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Andreas Künzli, www.osteuropa.ch, 01. März 2007 Themen- und Buchbesprechung
Wer mit Rußland und mit Russen/Russinnen zu tun bekommt dürfte sich wundern, wie »normal«, wie europäisch sich diese in der Regel verhalten, zumindest äußerlich. Trotzdem gelten die Ostslaven bei den Europäern seit jeher als rätselhaft, und so begibt sich der eine oder andere gerne auf die Suche nach einschlägiger Literatur zum besseren Verständnis dieses Landes und Volkes (eine Auswahlbiographie mit 101 Titeln findet der Leser bei Litschev im Anhang vor). Im Laufe der Nachwendezeit sind mehrere Bücher erschienen, deren Autoren sich befleißigen, zu unterschiedlichen Bereichen Auskunft über das »Rätsel« Rußland geben zu wollen: hier ein Rußland-Knigge, dort eine Anleitung zum Geschäften mit Rußland, hier wiederum hier ein Russisch-Sprachführer oder eine Kulturgeschichte Rußlands, dort wiederum ein Schlüssel zum Enträtseln des russischen Wesens.
Als ein solcher versteht sich das im Grupello Verlag erschienene »rote« Büchlein des bulgarischen Historikers und Philosophiekundlers Alexander Litschev. Sein Beitrag ist dem Versuch gewidmet, Rußland und seine vielgerühmte »Seele« vor allem über den Weg der Philosophie, schönen Literatur und ansatzweise auch der Psychoanalyse zu ergründen.
So befaßt sich der Autor kapitelweise mit dem Rätsel der »russischen Sphinx«, mit der »russischen Idee«, dem russischen Denken, der russischen Weltanschauung, dem russischen Charakter, dem russischen Menschen und schließlich mit der russischen Zivilisation. Viele, so wohl auch Litschev selbst, halten diese Dimensionen für einzigartig. Nicht zufällig wurden die Weltkulturen auch schon in drei grundsätzliche Teile geordnet: eine europäische, eine nichteuropäische und eine russische (bzw. eine eurasische). Damit ist auch die seit Jahrhunderten heftig umstrittene Fragestellung verbunden, ob denn Rußland zu Europa oder zu Asien gehöre. Während etwa das Gros der Osteuropa-Historiker Rußland eindeutig in Europa beheimatet sieht, wird die europäische Zugehörigkeit Rußlands etwa von der bekannten Exil-Publizistin Sonja Margolina bestritten.
Im Verlaufe seiner Darstellung zitiert Litschev eine lange Reihe einschlägiger russischer Autoren, die ihrerseits irgend ein Statement bezüglich Rußlands und der russischen Mentalität abgegeben haben: bemüht werden Afanassiew, Astafjew, Awerinzew, Axakow, Bachtin, Bakunin, Belinski, Berdjaew, Blök, Chomjakow, Dal, Danilewski, Dostojewski, Etkind, Frank (Semjon), Gatschew, Gogol, Gontscharow, Herzen, Iljin, Iwanow (Sergej), Iwanow (Wjatscheslaw), Jerofejew, Jewtuschenko, Karsawin, Kirejewski, Korolenko, Kropotkin, Lenin, Lermontow, Lewada, Lichatschew, Lossew, Losski, Pasternak, Rosanow, Saltykow, Sinjawski, Solowjew, Tjutschew, Tolstoj, Trubezkoj, Tschaadajew, Turgenjew, Uschinski, Uspenski, Wyscheslawzew (optisch angernehmer wäre die slavistische Transkritpion). Auch Trotzki, Stalin, Gorbatschow, Jelzin, Putin und ähnliche Gestalten, die sich zur Rolle Rußlands geäußert haben, kommen in dieser Ahnengalerie mit irgend einer Aussage zu Ehren. Nun gehören viele der erwähnten Autoren samt ihren Äußerungen noch ins 19. Jahrhundert oder in die Sowjetzeit. Repräsentative Aussagen von Russen der nachkommunistischen Ära gibt es, mit Ausnahme etwa von Recherchen des (jüngst verstorbenen) Moskauer Soziologen Jurij Levada kaum. Diesen hat bei seinen Studien vor allem die Denkfigur des homo sovieticus als eine Variante des »russischen Menschen« interessiert. Auch feminine Aspekte rund um die legendäre »russische Frau« und um „Mütterchen Rußland" hat Litschev in seiner Darstellung ebenfalls berücksichtigt. Ob die angeführten Deutungen und Interpretationen Rußlands und der russischen Wesensart, die vorwiegend aus der vorkommunistischen Zeit stammen, auch noch von den heutigen »neuen Russen« reflektiert werden und mit ihren Vorstellungen von Rußland und dem russischen Charakter identisch sind, ist dem Büchlein von Litschev nicht zu entnehmen. Vielmehr müßten auch die Konsequenzen aus der Vergewaltigung des russischen Volkes (und anderer Völker) durch den Stalinismus und den Sowjetkommunismus näher analysiert werden. Daß einige Russen und Russinnen nach einer langen Verzichtsperiode wieder »zurück zu den Wurzeln der russischen Zivilisation« gehen möchten,Liegt auf der Hand, inklusive Glauben an die Kraft der orthodoxen Religion. Überhaupt hätte Litschev mehr Anstrengungen in Richtung ernsthafter Hinterfragung der teilweise aus dem Kontext gerissenen Zitate unternehmen müssen. Seine Darstellung hängt sonst etwas im luftleeren Raum, und die von Litschev zusammengestellten Zitate kommen ziemlich isoliert vom Gesamtanliegen des Büchleins daher, als Schlüssel zum besseren Verständnis des russischen Wesens zu dienen.
