Zurck zu : Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff

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Holger Bning, Jahrbuch fr Kommunikationsgeschichte, 01. Juni 2004
Sverkrps Liederjahre

Buch und CD-Edition, beides beraus sorgfltig ausgestattet, dokumentieren wesentliche Teile des Werkes Dieter Sverkrps, der als Liedersnger, Musiker und Komponist seit den frhen sechziger Jahren fast zwei Jahrzehnte zu den wichtigsten bundesrepublikanischen Vertretern der sogenannten Liedermacher gehrte.
Sie dokumentieren die ganz eigene Quellengattung der Liedpublizistik und ermglichen eine Zeitreise in die frhe Bundesrepublik, da das politische Lied ab Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland fr einen begrenzten Zeitraum eine ffentlichkeit ganz eigener Art konstituiert. Dichterkomponisten formulieren in ihrer Muttersprache Beschreibungen der Gegenwart und Beobachtungen, wie sie damals in der breiten Medienlandschaft noch keinen Raum erhalten. Fast seismographisch vorangekndigt mutet es an, wie hier zunchst von Einzelnen ein Unbehagen an der eigenen Gesellschaft ausgedrckt und der Weg fr eine Kritik gebahnt wird, die nur wenige Jahre spter erhebliche Teile der jungen Generation und der linksliberalen Intellektuellen erfassen wird.
Dieser Proze, engstens verbunden mit der Entstehung der 68er-Bewegung, ist nicht nur politik- und kulturgeschichtlich von Interesse, sondern auch literatur-, musik- und nicht zuletzt kommunikationsgeschichtlich aufschlureich: Fr eine kurze Zeit entsteht mit der politischen Liedpublizistik eine Gegenffentlichkeit, in der zunchst nichtprofessionelle Autorinnen und Autoren sich vor einem schnell grer werdenden Auditorium artikulieren und gemeinsam mit ihrem Publikum Druck auf die etablierten Medien entwickeln, sich der Kritik an einer restaurativen Gesellschaft zu ffnen, die, wie dies die Snger sahen, in ihren Strukturen und ihrem politischen Personal mehr vom Gestern als von der Lust an Demokratie geprgt war.
Mit der Kraft des poetischen Wortes wird die gerade erwachsen werdende Bundesrepublik mit Bildern der Gegenwart und mit Zukunftsentwrfen konfrontiert, die eine intensivere und wirksamere Beteiligung der Bevlkerung an den politischen Geschften fordern. Die Snger politischer Lieder treffen damit ein Zeitgefhl, das am Ende der sechziger Jahre Eingang auch in die Massenmedien finden wird und beispielsweise die Buchproduktion der groen Verlage nachhaltig verndern sollte.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Fritz Wolf, Freitag, 18. Juli 2003
Lieder aus dem Lpptopf
WIEDERVERWENDUNGSMILIEU
Dieter Sverkrps Liederjahre, neu aufgelegt


