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Kölner Stadt-Anzeiger, Ingeborg Schwenke-Runkel, 02. Juli 2005
Das zerbrochene Paradies. Astrid Gehlhoff-Claes las aus "Inseln der Erinnerung"

Eine schmale, ältere Dame sitzt im Schein einer Stehlampe. Sie spricht, und aus dem zierlichen Körper scheint die Stimme eines Mannes zu dröhnen: kraftvoll, tief, humorvoll.
    Ihren Geburtsort Leverkusen kann Astrid Gehlhoff-Claes nicht verleugnen. Der rheinische Akzent schwingt in der Intonation mit. Ein wenig nur. Sie hat nicht irgendwo gewohnt, sondern in Wiesdorf, unmittelbar hinter dem alten Rathaus in der Dienstvilla: Ihr Vater war Bürgermeister. Die Nationalsozialisten setzten Heinrich Claes 1933 ab, und die drei Jungen des neuen Bürgermeisters besetzten den Park, ihr »Paradies des frühen Seins«.
    So beschreibt die heute 77-Jährige in ihrer Biografie »Inseln der Erinnerung« die glücklichen Kindertage. Fünf Jahre war sie alt, als sie aus dem Garten Eden vertrieben wurde. Als Erinnerung an Menschen, die sie geprägt haben, sei die Lebensbeschreibung gegliedert, erklärte sie den Gästen und Mitgliedern des Zonta-Club, der zu dieser Lesung eingeladen hatte. Der Ort, das Bayer-Kasmo, war nicht zufällig gewählt. Wer durch die Fenster schaute, sah das, was Astrid Gehlhoff-Claes lesend ausmalte: die Platanen, den Flora-Tempel. Die Autorin, die über Gottfried Benn promoviert hat, »liebt Bäume wegen ihrer Stärke«. Immer wieder tauchen sie in den Gedichten, die häufig knappster Prosa gleichen, auf: die rosa Magnolien, der Duft der Rhododendren und des weißes Flieders aus dem Garten der Kindheit. Wörter haben die Bilder der Erinnerung eingefangen.
    Wo einst des Bürgermeisters Haus stand, schwingt sich heute die Ypsilon-Brücke über den Europa-Ring. Während Garten und Gebäude nur im Buch weiterleben, leuchtet die zweite große Kinderliebe, das Bayer-Kreuz, immer noch sehr real. Ihr Vater war mit Carl Duisberg - »ein Mann, der aus der Fülle lebte« - befreundet. Zwölf Jahre arbeiteten die beiden Männer zusammen. Auch von diesem Männerbund erzählt die Biografie. In ihrem ersten Kapitel »Zweitausendzweihundert Lichter« wirft sie einen Blick zurück – auf 75 Jahre Leverkusen.

Inseln der Erinnerung: Astrid Gehlhoff-Claes, Grupello Verlag Düsseldorf 2002, 12,80 Euro.

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Astrid Gehlhoff-Claes: »Inseln der Erinnerung«




Junge Freiheit, Tobias Wimbauer, 22. April 2004
Unser sprachlicher Zeitgenosse Lyrik: Gottfried Benn schockiert heute niemanden mehr, vermag Autoren der jüngeren Generation aber immer noch zu inspirieren

Zu guter letzt seien die »Inseln der Erinnerung« empfohlen. Astrid Gehlhoff-Claes, 1928 geboren, promovierte 1953 mit der ersten Dissertation über Benns Lyrik. Benn liebte ihre Gedichte, »ich wollte, es wäre von mir«, hatte er über eines ihrer Gedichte geschrieben. Seine Briefe an Claes sind publiziert (JF 17/03).
    Die »Inseln der Erinnerung« sind liebevolle Erinnerungen, oft mehr an Wege und Bäume denn an Menschen. Sie liebt die Natur, die Gänge mit ihrem Hund Noah. Der Rabe, der Papagei, der Delphin - ihnen hat sie Gedichte gewidmet. »Liebe schafft Stärke«, schreibt sie einmal.
    Doch auch Begegnungen mit Menschen beschreibt sie. Die erwähnte mit Benn; ein Sommer in Harvard, wo sie bei Henry Kissinger ihren späteren Mann kennenlernt; und die vielen Dichterlesungen, die sie in Gefängnissen organisiert; die stillen Abschiede von ihren Töchtern Rachel Gehlhoff und Undine Gruenter, die 2002 verstorbene Schriftstellerin in Paris. Es ist ein stilles, ein schönes Buch, geschrieben aus einer Einsamkeit, die so fern der Vereinsamung ist, denn sie bringt das Gedicht hervor. Gedichte wie »Der Schwan«, aus dem jene vier Zeilen stammen, die Benn auswendig wußte: »Morgens starr' ich auf die stumme Mauer / und der Tag beginnt sein dunkles Spiel. / Glück ist ein Kristall aus Traum und Trauer, / ist ein Trank von Tränen schwer und kühl«.


