 |

|
 |


Mittelbayerische Zeitung, Manfred Sturer, 09. März 2001 Jemand aus dem Jemen? Nevfel Cumart war am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Regensburg
Der Journalist fragt sich mühsam durch zum sogenannten Mehrzweckraum, wo der türkisch-stämmige deutsche Lyriker Nevfel Cumart an diesem Vormittag für die Gymnasiasten lesen soll. Ein Elfjähriger kann ihm helfen: "Der ist gut!" läßt er wissen. Im Saal findet sich der 36jährige Dichter, umstellt von Halbwüchsigen, die sich drängen, um für Evi und Susanne Lyrikbände signieren zu lassen. Cumart dirigiert die Kinder mit einer natürlichen, einfühlsamen Autorität. Die Lehrer stehen dabei und staunen. Drei-, viermal im Jahr lädt das Werner-von-Siemens-Gymnasium Dichter ein; aus pädagogischen Gründen mit Vorliebe "Ausländer": Vietnamesen, Türken, Tschechen. Oberstudienrat Leonhard Raum hat vor etwa einem Jahr bei einer Lehrerfortbildung in Tutzing eine Cumart-Lesung miterlebt und wußte sofort: Der muß her! Kollege Karl-Günther Kittel nahm die Idee begeistert auf, und so kam es, daß Nevfel Cumart den 6. und 12. Klassen der Schule nun Auskunft gab über die rund 1.000 Gedichte, die er seit seinem 17. Lebensjahr geschrieben hat. "Oh boah!" bricht die Gemeinde los. Sowas imponiert. Der bei Bamberg lebende Cumart dichtet nicht bloß. Er ist womöglich der deutsche Lyriker mit der perfektesten Performance. In zwei Stunden liest er allenfalls fünf Texte. Der Rest ist Konversation, Palaver, Auskunft. Schon für seinen Namen, der ein gemischtes Konstrukt ist aus Arabisch, Türkisch und Deutsch, braucht er zehn Minuten. "Ich höre auf alles, was so ähnlich klingt", begegnet er ,etwaigen Artikulationsproblemen. Und daß er an einer Mädchenschule die Bank drückte, beschäftigt die jungen Leute für weitere fünf Minuten. Daß er Zimmermann gelernt hat, aber auch Turkologie und Arabistik studierte, ist das nächste Faszinosum. Nevfel Cumart weiß, worauf es hier ankommt. "Islam?" fragt er listig, "Wo liegt dieses Land. Schmeckt es gut? Kann man's essen?" Wie nennt man einen, der aus dem Jemen kommt? Jemand? Nein. Ein Jemenit! "Für ein Gedicht brauche ich Ruhe!" wird an diesem Vormittag sein "running gag". Einen ganz Vorlauten verdonnert er dazu, nach der Pause ein Gedicht vorzulesen. Bei Liebeslyrik scheiden sich natürlich schon altersbedingt die Geister. "Kotz! Kotz! Kotz!" ächzt ein Junge. "Oh toll!" jubelt eine Schülerin. Jedes Gedicht wird mit Szenenapplaus gefeiert. Rauschender Beifall quittiert die türkische Fassung von "Manche" ("Bizilari = manche" darf wer an die Tafel schreiben). Ohne es zu merken, verzichten die Schüler sogar auf die Pause. "Über die Heimat", heißt eines der Gedichte von Cumart, und das junge Publikum lauscht mit sichtlichem Interesse. "Mein Vater kehrt in die Türkei zurück. Er möchte nicht in der Fremde sterben. Auch ich möchte nicht in der Fremde sterben und bleibe in Bamberg." Das haben sie alle verstanden. Auch so kann man ein multikulturelles Denken fördern. Wo fallen einem eigentlich Gedichte ein? fragt jemand. Nun, es kann überall passieren, sagt Cumart. Dann schreibt er eben auf Obsttüten oder Papierservietten. Er zeigt eine Seite mit Notizen. "Das ist noch kein Gedicht, Leute. Das ist eine Skizze!" Wie viel bekommt ein Dichter so für ein Buch? Ein Lehrgang über den Buchmarkt schließt sich an, wie er einleuchtender nicht sein könnte. Zwölf Lyrikbände hat Cumart veröffentlicht. Soeben erschien ein Band mit seinen frühen Gedichten: "Ich pflanze Saatgut in Träume".
Zurück zum Titel: Nevfel Cumart: »Ich pflanze Saatgut in Träume«

Fränkischer Tag Nevfel Cumart - ein fleischgewordener Widerspruch?
Er scheint der fleischgewordene Widerspruch. Tritt adrett gewandet mit Schlips und Anzug auf, wie ein Banker oder mindestens ein Juniorchef. Und doch ist Nevfel Cumart ein Dichter. Da gehen dann die Widersprüche gleich weiter: Denn seine Gedichte sind oft eher eine singende, klingende Prosa, sind in Aphorismusform gefügte Gedankensplitter, sind Sprachspiele ohne Reim und gängiges Metrum. Die ganz beiläufig von Dingen erzählen - und da ist schon wieder ein kleiner Widerhaken, es sind Gedichte, die tatsächlich erzählen, nicht nur Stimmungen spiegeln -, die aus vielen Lebensgegenden stammen.
Zurück zum Titel: Nevfel Cumart: »Ich pflanze Saatgut in Träume«

|
 |
|