 |

|
 |


Kai Köhler, literaturkritik.de, Mai 2003 Der Versuch, ein Irrlicht zu bannen
Gedichte von Heinz Czechowski
Heinz Czechowski ist kein poetischer Bilderstürmer, der sich selbst als Neubeginn der Poesie setzt. Die Auseinandersetzung mit der Tradition, respektvoll sogar einem scheinbar überholten Dichter wie Gottsched gegenüber, prägt diesen Gedichtband, der im Titel einen anderen, fast schon vergessenen Autor nennt: Johann Gottfried Seume, der heute kaum über den Kreis der Literaturhistoriker hinaus bekannt ist.
Dabei lohnte die Beschäftigung mit diesem atheistischen Kritiker der Fürsten um 1800, den in politisch bewegten Zeiten die Zensur vielfach zum Schweigen zwang. Czechowskis Seume-Gedicht hebt an mit dem optimistischen Bekenntnis: »Ja, ich glaube noch immer / Daß sich das Gute durchsetzt«, um dann doch zu zweifeln, wieviel von Seume blieb. Eine Brille im Gedenkhaus, angeblich auf einem Spaziergang vergessen, erinnert an den scharfen Beobachter Seume, der nun freilich vieles nicht mehr erkennen konnte. Das lyrische Ich, Seumes Landschaft bereisend und dabei sich an eine wohl vergangene Liebe erinnernd, an die Geliebte vielleicht ins Leere hinein sprechend, rekapituliert zunehmend ungewiss das, was von Seumes Vergangenheit und der seinen blieb. Die Frage, ob sich aus den Tatsachen eine Lehre ziehen lässt, bleibt ohne Antwort. Anlass der Erinnerung überhaupt ist, so erfährt man im letzten Vers, dass die eigene Brille zerbrach. Vieles bleibt nun wohl auf immer unerkannt, ungewusst, unzugänglich.
Damit sind im Titelgedicht wesentliche Motive des ganzen Bandes angesprochen.
Das betrifft erst in zweiter Linie das Gesellschaftliche, das freilich immer wieder zur Sprache kommt. Der engagierte Dichter Czechowski verklärt die DDR, in der er lebte, genauso wenig wie er zum Lobredner der Gegenwart wird. Dem »Leben / Im Dämmerlicht / Einer Volksherrschaft / Der Funktionäre« stellt er im Gedicht »Die siebziger Jahre« ein kaum ermutigendes Bild dessen entgegen, was danach kam: »Jetzt / Vor den Schaufenstern Frankfurts, / Zähle ich meine Groschen / Und gedenke der Zeit / Der ich entronnen bin, / Um mein Gnadenbrot / Unter blankem Himmel / Zu essen.«
»Das Leben aber / War, wie immer, / Konkret« heißt es, »Liebe und Haß, / Alkohol, zerborstene / Windschutzscheiben und überhaupt: / Die ewig ungeregelte Ersatzteilfrage, / Die uns zermürbte.« Im Notat des Konkreten also findet sich das hier durchaus bebrillte Ich, das auf dieser Ebene eine gewisse Stabilität zu erlangen vermag: »Mein Leben / Ist im Verklingen begriffen, Sachsen im Herzen, / Im Herzen der Welt, bleibe ich der / Der ich immer gewesen bin, egal, / Ob mich die Ideologie des Geldes beherrscht / Oder die, die ich einst, ahnungslos / Als die eines besseren Landes besang«, lautet es in einem anderen Gedicht.
Zuviel ist zwar das entschuldigende »ahnungslos«, das andeutet, Hoffnungen auf die DDR wären nicht historisch legitim oder doch erklärbar gewesen und irgendeine finstre Macht habe das arme Ich verführt. Die sozialistischen Länder waren nicht gut, die Welt aber ohne sie, mit Sozialabbau und Kriegen, ist schlechter; Grund zur Distanzierung also gibt es nicht. Die Kursivierungen aber zeigen eine doppelte und andere Distanz, von der ideologischen wie von der folkloristischen Formel, und deshalb gewinnt sie wiederum an Legitimität: Indem das Ich sich durch solche Äußerlichkeiten bekräftigt, her- und darstellt.