Seit 1989 hat Dieter Sverkrp nicht mehr auf der Bhne gestanden. Nur in diesem Jahr 'hat er zweimal eine Ausnahme gemacht, in Dsseldorf und Berlin. Aber nicht als Auftakt und neuer Aufschwung, eher als wiederholte Schlukadenz und als Bilanz. Der Liedermacher Dieter Sverkrp bleibt eine linke Erinnerung. Seine Musikerjahre berblickt er jetzt in einem Buch, Sverkrps Liederjahre, flankiert von einer vierteiligen CD Edition. Es besteht Nostalgiegefahr.
Dem beugt das Buch mit mehrerlei Tricks vor, sprachlichen und visuellen. Udo Achten als Herausgeber scheint dem Liedermacher den erzhlenden Text abgelistet zu haben. Er setzte ihm die Lieder und Gedichte auf einem Laptop vor die Nase und erffnete ihm damit die Mglichkeit, um die alten Texte herum Geschichten zu spinnen, Vor- und Nacherzhlungen beizufgen, bissige oder ironische Anmerkungen anzubringen und auch Figuren aus den Liedern zu einem virtuellen Eigenleben hervorzuholen. Den Laptop verwandelt Sverkrp kokett einen Lpptopf (die Assoziation zu lppisch mu bei einem Wortbastler als absichtsvoll vorausgesetzt werden) und tritt mit der Kiste in eine Art fiktiven Dialog, den man auch ein Selbstgesprch nennen kann. Dazu hat Sverkrp noch 40 Grafiken aus seiner reichen Werkstatt ins Buch gestellt. Sie treten auf schne Weise mit den Texten in Dialog, verhalten sich nicht als illustrative Beigaben, sondern behaupten sich als eigenwillige, manchmal surreale, immer krftige Kommentare zur Lage.
Der Aufwand hat sich gelohnt. Fr nostalgische Anwandlungen wird die Luft dnn und der Leser luft schnell auf die Frage zu: Welche Texte haben gehalten, welche berlebt? Welche Gedanken tragen noch, welche nicht mehr? Auch hier hat der Autor der Neigung vorgebaut, die Fragen allzu endgltig zu beantworten. Er will die Prsentation seiner Texte eher beilufig verstanden wissen und stellt sie metaphorisch wie Sperrmll an den Straenrand, etwa wie eine alte elektrische Uhr, die ihren Geist aufgegeben hat: Aber jetzt mal angenommen, ganz zufllig, kommt in geschmackvollem Plunder-Look, eine Ausstattungsknstlerin vorbei, Schwerpunkt Fernsehdekoration. Sie erblickt die Uhr und stutzt. Genau das sucht sie seit Wochen fr die Ausstattungsserie Unter unserem Tisch. Sie prft den Fund und jubelt: Kaputt ist sie auch schon. Oder ein verspteter Entdecker der Langsamkeit entdeckt hier endlich eine Uhr, die garantiert nicht vorgehen kann. Andere potentielle Finder sind denkbar. Ob sie kommen werden, wei niemand. Ausgeschlossen werden kann es grundstzlich nicht.
In diesem Wiederverwendungsmilieu also soll man die Texte ansehen und die Lieder anhren, ob sie sich noch anschauen und anhren lassen - ein ganz schner Frischhaltetrick. Sperrmll also, Fundgrube nicht nur fr die bekannten Sverkrpiaden wie den Baggerfhrer Willibald und den Kryptokommunisten. Wer sich drauf einlassen will, kann hier eine kleine Reise antreten durch die Geschichte der BRD. Ein Blick in die Hallstein-Zeit, als die DDR sehr pfui und die Politik vom Wandel durch Annherung noch nicht formuliert war. Ein Hinweis auf Heinrich Lbkes sauer-lndische Zwergschulkarriere. Krftige Seitenhiebe auf den Kunstrummel der Abstrakten in der Nachkriegsjahren. Ein pointiertes Hinsehen auf das Jahr 1967, als durch den Schah von Persien in Westberlin die deutschen Achtundsechziger Jahre erffnet wurden. Oder die Schlieung der Phrix-Werke, einem Textil-Betrieb in Krefeld zu einer Zeit, die heute schon fast als Jahre der Vollbeschftigung durchgehen konnten. Zeitgeschichte also, verdichtet, vergrbert, verfeinert.
Enthalten sind, wie sollte es anders sein, auch die Irrtmer der Linken. Etwa der, die BRD der siebziger Jahre fr protofaschistisch gehalten und in den Notstandsgesetzen schon die knftigen KZs erblickt zu haben (Lagerlied). Aber Sverkrp wei, die Weltgeschichte fhrt immer wieder auch die Satiriker an der Nase herum.
Je nach Sperrmll-Bedarf mag die Wertschtzung der Fundstcke unterschiedlich ausfallen. Haltbar scheinen vor allem die aggressiven Anti-Texte, verblat dagegen jene, die den Sozialismus loben wollen. Am schnsten glnzen die ironischen und die sarkastischen. Die Revolution ist beendet (1970) etwa - Viele Revolutionen wurden beendet / in letzter Zeit / Mu sich doch rumgesprochen haben / Spricht sich doch sonst alles rum - ein ironisch-satirisches Pamphlet erster Gte. Oder die Eloge aufs Mutterland, Fr ein Schullesebuch gedacht (l 970): Du lassest dich schamlos bebarzeln, bespringern / sie flicken dir eins unterm Zeuge. / Sie machen dir abs und zu einen Krieg, / sie halten dich blde und feige, / ein Liebchen, das Geld gibt und je nach Bedarfe / geschlachtet werden kann. Zu entdecken wre auch der surrealistische, manchmal auch anarchistische Sverkrp. Der Wortaufrhrer und produktive Wortverdreher mit seinen Wortspielen von der agitproperen Kunst, den Unterwanderstiefeln, mit der widerspruchsfrohen sthetik und dem dm Widerwortschatz. Schmerzhaft merkt man beim Durchlesen, wie sehr heute Satiriker und Sarkastiker seines Kalibers fehlen, die sich den Politsprachmll vornehmen und den Merkels und Schulzens ihre Phrasen geschrft zurckschieen. Und, kaum geringer zu bewerten, wie sich die unangepate musikalische Eigenart gehalten hat, noch einmal (und dringlich empfohlen) nachzuhren auf den CDs: Sverkrps rasante Jazzakkord-Kaskaden, ber die er seinen Sprechgesang trmt.
Schlielich wren noch zu erwhnen die Poesie und der lange Atem. Sverkrp hat am Ende etwas Schnes versteckt, in einem Glossar, zu spter Stunde, als seine Phantasiefiguren schon das Lpptopf-Feld gerumt haben. Das Gedicht handelt vom portugiesischen Mandelbaum und endet mit den Zeilen: Krummer geschundener Mandelbaum / seht wie er ungebeugt ist / da habt ihr einen der nie ein Jahr / zu blhen vergit.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




ekz-Informationsdienst, Katharina Boulanger, 01. Mai 2003
Sverkrps Liederjahre

Wer erinnert sich, hat ihn gar selbst noch erlebt? Den Politbarden, Liedermacher, Agitator, der auf Strae und in Veranstaltungen (oft unter Polizeiaufsicht), spter im eigenen Theater auftrat, Ostermarschierer begleitete, beim DDR-Festival des politischen Liedes mitwirkte und immer dabei war, wenn linker Protest gegen verkrustete Machtstrukturen aufstand? Mit seinen politischen Liedern, die oftmals direkter, plakativer waren als die seiner Weggefhrten Vterchen Franz Josef Degenhardt, Dieter Husch, Fasia. Wie in der schnen Mr vom Kryptokommunisten (dann zieht der Kommunist die Unterwanderstiefel an) artikulierte und bestrkte er das Lebensgefhl derer, die gegen den Vietnam-Krieg und die Notstandsgesetze, gegen Strau, die Berufsverbote und den Monopolkapitalismus waren. In dem mit eigenen Radierungen und Stichen illustrierten Buch geben seine Lieder und Texte, knallhart und treffend formuliert, Zeugnis einer Epoche ab. Fr die, die dabei waren, ein Stck Leben, das zu reflektieren sich lohnt. Fr die jngere Generation Teil der Entwicklung zu unserem heutigen Staat und seiner Gesellschaft.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Deutschlandfunk, Corso - Kultur nach 3, Stephan Gritz, 17. März 2003
Liederjahre Die gesammelten Werke von Dieter Sverkrp jetzt als Buch und 4-CD-Box

Unter den Urgesteinen der bundesdeutschen Liedermacherszene wie Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt oder Reinhard Mey war er stets derjenige, der das politische System Westeuropas am unnachgiebigsten kritisierte und fr die soziale Marktwirtschaft ausschlielich den Namen Kapitalismus gelten lie.

Die Rede ist von Dieter Sverkrp, geboren 1934 in Dsseldorf, gelernter Werbegraphiker und von den Sechzigern bis in die frhen Achtziger erfolgreicher Autor, Komponist und Snger politischer Lieder, geehrt mit dem Heinrich-Heine-Preis Ost genauso wie mit dem Deutschen Kleinkunstpreis West. Jetzt hat er eine Auswahl seiner Lieder zu einer Werkausgabe zusammengestellt, fr eine 4-CD-Box mit den technisch aufbereiteten Originalaufnahmen von den alten Platten und fr ein Buch, in dem er die Liedtexte spter entstandenen Graphiken gegenberstellt.

Er wolle seine alten Lieder nicht verhren, sagt Sverkrp, sondern sie einfach hinstellen, wie man gebrauchte Gegenstnde an bestimmten Abenden auf die Strae stellt, allen Vorbeikomenden zur beliebigen Aneignung. Jedenfalls bis zu ihrer endgltigen Vermllung.