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Frankfurter Allgemeine Zeitung, Florian Illies, 28. Januar 2003
Einsamer nie, glücklicher nie
Benn im Blick: Autobiographisches von Astrid Gehlhoff-Claes


Erst im Frühjahr letzten Jahres wurde Astrid Gehlhoff-Claes der literarischen Öffentlichkeit bekannt, als ihr Briefwechsel mit Gottfried Benn aus den fünfziger Jahren erschien (F.A.Z. vom 27. April 2002). Nun hat die 1928 geborene Autorin, die 1953 mit einer Arbeit über Benn promoviert wurde, ihre Autobiographie vorgelegt, ein stilles, poetisches Buch, in dem die Erzählerin mit angenehmer Distanz auf zentrale Episoden ihres Lebens blickt. Mit 104 Seiten für sieben reiche Jahrzehnte im Banne der Lyrik bleibt das Buch so bescheiden, wie es die Autorin immer war.
    Die »Inseln der Erinnerung« beginnen in der Gegenwart, in der Düsseldorfer Rheinallee, ihrem Wohnort, den sie mit einer kleinen Skizze ebenso ins Reich der Poesie verlegt wie das nächtlich leuchtende Bayer-Kreuz über Leverkusen. »Im Bergpark mit Gottfried Benn« schließlich ist sicherlich der Schlüsseltext dieses Bandes - und dieses Lebens. Ihr Bericht über die langen Stunden mit Benn in Kassel-Wilhelmshöhe am 29. Juni 1954 ist nicht nur eine präzise Detailstudie über den Verführer Benn, ein neugieriger Blick auf den Menschen hinter den Versen, die sie zuvor jahrelang wissenschaftlich analysierte, und eine Reportage über den Charmeur, den Grandseigneur, den hoffnungslosen Romantiker und den Dichter des »Wer allein ist, ist auch im Geheimnis«. Es ist aber auch eine Selbstbefragung, ein spätes Selbstporträt der Autorin als junger, aufmüpfiger Dichterin.
    Hier klingt die Melodie an, die Gehlhoff-Claes dann in der Erinnerungsskizze »Wiedersehen mit Berlin« aufnimmt, dem vielleicht literarisch stärksten Kapitel, einer Suche der Mutter nach der vor siebzehn Jahren verlorenen Tochter in den Straßen von Berlin. Mit ihrer bilderreichen, beschwörenden Sprache beschreibt sie, wie plötzlich »eine Verlassenheit da ist, die ich damals nicht kannte«. Sie findet die Tochter nicht, nur das Klingelschild, sie sieht durch das Fenster der
    Wohnung ein Manuskript auf dem Tisch liegen, das reicht ihr, die Handschrift genügt ihr als Existenzbeweis. So hat auch die Mutter gelebt und gedacht, als sie noch Tochter war. Beim Hinausgehen dann hofft die Mutter, die Tochter möge Trost bei Benn finden. Man spürt nicht nur hier, wie sehr sie selbst ihn ihr ganzes Leben bei ihm gefunden hat, wie ihr dieser Prophet der Einsamkeit zum steten Begleiter geworden ist - und wie diese kleine Autobiographie nun, in gewisser Weise, zu ihrer zweiten Doktorarbeit über Gottfried Benn geworden ist, eine Studie in angewandter Bennoiogie.

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Astrid Gehlhoff-Claes: »Inseln der Erinnerung«




Neues Rheinland, 01. Dezember 2002
Klar lebendig und mitunter sehr poetisch

Literaturwissenschaftlern ist sie vor allem als Adressatin der zärtlichen Briefe ein Begriff, die Gottfried Benn 1951-1956 schrieb: Astrid Gehlhoff-Claes. In ihrer jetzt erschienenen Autobiographie nimmt der Dichter nur einen kleinen Raum ein. Zumal der 68-Jährige vergeblich um die 26-Jährige warb: »Er hatte eine Glatze und ich brauche Haare, er war ein Casanova und ich wollte lebenslang«.
    Die heute 74-jährige Autorin, Übersetzerin und Herausgeberin wird in Leverkusen geboren, wächst in Köln auf, wo sie 1953 über Gottfried Benn promoviert und lebt später in Düsseldorf. Weitere »Inseln« liegen jenseits des Rheins: Berlin, Rom und Paris. Sie ist eine außergewöhnliche Frau: Wach und wißbegierig, feinsinnig und belesen, voller Liebe für die Natur. Ihre Sprache ist wunderbar: klar, lebendig, mitunter sehr poetisch. Lesenswert.