Viele der Gedichte in »Seumes Brille« sind ortsgebunden. Vor literarhistorischen Reminiszenzen und den von äußerlichen Zufällen abhängigen Stationen einer Lesereise sind es Erinnerungsorte, sehr privaten Charakters zumeist, die es erlauben, das Ich als geschichtlich zu zeigen: geschichtlich als eine Kindheitserinnerung, die vom Individuellen ins Zeittypische übergreift (»Augustusweg«), oder als eine »Gartenszene«, in der Kinder den Krieg spielend überstehen - ihn kriegspielend überstehen; individualgeschichtlich als Erinnerung als Begegnungen, an Lieben, erfüllte und unerfüllte - soweit sich allgemeine und individuelle Geschichte säuberlich trennen lassen.
Überhaupt herrscht der Blickwinkel der Erinnerung vor. Ein gealterter Mann schaut ohne viel Freude auf sein Leben zurück: »Ist man nicht alt geworden / Ohne jemals jung gewesen zu sein?« Völlig unsentimental wischt Czechowski das Klischee von der Schönheit des reifen Alters beiseite und spricht so unaufdringlich wie direkt Momente sexuellen Begehrens an, die nur noch ausnahmsweise und im genießenden Blick Erfüllung finden. Hier ist der nüchterne Ton hervorzuheben, der in diesem Kontext selbst einem scheinbar so obsolet gewordenen Wort wie »Gnade« seinen Sinn zurückgewinnen lässt.
Die genaue, skeptische, vielfach traurige Selbstbeobachtung ohne Selbstmitleid schützt vor Peinlichkeit. »Warum / Fahr ich noch immer nach Limburg, / Wo ich der Liebe entsagte? Nie / Und nimmer werde ich finden die Spur.« Der Ort der Erinnerung vermag nicht einzulösen, worum es dem Ich geht, und bleibt doch unverzichtbar; ob denn tatsächlich der Liebe entsagt wurde, mag durch die Fahrten fraglich erscheinen. Verzicht ist nun gerade nicht Sache dieses Ich; sondern dass es immer noch will, das macht, stets aus Konkretem entwickelt, die Vitalität dieser Gedichte aus.
Dabei formuliert Czechowski an mehreren Stellen durchaus Skepsis gegen Stellenwert und Wirkung der Poesie: »Das Wunderbare der Poesie / Ist nichts als eine der schönen / Illusionen, die Zeit zu besiegen.« Das Schreiben zudem sei »nichts / Als der Versuch, ein Irrlicht zu bannen, / Das überm Stadtgottesacker tanzte und tanzt«. Diese Wendungen führen weitaus eher ins Zentrum der Arbeit Czechowskis als die ja durchaus zutreffende und durch die Schlussstellung im Band hervorgehobene Klage, mit der Niederlage der zuletzt abgelehnten DDR sei ihm auch das Publikum verloren gegangen, in »Deutschlands Osten, wo kein Mensch / Noch meine Bücher liest«. Derlei Äußerlichkeiten, wie bedeutend auch immer für den Autor, dem sein Resonanzraum verloren ging, treten zurück hinter der radikalen Infragestellung des Ichs, das hier spricht.
Indem der Wert der Poesie fraglich wird, wird ein Lebenswerk fraglich; im Schreiben als Versuch zu bannen würde das Konkrete, Irrlichternde fassbar und getötet zugleich. Gelingendes Schreiben bedeutete damit für das Ich, das für sich sagt: »Das Nichts / War mein bester Begleiter«, das Ende des Gelingens. Wo der Zerfall des Ich anschaulich würde, da hingegen wäre das Gedicht gelungen. Czechowski fasst das ins wohlformulierte Paradox: »Mitunter / Verfolge ich mich, ein Jäger, / Der dem Gejagten entkommt.« Im voranstehenden Gedicht ist ein Schlüssel geliefert: »Du / Hast kein Ziel, dein letztes / Unterkommen: die Angst / Vor dir selbst.« Sich, auch begrifflich, auf das fremd gewordene Ich zu beziehen, stabilisiert es zugleich, ist Erkenntnis und Schutz in einem.
