sozialistische Aufbau rief bei diesen Autoren jedoch ebenso starken Widerspruch hervor wie die Instrumentalisierung der Zerstörung.
    Der Anfang von Johannes R. Bechers Nationalhymne gibt das Pathos wieder, mit dem er propagandistisch begleitet wurde: »Auferstanden aus Ruinen / Und der Zukunft zugewandt«. Mickel hat Bechers Hymne in seinem Gedicht barsch zurückgewiesen: »Das Neue Leben blüht nicht aus Ruinen / Da blüht Unkraut«. Das »Neue Leben« war das Schlagwort in den Anfangsjahren der DDR. Es geht zurück auf Schillers Schauspiel Wilhelm Tell. Darin finden sich die Verse: »Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, / Und neues Leben blüht aus den Ruinen.« In einer Rede des Dresdner Stadtrats Herbert Conert am 13. Februar 1946 heißt es: »Immer hat neues Leben aus den Ruinen geblüht.« Diese Losung sollte die Überlebenden aus ihrer Apathie wecken. Volker Braun zitiert in Dresdens Andenken drei sarkastische Verse aus einem seiner Gedichte. Sie stellen das Schlagwort vom »Neuen Leben« in seiner ganzen Fragwürdigkeit aus: »Das liebe Dresden Tal der Ahnungslosen / Die wollten doch das NEUE LEBEN sehn / Die Toten blicken in die rosige Zukunft.«
    Der Abriß der Ruinen steht symptomatisch für den Umgang mit der Vergangenheit in der DDR. Schon 1953 stellte Bertolt Brecht fest: »Wir haben allzufrüh der unmittelbaren Vergangenheit den Rücken zugekehrt, begierig, uns der Zukunft zuzuwenden. Die Zukunft wird aber abhängen von der Erledigung der Vergangenheit.« Mit der Erledigung hatte man es sich in Dresden einfach gemacht. Die Altstadt war nach der Enttrümmerung nicht mehr wiederzuerkennen: Dresden wurde einem rigiden Aufbauplan unterworfen, der der Stadt ein neues Gesicht gab. Immerhin gelang es Denkmalschützern, eine Reihe von Ruinen zu retten. Die zerstörte Semperoper etwa wurde später rekonstruiert und am 13. Februar 1985 wiedereröffnet. Anderes fiel bedenkenlos dem Neuaufbau zum Opfer. Es ging dabei weniger darum, die Vergangenheit mit einem Tabu zu versehen. Vielmehr standen die schwarzen Barockruinen den neuen Bauten im Geiste Stalins im Weg. Und warum sollte ein atheistischer Arbeiter- und Bauernstaat Interesse daran haben, Schlösser und Kirchen wieder aufzubauen? Stellt man sich diese Frage, muß man sich eingestehen, daß in Dresden mehr erhalten blieb als in mancher Stadt im Westen.
    Die gewaltsame Verdrängung der Geschichte war dennoch nicht zu übersehen. Die Kahlheit der neuen Stadt wies geradezu auf das Verlorene hin. Der 1947 geborene Dresdner Dichter Thomas Rosenlöcher hat denn auch von einer dreifachen Zerstörung gesprochen. Dresden als Drama in drei Akten: »Bombardement, Abriß, Wiederaufbau«. Auch Czechowski hat den sozialistischen Aufbau vehement kritisiert. Eine Rekonstruktion des alten Dresden fünfzig Jahre später hält er jedoch für unhistorisch.
    In dem Gedicht Postplatz verspottet er den Neubau der Frauenkirche als »geklonte Kuh«. Seine Ablehnung begründet er damit, daß das alte Dresden nicht mehr existiere. Der Verzicht sei die einzige Möglichkeit, es zu überleben: »Auch wenn man manches wieder aufgebaut hat, was an früher erinnert, der Zwinger oder die Oper, so ist es doch heute eine andere Stadt.« Die rekonstruierten Gebäude sind für ihn im Sinne Walter Benjamins nicht auratisch, sondern nur eine Kopie dessen, was vor dem Krieg an ihrer Stelle stand. Czechowski sieht nur den »Widerspruch, der / In den Steinen sitzt«.
