Zurck zu : Die Zeit steht still

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www.dickinson.edu/glossen/heft18/czechowski.html; Wolfgang Ertl
Aufbruch in die Vergangenheit: Zu Heinz Czechowskis autobiographischer und diaristischer Lyrik seit der Wende (Auszge)

Zum 65. Geburtstag Heinz Czechowskis erschien unter dem Titel Die Zeit steht still eine groe Auswahl seiner Gedichte von 1958 bis 1999. Will man von einem wesentlichen Moment, nmlich dem einer starken religisen Bindung, absehen, so wrde ich den Dichter Heinz Czechowski als einen unmittelbaren Nachfahren der berhmten Barockdichter bezeichnen, schreibt Gnter Kunert in seiner Rezension des neuen Sammelbandes. Kunert sieht als [a]naloge Themen: Ausgeliefertsein, Einsamkeit, Menschsein als das Fragwrdige schlechthin, und immer wieder der Krieg, der in Czechowskis Werk niemals endet. Kunert geht auch auf das autobiographische Moment im Werk Czechowskis ein: Liest man Czechowskis Gedichte als 'Lebenslauf', berichten sie von einer zunehmenden Heimatlosigkeit und Vereinsamung. So redet einer als Emigrant im eigenen Land. Er ist nicht gern, wo er herkommt, er ist nicht gern, wo er hingeht, nur fehlt ihm die Ungeduld Brechts, der den 'Radwechsel' beobachtet. Czechowski hat lngst die Ziellosigkeit des Schreibens, des Wirkenwollens eingesehen. Er ist ein Getriebener, dem, im Gegensatz zu seinen barocken Kollegen oder den ideologieglubigen Zeitgenossen, alles Teleologische abhanden gekommen ist.
        Verzweifelt klammert sich das Ich dabei immer wieder an das Schreiben als einzig sinnvolle Ttigkeit in seinem Leben, wenn es auch jegliche Hoffnung auf eine Antwort verloren hat und Schreiben als eine Art Selbstgesprch auffat. Im Schreiben erfat und vergewissert sich das Ich der Landschaften und Orte, in denen es sich - oft mehr oder weniger zufllig - aufhlt, sieht sie in ihrer Geschichtlichkeit und verfolgt gern die Spuren der mit ihnen verbundenen lngst verstorbenen Dichterkollegen, sich entweder direkt auf sie beziehend, wie zum Beipiel im Falle Dantes, Hlderlins oder der Droste-Hlshoff, oder ihr Werk durch gelegentliche markierte oder versteckte Zitate evozierend. Die Gedichte hneln dabei oft Tagebuchaufzeichnungen, in denen die Beobachtungen des Spaziergngers oder Reisenden mit Reminiszenzen und Reflexionen angereichert sind.
        Das lyrische Ich hat den Dialog mit seiner Umwelt aufgegeben und adressiert nur noch sich selbst. Die autobiographische Selbstvergewisserung in der Form des prosanahen Gedichtes, das Czechowski selbst als Tagebuchersatz versteht, hat fr den Dichter sicher auch eine Art therapeutische Funktion. Wie Peter Boerner am Beispiel Franz Kafkas aufzeigt, lste sich der Dichter im Tagebuch von der Not seiner Alptrume, bekannte hier immer wieder die 'schreckliche Unsicherheit' seiner 'innern Existenz': Wie der Schiffbrchige an die Planke klammerte er sich an seine tglichen Aufzeichnungen und suchte in ihnen den Zusammenhang des Daseins, der ihm im realen Erlebnis stndig zu entgleiten drohte: 'Ich werde das Tagebuch nicht mehr verlassen. Hier mu ich mich festhalten, denn nur hier kann ich es' (16. Dez. 1910). Der Lyriker Czechowski findet hnlich seinen Halt im Schreiben, paradoxerweise im immer wieder neu ansetzenden Aufbruch in die Vergangenheit.