Hier stellt sich Czechoskis lyrischer Traditionalismus als höchst reflektiert heraus. Nicht weil ein lyrisches Ich als unproblematisch vorausgesetzt würde, sondern weil es seine Problematik möglichst genau zu fassen gilt, sind sprachliche Experimente vermieden. Zwar nähern sich die Gedichte, denen Reim und fast stets das Metrum fehlen, der Kurzprosa; und manche Verseinteilung wirkt willkürlich. Indem aber stets das Gemeinte nüchtern umrissen ist, dienen die Texte der Erkenntnis. Identifikation braucht es hier nicht. Man muss kein alter Mann sein, man muss auch nicht mit Resignation kämpfen, um die Gedichte mit Gewinn zu lesen. Wie Czechowski objektiviert, mit und im Bewusstsein dass eigentlich nicht zu objektivieren ist, so erfährt und überprüft der Leser eine Haltung, die in vielen Jahren vielleicht die seine wird, die Illusion vom dauernden jugendlichen Genuss jedoch jetzt bereits stört. Jugendglück überhaupt ist Werbestrategie und im seltensten, im konkreten Moment Erlebnis; gemeinhin wird es verfehlt, wovon die Verwicklungen der billigsten Vorabendserie zeugen. Czechowskis retrospektive Lyrik stört die Illusion und befreit dadurch vom Zwang zum Glück; gleichzeitig bezeugt sie, dass das Streben nach Glück bleibt. Dadurch demonstriert sie Lebenskraft; dahingestellt sei, ob es tröstet oder erschreckt, dass jene Kraft nicht schwindet. Die Beschreibung ist stets genau; die Brille nicht vergessen, vielleicht zerbrochen - doch weiß Czechowski den Moment zu fassen, in dem die Brille zerbricht, und dadurch bewahrt er sie.
Zurück zum Titel: Heinz Czechowski: »Seumes Brille«

neue deutsche literatur, Holger Helbig, 01. Januar 2003 Zersplittertes Ich Heinz Czechowskis versammelte Rückblicke
Nach 1989, aber noch vor der Abschaffung der Demokratischen Republik, hat Czechowski Hermlins Vers »Die Jahre gehn, die Zeit der Wunder ist vorbei« den prosaischen Verhältnissen entsprechend transkribiert:
»Die Unerbittlichkeit des ganz normalen Lebens schreibt einen Essay über die Unverbindlichkeit alles Gewesenen.« Seitdem ist er damit beschäftigt, diesen »Grundsatz« wieder in Versen auszudrücken.
Das Bemühen, die gegenwärtige Misere als normal und das Vergangene als unverbindlich - als auf heimtückische Weise folgenlos - anzuerkennen, betrifft zuerst und vor allem die eigene Person. Die eigene Biographie bildet das thematische Zentrum des Schreibens. Der neue Gedichtband, »Seumes Brille«, enthalt Standortbeschreibungen und Rückblicke, die Bausteine dieser Biographie sind. Vor allem halten sie den Zweifel an diesem Vorhaben wach: Warum sollten sich die Leser für den Lebenslauf des Heinz Czechowski interessieren? Die einfach klingende Antwort - wegen seiner Gedichte -verbirgt im Falle von »Seumes Brille« ein kompliziertes Konstrukt.
Das Ich der Gedichte ist dem Autor zum Verwechseln ähnlich. Es haust in Schöppingen, versucht zu schreiben zwischen Bockenheim und Bergen-Enkheim, ist mit Görlitz, Halle und Leipzig bestens vertraut, wurde am Literaturinstitut nur unzureichend über die Regeln der Kommasetzung unterrichtet, leidet an Dresdens Geschichte, fungiert dort als Stadtschreiber, hält den Wiederaufbau der Frauenkirche für kulturelles Kloning, reist eigens nach Berlin, um zu Ehren des toten Mickel zwei Gedichte zu lesen, benutzt einen Laptop zum Schreiben und wurde schon von Auguste Lazar »Czecho« genannt. Und es geht ihm nicht gut.