    Die Trauer über den Verlust seiner Heimatstadt trübt nicht Czechowskis Blick auf die Dresdner Realien. Dies gilt auch für die Frage nach der Schuld. »Ich sah / Wie die Bomben fielen, / Ein Feuer, metaphernlos, / Schlimmer als Einsamkeit, eine Angst, / Die sich fraß / In die Augen der Kinder.« So heißt es in dem Gedicht Hybris von 1974. Der Titel deutet es an: So tief Czechowskis Trauer ist, so klar ist seine Bewertung des alliierten Bombenkriegs. »Man hat keinen Grund, sich zu beschweren. Wir haben schließlich mit Coventry und Rotterdam angefangen.« Dieser Standpunkt prägt seine Gedichte über Dresden aus fünf Jahrzehnten. Czechowski spricht jedoch nicht nur vom Luftkrieg. Im Jahre 1990 schreibt er den Satz: »Ein in Schuld verstricktes Volk zahlt zum Schluß immer den Preis für seine Duldsamkeit gegenüber den Machthabern.« Die Zerstörung der Stadt müsse mit ihrer nationalsozialistischen Vorgeschichte zusammengedacht werden. Bereits 1963 in dem Gedicht Frühe hatte Czechowski gewarnt, die Vergangenheit durch eine Lüge zu ersetzen. Später war die Rede von der »Stadt / Mit ihren Häusern / Und ihren guten Vergessern«.
    Wenn er in seinen Texten die Bilder der Kindheit wiederaufleben läßt, kommt er auf das Verdrängte zu sprechen. Es geht ihm dabei nicht um die Schuld der Potentaten des Dritten Reichs oder lokaler Nazigrößen, sondern um die Schuld der einfachen Leute aus der Nachbarschaft. »Schuhmachermeister Stephan ist Vorsitzender der Schützengilde. Klempnermeister Spoerke Nazi aus Überzeugung. Er kommt eines Tages erblindet aus dem Feld und erzählt, wie das Blut der Juden, die er erschoß, an die Wand spritzte. Sind das seine letzten Bilder, bevor der Flammenwerfer bei einem Partisaneneinsatz ihn blendete?« Die Begebenheiten, die Czechowski schildert, hat er vor der Haustür einer Dresdner Wohnung gesehen oder gehört. Er schreibt als Zeitzeuge, der auf dem Wahrheitsgehalt des von ihm Erzählten beharrt.
    Das »Familiengeheimnis«, von dem Sebald sprach, waren die braunen Flecken in den Biographien vieler Deutscher. Der Luftkrieg ist nie ein Tabu gewesen, nicht in Dresden. Das zeigen jene Texte, denen Sebald und Hage keine Beachtung geschenkt haben. Spätestens seit dem 1967 erschienenen Gedicht Auf eine im Feuer versunkene Stadt hat der Untergang Dresdens Heinz Czechowskis Schreiben bestimmt. Daß inzwischen auch die letzten Spuren der Zerstörung aus Dresdens Stadtbild getilgt werden, fügt der ästhetischen Qualität dieser Texte einen dokumentarischen Wert hinzu. Czechowski hätte darauf verzichtet, wenn dafür die Dresdner Brandnacht in der Ruine der Frauenkirche lebendig geblieben wäre. »Ein besseres deutsches Denkmal ist kaum vorstellbar. Es wäre der Ort gewesen, uns unserer Geschichte bewußtzuwerden.«

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Heinz Czechowski: »Der Garten meines Vaters«




Dorothea von Törne, neue deutsche literatur, 01. November 2003
Vom Wüten der Bulldozer im Paradies
Heinz Czechowskis Spaziergänge in sächsischen und anderen Gefilden


Heinz Czechowski wandert mit einem Rucksack voller Kommentare zur politischen Tagesgeschichte Deutschlands und Europas durchs Land. Für den skeptischen Melancholiker bleiben auch in der Landschaftsprosa die Themen seiner Lyrik bestimmend: das Reisen, das sich durch die Zeiten wandelnde Verhältnis von Mensch und Natur, Dichter- und Künstlerfiguren und der Vorgang des Schreibens selbst. Das in frühen Gedichten wie »Dresdner Vorstadt 1945« und »Aus der Kindheit« zur Sprache gebrachte Kindheitstrauma, das Erleben der Zerstörung Dresdens in der Bombennacht vom 13. zum 14. Februar 1945, aus dem sein gesamtes Schaffen erinnernd schöpft, prägt die Erzählungen »Landschaft der Kindheit: Wilder Mann« und »Dunkler Tag«. Aus der traumatischen Erfahrung der Todesnähe resultiert das Motiv der im Feuer versunkenen Stadt, das Czechowski erstmals in seinem zweiten Lyrikband »Wasserfahrt« (1967) so benennt und das er in allen Schaffensperioden immer wieder neu und anders aufgreift. Seinen Sprachduktus charakterisiert das verhalten trauernde Erinnern. Mit der Vernichtung einer unwiederbringlichen Kulturlandschaft ging die Zerstörung kindlicher Gewißheiten einher. Die sinnliche Wahrnehmung von Landschaft in ihrer Prägung durch die Geschichte wird zum Kernstück Czechowskischer Prosa. Von der Sammlung »Spruch und Widerspruch. Aufsätze und Besprechungen« (1974) über die Erzählung »Von Paris nach Montmartre« (1981) bis zu den Prosabüchern »Herr Neithardt geht durch die Stadt« (1983), die Prosa-Lyrik-Anthologien »Auf eine im Feuer versunkene Stadt« (1990) und »Nachtspur« (1993) reicht die Folge von geschichtlich grundierten Bildern von Orten und Landschaften, die - zusammen mit verstreut publizierten und bisher unveröffentlichten Prosatexten - jetzt in »Der Garten meines Vaters. Landschaften und Orte« thematisch gebündelt worden sind.