Vorher hat sich Stephan Gritz mit dem Alt-Barden getroffen, am Rande des Festivals Musik und Politik in Berlin.

Die Wegwerfgesellschaft (Dieter Sverkrp), Ausschnitt

Wieviel gute Huser werden abgerissen? / Wieviel teure Wohnungen stehen nutzlos rum? / Wieviel Frhrentner eben-falls? / Und das ist noch gar nichts. / Wieviel greifbare Zukunft wird vertan fr Panzer und Kanonen und den Profit von zehn Familien? / Und das ist noch gar nichts. / Wieviel Millionen Menschen wurden verfttert an Maschinengewehre und Bomber in zwei reienden Kriegen? / Fr nichts als die Erhaltung der Wegwerfgesellschaft. / Und da regt man sich auf wegen ein paar Hunderttausend abeitslosen Jugendlichen?

Da die Wegwerfgesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes eine Gesellschaft zum Wegwerfen ist, das war Dieter Sverkrp schon ganz frh aufgefallen:

O-Ton Dieter Sverkrp:

Oh, das begann, als die Diskussion in der frisch gegrndeten Bundesrepublik losging ber die Frage, ob man wieder eine Armee, Militrdienst und so etwas haben wollte. Ich bin Jahrgang 34 und war so elf Jahre, als der Krieg zu Ende war. Ich habe eine ganze Menge vom Krieg mitgemacht und wute ganz genau, Krieg und Militr und so etwas will ich auf gar keinen Fall

und der gelernte Werbegrafiker beschlo, nicht mehr nur immer neue Kaufanreize zu Papier zu bringen, sondern Lieder, gegen die Wegwerfgesellschaft, Lieder, die politisch sind, ohne in purer Propaganda zu enden. Zu kunstvoll sind die Reime, geradezu sverkryptisch die Wortspiele, wenn vom Korrumpelstilzchen gesungen wird oder vom Omnibo, oder wenn Sverkrp in den Alptrumen der braven Brger den Kommunisten seine Unterwanderstiefel anziehen lt.

Die politischen Schlufolgerungen des Barden sind immer ganz einfach, oft zu einfach, hier die bsen Bosse, da die guten Arbeiter, wie in seinem populrsten Lied vom Baggerfhrer Willibald. Die Anregung dafr verdankt Dieter Sverkrp brigens seinem Sohn Ben heute Pianist und damals, mit zweieinhalb, groer Baustellenexperte:

O-Ton Dieter Sverkrp:

Eines Tages erzhlte er zum Beispiel, da der Baggerfhrer am Feierabend mit dem Bagger nach Hause fhrt, den Bagger vor der Haustre abstellt, dann raufgeht, mit seinen Kindern ein bichen spielt, zu Abend it, und am nchsten Morgen wieder in den Bagger steigt und zur Baustelle fhrt.

Und da muten wir leider sagen, meine Frau und ich: Nee, so ist das nicht. Dem gehrt ja der Bagger nicht. Aus dieser Frage ergab sich eine neue Frage undsoweiter undsofort und im Laufe einer Woche eine jeden Tag etwas weiter gefhrte Diskussion, und am Schlu hatte ich dann eigentlich schon die Geschichte.

Der Baggerfhrer Willibald (Dieter Sverkrp), Ausschnitt

Der Willibald kriegt Wut. / Er sagt: Das ist nicht gut. / Er steigt auf eine Leiter: / Hrt her, ihr Bauarbeiter! / Der Bo ist, wie ihr seht, / zu bld.

Und kurzerhand wird auf der Baustelle ein Sozialismus en miniature eingefhrt, wird der Bo enteignet und sein Haus von den Bauarbeitern den sozial Schwachen zur Verfgung gestellt. An dieser Vision mag Dieter Sverkrp auch mehr als dreiig Jahre spter nichts herumradieren. Radierungen akzeptiert er nur als graphische Kunst, der er sich wieder verstrkt zugewandt hatte, als seine getftelten Lieder mit den eindeutigen Botschaften immer schwerer ein Publikum fanden. Jetzt treten alte Lieder und neue Radierungen, vereint in einem Buch, in einen reizvollen Dialog, und Sverkrp fiel pltzlich auf

O-Ton Dieter Sverkrp:

da ich ttschlich ohne es wirklich selbst zu wissen, ohne es zu spren, ohne es zu wollen hnliche Themen in diesen bildnerischen Dingen weiterverarbeitet habe. Es ist im Grunde eigentlich so, da ich Malerei und Zeichnerei eher als eine Art von Literaturgattung betreibe.

So liegen mit Buch und CD-Box nicht nur Erinnerungsstcke auf dem Tisch an eine Zeit, in der die Weltbilder noch so schn bersichtlich waren die Edition will auch Appell sein, einen Traum nicht aufzugeben, nur weil er sich bisher noch nirgends auf lngere Sicht verwirklichen lie. Verbesserungsbedarf fr die beste aller Welten besteht fr Sverkrp mehr denn je, seit sich der Osten als permanente Provokation verabschiedet hat:

O-Ton Dieter Sverkrp:

Ich erinnere mich an ein Gesprch mit einem, der nun wahrlich nicht im Verdacht steht, ein Freund des Sozialismus zu sein. Das war ein sehr reicher Mann, ein Brsenspezialist, der lange in der Bank Of England gearbeitet hat, fr den Beruf erstaunlicherweise auch ziemlich gebildet war, und der sagte, das war so etwa um 1980 herum: Bewahre uns Gott vor dem Zusammenbruch dieses Ostblocks, denn was dann in der Finanzwelt passiert, das, frchte ich, wird unwgbar und frchterlich sein! Und der Mann hat recht gehabt, nicht?

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Rheinische Post, Claus Clemens, 05. März 2003
Wer kriegt die Miete blo? Der Boss!