In den Texten mischen sich nahezu durchgängig »Wut, Trauer und das Gefühl, niemals / Irgendwo angekommen zusein ... » das »schöne Gedicht mit Eichelhähern, / Windhundgespannen und Zuckerguß / Will nicht gelingen, statt dessen / Immer nur dieser Unmut, von dem niemand mehr // Etwas wissen will ... « Wie die distanzierende Selbstansprache zeigt, ist das Ich weder mit den eigenen Arbeiten zufrieden noch mit seinen Lesern: »Das Gewicht deiner Wörter / Gleicht dem Pappelschnee, / Der vorm Fenster vorüberweht / Wie der Schnee / Des vergangenen Jahres.« Damit ist die Aufmerksamkeit vom Stoff der Biographie auf die Wörter und ihre Wirkung gelenkt. Diese Bewegung entspricht dem grundlegenden Zusammenhang: Daß es dem Dichter nicht gut geht und seine Liebesbriefe unerhört bleiben, ist nur interessant wegen der Art und Weise, in der das mitgeteilt wird, nämlich im Gedicht. Nur unter dieser Voraussetzung, einer ästhetischen, ist die biographische Information von Interesse. Man hüte sich, vorschnell Schlüsse daraus zu ziehen: Sähe man ganz von der Biographie des Autors ab und konzentrierte sich völlig auf das Angebot der Texte, so wäre, nach der Lektüre des Bandes, nichtsdestotrotz die Erfindung eines Sprechersubjekts im Kopf des Lesers unvermeidlich.
Czechowski weiß das. Er hat das angedeutete Dilemma in einem Gedicht mit dem Titel »Strukturalismus« dar-, ja: ausgestellt. Die erste Strophe lautet: »Und gegen Abend die Heiterkeit / Der Treffen nach Scheidungsprozessen: Du und ich / In einem Café / Auf der Rathausstraße zu Halle. « Das durch den Titel aufgerufene Bemühen um ein möglichst formalistisches Erfassen des Sachverhalts wird der Situation nicht gerecht. »Das Schreiben: Nichts / Als der Versuch, ein Irrlicht zu bannen, / Das überm Stadtgottesacker / Tanzte und tanzt.« Auf diesen Kern ist Czechowskis Band ausgerichtet. Auf die Gesamtheit der Gedichte übertragen: Das Ich der Gedichte hat den Großteil seines Leben hinter sich und dessen Verlauf als unverbindlich erkannt, und gerade in dieser Erkenntnis besteht die Besonderheit seiner Erfahrung. Die Anerkennung der Unverbindlichkeit ermöglicht es, das Ich in all seinen Facetten vorzuführen, auch in denen, die sich unter den Bedingungen der Folgerichtigkeit ausschließen mußten. Das Ergebnis einer solchen Betrachtungsweise ist ein poetischer Raum jenseits biographischer Beliebigkeit. Er wird ausgefüllt durch Gedichte. Mitteilbar ist nur, was den poetologischen Grundsätzen genügt.
Auch die Geschichte dieser Grundsatze wird vorgeführt, auch deren Geltung ist in Frage gestellt. Ein paar Fetzen Heine und Rilke belegen nichts. Der ironische Rückgriff auf die Klassiker sorgt für milde Effekte, aber erzeugt letztendlich nichts Verbindliches. »NOCH KÖNNTE ICH MICH / Restaurieren lassen und der Ironie / Eine Bresche schlagen / Durchs Unterholz der Gefühle ...« heißt es, ehe Faust aufgerufen wird, der sich des Nachts über Büchern und Papieren aus seinem engen Zimmer ins Freie sehnt. »Ach, könnte ich auf Bergeshöhn / In deinem lieben Lichte gehn ...« spricht er zum Mondenschein. Das Nachsprechen der Faust-Verse, zweihundert Jahre später, treibt das Zeitenthobene und Alltagsferne des Wortlauts heraus. Fausts Worte haben Spuren hinterlassen, kein Zweifel, aber auch sie sind vergänglich, wie die Wiederholung der Situation zeigt: »Und ich blicke zurück / [...] und denke, / Während der Vollmond / Mir in die Küche scheint, / An die Spuren des Lebens, / Die sich im Morgengrauen verlieren.«
Verbindliches scheint auf, wenn sich der Name eines Dichters mit einer Landschaft oder einem Ort verbunden hat: »Hölderlinland« oder Seumes Grimma. Im »normalen Leben«, von dem Czechowski spricht, sind damit seltene Momente bezeichnet, wertvolle Illusionen: »Das Unausdenkbare / Hat das Gewicht / Des Bruchteils / Einer Sekunde.« Ist die Sekunde verstrichen, bleiben der Ort und der Name. Das ist zu wenig, um etwas Bleibendes, eine Heimat zu stiften: »Der Ortlose / Ist beheimatet dort, / Wo Totengesichter / Hohnlachend seinen Weg / In die im Osten / Aufgehende Sonne / Begleiten.«
Czechowski hat die Unerbittlichkeit des Alltags auch in Form und Sprechweise überführt. Der Grundton ist elegisch, die Versfüllung zumeist frei. Ausgefeilte Formen scheinen durch die strophischen Teilungen, die den thematischen Vorgaben folgen, hindurch. Realisiert werden sie nicht. Das gelegentlich anklingende poetische Spiel ist nie spielerisch, sondern ernst. Ausgefeilte Lakonie herrscht vor, kalkulierte Kunstlosigkeit ist das Ergebnis. Die unaufwendig wirkende Sprechweise erfordert äußerste Disziplin. Wer sich einen Eindruck von der Strenge und von dem Ausmaß an Arbeit verschaffen will, die diesem Sprechen zugrunde liegen, ziehe die Erstveröffentlichungen einiger der Gedichte in der Zeitschrift »akzente« (Heft 4/2000) heran und betrachte die Veränderungen. In jedem Fall enthält der nun vorliegende Band die bessere, und das heißt hier: die schlichtere und strengere Variante.