    In der Arbeit des Erinnerns und Bewahrens nimmt der Autor über Jahrzehnte immer wieder Ortsmotive wie Garten, Haus, Stadt und Friedhof auf und konfrontiert sie mit den sich verändernden Erfahrungen des Ichs und dem jeweiligen Zeitgeist. Garten und Friedhof sind Refugien, in die sich das erzählende Ich zurückzieht, um von da aus die Welt zu betrachten. Dieses Spannungselement strukturiert nicht nur in »Die Elbe bei Pieschen« die Prosa Czechowskis. Es sind archetypische Orte. So hat in der Titelerzählung der Garten des Vaters mit seinen alten Apfelbäumen für das Kind durchaus die Züge eines Paradieses einschließlich Sündenfall: die Mißachtung von Verboten. Trotz beschaulich wirkender Bank ist der Garten keine Idylle, sondern ein Zeugnis der Zeit: Aus dem einstigen Ziergarten in der Prosaminiatur »Das Haus I« wird während der frühen Kindheit des Erzählers, also in den Kriegsjahren und danach, »eine wundervolle Wildnis«, während für die Erwachsenen der Nutzgarten lebensnotwendig wird.
    Als zeitlicher Bezugspunkt rückt der Krieg ins Bild. Die Schritte des Kindes in der Stille des Gartens werden von feindlichen Tieffliegern überdröhnt. Die beiden Apfelbäume haben den Krieg überlebt, fallen aber in der Nachkriegszeit Bulldozern zum Opfer, als der Garten einer Schule für Kinder der sowjetischen Besatzer weichen muß. Auch die Menschen sind vom Krieg bestimmt. In der Titelerzählung ist es Herr Eichler, ein schon älterer Mann, den der Krieg verschonte; in »Das Haus I« eine »Frau Hulda verw. Köhler«. Der Krieg als Ursache ihrer Witwenschaft ist leicht zu erraten. Was Wolfgang Hilbig in seiner Erzählung »Ort der Gewitter« atmosphärisch dicht beschreibt: die Männerlosigkeit der Nachkriegszeit, legt Czechowski in die suggestiv wirkende Wiederholung des unabänderlichen Attributs »verw.«, das Frau Hulda anhaftet. Herr Eichler betreibt eine Metalldreherei, Frau Hulda nimmt ihr Leben als strenge Hausund Konditoreibesitzerin tatkräftig selbst in die Hand. Die Erzählung »Die Elbe bei Pieschen« bietet einen ganzen Kosmos von Dresdner Gewerbe- und Kleingewerbetreibenden - von der alten Martha, die mit ihrem Ziegenwägelchen nestfrische Eier bringt, über Herrn Förster mit seiner Nutria-Farm bis zu Leder-Kühne, bei dem »der Führer« seine Ledermäntel arbeiten läßt. Selbst die geringsten Nebenfiguren sind sozial charakterisiert.
    Zu Czechowskis besten Prosatexten gehören - neben der Titelerzählung - »Die Elbe bei Pieschen«, »Herr Neithardt geht durch die Stadt«, »Von Paris nach Montmartre« und »On the Ferry«. Alle fünf sind literarisch durchkomponierte Erzählungen, in denen sich konfliktreiche Figuren bewegen: das Kind, das erstmals die engen Grenzen seiner häuslichen Umgebung überschreitet; der Maler Grünewald (Neithardt) als Wiedergänger; das Ich, das als ein Wir getarnt Pariser Friedhöfe durchstreift, und die Figur des Erzählers, der sich - sich mit der Bildwelt des Dichters Erich Arendt auseinandersetzend - auf eine Schiffsreise begibt. Die Erzählungen beziehen ihre innere Spannung aus der Konfrontation des Ichs mit Werten der Vergangenheit und der Gegenwart. Diese Konfrontation wird hier sprachlich strikt durchgehalten und nicht - wie in anderen Prosatexten - durch Reminiszenzen, gedankliche Abschweifungen und Statements zur jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Lage in Deutschland perforiert. Sie wären in Essays besser aufgehoben. Die meisten Texte sind keine reinen Erzählungen oder Prosaminiaturen, sondern Mischformen. Folgerichtig kündigt der Untertitel »Schriften« an. Allerdings sind die Orten und Landschaften gewidmeten »Schriften 2« literarischer als die polemischen Feuilletons und Essays, die Czechowski vor drei Jahren unter dem Titel »Einmischungen. Schriften l« publizierte.