Politsongs Die Achtundsechziger kehren zurck, wenn man in Sverkrps Liederjahren blttert - einem Buch mit Texten des Dsseldorfer Polit-Sngers und Gitarristen Dieter Sverkrp. Die Themen: Notstandsgesetze, Vietnamkrieg, Entschdigung von Fremdarbeitern.
1967 wurden durch den Schah von Persien in West-Berlin die deutschen achtundsechziger Jahre erffnet. Ein Volltreffer mit Witz; der auf den Nenner gebrachte Auslser eines Generationenkrieges um Restauration und Revolution, um verdrngendes Beharren und erinnerndes Aufbegehren. In den siebziger und achtziger Jahren quoll die Bundesrepublik ber vor Themen fr Politbarden. Von drben sang Wolf Biermann herber, was er in seinem Staat nicht singen durfte. Und hben hatten wir Wolfgang Neuss, Franz-Josef Degenhardt oder Hannes Wader.
Und mit Dieter Sverkrp denjenigen, der die pfiffige deutsche Wirkungsformel vom verhaten Tyrannen auf dem Pfauenthron erfand. Wen htte man besser zu seinem Lieblingsfeind erklren knnen als den persischen Kaiser, der seine Untertanen nach Feudalherrscherart kujonierte? Und dessen Folteropfer der Yellow Press mit ihren bunten Aufmachern von glamourser Hofhaltung keine Zeile wert waren.
Das Beispiel Iran belegt gleichwohl die kurze Halbwertzeit vieler 68er-Themen, denn dem pragmatischen Tyrannen folgte in dem Land das fundamentalistische Mittelalter. Und wer in den Siebzigern die DDR als klassenlosen Modellstaat besungen hatte, der konnte nach der einzig historischen Revolution der Deutschen im verfallenen Osten den Nachkriegsmief betonkpfiger Pankow-Kommunisten in Augenschein nehmen.
Nichts spricht also dagegen, die Agitations- und Politballaden jener Zeit einfach zu vergessen. Aber sollte man nicht wenigstens noch einmal reinhren in he Best of? Und schon singt man mit, bei Dieter Sverkrps Lied vom Baggerfhrer Willibald:

Es ist am Morgen kalt.
Da kommt der Willibald
Und klettert in den Bagger
Und baggert auf dem Acker
Ein groes tiefes Loch.
Was noch?

Heraus kommt dabei ein Haus. Klingt ein bichen nach der Sendung mit der Maus, fr die Sverkrp brigens gelegentlich Texte schrieb. Allerdings folgt schon wenige Zeilen spter der eingngige Agitprop:

Und in das Haus hinein
ziehn feine Leute ein.
Die Miete ist sehr teuer.
Kost' siebenhundert Eier.
Wer kriegt die Miete blo?
Der Bo!

Also Klassenkampf fr das Kinderzimmer? In der Tat sind manche Reime so eingngig wie unsere Erinnerungsverse von einer frheren Gut-Bse-Welt.

Ich bin der Fahrer Adobar,
weil ich ein fremdes Auto fahr
Es ist sehr gro und braucht viel Plotz.
Und es gehrt dem Herrn von Rotz.

Als Grorotz galt damals FKF (sprich: Friedrich-Karl Flick). Sverkrps Kapitalismus-Kritik ist nur scheinbar reduziert auf Entenhausen, Flick auf die Dukatenente Dagobert. Es ist die leider verlorengegangene Kunst vieler Politbarden jener Jahre, da sie den politischen Auseinandersetzungen, die hufig von eskalierenden Stimmungen und Gewaltbereitschaft begleitet waren, ein griffig-mitreiendes Ventil verschafften.
Wobei auch Sverkrp mehr Register beherrschte als flotte Kinderreime. Seine Balladen zu den Not-
Standsgesetzen, dem Vietnamkrieg, der damals schbigen Regelung zur Entschdigung von Fremdarbeitern sind anspruchsvolle politische Liedtexte, pointenreich und mit berraschenden Wechseln verschiedener Genres.
Die meisten Texte sind jetzt nachzulesen in dem Buch Sverkrps Liederjahre 1963-1985ff. Eingebettet in eine witzige, wenngleich etwas gesuchte Rahmenhandlung vom Kampf des Dichters mit seinem Lpptopf, bietet sich ein verdichteter berblick ber die gesellschaftlichen Konflikte dreier Jahrzehnte dar. Manches erschliet sich unmittelbar oder ist noch in lebhafter Erinnerung. Bei anderen, zeitgebundenen Themen offeriert Sverkrp dem Leser eine Glossar genannte Hintergrundinformation. Schwerpunkt des bekennenden Kommunisten (17 Jahre Mitglied der DKP) ist natrlich der Systemvergleich mit einer idealisierten Sicht auf die DDR.
Doch in seinem Buch und auch beim persnlichen Gesprch nimmt der Autor jeder Nach-Wende-Hme den Wind aus den Segeln. Hierzu bedient er sich der Metapher vom Sperrmll. Der sei auch geschmacksgebunden, irgendwann zu Ballast geworden und finde dann, zum Abtransport vor die Tr gestellt, immer wieder Liebhaber, die auf der Suche nach einem bestimmten Zeitwert seien. In gleicher Weise stelle er auch seine Lieder in das Nutzungs-Belieben der Leser.
Dieter Sverkrp ist heute so alt wie das Jahr, in dem die Studentenrevolte begann. Damals, 1968, hatte der ausgebildete Grafiker bereits lange Arbeitsjahre als Bildgestalter in einer Werbeagentur hinter sich. Aber auch, wie er gern erzhlt, eine berraschende Karriere als Musiker.
Der Autodidakt an der Gitarre spielte seit 1955 bei der Jazzband The Feetwormers zusammen mit dem spteren Wirtschaftsminister Manfred Lahnstein. Und wurde durch einen Geschwindigkeitsrekord mit Bachmusik bei einem Festival zum besten Jazzgitarristen ernannt. Erst danach begann seine Zeit als Politbarde. Doch mit Balladen, glaubt Sverkrp, der seit ber zwanzig Jahren - natrlich ohne Auto und ohne Fahrer Adobar - in der Altstadt wohnt, sei in unserer Zeit der thematischen Kurzlebigkeit keine Schnitte mehr zu gewinnen.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Zeitschrift fr bndische ltere, 01. März 2003
Liederjahre

ffentliche Auftritte sagt er inzwischen nur noch selten zu, aber aus der Kulturszene der rebellischen Zeiten der Bundesrepublik ist er nicht wegzudenken - der Snger, Musiker und politische Poet Dieter Sverkrp. Seine Lieder gehrten dazu, wie die von Franz Josef Degenhardt, als die neue Jugendbewegung der 1960er und 70er Jahre sich regte, bei den Ostermrschen oder bei den Waldeckfestivals, bei den Lehrlingsprotesten oder den Demos gegen die Raketenrstung. Jetzt hat Dieter Sverkrp seine Liedtexte und kabarettistischen Erluterungen von damals dokumentiert und mit eigenen Radierungen illustriert; ein hchst anschauliches Buch zur Geschichte der Opposition im einstigen Wirtschaftswunderland ist daraus geworden. Ein nicht unwesentlicher Teil des Buches befindet sich auerhalb desselben in der Gestalt einer CD-Ausgabe, enthaltend die klanglichen Erscheinungen des Ganzen.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Neues Deutschland, Hanno Harnisch, 25. Februar 2003
Ah, das geht ran mit dem Sperrmll
Sverkrps Liederjahre - eine gesungene Buchvorstellung auf dem Festival Musik und Politik