In einem Gedicht, das nicht in den Band übernommen wurde, heißt es: »Ich hab über Seumes Brille geschrieben, / Ohne mich daran zu erinnern, / Daß Günter Eichs letzter Gedichtband / Nach Seumes Papieren geheißen. So // Kreuzen sich unsere Wege / Ganz unabsichtlich.« - Mit dem späten Eich teilt Czechowski inzwischen den Zeitpunkt des Sprechens: jenseits der Biographie.
»Erfahrungen abdrehen / und ungehemmt / zählen bis / 93, auch weiter«, steht bei Eich. »Mitunter begreift man, / daß sich im Spiele der Geschichte / Nichts hält«, buchstabiert Czecbowski aus. Trotzdem will ich eine vorsichtige Prognose wagen. Czechowskis »Vormittag« und »Die Nachwelt« werden sich halten. Die Voraussage gründet sich auf nicht mehr und nicht weniger als zwei seiner Verse: »Ja, ich glaube noch immer, / Daß sich das Gute durchsetzt ...« Das Gedicht, in dem sie stehen, gab dem Band seinen Titel: »Seumes Brille«.
Zurück zum Titel: Heinz Czechowski: »Seumes Brille«

Neues Deutschland, Hans-Dieter Schütt, 31. Dezember 2002 Der Stein, der sich Herz nennt
Der Mensch in der Revolte bleibt die Ausnahme, in der Regel ist er heute: Patient. Kuriert werden muß sein Leiden am Urinstinkt, es könne noch eine unbekannte Glückschance der Welt-Erhellung für ihn geben. Nein, solcher Instinkt, ist nicht mehr gesund - gesund scheint eher das freiwillige Hineinfinden ins bekannte Unglück der mittelmäßigen Depression zu sein. Nicht ohne Grund enden gelungene Therapien damit, daß die Beteiligten über sich lachen. Abschied von den Hoffnungen als die letztmögliche Souveränität.
Heinz Czechowski lacht selten in seinen neuen Gedichten, Patient freilich ist auch er. Schon im Essay-Band »Einmischungen« vor zwei Jahren hat er ausführlich, in fast krasser Selbstbezichtigung, seinen Geisteszustand beschrieben: »das Ich von dem unzähliger anderer Ichs durchkreuzt«, ohne Zukunft außerhalb des Schreibtischplatzes, die »Fallstricke des allgemeinen Lebens haben mich mit Depression und Einsamkeitssyndrom geschlagen. Ich bin mein eigener Pflegefall.« Nur konsequent, wenn es in den neuen Gedichten heißt: »Offen gesagt. / Viel lieber wär' mir / Ein Weltuntergang. / Anstatt wieder eine / Der üblichen Lesereisen.« Heinz Czechowski. 1935 in Dresden geboren. bleibt ein Leben lang verfolgt vom Kinder-Trauma des Feuersturms auf die Stadt. Er wird einer der profilierten Lyriker der DDR, und dieses Profil ist nie bestimmt gewesen von Stürmen und Drängen, von keiner Heftigkeit in Gefühl und Metapher, sondern von einer wachen, beobachtenden Beschaulichkeit. Die immer den Zweifel hochhält, ob der Mensch die Welt ergreift oder die Welt immer »nur« den Menschen. Kommt so einem Dichter dann, wenn er die Enttäuschungen des Lebens bilanziert, die Welt abhanden? Oder ist er es selber, der den Wirklichkeiten abhanden kommt? Czechowski schwankt. So darf man vielleicht Labilität als ein Schlüsselwort seiner Poesie nennen, sie ist Spiegel eines Lebens, das den Anziehungskräften des gesellschaftlichen Eingriffs ebenso folgte, wie es zugleich abgestoßen wurde von allzu blendender Fortschrittsgläubigkeit. Fortschritt? »Die Umverteilung des Staubes.