Manche Theoretiker halten das russische Denken dem europäischen als diametral entgegengesetzt. Das abendländische Denken sei eher logisch, rational, induktiv und abstrakt, differenziert und in Kategorien eingeteilt, das russische hingegen prälogisch, deduktiv, konkret, wie dies in der gesamten nichteuropäischen Welt der Fall sei. Dieses Denken habe Auswirkungen etwa auf die diplomatischen Handlungen, wenn die russischen Vertreter etwa dazu neigten, zuerst prinzipielle Übereinstimmungen zu finden und dann zu den Einzelheiten überzugehen (wohl um sich aus dieser Strategie einen Vorteil zu ergattern, aK). Während das europäische Denken auf die Spaltung des Geistes, der Gedanken, der Wissenschaften, des Staates, der Gesellschaft, der Moral usw. ausgerichtet sei, könne das russische Denken als geschlossener, ganzheitlicher (und wohl auch totalitärer, aK.) bezeichnet werden. Der ausgeprägte Zentralismus, wie er unter Putin wieder gefördert wird, mag dieser These entsprechen (wobei die föderativen oder separatistischen Tendenzen im russländischen Staat nicht zu übersehen sind, aK). Weiter im Text: »Nicht nur Habsucht, sondern auch Geiz und Sparsamkeit erscheinen dem russischen Menschen als negative Eigenschaften des verachteten (westlichen) Spiesserums« (S. 106). Auch der Mythos von der Leidensfähigkeit des russischen Volkes ist von Dostojewskijs Werken her ja bestens bekannt.
Die »russische Idee« wurde unter Jelzin sogar durch einen landesweiten Wettbewerb neu inszeniert und durch Putin zu politischen Zwecken instrumentalisiert. Im putinschen Staatskonzept, das einer Geheimdienstmentalität verpflichtet zu sein scheint und in dem rassistische, antisemitische und genozidähnliche Aktionen gegen mitwohnende Völkerschaften - unter welchen Vorwänden auch immer - geduldet werden, wäre das Gerede von der »Allmenschlichkeit« oder dem »Gutmenschentum« als ewige Werte des russischen Volkes jedoch nur schwer zu rechtfertigen. Paradoxerweise verhalten sich die Russen gegenüber der hohen Politik in der Regel eher gleichgültig bis desinteressiert, während sie andererseits den jeweils aktuellen politischen Kurs des Kremls durchaus en bloc unterstützen (die Frage ist, ob sie eine andere Wahl hätten, aK).
Ein anderes bestechendes Paradox liegt in folgender Gegebenheit: Nachdem die Russen zumindest seit der Christianisierung, seit Peter dem Grossen, seit Lenin, Gorbatschow und Jelzyn alle möglichen Ideologien und westlichen Rezepte von Christentum, Europäisierung, Kommunismus, Glasnost und Kapitalismus eingeführt und erprobt haben, scheinen sie sich von Zeit zu Zeit dieser Ideologien immer wieder loszusagen. Es stimmt: Eine lineare Kontinuität in der russischen Geschichte fehlt, es gibt zu viele ideologische Brüche, wohl ein wichtiger Grund, wieso das Land sich kaum normal entwickeln konnte und wieso es heute so ist wie es sich präsentiert. Gleich in der Einleitung wird der Leser auf die These der dazu geführt habenden »Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit, der Koexistenz extremer Polaritäten«, die »ein immerwährendes charakteristisches Merkmal der russischen Kultur« seien, aufmerksam gemacht. So sei Rußland in Europa gerne als Sphinx gesehen worden, ein Volk also mit dem Antlitz eines Menschen und mit dem Leib des Löwen, noch mehr aber als Ödipus, als Wesen also, das die Welt vor ein Rätsel stellt und das selbst das Rätsel löst. Daß ausgerechnet jemand wie Gurij Sudakow, der mit der Unterstützung der russischen Regierung behauptet hat, daß der russische Mensch kein Marktmensch sei und daß die Marktwirtschaft nicht sein Element sei, zum Preisträger des Wettbewerbs „Idee für Rußland" gekürt wurde, muß zum Schmunzeln und Kopfschütteln Anlaß geben. Es kann sich dabei eigentlich um nichts anderes als um eine kolossale plumpe Heuchelei - oder dann um eine Selbsttäuschung - handeln. Die Welt wartet gespannt darauf, bis Rußland auch irgendwann den Kapitalismus wieder aus dem Land verbannt, wie dies 1917 schon mal passierte.
Nun scheint sich Litschev der Problematik seiner Methodik, das Phänomen Rußland verständlicher zu machen, durchaus bewußt zu sein. Er versäumt es nicht, an mehreren Stellen darauf hinzuweisen, daß die Rätselhaftigkeit und die Einzigartigkeit des russischen Menschen wohl nicht mehr als ein „Erbe der tief verwurzelten Vorstellungen" sein muß und sowohl von Russen als auch von Nichtrussen bewußt als Mythologie konstruiert wurde. Rätselhafte Wesen ; gibt es auf der Welt auch jede Menge anderer: Chinesen, Japaner, Afrikaner, Deutsche, Schweizer, usw.
Daß die Russen einen ausgeprägten Hang zum Mythologisieren, Psychologisieren, wohl auch zum Aberglauben haben, literaturbegeisterte Menschen sind (oder waren) und sowohl feinfühlige, gastfreundliche, zuverlässige wie auch rabiate, sture und unberechenbare Typen sein können, ist europäischen Rußlandreisenden sowohl positiv als auch negativ aufgefallen. Dem Selbstverständnis der russischen Philosophie zufolge - und die russische Literatur wird von vielen als Philosophie in Reinform begriffen und diese wiederum mache die russischen Weltanschauung aus - sei das russische Denken also vorwiegend ganzheitlich, intuitiv, überrational-mythisch, tiefreligiös, wertorientiert, moralisch, leidenschaftlichemotional, konkret, lebensnah und praktisch-engagiert, wie es auf Seite 61 zusammenfassend heißt. Das eine oder andere Attribut mag bei dem einen oder anderen Fall wohl zutreffen.
