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Merkur, Renatus Deckert, 01. März 2004
Auf eine im Feuer versunkene Stadt
Heinz Czechowski und die Debatte über den Luftkrieg


Finster wie eine Verschwörungstheorie klang das, was W. G. Sebald im Herbst 1997 in seinen Züricher Vorlesungen über »Luftkrieg und Literatur« vortrug. Die Bombardierung deutscher Städte sei von der Nachkriegsliteratur fast durchgängig ignoriert worden. »Der wahre Zustand der materiellen und moralischen Verpflichtung, in welchem das ganze Land sich befand, durfte aufgrund einer stillschweigend eingegangenen und für alle gleichermaßen gültigen Vereinbarung nicht beschrieben werden.« Die Zerstörungen nannte Sebald »ein schandbares, mit einer Art Tabu behaftetes Familiengeheimnis«.


Sebalds Thesen haben ein gewaltiges Echo ausgelöst. Der Luftkrieg rückte wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses. Im Herbst 2002 erschien Jörg Friedrichs historische Darstellung der alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte, Der Brand, und avancierte rasch zum Bestseller. Wieder war von jenem Tabu die Rede, das Sebald mit Blick auf die deutsche Nachkriegsliteratur diagnostiziert hatte.


In seinem Essay Zeugen der Zerstörung hat jetzt Volker Hage die These vom Tabu unfreiwillig widerlegt. Aus seiner Darstellung spricht das Bemühen, jede Kritik an der Position des inzwischen verstorbenen Sebald zu vermeiden. Die erstaunliche Anzahl der von Hage aufgeführten Titel zeigt jedoch, daß der Luftkrieg sehr viel häufiger thematisiert wurde, als Sebald hatte glauben machen wollen. Der Essay versteht sich als Resümee der von Sebald initiierten Debatte. Er übernimmt ihre merkwürdig selektive Wahrnehmung. Hage teilt zwar nicht Sebalds Ignoranz gegenüber der in der DDR entstandenen Literatur. Aber seine Bestandsaufnahme weist in diesem Bereich erhebliche Lücken auf. Hage erwähnt, daß sich »die Tabuproblematik« in der DDR von der in der alten Bundesrepublik unterschied. Als Beleg zitiert er Monika Maron, die sich erinnert, daß im Osten vom, wie es hieß, anglo-amerikanischen Angriff auf Dresden gesprochen wurde.


Hage beläßt es bei dieser Quelle aus zweiter Hand. Der Umgang mit dem Luftkrieg in der DDR interessiert ihn offenbar nicht. Sebald wiederum verfährt mit dem Thema Dresden in seiner Nachschrift zu den Züricher Vorlesungen in erstaunlicher Weise. Er führt den Brief einer Leserin an, die ihn darauf hinwies, daß der Luftkrieg in der DDR durchaus ein Thema gewesen sei. Sie erinnerte an das alljährliche Gedenken am 13. Februar, dem Tag der Zerstörung Dresdens. Sebald kommentiert: Von der Instrumentalisierung dieses Untergangs in der offiziellen Rhetorik des ostdeutschen Staats scheine die Dame keine Vorstellung zu haben.


Die Ignoranz, die Sebald der Leserin bescheinigt, fällt auf ihn selbst zurück. Gerade an Dresden zeigt sich, wie unhaltbar seine These vom Tabu ist. Die staatliche Instrumentalisierung im Kalten Krieg ändert nichts daran, daß der Luftkrieg in Dresden immer präsent war. Noch Jahre nach den Angriffen prägten Ruinen und leere Flächen das Bild der Stadt. Die berühmteste Ruine war die der Frauenkirche, mit deren Rekonstruktion erst in den neunziger Jahren begonnen wurde. Der brandgeschwärzte Trümmerhaufen mitten in der Altstadt war ein Sinnbild dafür, wie Dresden mit diesem Kapitel seiner Geschichte lebte.


Im offiziellen Sprachgebrauch war die Ruine ein »Mahnmal für die Lebenden im Kampf gegen imperialistische Barbarei«, so stand es auf einer Tafel. Aber die ideologische Rhetorik vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren sowie zur Zeit der nuklearen Nachrüstung war nur die eine Seite des Gedenkens. Die Trauer der Dresdner über den Verlust ihrer als einzigartig empfundenen Silhouette wog schwerer als die martialischen Schuldzuweisungen an Engländer und Amerikaner von seiten dogmatischer Kommunisten.