Mit Ska-Punk aus Hamburg hatte das diesjhrige Festival Musik und Politik am Donnerstag angefangen. Mit einem ungewhnlichen Konzert in der Berliner Distel ging es am Sonntagabend zu Ende. Ob es im nchsten Jahr weitergeht...
Dieter Sverkrp hat 1989 sein allerletztes Konzert gegeben. Da stand ich schon richtig neben mir und hrte in meine Entwicklung rein. Es hrte auf, Spa zu machen. Hier und da hat er noch was geschrieben. Mal fr Zupfgeigenhansel, mal fr eine gewerkschaftliche Zukunftswerk statt. Aber eigentlich hat er ber Nacht aufgehrt, ein Liedermacher zu sein. Wenn andere in so einem Alter ihren Ruhestand vorbereiten (Sverkrp wird nchstes Jahr 70!), ist das vllig normal. Bei ihm wird immer wieder nach dem Grund gesucht. Dabei ist alles ganz einfach. Irgendwann war fr mich die Sache knstlerisch erledigt. Es funktionierte nicht mehr. Eigentlich wei ich aber auch nicht. Es kommt vor.
Nun ist es bei weitem nicht so, da er das dolce far niente fr sich entdeckt hat. Als Grafiker, Geschichtenautor (Sendung mit der Maus) hat er gut zu tun, auch als Lehrer fr praktische Poetik an der Folkwang-Hochschule war er gefordert. Jedes einzelne wre manchem sein Ganzes. Das Liedwerk ist also abgeschlossen. Nunmehr auch mit einem Buch. Und fr dieses Buch hat der Philosoph unter den Agitatoren eine Ausnahme gemacht. Das heit, eigentlich zwei. Denn im Herbst 2002 war Sverkrps Liederjahre fertig, nach drei Jahren Arbeit und einem Lebenswerk. Bei der Buchvorstellung im Dsseldorfer Heinrich-Heine-Institut brach er sein Schweigegelbde und hat noch ein letztes Mal gesungen. Ein vorletztes, denn Lutz Kirchenwitz, unermdlicher Agent des politischen Liedes, konnte ihn zu einem zweiten Auftritt berreden, in der Hauptstadt. Da Dieter Sverkrp gerne zu seinem Worte steht, lie er sich die Konstruktion der Duplizitt des Singulren einfallen. Und stand auf der Distel-Bhne, so als htte er erst gestern seinen letzten Auftritt absolviert, und morgen schon kommt der nchste.
Ein eigentmliches Buch. Ein eigenwilliges Konzert. Kein Wort wird geplaudert, er liest aus dem Manuskript, singt an die zwanzig Lieder. Natrlich ist Der Touristenflamenco dabei. Noch einmal hre ich die Erschreckliche Moritat vom Kryptokommunisten. Und ich erfahre rund um die Lieder und die Figuren darin eine ganz eigenstndige Geschichte. Das kam nmlich so: Beim Versuch, die eigenen gebrauchten, quasi antiquarischen Texte fr die Verffentlichung noch einmal durchzusehen, begibt sich der Autor in die virtuelle Welt eines Laptop (Lpptopf, wie er ihn in seiner ganz persnlichen Senioren-ans-Netz-Sprache nennt). Dort wandelt er auf abenteuerliche Weise durch die Welt seiner Lieder, lt gar einige handelnde Personen ein virtuelles Eigenleben fhren. Und er lt seine Hervorbringungen, statt sie zu verhkern, einfach dahingestellt sein, ganz wie man gebrauchte Gegenstnde an bestimmten Tagen auf die Strae stellt, allen Vorbeikommenden zur beliebigen Aneignung. Sperrmll. Das soll es sein. Und mitten drin an die siebzig seiner Lieder. Das jngste Lied ist zwanzig Jahre alt. Das lteste hat er geschrieben, da war er schon dreiig. Sverkrps Liederjahre. Abgeschlossenes Sammelgebiet. Ein Buch ist daraus geworden, kurzweilig und bequem von vorne nach hinten zu lesen sowie mit 40 nachtrglichen Radierungen des Urhebers versehen.
Herausgegeben hat dieses, nach Kauf durch geneigte Leser geradezu rufende Buch, ein Herr Udo Achten. Zehn Jahre jnger als unser Autor, hat er frher bei der Gewerkschaft dessen Werke gerne im Bauchladen verkauft. Und wie das so ist, jetzt wollte er eigentlich auch mal ein Buch ber den verehrten Meister machen. Nur ber meine Leiche, so Sverkrp anfnglich. Und dann mu der Kollege Achten sehr viel richtig gemacht haben. Zum Beispiel eben die Idee, dem Verlag einen nagelneuen Laptop aus dem Kreuz zu leiern und darauf (fast) alle Sverkrp-Texte zu spielen. Und dann gab es, was allerdings nahe lag, noch die Idee, Radierungen des Autors als
Illustrationen zu verwenden. Sie hingen auch am Sonntag im verrauchten Treppenhaus der Distel. Auf einer ist eine Kugel zu sehen, die, eine groe Schmutzwelle vor sich hersplend, eine Stadt am Berghang berrollt. Zwei nackte
Fe versuchen noch, den Unglcksball zu bremsen... Darunter steht: So ein Krieg, wenn er klappt.
Nachtrgliche Radierungen hren sich ein wenig an, wie Korrekturen am Gesamtwerk. Ist aber nicht der Fall. Durch die Freigabe als Sperrmll landen die Texte neben so vielem, das nicht wieder heimgefhrt werden kann in die vertraute Hackordnung von Angebot und Nachfrage. Zwischen lauter Gegenstnden gleichen Schicksals liegen sie dann und die Zeit verrinnt auch ohne ihr Zutun, bis schlielich ... Doch ganz so schlimm soll es nicht sein. Sverkrp ist verhalten optimistisch ob des Gebrauchswerts seines Sperrmlls: Jetzt mal angenommen, ganz zufllig, kommt im geschmackvollen Plunder-Look, eine Ausstattungsknstlerin vorbei, Schwerpunkt Fernsehdekoration. Sie erblickt die Uhr und stutzt. Genau das sucht sie seit Wochen fr die Wohnkchenserie Unter unserem Tisch. Oder angenommen, jemand sucht fr den Tacho seiner privaten Weltraumstation ein originelles Zifferblatt. Oder ein verspteter Entdecker der Langsamkeit findet hier endlich eine Uhr, die garantiert nicht vorgehen kann... Auch andere potenzielle Finder sind denkbar. Ob sie kommen werden, wei niemand. Ausgeschlossen werden kann es grundstzlich nicht.
Sic praeterit irreparabile tempus. So vergeht die Zeit, die nicht mehr zu reparieren ist. So mancher im Publikum htte dem Dieter Sverkrp am Sonntag gerne gesagt, da er doch weitermachen soll. Schlielich hat er wie kaum ein Zweiter Kapital Kapital und Arbeit Arbeit genannt. Die Sozis getrieben, die Zuversicht beschrieben, fr die Zeit, wenn dieser Morgen kommt. Und der Baggerfhrer Willibald ist sogar Schulstoff. Vielleicht sind das genau die Grnde, warum es keine neuen Lieder mehr gibt. Da ist einer bereit, Geschichte zu sein, auch wenn er sich mit ihr nie abgefunden hat.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Dsseldorfer Hefte, Dr. Olaf Cless, 01. Februar 2003
Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff in Text und Ton Gitarre und Kaltnadel