Dennoch müßten diese Begriffe, etwa anhand von Beispielen aus dem Alltag, vertieft, veranschaulicht, allenfalls bewiesen oder gegenbewiesen werden, sonst bleiben sie tatsächlich als dürftiges, das Russentum verklärendes Klischees haften. Wie sich der Lebens- und Arbeitsrhythmus vieler Russen von demjenigen anderer Völker, die angeblich organisierter und disziplinierter strukturiert sind, tatsächlich unterscheidet, wäre ebenfalls nachzuzeichnen. Heutzutage scheint es der Fall zu sein, daß gerade das Leben in Rußland unter kapitalistischglobalisierten Bedingungen sich immer mehr nach den Gepflogenheiten anderer Kulturen, wie der europäischen und amerikanischen orientiert. Man denke nur an die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Rußland und der übrigen Welt, die eine nivellierende Wirkung zur Folge hat. Ob ein Nichtrusse die „russische Seele" und das „russische Wesen" tatsächlich nicht zu verstehen vermag, wie auf Seite 10, vor allem von russischer Seite, behauptet wird, ist pure Spekulation und sei zur Diskussion gestellt. Vermeintlich archetypische russische Verhaltensweisen können so schlecht wie recht von deutschen, französischen oder chinesischen Soziologen oder Psychologen zumindest subjektiv richtig oder falsch verstanden werden, wie andererseits entsprechende russische Fachleute deutsche, französische oder chinesische Stereotypen und Mentalitäten richtig oder falsch einzuschätzen imstande sind.
Ist das „russische Wesen" also ein wissenschaftlicher Begriff oder nur ein abstrakter akademisch-intellektueller Mythos, fragt sich Litschev schon auf Seite 10 zu Recht. Schon zu Beginn seiner Studie weist Litschev bewußt auch auf die Gefahr hin, daß man sich im Fall Rußlands relativ leicht in oberflächliche Klischees versteifen und der Pflege von Stereotypen und Vorurteilen, von zweifelhaften Deutungen und Mißdeutungen verfallen kann. Dies möchte Litschev mit seinem Beitrag aber verhindern und ruft zum Dialog des interkulturellen Verstehens des Fremden und Eigenen auf. Daß man nach der Lektüre von Litschevs sonst nett zu lesenden Büchlein das heutige Rußland besser zu verstehen vermag, wage ich zu bezweifeln, zumal sich der Autor vor allem auf die Vorführung abstrakter und romantisierender Grundbegriffe aus früheren Zeiten beschränkt, deren Übertragbarkeit auf die heutige Realität Rußlands wohl nicht wirklich sein kann. Trotz einer gewissen historischen Verspätung ist die russländische Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch eine modernere geworden, die sich an in der Vergangenheit definierten Charakteristika des eigenen Wesens zwar delektiert, aber kaum noch ernsthaft daran glaubt, geschweige denn danach lebt. Auf Seite 117 bestätigt der Autor immerhin eine weit bescheidenere Zielsetzung seines Werks, nämlich den Rußlanddiskurs fördern zu wollen und das „Gespräch, das Rußland mit sich selbst fuhrt, zu hören". Diese Zielformulierung ist akzeptabel. Für Slawisten und Russisten dürfte es Litschevs Beitrag jedoch an thematischer Substanz fehlen. Als solche möchte man eine viel tiefgründigere intellektuelle Auseinandersetzung mit dieser nicht uninteressanten Thematik vorfinden.
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Gisela Reller, Fachjournalistin für Osteuropa-Themen, April 2003 Russen denken, wie die Liebe will ...
Dr. phil. Alexander Litschev, geboren 1946 in Pleven, ist Bulgare. Er selbst erzählt in seinem Buch diese Begebenheit: Als er das Werk des russischen Juden Boris Groys »Die Erfindung Rußlands« gelesen hatte, habe er einen russischen Philosophen gefragt, wie er das Buch fände? Dessen Antwort sei kategorisch gewesen: Ein Nichtrusse, dazu zählte er auch Groys, den russisch-jüdischen Autor, könne weder Russland noch die »russische Seele« verstehen! Den Namen des Philosophen erfahren wir leider nicht. Litschev, der sich seit Jahren mit russischer Philosophie und Literatur beschäftigt, ist seit 1991 Privatdozent an der Universität Düsseldorf, Abteilung für Osteuropäische Geschichte. Sein Buch »Rußland verstehen« ist eine wahre Fundgrube von russischen Selbstauskünften und Zitaten ausländischer Literaten und Philosophen (darunter zahlreiche Franzosen und Deutsche) über die »russische Seele« (oder das »russische Wesen« oder den »russischen Volkscharakter« ...).
Wahrlich mit Bienenfleiß sammelte Litschev das, was die Russen über sich selbst denken, über ihre Rätselhaftigkeit und ihre vermeintliche Einzigartigkeit, ihre Ideen und ihre Ideale, ihre Philosophie und ihre Weltanschauung, ihren Charakter, ihr Menschsein ...