Diese Trauer paßte freilich nicht zum Bild vom sozialistischen Menschen. Dieser sollte sich nicht der Vergangenheit zuwenden, sondern der Zukunft, wo die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft angeblich Realität zu werden versprach. So wurde Dresden von den Mächtigen der DDR stets mißtrauisch beäugt. Die ihrer alten Größe nachtrauernde Residenz an der Elbe bildete einen Gegenpol zu den »fortschrittlichen Kräften« in Berlin. Ein Tabubruch war das Gedenken der Dresdner nicht. Allerdings sah der Staat eine Provokation darin, daß sich das Gedenken in den achtziger Jahren in die Kirchen verlagerte und mit den Friedensgebeten gegen das Wettrüsten verband. Eine kämpferische Haltung gegenüber den Westmächten hätte der Staat den Fürbitten der Dresdner vorgezogen. Von all dem weiß Sebalds Essay nichts.


Es genügt ein Blick in das Werk von Volker Braun, einen der offiziellen Rhetorik unverdächtigen Dichter von Rang. Dresdens Andenken heißt ein autobiographischer Text von 1995. Er erzählt von dem Phantomschmerz, den die schwelenden Trümmer seiner Geburtsstadt in ihm hinterließen und der bis heute anhält. Gustav Seibt nannte Dresden die »Brandstätte«, auf der Brauns »Wortschöpfungen voller Pathos und Philosophie mit ihrer Spannung von Scharfsinn und Versmaß, Eleganz und Entsetzen, Trauer und Witz erst entstehen konnten«. Dies belegen etliche Texte aus DDR-Zeiten. Auch für Heinz Czechowski, Karl Mickel und B. K. Tragelehn war die Zerstörung Dresdens eine am eigenen Leib erlittene Erfahrung, die sich in ihre Texte eingeschrieben hat. Weder bei Sebald noch bei Hage ist von ihnen die Rede.


Heinz Czechowski hat den Verlust seiner Heimatstadt immer wieder thematisiert und die Brandnacht als auslösendes Moment für sein Schreiben bezeichnet.(Die Gedichte von Heinz Czechowski erschienen in der DDR im Mitteldeutschen Verlag. Heute gibt der Grupello Verlag in Düsseldorf sein Werk heraus. Zuletzt erschienen der Lyrikband Seumes Brille sowie die Essaybände Einmischungen und Der Garten meines Vaters, die Teil 1 und 2 einer Schriftenreihe bilden.) Auf eine im Feuer versunkene Stadt heißt eine Anthologie von 1990, die Lyrik und Prosa über Dresden aus allen bis dahin erschienenen Bänden Czechowskis versammelt. Das »Eindringen von Bombenflugzeugen in einen Kindheitsraum« nennt er »eine Welterfahrung, Erfahrung größerer Welt, eine tragische, eine vom Tod betroffene«.


Er war zehn Jahre alt, als er vom Dach eines Vorstadthauses den Feuerschein des brennenden Dresden sah. Später hat er die Geschehnisse dieser Nacht mehrfach beschrieben. Die Ungläubigkeit der Hausbewohner, die plötzlich der nackten Angst weicht. Das Entsetzen, als die ersten Menschen eintreffen mit verrußten Gesichtern und sagen, »daß es die Stadt nicht mehr gibt«. In Dresden hatte man nicht an einen Angriff geglaubt. Legenden wurden gestrickt, die dieses Gerücht belegen sollten. Sogar von einer Großmutter Churchills war die Rede, die angeblich in Dresden lebte (Churchill selbst war damals siebzig Jahre alt). In dieser Nacht zerschlugen sich alle Hoffnungen, daß die Stadt den Krieg unversehrt überstehen würde.


Czechowski erinnerte sich später an die Atmosphäre im Luftschutzkeller: »Das Licht ist verloschen. Die Dunkelheit bebt. Die Türen springen schreiend aus den Riegeln. Ein riesiges Rauschen und Dröhnen, in das sich wie dunklere Punkte die Detonationen einzelner, ganz in der Nähe einschlagender Bomben mischen, ist um uns. Meine Mutter hat mich an sich gepreßt.«


Den Angriffen auf Dresden fielen 35 000 Menschen zum Opfer. In dem Gedicht Ich und die Folgen hat Czechowski die lebenslängliche Empfindung der Überlebenden in Worte gefaßt: »Ich / Bin verschont geblieben, aber / Ich bin gebrandmarkt«. Nicht nur das unmittelbare Erleben der Katastrophe erwies sich als Prägung. Auch der Anblick der verbrannten Leichen und der Verwüstung fraß sich in das Gedächtnis: Bilder einer Stadt »zwischen Feuer und Frost, ein Steinmeer in beunruhigender Gestaltlosigkeit zwischen lieblichen Hügeln, ... bewohnt von Ratten und Toten, ausgetilgt in einer Nacht«.