bervolles Haus hatte vor ein paar Monaten das Dsseldorfer Heinrich-Heine-Institut: Der Andrang galt einer Matinee mit Dieter Sverkrp, der sein neues Buch Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff vorstellte, und zwar sowohl vorlesender als auch (zur Gitarre) singender Weise. Einen solchen Auftritt des Liedermachers, der frher neben Degenhardt, Wader und Bierrnann zu den Bekanntesten der Zunft zhlte, hatte es lange nicht mehr gegeben - und sollte es auch, wie Sverkrp von vornherein betonte, nicht wieder geben. Zwar hat sich der 68jhrige Knstler nun doch noch zu ein paar Folgeterminen - u. a. in der Berliner Distel - berreden lassen, doch das ndert nicht die prinzipielle Sachlage: Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff sind, wie schon der Titel klar sagt, ein Rckblick, eine Bilanz, und nicht etwa Signal fr ein Comeback als Liedermacher - so dringend man sich einen so hellwachen kritischen Barden hier und heute auch wnschen mag.
    Ein neuer Sverkrp lacht den Leser und Betrachter seines Buches aber dennoch an, nmlich in Gestalt von 40 Radierungen, die den Text phantasiereich umspielen und unterwandern. Die Radierungen im Buch sind keine bloen Illustrationen zu den Liedern, es sind ganz eigene Bilderfindungen - groteske Portrts, metaphorische Szenerien, hintersinnige Stilleben, historisierende Studien, surreal angeknackste Landschaften oder auch einfach mal das melancholische Konterfei eines hinflligen alten Hauses irgendwo im Ruhrgebiet. Sich von seiner bildknstlerischen Seite zu zeigen, darauf legt das Dsseldorfer Multitalent mehr denn je Wert. Nicht umsonst gehrte zur Buch Prsentation im Heine-Institut auch die Ausstellung der entsprechenden Originalradierungen. Und auch auf der Groen Kunstausstellung NRW krzlich konnte man einigen Arbeiten von Sverkrp begegnen.
    Sverkrps Liederjahre enthlt die Texte von ber 70 Songs - in ihrer Form sehr vielgestaltige, pointierte und pointenreiche Einmischungen gegen Aufrstung und Vergangenheitsverdrngung, Notstandsgesetze und Vietnamkrieg, Satiren auf den deutschen Michel und die Kulturschickeria - etwa Wie man in Dsseldorf eine Kunstausstellung erffnet (1963) -, Lieder ber die antikommunistischen Berufsverbote, ber das DDRgernis, geschmierte Abgeordnete, die Wegwerfgesellschaft und vieles mehr. Was bleibt von all diesen garstigen Kunststcken, entstanden aus aktuellen Anlssen und aktueller Notwehr, damals, zu Zeiten von Adenauer, Erhardt, Lbke, Strau, Brandt, Schmidt? Welchen Nutzen knnen heutige Leser und Hrer daraus ziehen, welche Aha-Erkenntnisse gewinnen? Genau das fragt sich, in aller Bescheidenheit, auch Dieter Sverkrp selbst, und so hat er das alte Material in einen neuen, launigen Erzhl- und Plaudertext eingebettet, der fr Distanz, Reflexion und Grbelei sorgt. Da fhrt der Autor seine Werke von damals wie ein Trdelanbieter vor, plaudert ber Entstehungshintergrnde und den Wandel der Zeiten (der in vielem ein Nichtwandel ist), sinniert ber manch gut gemeinte Irrungen und durchschlagende Selbstverpuffer, lt Kunstfiguren wie etwa den erhmten Baggerfhrer Willibald aus den Liedern treten und ein lebhaftes Palaver ber das Fr und Wider anstimmen.
    Trotz - oder gerade wegen - der selbstkritischen Zwischentne in seiner Rckschau ist Dieter Sverkrp sich und seinen Grundberzeugungen treu geblieben. Warum sollte er auch nicht? Schreien die globalen Probleme von heute etwa nicht nach durchgreifenden Vernderungen? Gibt es nicht Grnde genug, den schrankenlosen Turbokapitalisrnus zu frchten? Und fhren Hochrstung, Sbelrasseln und militrisches Dreinsehlagen die Menschheit nicht immer tiefer in die Sackgasse? Die Neutronenbombe ist eine echte Friedensgarantie, stichelte Sverkrp schon vor 25 Jahren, denn die USA knnen den Frieden ja nur dann glaubwrdig verteidigen, wenn sie ber eine ausreichende Kriegsgefahr verfgen.
    Wer Sverkrps Liederjahre noch besser verstehen und auskosten will, sollte sich die unter gleichem Titel erschienenen vier CDs anhren: So klingen oder klangen sie, all die aufgekratzten, widerborstigen Gesnge, mal solistisch mit der Gitarre, hufiger von kleinen Ensembles begleitet, bei denen man dann auch auf so bekannte Namen wie Charly Antolini, Wolfgang Dauner oder Mike Herting stoen kann. Im ausfhrlichen Booklet erzhlt Sverkrp weiteres Wissenswertes aus seinem gesammelten Nhkstchen, nicht ohne den einen oder anderen Zwischenseufzer, was er heute alles anders machen wrde, wenn, ja wenn ... Wahrscheinlich war er schon immer der allerkritischste seiner Hrer.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Westflische Nachrichten, Uwe Rasch, 16. Januar 2003
Entstaubte Lieder