1979 lernte ich in Moskau den Kulturwissenschaftler und Historiker Prof. Dmitri Lichatschow (1906-1999) kennen; ich interviewte ihn zu seinem Spezialthema »Altrussische Literatur«. Dabei kam der weltbekannte Wissenschaftler auch auf die »russische Seele« zu sprechen. Er meinte, man müsse sich einerseits von Voreingenommenheiten und Klischees trennen, andererseits gäbe es aber durchaus viele Merkmale eines typisch russischen Nationalcharakters. Allerdings könne man fast jedem Merkmal als Gegengewicht auch andere gegenüberstellen. Im Buch von Litschev nennt Lichatschow (im Buch Dimitri Lichatschew) einige: »Großzügigkeit - Geiz (meist unbewiesener), Güte - Bosheit (wiederum meist unbewiesen), Freiheitsliebe - Hang zum Despotismus ...« Speziell betrachtet Lichatschow den berüchtigten Extremismus der Russen: in allem bis zum Äußersten, bis zur Grenze des Möglichen zu gehen. Ich hatte der Illustrierten FREIE WELT, bei der ich als Redakteurin und Journalistin arbeitete, damals angeboten, ein Interview mit Prof. Lichatschow zu dieser Thematik zu erarbeiten. Doch das Thema wurde als pseudowissenschaftlich abgelehnt. Interessant, dass mehr als zwei Jahrzehnte später auch Litschev viel mehr zitiert als selbst wertet. Ein wenig ironisch klingt es dann auch im Geleitwort des Düsseldorfer Professors Dr. Lutz Geldsetzer, wenn er schreibt: »(...) tröstlich ist dann auch das Fazit für die Nichtrussen: Auch die Russen sind Menschen, und sie haben soviel mit jedermann gemeinsam, daß man sie zuerst mit diesem Gemeinsamen mit Sympathie verstehen kann. Die besondere Mischung des Spezifischen aber versteht man am ehesten aus demjenigen, was sich auch bei anderen Nationen und Kulturen in jeweiligen Einzelzügen findet.«
Vieles wird in Litschevs Buch durch Für und Wider gleich oder später wieder aufgehoben, etwa wenn einerseits als positive Eigenschaften des russischen Volkes Leidenschaftlichkeit, Tapferkeit und Willenskraft, bedingungslose Güte, die Liebe zur Schönheit und die Gabe zur schöpferischen Einbildung genannt werden, und gleich daneben als negative Charakterzüge stehen: Passivität und Müßiggang, Träumerei, originelle Pläne ohne Drang nach ihrer Verwirklichung sowie Gleichgültigkeit gegenüber einer begonnenen Arbeit und die Abneigung, diese bis zum Ende auszuführen; dies Eigenschaften, wie wir sie schon aus »Oblomow«, dem Roman Iwan A. Gontscharows (1812-1891), kennen. »Als Teiloblomowtum«, schreibt Litschev »erweist sich die Nachlässigkeit und Unexaktheit, z.B. Verspätung bei Verabredungen und Versammlungen, sowie eine stark ausgeprägte Abneigung gegenüber Konventionen. Hierzu gehört auch die Disziplinlosigkeit des Denkens und des Willens, d.h. keine weit blickenden und nur vorläufig ausgearbeitete Pläne, sondern Improvisationen im letzten Augenblick.«
Vier Kapitel haben einen Exkurs: Sind nur die Russen rätselhaft? Haben nur die Russen eine eigene Idee? Sind die Russen philosophische »Chaoten«? Haben nur die Russen eine Wir-Philosophie? In diesen Exkursen wird Vorhergesagtes gerade gerückt. Und wir erfahren, dass sich auch die Japaner für einzigartig halten, auch die deutsche Seele unerforschlich sei, sich auch der Franzose einmalig dünkt ...
Litschevs Buch ist insgesamt außerordentlich anregend, vor allem die Ausführungen zur Orthodoxie und zur Literatur. Zweifelsfrei ist die tiefe Religiosität der Russen. Verblüffend, wie nach dem Zerfall der Sowjetunion aus »Atheisten« sozusagen über Nacht brave Kirchgänger wurden (Wladimir Putin inklusive). Die meisten meiner russischen Freunde und Bekannten haben sich inzwischen taufen lassen und versäumen nur widerwillig einen Gottesdienst. Meine Freundin Raissa meint zur Begründung: »An irgendetwas muss der Mensch doch glauben (können).« Sehr aufschlussreich auch das Kapitel »Die Literatur als Lebensweise«. Nirgendwo auf der Welt, entnehmen wir dem Band, habe die Literatur eine so große Bedeutung wie in Russland. Sie sei die hauptsächliche Ausdrucksweise der russischen Seele. »Die ewig ›träumerische‹ russische Seele lebt viel mehr mit der Literatur und in der Literatur als in der realen Welt. Für die Russen ist Literatur das ›wirkliche Leben‹ und zwar als eine andere ›bessere‹ Realität, die die ›wirkliche‹ aufhebt und eine neue wesenhafte Dimension des Daseins eröffnet.«
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Dr. Larry Steindler, Kö Journal, 01. Oktober 2002 Obwohl die Menschen durch die schnellen Medien einander nähergerückt ist sind, umgibt die Länder östlich von Wien ein Hauch von Geheimnis. Zumindest nimmt die »westeuropäische« Perspektive alles, das aus dem Osten kommt, durch die Trübung der Unvertrautheit wahr. Mentalität, Traditionen und Gebräuche eines Landes zu verstehen, ist ein vielfältiges, jahrelanges und schwieriges Unternehmen, erst recht, wenn es sich um das »Wesen« einer Nation handelt. Der Düsseldorfer Privatdozent Dr. Alexander Litschev versucht aber in seinem jüngsten Buch über Rußland gerade dieses Wesen zu ergründen.
Im Einvernehmen mit wissenschaftlichen Methoden konzentriert sich der Philosoph und Osteuropaexperte Litschev dabei mit großer Umsicht - so wird ihm auch im Geleitwort von Prof. Dr. Lutz Geldsetzer attestiert - auf die Äußerungen von Russen selbst. Eines der Schemata von Selbstcharakterisierungen bezieht sich auf die europäische Stellung Rußlands. Inwieweit Rußland jedoch zu Europa gehört, erweist sich als ebenso brisante Frage wie die nach der russischen Rätselhaftigkeit
selbst. Die Russen sprechen seit jeher gerne geheimnisvoll von der russischen »Seele«. Litschev zeigt, daß dieses wenig aussagekräftige Merkmal auch von anderen Nationen mehr oder weniger deutlich beansprucht wird. - Japaner schreiben in dieser Weise über sich, Deutsche, und sogar über die westliche Kultur insgesamt gibt es die Meinung, daß sie rätselhaft sei.
