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Christ in der Gegenwart, 21. Oktober 2001
Summt die Melodie
Wilhelm Gössmanns Sicht auf Christentum und Kultur


»Von der Botschaft / die durch die Lande ging / summt noch das Volk". Wilhelm Gössmann, der am 20. Oktober seinen 75. Geburtstag feiert, hat mit diesen Worten - in seinem lyrisch-aphoristischen Textband »minerfreuden ostertac« - die »Gottgewärtigkeit« heutiger Zeit umschrieben, die eher leise, »fast schon vergessen«, mit sanfter Ahnung, noch vorhanden ist: als gesummte Melodie. Das bedeutet für den Christen, Wissenschaftler, Theologen, Schriftsteller, Kulturforscher jedoch keine Abwertung des Religiösen. Er hat sich vielmehr in seinem Glaubensleben wie auch in seinen wissenschaftlichen Anstrengungen ausführlich um das spannungsreiche wie wechselvolle Verhältnis von europäischer Kultur und (christlicher) Religion bemüht. Immer wieder, wie in diesem Gedicht, betont er, daß man das Gehörte, das immer auch ein Erlesenes ist, einsammeln, weitersagen kann, in der Gewißheit, daß der Geist »durch die Menschen wehen« will als Atem der Welt, als Heiliger Geist.
Der Professor für deutsche Sprache an der Düsseldorfer Heine-Universität, der als Gesprächspartner, als Heine- und Droste-Hülshoff-Fachmann international gefragt ist, hat sich in den fünfziger Jahren in Japan aufgehalten, entwickelte so ein universelles geistig-geistliches Interesse für Fremdartiges. Seine Veröffentlichungen über die Ikebana-Kunst des Blumensteckens geben davon Zeugnis. Diese differenzierte Wahrnehmung des Geistes ist für Wilhelm Gössmann eine religiöse und kulturelle Herausforderung. Er ist davon überzeugt, daß aus dem Bereich der Literatur das Unwegsame gerade für einen religiösen Suchweg hilfreich sei, für eine Wortreligion sogar »unerläßlich«.
Um die Bedeutung gelebter Kultur für ein lebendiges Christentum herauszustellen, hat Gössmann das Wort vom »Kulturchristen« geprägt; als solcher versteht er sich selbst. Sein vor elf Jahren erschienenes Büchlein »Kulturchristentum« soll im nächsten Jahr überarbeitet (als Topos-Taschenbuch) herauskommen. Darin heißt es: »Mit Kulturchristen im weitesten Sinne könnte man alle jene Personen bezeichnen, die kirchlich mehr oder weniger ungebunden, sogar Agnostiker sind. Sie zehren von der christlichen Substanz unserer Kultur, tragen sie auf ihre Art weiter. Im engeren Sinn sind diejenigen als Kulturchristen anzusehen, die mit einem kritischen Bewußtsein das Christentum bejahen und aus dieser Einstellung heraus sich mit der Kultur und Geisteswelt auseinandersetzen, zu eigenen Einsichten und Wegen gelangen.«

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Wilhelm Gössmann, Cyrus Overbeck (Künstler): »miner freuden ostertac«