Aufllig, wie aktuell die Politbarden der demokratisch bewegten 60er Jahre heute wieder sind: Degenhardt, Hsch, Sverkrp. Zugegeben, das bekenntnishafte Vokabular vom Klassenkampf bis zu Genossen wirkt ein wenig antiquiert. Ein ideologischer Notnagel der Zeit. Aber befreit man die Texte vom sprlichen linken Lametta, bleibt ein widerborstiger Kern, der das politik- und republikverdrossene Gemt wieder klarbrstet. Die Abse und Flickse, die Notstandsgesetze, der Vietnarnkrieg, der Bolschewismus - Namen und Ereignisse, alles austauschbarer Tand. Heute haben wir Afghanistan und Irak und viele kleine und groe Politskandale - nur die Banken sind dieselben. Und eben die Zustnde. Bereits damals war den Linken die SPD ein viel zu weichgekochter Verein.
Rolf Limbachs bewundernswertes kleines Label Contrr hat in den letzten Jahren viele der alten Klassiker auf CD zugnglich gemacht (darunter das legendre Quartett 67 mit Hsch, Sverkrp, Degenhardt und Neuss sowie Wolfgang Neuss Live im Domizil). Jetzt gibt es das gesammelte Liederwerk von Dieter Sverkrp auf vier CDs in einer wunderbar gestalteten Box. Parallel dazu und unentbehrlicher Begleiter ist das Buch mit smtlichen Texten der sprachverspielten, agitproperen Lieder und vielen erluternden Kommentaren zu Zeit und Musik im gleichen Stil. Sverkrp hat sich 1985 von der Bhne zurckgezogen und seitdem wieder strker seinem erlernten Beruf, der Grafik, zugewandt. Buch und Box sind ppig ausgestattet mit den Radierungen des Grafikers: allesamt sinnlich, verspielt, augenzwinkernd und saftig, wie der Ton seiner Lieder. Das Niveau haben gegenwrtig bestenfalls Pispers und Schmickler. Neue Dichter braucht das Land? Solange es die alten noch tun, mu man nur deren Lieder entstauben.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Westdeutsche Zeitung, Elisabeth Grn, 28. Dezember 2002
Frisch, frech und frei
Sonntagsmatinee mit dem Grupello Verlag im Heinrich-Heine-Institut:
Dieter Sverkrp zieht mit Liederjahre ein Resmee


Den berwiegenden Teil der groen Hrerschaft bildete die Schar der 68er, und 68 zhlt er mittlerweile selbst: Dieter Sverkrp wurde mit begeistertem Applaus begrt, sprach Hier bin ich Buch, hier bin ich CD und las und sang denn auch. Was er allerdings als singulres Ereignis verstanden wissen will, denn sein eigentliches Abschiedskonzert fand bereits im Jahr des Mauerfalls statt.
    Da der Liedermacher und Graphiker, der 1957 zum besten Jazz-Gitarristen Deutschlands gekrt wurde, der mit Degenhardt, Husch und Neuss zusammenarbeitete, Bildgeschichten fr die Sendung mit der Maus entwarf und Trger des Deutschen Kleinkunstpreises ist, noch einmal zur Gitarre griff, ist dem Dsseldorfer Gewerkschafts-Historiker Udo Achten zu verdanken. Der htte den Vielseitigen gern kompakt im Buch griffbereit gehabt und initiierte die nun vorliegenden, knapp 300-seitigen Sverkrps Liederjahre mit 40 fantastischen und gesellschaftskritischen Radierungen des Autors. Parallel dazu erschienen vier digital aufgearbeitete CDs. Anla fr Sverkrps vorlufig letzte Session.
    Die Augen des Mannes mit dem kurzgeschorenen weien Haarkranz blinzeln in vollem Understatement durch die Lesebrille, kleine Patzer gehen im Publikumsschmunzeln unter, ohne Brille singt's sich eh besser. Sverkrps Liedvortrag lebt von der intellektuellen Frische und Frechheit der 68er, aktuell ist vieles geblieben. Offenbar hat der lustvolle Protest von damals wenig gekratzt; Namen wie Flick haben an Klangqualitt nichts eingebt, das Cogito ergo konsum gilt ungebrochen, und auch heute noch finden sich zu Erffnungen von Kunstausstellungen ein uni gekleidetes Publikum, Mercedes-Benzyniker oder CDU - christlich demokratischer Untergrund ein.
    Auch die Tonlage ist 68: schnell-intellektuelle Versprecher entlarven Nazifloskeln, in der verbalen Schulinie liegen Spiebrger, Kapitalisten (Es schnieselt der Re-Aktionr) und konservative Politik. Kommen die Lieder auch verspielt daher, mit Versatzstcken von Gebet, Kinder- und Volkslied, so stehen sie doch in Zynismus der Gegenseite in nichts nach. Sverkrps Sprachspiele allerdings sind mehr als Schlagwortdokument oder fr den Tag geschrieben, sie bieten vielmehr Anla zu vergnglicher neuer Zielfindung.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