Handelt es sich also um »Archetypen des kollektiven Bewußtseins« (Jung) oder gehört es wirklich zur Stereotype von Nationen, nicht konkretisierbar zu sein? - Um bei der Psychoanalyse zu bleiben, deren Erklärungsansätze sich bei der Frage nach einem »gemeinsamen« Bewußtsein anbieten: Ambivalenz, Schwanken zwischen verschiedenen Polen sei der Grund, aus dem eine konkrete Charakteristik Rußlands nicht greife. Es handle sich demnach um ein Problem der russischen Identitätsfindung, das sehr stark von diffusen Sehnsüchten und von der Liebe zu bestimmten Ideen und Idealen geprägt sei, denke man einmal an die Romanhelden Dostojewskis.
Geschichte, Wissenschaft und Philosophie seien daher nicht zufällig die Domänen, in denen die Frage nach dem russischen Wesen seit Jahrhunderten bis heute erörtert werde. Eine tiefe Liebe zur Gemeinschaft spiele bei diesen Einschätzungen eine wichtige Rolle. Hinzu kommt ein intellektueller Kulturpessimismus, den die Völker Osteuropas aber miteinander teilen. Religiös verbrämt, nur intuitiv erfaßbar oder mystisch erscheinen die darauf basierenden Selbstdeutungen. Manchmal äußern sie sich unkritisch westorientiert, wie dies bei sozialen Eliten in Rußland gelegentlich beobachtet wurde.
Im jeden Fall ist eine aus westlicher Perspektive intensiv anmutende Auseinandersetzung Rußlands mit der nationenspezifischen Weltanschauung festzustellen. Welche umfangreiche Bedeutung dabei z. B. ein Wort wie »prawda« hat, wird von Litschev aufschlußreich dargestellt. Er zeigt, daß der russische »Volkscharakter« schon bei Dostojewski als unbestimmt, bei anderen aber als ebenso schwankend wie gefühlvoll und leidenschaftlich auftritt. Sammlung und Typologie konkreter Bestimmungsversuche zum russischen Charakter vermögen das »Wesen« der Russen deutlicher zu erfassen als die Versuche zum imaginären Träger oder Kern solcher Eigenschaften vorzudringen. - Sobald allgemeiner gefragt wird, seien sich zumindest viele Russen zwar einig, keine Asiaten zu sein, aber ob sie zu Europa gehören oder nicht, läßt sich auf diese Weise nicht entscheiden.
So verstehen wir auch den Untertitel »Schlüssel zum russischen Wesen« zum Buch »Rußland verstehen« keineswegs als Singular, sondern es sind die vielen Schlüssel gemeint, die zu einer Beschäftigung mit Rußland auffordern.
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Wolfgang Schlott, Orientierung, September 2002 Einführungen in die philosophische Anthropologie von Völkern leiden sehr oft unter klischeehaften Wiederholungen von Behauptungen, die in populistisch gefärbten Darstellungen zu verfestigten Meinungen werden. Der Autor der vorliegenden Abhandlung, zwischen 1976 und 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und seit 1991 Privatdozent für Osteuropäische Geschichte an der Universität Düsseldorf, wählt eine Herangehensweise, die zunächst eine Reihe von gängigen Stereotypen über die russische Wesensart aufzählt. In einem anschließenden diskursiven Verfahren werden sie so lange einer Prüfung unterzogen, bis der Leser ihre Hinfälligkeit registriert. Bereits in seiner Einleitung greift Litschev einige solcher Vorstellungsinhalte auf: Können ausländische Wissenschaftler das russische Wesen begreifen? Gehört Rußland zu Europa oder zu Asien? Erweisen sich unsere Denkkategorien zur Festlegung einer tradierten „West-Ost-Ordnung“ als ausreichend? Nach der Abwägung solcher Begriffe wie Mentalität, Nationalcharakter, Volkscharakter, Identität kommt er unter Verweis auf Foucault zu der hypothetischen Feststellung, daß das topografische Ost-West-Denken mit historisch gewachsenen Vorurteilen belastet sei. Deshalb müsse man einen interkulturellen Diskurs mit den Russen beginnen, um die vorhandenen Stereotypen aufzulösen.
Die Ausführung seines Vorhabens ist in sechs kleinere Kapitel aufgeteilt. Das Rätsel der „russischen Sphinx“ (1) beginnt mit dem bekannten Satz des russischen Lyrikers Fjodor Tjutchev, der seinem Vaterland bescheinigte, daß es nicht mit dem Verstand zu begreifen sei, da man an Rußland nur glauben könne. Die folgenden, zahlreichen literarischen Belege und politischen Mythen erläutern, daß die vermeintliche Rätselhaftigkeit Rußlands auf einen Mangel an Identität und an Selbstbewußtsein zurückzuführen ist. Nach Litschev könne man das russische Wesen mit der berühmten Matrjoschka vergleichen, die in sich eine Reihe kleinerer Matrjoschkas verbirgt (S. 25). Der an dieser Stelle bemühte Vergleich mit dem „polyphonen“ Wesen, das sich in den Figuren der Dostojewskischen Romane widerspiegele, scheint mir allerdings wenig zutreffend, da sich solche Figuren auch in der Prosa anderer europäischer Autoren wiederfinden lassen.