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Heinz Czechowski: »Die Zeit steht still«




Gregor Ziolkowski, Berliner Zeitung, 14. April 2002
Chiffren des Ostens

Es war der Dichter Adolf Endler mit seiner pointierten Art der Gruppennennung, der einmal die Schsische Dichterschule ausrief. Eine solche Dichterschule hat es im engeren Sinn nie gegeben. Aber was es gegeben hat (oder gibt), ist ein Kreis von auch im Gedicht miteinander kommunizierenden Poeten, deren Wurzeln im Schsischen liegen: Volker Braun. Karl Mickel, Sarah und Rainer Kisch, Wulf Kirsten, Richard Leising und Heinz Czechowski. Die ins Auge springenden Merkmale der Gruppe sind - ber das Schsische hinaus - schnell benannt. Geboren um das Jahr 1935, hervorgetreten in den 60er Jahren, prgten sie entscheidend die Lyrik der DDR. Eine enge Reibung an der literarischen Tradition, zahlreiche essayistische und literaturkritische Arbeiten und ein andere Genres und Sprachen einbeziehender Begriff von Dichtung sind diesen Dichtem gemeinsam.
Dazu gehrt auch, da sie - bis auf Sarah Kisch - nicht weggingen aus der DDR, solange diese bestand. Da es das ist, was sie seit 1989 an den Rand der Wahrnehmung geraten lie, kann vermutet werden. Der verstorbene Karl Mickel erffnete die Neuausgabe seiner Beitrge zur Deutschen Dichtungsgeschichte 1999 mit einer ernchternden Anekdote ber die Gelehrtenrepublik, die vom Schicksal. der 1990er, Ausgabe berichtet: Band 1363 der Reclam-Bibliothek war kaum ausgedruckt, so lag er schon auf dem Mll. Pfarrer Weskott rettete einen Teil der Auflage; in der Historischen Scheune zu Katlenburg ruht nun, der Restbestand. Es, war auch Mickel, der 1995 die Mglichkeit andeutete, da durch Rckwirkung der Nachgeschichte die umstrittene DDR-Literatur schlielich dauerhaft sich konstituiert. Buches deutet darauf hin, da sich das genau jetzt abspielt.
Die Werkausgaben Mickels und Brauns aus dem Mitteldeutschen Verlag in Halle sind abgeschlossen. Sowohl Brauns Texte in zeitlicher Folge in zehn Bnden wie auch Mickels Schriften 1-6 verweigern jeden werbenden Glanz. Fr die Umschlge beider Editionen hat sich ein derart farbloses Grau gefunden, wie es vermutlich Brecht entzckt htte. Die uere Farblosigkeit ist Programm. Man ist verfhrt, eine Chiffre fr den Osten darin zu sehen. Sie zieht nach innen, in den Raum der Texte - einem solchen Grau vertraut man sich nur an, wenn man allen formalen Glanz - allen Reiz des Denkens im Innern sicher wei. Eine hnlich anregende Farblosigkeit diesmal in Beige beherrscht den Umschlag von Adolf Endlers Band Der Pudding der Apokalypse (Suhrkamp 1999), der Gedichte von 1963-1998 versammelt.
Und nun also Heinz Czechowski, auch er in eine beige-karge Schmucklosigkeit gehllt,die auf eine Epoche verweist, in der das Papier seine Herkunft vom Holz noch nicht verleugnete. Die Rckwirkung der Nachgeschichte erfhrt bei Czechowski eine ganz eigene Zuspitzung Die Zeit steht still. Hatte Mickel immer die intellektuelle Pirouette parat, herrscht bei Endler die anarchische Lust am befreienden Auflachen, hatten Braun und Rainer Kirsch die Qualen der Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit dem Vorgefundenen auszuhalten, so war es bei Heinz Czechowski immer die Suche nach etwas Unverrckbarem, was seine Gedichte heraushob. Etwas Kristallines, Faliches geht von diesen Gebilden aus. Dabei fllt einem gerade bei Czechowski die abgegriffene Formel ein, wonach das Dichten ein Zwiegesprch des Dichters mit sich selbst ist. Was mich betrifft, / So bin ich ich. Dieses Selbstgesprch - die nachdrckliche Selbstbehauptung, -beschimpfung, -beknirschung