« Zwischen Dafür und Dagegen hat Czechowski seine merkwürdige, schmerzhafte künstlerische Schizophrenie ausgebildet, die nach dem Zusammenbruch der PDR einen heftigen Vergangenheitsekel, einen ebenso anschwellenden Selbsthaß und einen traurigen Gegenwartszorn zum schwer lebbaren Gemütsballen werden ließ. Er vereinsamt, mit »Gnadenbrot / Unterm blanken Himmel«. Schon 1981, im Band »Was mich betrifft«, reflektierte er sich selbst als »Erziehungsberechtigt / Und doch / Ständig erzogen von meinen Erziehern«, als »Mündig geworden, / Und doch / Ständig mich anhaltend, den Mund zu halten« - nun, Jahrzehnte später als jemand, der »im Verklingen begriffen ist«, ein Fazit, dessen Hauptworte Aussichtslosigkeit, Versagen, Fehlglaube, Heimatlosigkeit heißen, imme'r schon hießen, egal, »ob mich die Ideologie des Geldes beherrscht / Oder die, die ich einst, ahnungslos, / Als die eines besseren Landes besang«.
»Seumes Brille« vereint melancholische Reisegedichte - stets war Ankommen und Wegfahren ein Hauptmotiv dieses Lyrikers; der Blick geht ausdauernd nach Dresden (»Die Revolution ist mit dem Strom / Westwärts gezogen«); von den Kriegsjahren aufwärts über »die Volksherrschaft / Der Funktionäre« wird das zersplitterte Ich verfolgt - bis zum Punkt, da alles in seine Bestandteile zerfällt; Böhmen, Mähren und Paris kommen ins verregnete Bild; Hölderlin, Klopstock und Gottsched werden beschworen. Die Verse lesen sich wie eine Wegbeschreibung entlang des Abgrundes, der zwischen dem Traum vom gelungenen Dasein und der grauen Wahrheit dieses Lebens liegt. Die Gedichte registrieren die stumme{!}, unaufhebbare Distanz zum anderen Menschen, die als Selbstverzweiflung beginnt; was Czechowski beschreibt, ist das Phänomen eines Stillgestellten, der eingeschlossen bleibt in seine Endlichkeit, die wie eine sträfliche Ewigkeit erscheint. »Das Wunderbare der Poesie / Ist nichts als eine der schönen / Illusionen, die Zeit zu besiegen«, und die Seele »vom Buttergeschäft / Ist der Quark, den du erzeugst«.
Für Czechowski ist der Gedanke der menschlichen Gerechtigkeit an den Beginn oder das Ende einer Liebe gebunden. Das darf persönlich wie gesellschaftlich verstanden werden; »ins imaginäre Reich der Gerechtigkeit« werden wir hinübergetragen nur in Augenblicken der überschwenglichen Träume, die alles Gute für möglich halten, oder eben in Momenten der Ent-Täuschung, die Gewißheit über die Begrenztheit aller Güte herstellen. Gerecht ist, was gut anfängt, und auch das, was zu rechter Zeit aufhört - der Gleichwertigkeit von Werden und Vergehen verdankt jede Existenz ihre Balance. Was den Dichter allerdings schmerzt, ist der Ausfall von Sinn während der Lebensstrecke; er empfindet »Wut, Trauer und das Gefühl, niemals / Irgendwo angekommen zu sein, obwohl / Die Flugpreise sinken und / Der Dunst des Benzins / Die Stirne vernebelt«. Anfallartiges Begreifen, »Daß sich im Spiel der Geschichte / Nichts hält«.