Und wie hält es der Autor mit der „russischen Idee“ (2)? Er leitet seine Reflexionen mit zwei Zitaten von Immanuel Kant bzw. Friedrich Nietzsche ein. Sie assoziieren die Warnung vor dem Hang zur Vollkommenheit, die keine empirische Grundlage habe, bzw. vor den Verführerinnen, die schlimmer seien als die Sinne. Der Russe, so Litschev, habe eine besondere Neigung zur „Ideophilie“, das heißt, ihm wohne das Bedürfnis inne, leidenschaftlich einer höheren Idee zu folgen. In der folgenden Aussage beschränkt er sich auf die „russische Intelligenz als ein völlig eigenes, nur in Rußland existierendes geistig-soziales Gebilde, das eine besondere idealistische Klasse repräsentiert, „eine Klasse von Menschen, die ganz von Ideen begeistert und im Namen ihrer Ideen zu Kerker, Katorga und Todesstrafe bereit waren.“ Der hier zitierte Dichter und Religionsphilosoph Wjatscheslaw Iwanow (Die russische Idee, Tübingen 1930) dient Litschev als Nachweis für das russische Konstrukt einer „Idee“, die im Russischen unterschiedliche adjektivische Bedeutung im Zusammenhang mit Ideal annehmen könne.
Die folgenden Ausführungen leiden unter einer sprunghaften Beweisführung, die ständig zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem politischen Umbruch der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts pendelt. Sie endet in der Feststellung daß die „immerwährenden Selbstreflexionen des russischen Geistes“ auf der Suche nach sich selbst seien. Erst im Exkurs „Haben nur die Russen eine eigene Idee“? vermag der Autor einen Zielpunkt dieser Suche zu benennen: Es ist die verzögerte Selbstbestimmung einer Nation, die nach Ansicht des renommierten Osteuropa-Historikers Andreas Kappeler ihre Verspätung bis heute noch nicht aufgeholt habe.
Wiederbesinnung auf den Geist der russischen Philosophie
Im Hinblick auf das „russische Denken“ bedient sich Litschev der gegenwärtig virulenten Erkenntnis von den drei historischen Denk-Typen, dem „östlichen“, dem „westlichen“ und dem „russischen“. Sie bilden den Hintergrund für die Wiederbesinnung auf den Geist der russischen Philosophie, die sich bereits 1988 in einem Beschluß des Politbüros der KPdSU abzeichnete. In mehr als 50 Bänden sollte die Geschichte der „vaterländischen“ Philosophie dokumentiert werden. Ein Unterfangen, das in den 90er Jahren wiederholt den Protest von Kritikern hervorgerufen hat. Sie berufen sich auf die westliche Auffassung von der Philosophie als einer übernationalen Angelegenheit, die in Rußland selbst immer stärker bezweifelt wird. Mit Litschev ist hier anzumerken, daß die russische Philosophie Mitte des 19. Jahrhunderts in Opposition zum „fremdländischen“ Denken entstanden ist (vgl. Wilhelm Goerdt, Russische Philosophie, Bd. I/II, 1984/1989), Iwan Kirejewski, ein wichtiger Vertreter der slawophilen Denkrichtung, wertete 1852 den Unterschied zwischen westlicher und russischer Philosophie: „Dort Spaltung der Kräfte des Verstandes, hier Streben nach einer lebendigen Vereinigung“. Nach Ansicht der westlichen rationalistischen philosophischen Schulen tendiere die russische Religionsphilosophie des frühen 20. Jahrhunderts zu einer chaotischen Weltsicht. Solche Werturteile seien auf Aussagen von Nikolaj Berdjajew („das Wesen der russischen Philosophie definiere man als Überrationalismus“), von Nikolaj Losski („Streben nach ganzheitlicher Erkenntnis“) und Wassilij Rosanow („Wir denken, wie die Liebe ist. Selbst beim Denken kommt das Herz zuerst.“) zurückzuführen.
Gegen diese post-hegelianischen Vorurteile setzt der Autor die Erkenntnisse dar postmodernen französischen Philosophie, die sich gegen den posthegemonialen Zwang wende (Jean-Francois Lyotard) oder ein nomadisches Denken der Zerstreuung, „das jenseits der universellen Kategorien und Regeln in seiner Differenz lebt“, zu emanzipieren versuche (Gilles Deleuze). Sowohl Deleuze wie auch Derrida positionierten sich ausdrücklich am Rande des „Logozentrismus“, was Litschev veranlaßt, von einer Aufwertung auch der russischen „Rand-Philosophie“ zu sprechen.
In seinen folgenden Ausführungen zur russischen Weltanschauung (1), dem russischen Charakter (2) wie auch dem russischen Menschen (3) greift er jedoch diesen existentialphilosophischen Ansatz nur noch bei der Darlegung der „Wir-Philosophie“ wieder auf. Unter Verweis auf Fürst Sergej Trubeckojs „kommunitär-gemeinschaftliche“ Gnoseologie und Semjon Franks Begriff von der sobornost als „Wir-Anschauung“ wie auch vereinzelte westliche philosophische Konzepte wie z. B. Heinz Kimmerle „Entwurf einer Philosophie des Wir“ (Bochum 1982) oder japanische Ansätze einer Dorfgemeinschafts-Philosophie plädiert der Autor für eine globalisierende Interkulturalität, in der das russische Denken ein breiteres Verständnis finde. In den beiden anderen thematischen Bereichen bietet er seinen Lesern nur noch den Extrakt längst bekannter Einsichten über den Charakter des Russen und den Russen „an sich“. Die „Formlosigkeit“ des russischen Wesens (Andrej Sinjawski), die „weltumspannende“ Einfühlsgabe des russischen Menschen (Fjodor Dostojewski) und die ungewöhnliche Wandlungsfähigkeit gegenüber anderen Kulturen (Astafjew) kommen zur Sprache, aber auch die extreme Bereitschaft, aufs Äußerste zu gehen (Losski) wird hervorgehoben.
Und wie schlagen sich solche eher metaphysischen Eigenarten in dem russischen Menschen nieder“ Seine Natur sei voller Polaritäten, bescheinigt ihm der Religionsphilosoph Nikolaj Berdjaew, wobei einschränkend festzuhalten ist, daß der russische Mensch immer nur ein Mann ist, doch der könne ohne die „zauberhafte“ russische Frau gar nicht existieren (!!). Ihre identitätsstiftende Rolle drücke sich in der Mutterfixierung der russischen Sprache aus. Sie finde ihren Ausdruck in der häufigen Verwendung von Mutterflüchen, die trotz ihrer derben sprachlichen Form eine hohe Anerkennung gegenüber der „angebeteten“ Mutter darstellten.