fiftyfifty, Dsseldorf, Olaf Cless, 01. Dezember 2002
Die Hand solle ihm abfallen, wenn sie noch jemals ein Gewehr berhre, tnte einst Franz Josef Strau. Dann wurde er Verteidigungsminister und betrieb tatkrftig die Remilitarisierung, ja versuchte sogar Atomwaffen in die Finger zu kriegen (die ihm darob mitnichten abfielen). Um jene Zeit war's, da der Dsseldorfer Grafiker Dieter Sverkrp immer hufiger zur Gitarre griff und die auerparlamentarische Bewegung mit Chansons, Sprechgesngen, Ein-Mann-Oratorien u. . versorgte: Sverkrps Liederjahre brachen an. Seine Einmischungskunst bewegte sich auf hohem Niveau, Sprache und Sprachspiele blitzten, die Pointen saen, der Hrer kriegte ordentlich was zum Mitdenken, auch die Musik war kein plattes Links-2-3-4. Bis in die 80er Jahre hinein waltete er Barde seines (nicht immer unheiklen) Amtes, dann besann er sich wieder verstrkt auf seine bildnerische Begabung. Die Hinterlassenschaften der garstigen Liederjahre ruhten seither in Kisten und Ksten. Doch nun hat sich der jung gebliebene Alt-68er (so viele Lenze zhlt er) dazu bewegen lassen, das Hab & Gut neu zu doku- und kommentieren. Er tut's auf originelle, reflektierte, auch selbstkritische Weise. Und fgt 40 fulminante Radierungen bei.

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Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«




Unsere Zeit, Gerd Deumlich, 22. November 2002
Erbauliches Wiedersehen, -lesen, -hren

Was ist schon so ein Zeitungstext gegen den leibhaftigen Auftritt des Knstlers, mit dem er das Buch ber seine Liederjahre mit Wort und Gesang vorstellt? Ich htte allen, die ich hiermit fr diesen wunderbaren Band interessieren mchte, den launigen Vormittag im Dsseldorfer Heinrich-Heine-Institut gegnnt. So schn fllt eine Buchprsentation wohl ganz selten aus. Obwohl es politisch zuging. Eindeutig, einseitig. Wem kann das den Spa verderben?
    Aber nun ist dieses Buch da, eine literarische Delikatesse und eine bibliophile Raritt: Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff, kurzweilig und bequem von vorne nach hinten zu lesen sowie mit 40 nachtrglichen Radierungen des Urhebers versehen. Dank dem Herausgeber Udo Achten, dem Grupello-Verlag und natrlich dem Autor, da sie dieses Buch gemacht haben. Eine umfassende Sammlung von Sverkrps Liedertexten aus Jahren, an die man sich heute schon erinnern muss, und was den Vormittag an einem trben Herbsttag dieses Jahres zu dem erbaulichen Wiedersehen mit Dieter Sverkrp machte.
    Fr viele von uns, seine Zeitgenossen, lebt noch mal auf, was das fr bewegte Jahre waren, als sich die Restauration so richtig breit machte und festsetzte in diesem Land, wo Sverkrps widerborstige Gesnge fr uns roter Pfeffer gegen diesen Stumpfsinn waren, in den Konzerten, auf der Strae, Wegbegleiter bei vielen Aktionen, und oft Sverkrp selbst dabei, wie beim Ostermarsch. Kommt da etwa nur rhrselige Nostalgie auf? Nein, Ihr Leute, lest diese Texte oder holt euch wieder mal die alten Plne-Platten auf den Teller, da fllt uns nicht die pure Vergeblichkeit aufs Gemt: Wenn im Unterschied zu damals heute der Kapitalismus fast die ganze Welt wieder unter seiner Fuchtel hat - wie treffend hat Sverkrp dieses alte Scheusal schon damals entlarvt! Fr die Jngeren, die Nachgeborenen, ist daher dieser Band ein exzellentes Geschichtsbuch, woraus sich sarkastisch erklrt, wie dieses Land so geworden ist, wie es heute ist.
    Da fallen einem natrlich auch noch andere Namen ein, mit denen Dieter Sverkrp auch zusammen auftrat: Fasia, Franz-Josef Degenhardt, Hanns-Dieter Hsch, Wolfgang Neuss, Hannes Sttz, die Conrads und, und. Sie haben Unentbehrliches geschaffen, und jeder war und ist einzigartig, wie eben auch Sverkrp.
    Der Band ber seine Liederjahre ist ein Geschichtsbuch nicht nur durch die Texte der Lieder, sondern durch die sachlich erhellenden und herrlich satirischen Betrachtungen auf konkrete Geschichte, die erklren, wie die Lieder zustande gekommen sind. Immerhin hat Sverkrp schon ziemlich zu Beginn seiner Barden-Karriere mit einem Song gegen die Notstandsgesetze einen Bundesinnenminister aus dem Saal gesungen. Eigentlich kann man keines der Lieder hervorheben, aber ich nenne halt mal die Erschrckliche Moritat vom Kryptokommunisten, diesen unvergleichlichen Spott auf antikommunistische Bldheit, den Baggerfhrer Willibald, worin schon den lieben Kleinen die Eigentumsfrage nahegebracht wird, den Phrix-Gesang, unmittelbare Solidaritt fr eine Belegschaft, die sich per Streik gegen die Betriebsschlieung wehrte. Und manches knnen wir uns selbst hinter die Ohren schreiben aus der Kunst, Andersmeinende fr den Sozialismus zu gewinnen. Oder Das gesunde Volksempfinden, 1968 geschrieben und heute brennend aktuell mit der Quintessenz: Wer sich vor den Faschisten frchtet, ist den Kapitalismus nicht wert.
    Eines muss ich noch nennen, weil es wieder nach Krieg riecht: den Vietnam-Zyklus. Schon damals die Anmaung des Weltgendarmen, am Beispiel Vietnam zu beweisen, dass wir die Grten sind. Und was hat er aus der grten militrischen Pleite gelernt? Was wir heute zu lernen htten: siehe Sverkrp.
    Also ein ungemein erfrischend belehrendes Buch, wunderschn illustriert (ein besseres Wort fllt mir nicht ein, vielleicht: angereichert?) mit den erwhnten 40 nachtrglichen Radierungen aus den Jahren, seit Dieter Sverkrp nicht mehr als Snger auftrat.
    Da muss ich unbedingt noch die vier CD erwhnen, die Klnge zum Text ..., ein Paket und ein ausfhrliches Booklet mit Kommentaren und Plaudereien von D. S.

Zurck zum Titel:
Dieter Sverkrp, Udo Achten (Herausgeber): »Sverkrps Liederjahre 1963-1985 ff«