Etliche solcher Beschreibungen finden sich bei Czechowski. Es sind heute die letzten Zeugnisse vom zerstörten Dresden: neben Fotografien und den Zeichnungen des Dresdner Malers und Holzschneiders Wilhelm Rudolph, der monatelang zwischen den Ruinen unterwegs war, um durch seine Federzeichnungen das Ausmaß der Zerstörung für die Nachwelt festzuhalten. Eine solche Haltung war den Ideologen jedweder Couleur suspekt. Ähnlich wie Rudolph war auch Czechowski geradezu manisch auf Spurensuche: »Ich bin fast jeden Tag in der Stadt gewesen, um die Trümmerberge zu betrachten und die Geschichte buchstäblich durch die Nase einzusaugen.«


Bereits 1962 in seinem ersten Gedichtband Nachmittag eines Liebespaares spricht Czechowski über die verbrannte Stadt: »Damit wir es nicht vergessen, / woher wir gekommen sind«. Einem ähnlichen Impuls folgten Volker Braun, Karl Mickel und B. K. Tragelehn in ihren Gedichten über Dresden. Aber keiner von ihnen kam so oft auf den 13. Februar 1945 zurück wie Heinz Czechowski. Die Texte dieser vier Autoren hatten nichts gemein mit den ideologisch gefärbten Reden von Partei und Staat. Im Gegenteil: Ein Gedicht wie Karl Mickels Dresdner Häuser kollidierte mit der staatlich verordneten Auffassung, weil es den optimistischen Aufbauliedern der fünfziger Jahre geradezu entgegengesetzt war. Nicht die Trümmer der Vergangenheit sollten ein Thema für Dichtung im Sozialismus sein, sondern das, was darauf neu entstand. Der sozialistische Aufbau rief bei diesen Autoren jedoch ebenso starken Widerspruch hervor wie die Instrumentalisierung der Zerstörung.


Der Anfang von Johannes R. Bechers Nationalhymne gibt das Pathos wieder, mit dem er propagandistisch begleitet wurde: »Auferstanden aus Ruinen / Und der Zukunft zugewandt«. Mickel hat Bechers Hymne in seinem Gedicht barsch zurückgewiesen: »Das Neue Leben blüht nicht aus Ruinen / Da blüht Unkraut«. Das »Neue Leben« war das Schlagwort in den Anfangsjahren der DDR. Es geht zurück auf Schillers Schauspiel Wilhelm Tell. Darin finden sich die Verse: »Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, / Und neues Leben blüht aus den Ruinen.« In einer Rede des Dresdner Stadtrats Herbert Conert am 13. Februar 1946 heißt es: »Immer hat neues Leben aus den Ruinen geblüht.« Diese Losung sollte die Überlebenden aus ihrer Apathie wecken. Volker Braun zitiert in Dresdens Andenken drei sarkastische Verse aus einem seiner Gedichte. Sie stellen das Schlagwort vom »Neuen Leben« in seiner ganzen Fragwürdigkeit aus: »Das liebe Dresden Tal der Ahnungslosen / Die wollten doch das NEUE LEBEN sehn / Die Toten blicken in die rosige Zukunft.«


Der Abriß der Ruinen steht symptomatisch für den Umgang mit der Vergangenheit in der DDR. Schon 1953 stellte Bertolt Brecht fest: »Wir haben allzufrüh der unmittelbaren Vergangenheit den Rücken zugekehrt, begierig, uns der Zukunft zuzuwenden. Die Zukunft wird aber abhängen von der Erledigung der Vergangenheit.« Mit der Erledigung hatte man es sich in Dresden einfach gemacht. Die Altstadt war nach der Enttrümmerung nicht mehr wiederzuerkennen: Dresden wurde einem rigiden Aufbauplan unterworfen, der der Stadt ein neues Gesicht gab. Immerhin gelang es Denkmalschützern, eine Reihe von Ruinen zu retten. Die zerstörte Semperoper etwa wurde später rekonstruiert und am 13. Februar 1985 wiedereröffnet. Anderes fiel bedenkenlos dem Neuaufbau zum Opfer. Es ging dabei weniger darum, die Vergangenheit mit einem Tabu zu versehen. Vielmehr standen die schwarzen Barockruinen den neuen Bauten im Geiste Stalins im Weg. Und warum sollte ein atheistischer Arbeiter- und Bauernstaat Interesse daran haben, Schlösser und Kirchen wieder aufzubauen? Stellt man sich diese Frage, muß man sich eingestehen, daß in Dresden mehr erhalten blieb als in mancher Stadt im Westen.