Geschichte war ihm in der DDR ein unbewußtes Scheitern (»Daß wir uns selber verrieten, wußten wir nicht«), dies Unbewußte aber ist kein Schutz mehr, jetzt schaut Czechowski auf Viehseuchen, dann zurück auf den Menschen, den Schöpfer seiner selbst: Wir »gleichen den gekeulten Gefährten des Nichts«. Geschichte als das, was schon im Gedichtband »Wüste Mark Kolmen« als Misthaufen bezeichnet wurde, in den Ikarus stürzt. Kein großer Schritt ist mehr nötig, um daran zu denken, »daß irgendwas in der Luft liegt. / Das nichts mit der Zukunft zu tun hat«. Aus Welt-Anschauungsgedichten sind im Laufe von Czechowskis Entwicklung Welt-Erschauungsgedichte geworden; geblieben sind Welt-Erschauerungsverse. »Dein letztes / Unterkommen: die Angst / vor dir selber.« Früh angelegte Skepsis, so lange gezügelt von odischer, elegischer Schwingung, ist nun endgültig übergegangen in die Nüchternheit der trostlosen Rechnung: »Ich habe es nicht geschafft, / Aus meinem Leben ein Kunstwerk zu machen.«
Der Dichter wechselt von nahezu essayistischer Tonlage in die unerbittlich harte Metaphorik: »Die Steine in deiner Brust. Einer davon / Nennt sich Herz.« Durch die Kleingeographie Sachsens und nun Hessens ist dieser Mensch irrend, suchend gezogen, nie aber war ihm Provinz das Abseitige vom Eigentlichen, sondern immer der Kern der Welt, und in dieser Welt hat er keine Zukunft und keine Rückkehr gefunden, er fühlt sich als Vergessener. Wir lesen in den Seelenprotokollen eines abgeschalteten Triebwerkes; ein Bruder Günter Kunerts; das mähliche Aufhören mit dem Leben als kräftiges Eingeständnis, nichts erreicht, aber doch alles verstanden zu haben. Freunde? »Totengesichter / Hohnlachend.« Erfolg? »Die Poesie der Kontoauszüge / Spricht eine härtere Sprache.« Liebe? »Die Heiterkeit / Der Treffen nach Scheidungsprozessen«.
Diese Gedichte sind im Zustand dunkel, sofern sie von keinem Ziel mehr wissen, und sehr hell, sofern der Dichter vor seiner eigenen Klarheit nicht ausweicht. Die Sehnsucht nach dem lichten geschichtlichen Hinauf - diese frühe Sehnsucht hat sich kalt vollendet im Sog hinunter; der abgeklärten Intellektualität Czechowskis ist nichts mehr so wichtig wie die Distanzierung von der Gefahr jener Großgedanken, die Geschichte als Vollendungsdrama interpretieren. »Denn es ist kein Geheimnis, / Daß ein jeglicher nur einen Weg /Zu beschreiten hat: seinen. Jeder Tod / Sucht seinen Leib: Welch ein Gewimmel / Im Schauhaus!«
Dem sehr verletzlichen, porös gewordenen Eremiten war Schreiben nie das Instrument, um eine Welt zu überfliegen, nun ist sie ihm endgültig Blei geworden, und die Seele als Weltwaage senkt sich tief, da in diese Waage die unumgänglichen, die unüberfliegbaren Dinge hineingelegt werden. Mit Leidenschaft fängt vielleicht vieles an, in Mitleidenschaft endet alles. Die Kraft, ja Schönheit dieser Gedichte liegt in der Ehrlichkeit des Eingeständnisses. Lesenswerte Momentbilder einer Durchschütterung: »Das Unerreichbare entzieht sich / Jeglicher Gnade.« Wer so fühlt wie Czechowski, mag getröstet sein; wer sich dagegen aufbäumt, mag sich (noch) glücklich schätzen. Beide gemeinsam tragen die Welt.
Zurück zum Titel: Heinz Czechowski: »Seumes Brille«

Wochenmagazin der Märkischen Allgemeinen, Karen Schröder, 16. November 2002 Rückblicke Nach Dresden wandert Heinz Czechowski gern
Leben ist Wandern. Nur die Geschwindigkeiten ändern sich. Heinz Czechowski ruft Johann Gottfried Seume als Zeugen auf. Der Wanderer aus Grimma ist ihm ein Geistesverwandter. Der Dichter von heute schaut durch Seumes Brille, um sich selbst besser zu erkennen. Auch er hat mit Demütigungen und Krisen zu kämpfen und macht sich schließlich auf den Weg, wenngleich nicht nach Syrakus. Zumeist ist der schreibende Zeitgenosse auf Lesereise. Wahlverwandte findet er in Hölderlin und Gottsched, die er in sein eigenes Leben hineinzieht. Die Alten werden zu Gewährsleuten und Mittelsmännern.