auch ist es, was sich kontinuierlich in den Texten Czechowskis aus mehr als vier Jahrzehnten findet. Solche Konzentration ist in hchstem Ma errungen, abgerungen: Vom Gedicht, geschrieben / Gegen die Vergeblichkeit redet Czechowski an einer Stelle. Da ist kein Weg ins laute Gepolter der Weltvernderung, keiner in die khl-lchelnde Ironie, keiner in die Senk-, Spreiz- und Knickbungen der Versfe und Silben. Aber in der Bescheidenheit wurzeln frh auch, die Ansprche - tastend, konjunktivisch: Gelnge uns doch / Der Griff aus dem Dunkel / Nach den wirklichen Dingen! Wer aus dem Dunkel nach den wirklichen Dingen greifen will, der ist, bei aller Selbstbezogenheit, nicht am Bau eines hermetischen Kfigs interessiert. Und wahrscheinlich ist es diese Dialektik von strenger Individualitt und konkreter Weltwahrnehrnung, die den sprden Zauber von Czechowskis Dichtungen ausmacht.
Dieses Konkrete sind Landschaften, Stadtrume oder doch eher -ecken,erfat -in ihrem markantesten Zug. Franzigmark, Hubertusburg, Landschaft hinter Salzmnde oder In den schmalen Seitentlern der Saale sind Gedichte berschrieben, die von scheinbar abseitigen, vergangenen, ruhig gestellten Orten ausgehen. Nicht nur einmal siedeln Czechowskis Texte In den Ruinenstdten des Zweiten Weltkriegs, in Dresden vor allem, wo er 1935 geboren wurde. Und dann ist die Rede von einer Art historischer Kontamination, die den Rckraum des jeweiligen existentiellen Resmees bildet. Mit groer Geste kommt das nie daher, denn Viel, / das wute ich schon frh, / ist nicht mehr zu tun / im Angesicht dessen, / was schon geschrieben ist gesteht einer der ganz spten Texte ein.
Eher liegt eine konkrete Melancholie ber diesen Gedichten,die auch einem verzweifelten Sarkasmus oder der handfesten Depression nachgeben kann. Das hngt urschlich mit den traumatischen Prgungen Czechowskis zusammen.Der Neunjhrige wird Zeuge jener Bombennacht, in der in Dresden kaum ein Stein auf dem anderen bleibt, ein Motiv,das bis in die spte Lyrik reicht. Die Trmmerlandschaften des Subjekts verfugen sich im Dilemma; die DDR, in gewisser Weise ein vierzig Jahre whrendes Laboratorium zur berwindung von Kriegsschden, gert dann selbst in einen ruinsen Sog: Das System, das mich leben lie, / War selber nicht lebensfhig. / Das andere zeigt mir / Die kalte Schulter des Kapitalismus. Das Faliche ist zunchst der Verlust: Das spartanische Leben / Ist jetzt nur eine milde Umschreibung / Meiner wirklichen Existenz. Er vertieft sich zur existentiellen Krise, in der der Traum Meine Mutter rumt meine Wohnung auf wie eine Anrufung erscheint: Im Winter meines Lebens angekommen, / Nichts in den Hnden, schreibunfhig ...
Heinz Czechowski, der viel wei von Vergeblichkeit und Verzweiflung, von den Kreisbewegungen, in denen das Ich gefangen bleibt, und vom Trug, der sich als die Wahrheit der meisten Hoffnungen erweist, hat begonnen, so etwas wie sein Alterswerk zu schreiben. Welche Kraft und Beseeltheit da - trotz aller Desillusionierung wieder frei werden, zeigt die Sauerlndische Elegie, mit der der Band beinahe endet. Damals und jetzt in der Stunde meines whrenden Todes, / Sah ich, was ich erkannt, und ich begriff: Es war nichts. Die dunkle Bilanz markiert indes nicht mehr die Gefangenschaft in den Existenz-Trmmern, es wird zum Ausgangspunkt eines erneuten, zornigen diesmal und selbstironischen Aufbumens gegen die Vergeblichkeit: Also versuch gar nicht erst, deine Spuren / Sicher zu machen. Verwisch sie ohne Gnade bevor / Du dann endgltig abtrittst (der Abtritt ist ohnehin noch der beste / Ort der Besinnung) ...