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Rheinische Post, Lothar Schröder, 28. November 2002
Die ewige Glückssucherin

Astrid Gehlhoff-Claes schrieb mit »Inseln der Erinnerung« ihre Autobiographie. Damit ist ihr ein kleines Kunststück gelungen, also Literatur. Sie erzählt von ihrem Leben, aber kaum von sich.
    Autobiographien sind etwas Heikles. Denn die Bilder der Vergangenheit nähren sich mit Vorliebe aus Lug und Trug, werden verfälscht von dem, der sich nach bestem Wissen zu erinnern glaubt. Es liegt in der Natur der Sache, daß solche Rückblicke der Wahrheit kaum entsprechen können. Vielleicht hat Astrid Gehlhoff-Claes auch deshalb darauf verzichtet, die große, umfassende Rückschau zu halten. Und hat sich aus diesem Grund, geschickt wie sie ist, auf »Inseln der Erinnerung« zurückgezogen. Auf denen lassen sich ein paar Puzzle-Steine der Vergangenheit aneinanderlegen; ein vollständiges Bild jedenfalls erwartet man nicht.
    Astrid Gehlhoff-Claes, Lyrikerin, frühe Benn-Exegetin und Korrespondentin, Herausgeberin und Literaturförderin, ist mit ihrem Erinnerungsbuch ein kleines Kunststück gelungen, also Literatur. Sie erzählt auf exakt 101 Seiten von ihrem Leben und erzählt doch kaum etwas von sich. Der Leser wird also nie zum Voyeur, was nachhaltig angenehm ist. Aber er erfährt viel, über Menschen und eine besondere Sicht auf die Welt.
    Das Buch folgt in seinen Kapiteln bedeutsamen Orten, nicht Lebensstationen: die Rheinallee in Düsseldorf, in der sie seit vielen Jahren lebt; der Park neben dem Leverkusener Bayer-Werk, in dem Carl Duisberg begraben liegt; die Universität von Harvard, ein Aufenthalt in Paris; das Leben in Rom. Sicher, diese Orte sind unverwechselbar, quasi Unikate des Erinnerns. Doch fast allen ist eins gemein - der Wunsch nach einer Idylle, der poetische Blick auf eine Welt, die ohne die Zutaten der Literatur selten nur idyllisch ist.

»Ihre Poesie geriet der Autorin zu einer Wünschelrute«

Kurzum, Astrid Gehlhoff-Claes war und ist eine Glückssucherin. Und die Poesie ist ihr dabei zur Wünschelrute geraten. Ein paar Fundstücke der Dichtkunst: In den Düsseldorfer Rheinwiesen baut sich eine fast schon bukolische Szene auf mit einem Schäfer, der freundlich winkt; die Herde, friedlich vor dem Fluß; der Bayer-Park wird zum »Paradies des früheren Lebens«; das zweitausendfach illuminierte Bayer-Kreuz verströmt poetische Kraft; von einem Erkerfenster der Harvard-Universität aus fällt der Blick in den Efeu-umwehten Yard »hinreißend« ist der Pinienpark der Villa Medici; und spannungsvoll der Bergpark mit Gottfried Benn in Kassel.
    »Die Erde war schön«, heißt es gegen Ende des Benn-Kapitels - und nach einem Lob des großen Dichters. Solche Sätze freilich kann man nur dann schreiben, wenn man auch weiß, daß die Erde nicht schön war und ist. Und daß das Glück immer »das unerreichbare Glück« ist und eigentlich sein muß. Gottfried Benn hatte die junge Lyrikerin eben durchschaut, als er sie ganz unvermittelt fragte, warum sie einsam sei. Woher er das wissen wolle, lautet ihre Rückfrage. Die Antwort: »Gedichte, wie Sie sie mir schickten ... entstehen anders nicht.«
    So steht im Mittelpunkt dieser wohl ewigen Glückssuche ihr Gedicht »Der Delphin«. Dies unerreichte und unerreichbare Tier ist eine Art poetischer Gemahl, der »irgendwo im Tiefen« lebt. Dennoch bleibt das Hoffen auf den Tag, an dem beide »einst zusammen sind«. Aber ihre wahre Kraft spendet jene Suche nur, wenn sich das Sehnen nie erfüllt.
    Augenblicke, in denen die Poesie Lebenshilfe und Rettungsanker ist, hat Astrid Gehlhoff-Claes reichlich erlebt. Für sich, etwa in der Begegnung mit Kaufhaus-Zar Helmut Horten (dessen Darstellung seines politischen und wirtschaftlichen Wirkens in der Euphorie der Erinnerung dann leider doch zu undifferenziert ausfällt); aber auch für andere: Während ihres USA-Aufenthalts besuchte sie das Staatsgefängnis bei Boston, sah die Gefangenen durch die Gitterstäbe wie Raubtiere im Zoo. Damals reifte die Idee, »mit dem Wort des Dichters zu den Gefangenen zu gehn«. Wie sie es später in Deutschland so oft mit dem Verein »Mit Worten unterwegs« tat. Bisweilen kann eine Glückssuche auch innerhalb von Gefängnismauern an ein Ziel gelangen.

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Astrid Gehlhoff-Claes: »Inseln der Erinnerung«