Die gewaltsame Verdrängung der Geschichte war dennoch nicht zu übersehen. Die Kahlheit der neuen Stadt wies geradezu auf das Verlorene hin. Der 1947 geborene Dresdner Dichter Thomas Rosenlöcher hat denn auch von einer dreifachen Zerstörung gesprochen. Dresden als Drama in drei Akten: »Bombardement, Abriß, Wiederaufbau«. Auch Czechowski hat den sozialistischen Aufbau vehement kritisiert. Eine Rekonstruktion des alten Dresden fünfzig Jahre später hält er jedoch für unhistorisch.


In dem Gedicht Postplatz verspottet er den Neubau der Frauenkirche als »geklonte Kuh«. Seine Ablehnung begründet er damit, daß das alte Dresden nicht mehr existiere. Der Verzicht sei die einzige Möglichkeit, es zu überleben: »Auch wenn man manches wieder aufgebaut hat, was an früher erinnert, der Zwinger oder die Oper, so ist es doch heute eine andere Stadt.« Die rekonstruierten Gebäude sind für ihn im Sinne Walter Benjamins nicht auratisch, sondern nur eine Kopie dessen, was vor dem Krieg an ihrer Stelle stand. Czechowski sieht nur den »Widerspruch, der / In den Steinen sitzt«.


Die Trauer über den Verlust seiner Heimatstadt trübt nicht Czechowskis Blick auf die Dresdner Realien. Dies gilt auch für die Frage nach der Schuld. »Ich sah / Wie die Bomben fielen, / Ein Feuer, metaphernlos, / Schlimmer als Einsamkeit, eine Angst, / Die sich fraß / In die Augen der Kinder.« So heißt es in dem Gedicht Hybris von 1974. Der Titel deutet es an: So tief Czechowskis Trauer ist, so klar ist seine Bewertung des alliierten Bombenkriegs. »Man hat keinen Grund, sich zu beschweren. Wir haben schließlich mit Coventry und Rotterdam angefangen.« Dieser Standpunkt prägt seine Gedichte über Dresden aus fünf Jahrzehnten. Czechowski spricht jedoch nicht nur vom Luftkrieg. Im Jahre 1990 schreibt er den Satz: »Ein in Schuld verstricktes Volk zahlt zum Schluß immer den Preis für seine Duldsamkeit gegenüber den Machthabern.« Die Zerstörung der Stadt müsse mit ihrer nationalsozialistischen Vorgeschichte zusammengedacht werden. Bereits 1963 in dem Gedicht Frühe hatte Czechowski gewarnt, die Vergangenheit durch eine Lüge zu ersetzen. Später war die Rede von der »Stadt / Mit ihren Häusern / Und ihren guten Vergessern«.


Wenn er in seinen Texten die Bilder der Kindheit wiederaufleben läßt, kommt er auf das Verdrängte zu sprechen. Es geht ihm dabei nicht um die Schuld der Potentaten des Dritten Reichs oder lokaler Nazigrößen, sondern um die Schuld der einfachen Leute aus der Nachbarschaft. »Schuhmachermeister Stephan ist Vorsitzender der Schützengilde. Klempnermeister Spoerke Nazi aus Überzeugung. Er kommt eines Tages erblindet aus dem Feld und erzählt, wie das Blut der Juden, die er erschoß, an die Wand spritzte. Sind das seine letzten Bilder, bevor der Flammenwerfer bei einem Partisaneneinsatz ihn blendete?« Die Begebenheiten, die Czechowski schildert, hat er vor der Haustür einer Dresdner Wohnung gesehen oder gehört. Er schreibt als Zeitzeuge, der auf dem Wahrheitsgehalt des von ihm Erzählten beharrt.


Das »Familiengeheimnis«, von dem Sebald sprach, waren die braunen Flecken in den Biographien vieler Deutscher. Der Luftkrieg ist nie ein Tabu gewesen, nicht in Dresden. Das zeigen jene Texte, denen Sebald und Hage keine Beachtung geschenkt haben. Spätestens seit dem 1967 erschienenen Gedicht Auf eine im Feuer versunkene Stadt hat der Untergang Dresdens Heinz Czechowskis Schreiben bestimmt. Daß inzwischen auch die letzten Spuren der Zerstörung aus Dresdens Stadtbild getilgt werden, fügt der ästhetischen Qualität dieser Texte einen dokumentarischen Wert hinzu. Czechowski hätte darauf verzichtet, wenn dafür die Dresdner Brandnacht in der Ruine der Frauenkirche lebendig geblieben wäre. »Ein besseres deutsches Denkmal ist kaum vorstellbar. Es wäre der Ort gewesen, uns unserer Geschichte bewußtzuwerden.«