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Pamela Drhfer, Frankfurter Rundschau, 27. September 2001
Verse von makelloser Schnheit
Heinz Czechowski, Lyriker und Essayist ist Trger des Brder Grimm-Preises der Stadt Hanau


Der Lyriker und Essayist Heinz Czechowski erhlt den Brder-Grimm-Preis der Stadt Hanau. Die mit 15.000 Mark dotierte Auszeichnung wird seit 1983 alle zwei Jahre an einen deutschsprachigen Schriftsteller vergeben. Czechowski wird den Preis am 21. November im Comoedienhaus Wilhelmsbad in Empfang nehmen.
Wir sind uns darber im Klaren, da wir einen Autor ausgewhlt haben, der es seinen Lesern nicht leicht macht. So stellte Literaturwissenschaftler und Jurymitglied Karl Corino am Mittwoch in der Hanauer Stadtbibliothek den diesjhrigen Bruder-Grimm-Preistrger vor. Heinz Czechowski sei ein widerborstiger, manchmal strrischer Mann voller Brche.
Brche sie ziehen sich durch Leben und Werk des gebrtigen Dresdners, dessen Leben, so die Jury, durch die Erfahrung zweier Diktaturen und die Ankunft in den Frsten der Freiheit bestimmt sei. Jahrgang 1935, war er als Kind Zeuge der Zerstrung seiner Heimatstadt ein aufwhlendes, traumatisches Erlebnis, sagte Corino, das Heinz Czechowski seither nicht losgelassen habe. In der DDR lernte er technischer Zeichner, bevor er von 1958 bis 1961 am renommierten Institut fr Literatur Johannes R. Becher in Leipzig studierte, das eine ganze Autorengeneration: die Schsische Schule, geprgt hat. Heinz Czechowski arbeitete anschlieend als Lektor und als Dramaturg am Magdeburger Theater. Seit 1968 ist er freier Schriftsteller und wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Heute lebt er in Frankfurt.
Der Autor stand dem sozialistischen Regime der DDR zunchst positiv gegenber, was sich literarisch unter anderem in der 1966 erschienenen, damals Aufsehen erregenden Anthologie in diesem besseren Land niederschlug der Titel war nicht ironisch gemeint. Erfahrungen wie der Prager Frhling 1968 lieen seine positive Grundhaltung brckeln. Czechowski suchte die Einsamkeit in einem alten Bauernhaus im Sorbenland; lange trug er sich in den 70er Jahren mit der berlegung, in die Bundesrepublik zu gehen, so wie viele seiner Weggefhrten. Doch er blieb zerrissen. 1989 nahm er an den Montagsumzgen teil, ging nach der Wende schlielich doch in den Westen.
Ein Zuhause und seinen Frieden fand Czechowski jedoch auch hier nicht. Er war Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, lebte am Lago Maggiore oder im katholischen Limburg. Diese Heimatlosigkeit, einhergehend mit Melancholie und tiefer Einsamkeit, prgt sein gesamtes Ouvre, fr das er die Stoffe aus alltglicher Wahrnehmung schpft; typisch fr seinen Stil ist ein karg-nchterner Gestus. Frappierend sei, wie es Czechowski immer wieder gelinge, aus Krisen und Katastrophen Verse von makelloser Schnheit zu entwickeln, schwrmte Karl Corino. Die Jury des Brder-Grimm-Preises zeichnet besonders die beiden letzten Lyrik-Bnde Die Zeit steht still und Das offene Geheimnis aus.