    Wo historische Momente als Teil eines Prozesses beschrieben werden, wirken die Texte spannend, so »Die Bockwindmühle in Brehna«. Czechowski deckt den Widerspruch zwischen der mythischen Aura des Ortes und der historisch konkreten Wirklichkeit auf. Wo Traum, Ahnung und Phantasie Stille und Geborgenheit vortäuschen, enthüllt der Autor mit technischen Details der beschriebenen Gegenstände, mehr aber noch mit sozialen und gesellschaftlichen Reminiszenzen die Existenzbedingungen der einzigen noch gewerbsmäßig arbeitenden Bockwindmühle Deutschlands abseits der zerfallenden Tagebau- und Industrielandschaft um Bitterfeld. Wie in den meisten Prosastücken fehlt es auch hier nicht an geschichtlichen, kulturpolitischen, kunsthistorischen und literarischen Überlegungen. Zitate von Thomas Mann und Erich Arendt über die Gegend, ironische Erinnerungen an Goethe-Besuche auf dem nahen Petersberg, mehr aber noch Hinweise auf das fünfbändige Saalkreis-Kompendium des Barons von Schultze-Gallera oder gar das Zitat einer elfzeiligen Begriffsdefinition der Mühle aus einem Lexikon des 18. Jahrhunderts rücken den Prosatext Czechowskis in die Nähe eines kulturgeschichtlichen Reiseführers oder einer Abhandlung. Ich wünschte mir freilich weniger Bildungsgut und mehr wirkliches Erzählen.
    Kind, Wiedergänger, Friedhofsflaneur und Schiffsreisender sind Zeitzeugen und zugleich Figuren zwischen den Zeiten. Die besondere Leistung des Erzählers besteht in der atmosphärisch dichten Beschreibung der sich verändernden heimatlichen Kulturlandschaften in und um Dresden, Radebeul, Leipzig, Halle, Weimar, im sorbischen Wuischke und in Brehna. Ein sächsischer Heimatdichter ist Czechowski nicht. Seine Texte leben von den Bezügen der Provinz zu Weltgeschichte und Weltkultur. Dabei ist er - wie 1966 in seinem Streitgespräch mit Adolf Endler (»Wann zerbrichst du das Fenster«) - auch 2003 in »Der Fluch des Pilatus« immer noch auf der Suche nach Wahrheit. 1981 suchte er sie mit allen Sinnen in Paris (»Von Paris nach Montmartre«), 1987 dachte er in Amsterdam und Den Haag über die Ohnmacht Europas vor der Bürokratie nach (»Holländischer Abend«), 1988 entzauberte er den Mythos Rom (»In Rom«). 1994 stellte er die Magie, das Irrationale und die Toleranz der Fragment gebliebenen Mole Antoniellana in Turin dem deutschen Denkmälern innewohnenden Größenwahn entgegen (»Mein italienischer Winter«). Der »versottenen Revolution« gedenkt er nicht nur in Bukarest im Frühsommer 1992, Osteuropa kehrt als Vergleichsgröße in vielen Texten wieder, zumal wenn es um Erinnerungen an DDR-Verhältnisse geht.
    In seinen Texten über Landschaften und Orte ist der Erzähler Chronist, Interpret und zugleich Kritiker seiner Zeit. Insbesondere die nach 1989 entstandenen Prosaschriften halten die gesellschaftlichen Veränderungen von Orten, Landschaften und ihren Bewohnern in der Nachwendezeit fest. Sie enthalten Beobachtungen und persönliche Stellungnahmen, die Teile eines biografischen Prozesses sind, Erkenntnisse, Korrekturen und Selbstkorrekturen inbegriffen. Wo beobachtete Veränderungen dem Charakter der historisch gewachsenen Kulturlandschaft nicht entsprechen, übt Czechowski harsche Kritik; der Archivar und Restaurator in ihm kommen zu Wort. Beim Balancieren auf der Grenzlinie zwischen Zweifel und Hoffnung befindet sich der Autor zumeist auf der Seite des Zweifels, zumal wenn es um die Zerstörung von Kulturwerten der Vergangenheit und die Vernichtung der natürlichen Umwelt geht.