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Heinz Czechowski: »Einmischungen«




Walter Hinck, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Februar 2001
Ein Sachse im schalltoten Raum

[...] Czechowskis jetzt erschienener Essayband "Einmischungen" vereinigt Aufsätze aus der Zeit zwischen 1966 und 2000. Der Aufbau der Sammlung hält sich nicht an die Chronologie. Am Anfang stehen Beiträge aus den neunziger Jahren, also Standortbestimmungen eines Autors, der nach der "Wende" in den Westen übergesiedelt war. Erst im zweiten Teil des Bandes folgen Essays, die noch unter den Schreibbedingungen der DDR entstanden: etwa Nachworte zu Gedichtausgaben von Erich Arendt oder Hölderlin, aber auch zu Oden Klopstocks und zum Neudruck von Novalis Roman "Heinrich von Ofterdingen", zu Werken also, die nicht auf dem Wunschzettel der Partei standen. An diesen Aufsätzen läßt sich beobachten, wie Czechowski den Raum zwischen dem linientreuen und dem gerade noch sagbaren Argument auszutasten versucht.

[...] Die Klage über die "verlorene Identität" des Ichs beherrscht viele der Essays. Aber sie kann auch umschlagen in den Ausdruck des Zorns: über das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig als "Popanz", als Gegenstand eines Spektakels bei der Feier "deutsch-sowjetischer Waffenbrüderschaft" im Jahre 1988, als Monument der "Unmündigkeit des Volkes" - über die "Verlogenheit, welche die DDR kreuz und quer als eine Schleimspur durchzog". Hier protestiert eines der "gebrannten Kinder der Revolution". Hier setzt sich einer auch ab von der "heroischen Illusion" eines Glaubens, mit dem etwa "die klangvollen Namen Majakowski, Neruda oder Brecht verbunden sind".

Nirgendwo in den frühen Essays begibt sich Czechowski ins Kielwasser eines selbstgerechten Antifaschismus, der von den Übeln der SED-Diktatur ablenken sollte. Erst die Besichtigung der ehemaligen SS-Weihestätte in der Nähe Paderborns, der "Führerschule Wewelsburg", machte ihm das ganze Blendwerk der "heroischen Gesänge, die wir in unserer Jugend angestimmt hatten", bewußt. Mit der Wewelsburg assoziiert er Etzels Hof und die Katastrophe der Nibelungentreue, dieses "tumben Vertrauens", und es scheint ihm, als seien die Vasallen Himmlers "unterschwellig unablässig mit der Idee ihrer eigenen heroischen Vernichtung beschäftigt gewesen".

Bisher unveröffentlicht sind die "Anmerkungen anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2000 an Volker Braun". Auf sie wird Volker Braun wohl einmal antworten müssen, denn Czechowskis Vorwürfe sind erheblich, auch wenn man von ihnen einen polemischen Überschuß abzieht. Mit seinem "flotten Avantgardismus" habe der Befürworter des Arbeiter-und-Bauern-Staates auch im Westen zu gefallen gewußt, seine Leugnung von Abschieds- und Trennungsschmerz nach der Auflösung der DDR (in einem Interview) sei unaufrichtig, bringe "Falschgeld in den Verkehr". Keineswegs habe Braun immer auf der Unteilbarkeit der deutschen Literatur bestanden, eine "geballte Ladung sozialistischer Partei-und Staatsgläubigkeit" sei die Werkauswahl "Im Querschnitt" von 1978 gewesen, noch elf Jahre nach dem Bau der Mauer habe er "am Strick der Treue" gehangen. Bis in die Gegenwart ziehe sich die "endlose Litanei, die keiner Alternative zum Leben in einem wie auch immer gearteten Sozialismus Raum läßt". Czechowski nimmt mit dieser Streitschrift den Verdacht auf sich, daß ihm der Neid auf den Preisträger die Feder führe. Doch müßten seine Argumente zunächst einmal entkräftet werden. Kann Brauns offenkundige, aber doch kritische "Treue" zur DDR als bloßes Taktieren abgetan werden?

Durch die Essaysammlung zieht sich eine resignative Spur. Am markantesten wird sie in einem Bild, das Czechowski für den "Dichter im Zeitenwechsel" findet: Er sei verbannt in den "schalltoten Raum". Man wünscht seinem Buch Leser, die diese Diagnose widerlegen.

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