Ebenso zwiespältig wie das Verhältnis der Geschlechter erweist sich nach Litschev auch das Phänomen der russischen Zivilisation, die sich in dem Zwischenbereich von asiatischer und europäischer Wesensart bewege. Nicht zuletzt auf Grund dieser diffusen Verortung sei die kulturelle und politische Zuordnung Rußlands im 21. Jahrhundert weiterhin schwierig.
Ob die handliche Paperback-Ausgabe mit der Abbildung des Wrubelschen Satyr auf dem Titelblatt sich als „Schlüssel zum russischen Wesen“ erweist, wie der Verlag sie ankündigt, hängt davon ab, wie die Leser die Kombination von kategorial geordneten Themen und einer Fülle von oft widersprüchlichen Aussagen über einen komplexen Gegenstand begreifen. Meiner Ansicht nach steht der übersichtlich gegliederte Text oft im Widerspruch zu den nicht immer chronologisch präsentierten Werturteilen von Dichtern und Philosophen, die sowohl von innen als auch von außen das „russische Wesen“ aus unterschiedlichen zeitlichen Perspektiven erfassen möchten. Mit einer solchen Anhäufung von Argumenten und Fakten ist der Leser oft überfordert, wenngleich ihm die zahlreichen Quellverweise des Autors die Möglichkeit bieten, die jeweilige Aussage im Kontext zu überprüfen. Hilfreich für den Liebhaber von Überblicksdarstellungen sind das beigefügte Glossar wie auch das Personenregister. Bleibt das Fazit: ein handliches Brevier, das ein Phänomen beleuchtet, dessen Konturen auch mit Hilfe des vorliegenden Schlüssels nicht „entblößt“ werden können.
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Sven Ahnert, Saarländischer Rundfunk, 15. Februar 2002 Daß Russen eine eigene Gedankenwelt, eigene Horizonte und Erkenntnisinteressen haben können, ist einleuchtend. Aber denken sie auch anders. Anders zumindest als wir Europäer? Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der Auslöschung der Sowjetideologie und der stillschweigenden Verabschiedung des Sowjetmenschen, hat die sogenannte »russische Seele« Hochkonjunktur. Patrioten jeglicher Ausrichtung erliegen diesem Faszinosum: Altkommunisten ebenso wie Neofaschisten. Diesem Wesen hat nun der Politologe Alexander Litschev nachgespürt und ein kleines Büchlein vorgelegt, daß den griffigen Titel trägt: »Rußland verstehen«.
»Was wissen wir von Rußland und den Russen? Daß sie kontaktfreudig und vertrauensselig sind, gern und ausgiebig sehr fetthaltige Kost essen, zuviel trinken und dazu singen? Daß Männer sich ebenso umarmen und küssen wie die Frauen?«
Denken das nicht viele Europäer westlichen Zuschnitts und sehen förmlich vor dem inneren Auge, wie der sentimentale Iwan auf der Balaleika seine traurigen Weisen vorträgt? Keine Angst, diese Klischees sind hier tabu. Das war nur der Einstieg zu einer kleinen Reise durch die Denkwelten der Russen. Gelingt das wirklich ohne Kalauer und Anekdoten? Fast, denn es ist ja eigentlich unmöglich, hinter das Geheimnis der Russen zu gelangen, glaubt man Alexander Litschev, der als Bulgare von russischen Kollegen nicht wirklich ernst genommen wird. Im Gespräch mit einem russischen Dichter, mußte er einige Rückschläge hinnehmen. Denn er fragte besagten Dichter: »Kann ich Rußland begreifen?« Der Dichter sagte endlich wohlwollend: »Vielleicht kannst Du ausnahmsweise 60% verstehen, weil Du eine slawische Seele hast und darüber hinaus die russische Literatur und Philosophie im Original gut kennst.«
Rußland ist ein Geheimnis, eine Sphinx. Für viele ist Rußland kaum mehr als ein Traumgespinst. Es fängt ja schon mit der Geographie an: Wo liegt dieses Land überhaupt? In Europa oder Asien?
»Manche behaupten, Rußland sei eine besondere Zwischenzivilisation und zwar eine ›eurasische‹, Brücke und Vermittlung zwischen den westlichen und den östlichen Weltzivilisationen. Im dritten Jahrtausend werde Rußland der Welt gar eine neue Synthese der Kulturen des Ostens und des Westens präsentieren, als Wegweiser in Richtung einer neuen, globalen Postzivilisation.«
Eine andere Stimme behauptete einmal: Rußland setzt sich zusammen aus sanften Menschen, die zu allem fähig sind. Ist es also das Chaos, vor dem uns Westeuropäer so sehr schaudert? Oder diese bedrohliche Unberechenbarkeit? Da ist von einem Geschichtsprofessor die Rede, der einen Wettbewerb für die Idee Rußlands gewonnen hat. Seine sechs Prinzipien sollen das russische Wesens, russkost, erklären helfen: Russkost: Ist hier der Schlüssel zum russischen Wesen? Wiederum eine – Erfindung, ein Hirngespinst. Denn dieser Professor Sudakow behauptete, der russische Mensch sei verantwortungsbewußt, er liebe die Gemeinschaft, übe sich in Geduld und verfechte seine Grundsätze mit großer Opferbereitschaft. Wahrheit und Gerechtigkeit stehen bei ihm hoch im Kurs und die positiven Figuren der russischen Literatur sind ihm bis heute große Vorbilder. Hier ist also die Rede vom Volkscharakter.
Aber der ist ja als national und geisteskrank verschrien. Liest man Tschaadajews 1822 erschienenes Buch über den russischen Wahnsinn: Dort stellt er Rußland als eine »Lücke in der intellektuellen Weltordnung« dar. Was bleibt da noch Positives zu vermelden? Richtig: Die russische Frau!