    In »Dem Nichts einen Namen geben« (1998) stellt der Erzähler fest, daß der Garten seines Vaters endgültig der Vergangenheit angehört. Er läßt ab vom Refugium seiner Kindheit: »... ich habe vergessen nachzusehen, was aus dem Schulneubau geworden ist.« Der Garten der Kindheit scheint sich für Czechowski als Thema erledigt zu haben. Nicht so der Friedhof. Friedhöfe sind ideale Orte für Czechowskis Schreiben. Hier treffen sich Geschichte und Kultur, Landschaft, Natur und Individuum im abgegrenzten Raum, entfalten sie ihre widersprüchliche Wechselwirkung scheinbar mühelos über optische Reize und Assoziationen. Geräusche und Gerüche dringen aus den Straßen und Plätzen der Städte in die Refugien der Stille, in denen sich das Ich in der Konfrontation mit den Verblichenen seiner selbst in Augenblicken vergewissert. Der Friedhofsbesuch ist seinem Wesen und seiner Struktur nach eine poetische Situation. Dem Lyriker Czechowski kommt zudem die allen Friedhöfen eigene Melancholie entgegen. »Am dauerhaftesten auf Erden ist die Trauer« - dieses Zitat der Dichterin Anna Achmatowa (1978 in einem ironischen Prosatext über die marode DDR verarbeitet) ist im Grunde das Motto seines Schreibens. Und nirgends ist der Prozeß des Röstens, Verwesens und Zerbröckelns so allgegenwärtig wie auf Friedhöfen. Sie gehören deshalb zu den Orten, die Czechowski immer wieder beschreibt. Als Flaneur bewegte er sich in der 1981 veröffentlichten Reiseerzählung »Von Paris nach Montmartre« über die Pariser Friedhöfe Père Lachaise und Montmartre. Den historischen Friedhöfen seiner Herkunftsstadt Dresden aber widmete er sich erst 1993 in dem Text »Von Totenstuben und Schwibbogen«.
    Verglichen mit der Erzählung über die beiden Pariser Friedhöfe wirkt die Beschreibung der Dresdener Gottesäcker merkwürdig hölzern, eher wie ein kulturgeschichtlicher Streifzug durch die Geschichte der Totenstätten, gespickt mit Kuriosa. Hier historische Abhandlung, dort lebendige Zwiesprache mit dem Dichter Heinrich Heine. Hier lediglich ein name-dropping mit Friedrich von Schlegel und Carl Maria von Weber - dort eine dichte Beschreibung der Atmosphäre und ein intensives Befragen der Wirklichkeit auf der existentiellen Suche nach dem Sinn individuellen Lebens. Wie kommt es, daß Czechowskis Erzählung über die Pariser Friedhöfe weitaus besser ist als die über Begräbnisstätten im ihm doch so nahe liegenden Dresden? Vielleicht ist es gerade diese Nähe, die die künstlerische Phantasie zügelt und eine freiere poetische Betrachtung nicht zuläßt. Persönliche, geschichtliche und menschheitliche Erfahrungen verschmelzen für den Autor nur am Gräberfeld der Kommunarden. Die Mur des Fédérés wurde - gespickt mit Zetteln und Fotos - zum Symbol der Niederlagen von Weltverbesserern aller Kontinente.
    Friedhöfe als Orte des Erinnerns geben Czechowski Auskunft über das Verhältnis der Zeitgenossen zur Vergangenheit und ihren jeweils geltenden Werten. Jüdische Friedhöfe sind da besonders aufschlußreich. 1993 findet der Autor den »Alten Jüdischen Friedhof« (in »Von Totenstuben und Schwibbogen«) verschlossen und er fragt sich: »Muß man erneut seine Schändung befürchten?« Zehn Jahre später sucht er vergebens den jüdischen Friedhof seines Wohnviertels. Der jüdische Friedhof ist verschwunden, umgewandelt zu einem kleinen, längst verkommenen Park. Der Zustand dieser Friedhöfe weist auf Defizite des gesellschaftlichen Bewußtseins: den Verfall humaner Werte und das Vergessen von Geschichte. Czechowski aber ist ein Bewahrer des Humanen und ein Unbequemer, dessen Lamento über Bulldozer im Paradies den Zeitgenossen in den Ohren klingt.

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Heinz Czechowski: »Der Garten meines Vaters«