Die Geburtsstadt Dresden bleibt Czechowskis Lebensmittelpunkt. Die im Krieg brennende Stadt und das damit verbundene Trauma ist der Kristallisationspunkt seiner Dichtung. Den Gezeichneten und Zerrissenen beunruhigen die Veränderungen, die er allerorts wahrnimmt - und gleichzeitig die immer noch zu große Idylle. Die Elbwiesen taugen nicht zum Ort des Trostes.
Czechowski nennt die Dinge beim Namen. Die konkrete Geliebte in der konkreten Stadt wird aus dem biografischen Myzel in die dichterische Wirklichkeit gehoben. Die sächsischen, thüringischen und anhaltinischen Städte werden auf der Durchreise nach Erinnerungen abgesucht. Nicht immer ist diese Spurensuche überzeugend poetisch durchgearbeitet. Manches gerät ihm zu eindimensional, zu durchsichtig.
Wehmut klingt an, wenn das Poeten-Ich in dem Gedicht »Ex DDR« vor seinem alten Haus steht. Mit 67 Jahren blickt man mehr zurück als nach vom, auch wenn man sich anderes vornimmt. Das Leben ist weitgehend gelaufen, die, Bilanz lakonisch kurz: »Wir haben den Krieg überlebt, / Zwei Diktaturen. Ich / Stelle jetzt wiederum fest: / Das Leben läßt sich nicht korrigieren.« Irrtümer eingeschlossen.
Die Einsicht, zur falschen Zeit den falschen Lehren und Leuten auf den Leim gegangen zu sein, gehört zu Czechowskis ehrlicher Abrechnung mit sich selbst. Sein Glaube an das Gute hat etwas Trotziges. Das Urteil ist gesprochen über seine Jahrgänge. Die Resignation hat den Lebenshunger jedoch nicht ganz besiegen können. »Echtzeit« tröpfelt in des Dichters Bewußtsein.
Zurück zum Titel: Heinz Czechowski: »Seumes Brille«

Gundula Sell, Sächsische Zeitung, 12./13. Oktober 2002 Verse mit defekter Brille Heinz Czechowski mischt Klage und Bewunderung
Eine Vorbedingung, wenn auch keine hinreichende, für gelingende Gedichte scheint Unmut oder Unglück
des Dichters zu sein. So gesehen hat der geborene Dresdner Heinz Czechowski, der heute in Frankfurt am Main lebt, gute Voraussetzungen. Aus seiner Verärgerung über Vergangenheit und Gegenwart, über Dresden und Sachsen – wovor er nach der Wende ans entgegengesetzte Ende Deutschlands entwich –, aus misslungenen Lieben, zerbrochenen Freundschaften und dem Verlustgefühl des Älterwerdens schreibt er Band um Band großartige Lyrik.
Vielleicht werden die Dresdner, bei denen er 1998 Stadtschreiber war, es nicht sehr schätzen, wenn er die Frauenkirche »die geklonte Kuh« nennt und ihre Verfechter »die uneigennützig sammelnden Goldenen Nasen«. Oder wenn er einen kulturbeflissenen IM bedichtet. Aber selten findet man so viel Genauigkeit, so subjektive und doch überzeugende Bilder wie bei Czechowski. Auch die neuesten Gedichte sind wieder schön böse. Aber eben auch schön, und seine stetige Rückkehr zu sächsischen Themen und Landschaften beweist vor allem Hassliebe.
Die Brille des Italien bewandernden Sachsen Seume im Museum hätte er längst vergessen, »Wär mir die eigene / Nicht gerade zerbrochen«. So mischen sich bei dem garstigen, doch guten Dichter auf engstem Raum die Auseinandersetzung und die Bewunderung, die Klage und die Selbstironie. Was könnte sächsischer sein! Und wenn er murrt, »Ich habe es nicht geschafft, / Aus meinem Leben ein Kunstwerk zu machen«, so hat das auch niemand verlangt. Die Gedichte sind schon mehr, als man hoffen darf.
Zurück zum Titel: Heinz Czechowski: »Seumes Brille«

|
 |