»Der russische Mensch ist immer nur der Mann. Die Russin ist keinesfalls mit dem russischen Menschen identisch. Daher spielt für das russische Selbstverständnis, neben der Denkfigur ›des russischen Menschen‹, auch das Bild der ›russischen Frau‹ eine besonders wichtige Rolle. Es ist das Bild der russischen Frau als Geliebte, Gefährtin, Mutter, Großmutter und Amme. Auch westliche Kenner des Landes unterstreichen, daß die russische Frau ›einer der wenigen Glücksfälle unseres Planeten sei. Mehr noch: Sie sei mehr wert als der Russe.‹«
Am Ende dieser kleinen Reise durch das russische Wesen sind wir nicht ganz sicher, ob wir nun Rußland wirklich verstehen. Russen denken chaotischer, unsystematischer und genießen mehr das Leben. Im Grunde sind wir doch alle Russen?
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Außenwirtschafts-Nachrichten (Sächsische IHK), 01. Februar 2002 Die Publikation gibt eine leichte verständliche Einführung in das russische Denken, Fühlen und Handeln. Sie gibt neue Impulse für die Sensibilisierung der interkulturellen Kommunikation. Dem Autor gelingt eine detaillierte Darstellung der einzelnen Facetten des russischen Selbstverständnisses heute sowie der weltanschaulichen Hintergründe der russischen Mentalität, Identität und Kultur, die sich dahinter verbergen. Im Anhang des Buches findet sich ein Glossar, das die wichtigsten Schlüsselbegriffe zum Verstehen Rußlands erläutert. Wie ein Kaleidoskop wird in diesem Buch die Vielfalt der (Selbst-)lnterpretationen des russischen Wesens aufgezeigt. Klischees werden relativiert oder beseitigt. Der Band bietet eine umfangreiche Analyse philosophischer und literarischer Beiträge zum Verständnis des russischen Menschen. Nicht zuletzt werden auch Gemeinsamkeiten unserer Wesenszüge mit denen der Russen herausgearbeitet. Wer Russen kennengelernt und Rußland besucht hat, wird hier ein Konzentrat der entscheidenden Faktoren finden, die dieses Land und seine Menschen geistig geformt haben. Und auch wer sich dem rätselhaften Rußland ohne spezifische Kenntnisse nähern möchte, der wird dem Geheimnis dieses Landes nach der Lektüre dieses Buches etwas nähergekommen sein, so Günther M. Handke von der Gorbatschow-Stiftung Deutschlands.
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Wulf Noll, Westdeutsche Zeitung, 23. Januar 2002 Einblicke in die slawische Seele
Alexander Litschev, Dozent an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, beschreibt das russische Denken, Fühlen und Handeln
Es verblüffte noch, als Putin in seiner historischen Rede vor dem Bundestag auf die gemeinsamen Wurzeln zwischen russischer und deutscher Kultur hinwies. Was die Russen wirklich denken, scheint im Westen oft ein Rätsel zu sein, weil der europäische - und eben auch asiatische - Nachbar im Osten nie wirklich an den westlichen Diskurs herangerückt wurde.
Das Interesse an Rußland hat nicht erst seit Putin zugenommen. Es fehlt jedoch an vermittelnden Darstellungen, die den westlichen Leser erreichen. Alexander Litschev, der als Dozent an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf lehrt, füllt mit seinem Buch »Rußland verstehen. Schlüssel zum russischen Wesen« eine Lücke.
In einer zeitnahen, gut lesbaren Einführung informiert Litschev über russisches Denken, Fühlen und Handeln. Wir erfahren hier, was im nichtideologischen Kontext Grundbegriffe wie »istina«, »prawda«, »mir« oder »sobornost« bedeuten. Das Denken in Rußland hat in seiner traditionellen Ausprägung vor allem mit der eigenen Identitätsfindung zu tun, es kreist um sich selbst, ist zuweilen vom Mythos der Einzigartigkeit überzeugt.
Davon zeugen Begriffe wie russisches Wesen und russische Idee. Tartarisierung, Europäisierung, russische Eroberungen im Osten, die Idee der russischen Nation mußte erst gefunden werden. »Kratze den Russen und du wirst den Tartaren vor dir sehen«, das Wort Napoleons hat ein wenig von seiner Bedeutung behalten. Russen denken nicht linear, nicht systematisch, sondern gefühlsbetont und anarchisch.
Wie Dostojewski sind sie dem Volk verbunden und streben nach einer gerechten Ordnung in der sozialen Welt. Ihre Errungenschaft ist eine Wir-Philosophie (sobornost), welche ursprünglich die Dorfgemeinschaft (mir) voraussetzte und die bis heute dem Ideal einer kommunitären Gemeinschaftlichkeit folgt.
Die typisch russische Spaltung zwischen westlichem Denken und Slawophilentum, die das 19. Jahrhundert prägte, ist in Wirklichkeit noch nicht aufgehoben. Doch obgleich mit und nach der Perestrojka die russische Idee und die Nationbildung noch einmal beschworen wurden, dürfte der russische Sonderweg ein Relikt der Vergangenheit sein.
Litschev sieht im Postmoderne-Diskurs eine Chance, das Eigene an das Fremde heranzurücken. Die Crux ist bloß, daß wir das russische Denken zu wenig kennen, um es in die interkulturelle Diskussion einzubinden.
Um die Vielschichtigkeit zu begreifen, die das russische Denken prägt, bietet Litschev das Bild der Matrjoschka, der berühmten Puppe in der Puppe, auf. Im gegenwärtigen Denken erweist sich die komplexe Puppe als polyphon. In dieser postmodernen Polyphonie, so Litschev, die aus sich selbst heraus zaubert, entfalte sich das russische Wesen.
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