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Adolf Fink, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15. April 2001
Immer, wenn die Zeit stillsteht
Der frhere Stadtschreiber Heinz Czechowski in Bergen


Zehn Jahre ist es her, da er in Bergen-Enkheim als 17. Preistrger ins Stadtschreiberhaus An der Oberpforte 4 einzog und dort ber die Folgen der gerade vollzogenen Wende nachdachte. Deren Glcks- und Unsicherheits-Momente suchte er in literarischen Bildern festzuhalten. Seit kurzem ist Heinz Czechowski nun Brger der Mainmetropole. Seine Wohnung nahe der Universitt liegt bemerkenswerterweise in derselben Strae, die im Werk seines aktuellen Nachfolgers Peter Kurzeck deutliche Spuren hinterlassen hat.
Czechowski las in der Berger Bcherstube eine gute Stunde lang seine Gedichte aus dem im vorigen Jahr erschienenen Auswahlband "Die Zeit steht still" sowie aus einem Konvolut weitgehend noch unpublizierter Texte. ... Vielleicht besitzen die frhen Gedichte einen hheren Verdichtungsgrad, eine grere Originalitt, die neuen gesellen sich jedenfalls zwanglos ihnen zu: Gemeinsam dokumentieren sie eine eindrucksvolle Entwicklung des Dichtens und Denkens. Czechowskis Auftritt besttigte seinen Ruf als auerordentlicher Lyriker.

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Evelyn Finger, Berliner Zeitung, 08. Mai 2000
Die Schwermut macht Fortschritte
Heinz Czechowski gestaltet seinen eigenen Nekrolog


Dieser Mann lt sich einfach nicht dingfest machen. In der DDR zu jenen "Landschaftern" gehrend, die sich der kritischen "Evokation der Provinz" verschrieben hatten, aus der mittleren Generation der schsischen Dichterschule stammend, also tendenziell dissident, schien Heinz Czechowski jahrelang schon in die Schublade zu passen: heimatverbundener Abweichler. Doch dann kam die Wende und der erfahrene Pessimist wurde kein bichen optimistischer. "Das Meer von Plagen, / die Freiheit, / hat mich am Kragen."
    Als heimwehkranken Nostalgiker konnte man den gebrtigen Dresdener trotzdem schlecht abstempeln. Zu lakonisch war noch immer seine Diktion, zu brchig die neu bereimten Idyllen. Im westflischen Exil jedenfalls hat Czechowski auch keinen Frieden gefunden, wie unlngst bei seinen Besuchen in Halle und Leipzig klar wurde. "War ich berhaupt jemals mit mir identisch?" zitiert der Dichter aus den Manuskripten zu einer Autobiographie. Die essayistische Mixtur aus Bitterkeit und Altersweisheit, sarkastischer Rckschau und pointierter Bilanzierung der Gegenwart wirkt wie das Fragment einer von vornherein als aussichtslos betrachteten Suche. Da spricht einer, dem es nicht gengt, die Welt als Anla zur Verunsicherung zu betrachten, sondern der im zunehmenden Zerwrfnis mit sich selbst lebt. Zuweilen wird Tiefstapelei bis zur Selbstverleugnung getrieben. Doch wo der Sptter grbelt, ob er nicht doch lieber Zahnarzt htte werden sollen, ist wieder jene Angriffslust zu hren, die noch die schwerflligste Depression in eine sarkastische Metapher zwingt. Deshalb sollte man Czechowsis fortgesetzten Nekrolog auf sich selbst gelesen haben: in einer soeben erschienenen Sammlung von Gedichten aus ber 40 Jahren ("Die Zeit steht still") kann man die Gedankengnge eines Skeptikers verfolgen, der selten einen Gedanken vorgetragen hat, ohne diesen sogleich zu bezweifeln. Immer noch gilt Czechowskis Mitrauen nicht vorrangig politischen Systemen, sondern politischen und psychologischen, sozialen und emotionalen Zustnden. Nach wie vor ist seine Selbstironie nicht Pose, sondern existenzielles Sich-in-Frage-stellen. Der Gedichtband wird zum Dokument von Krisenwahrnehmung im spten 20. Jahrhundert. Elegie nach allen Seiten? Wenn Czechowski einen unvershnlichen Thomas Mann als einen "kaviarschtigen Greis" zu Grabe trgt, dann hat die Schwermut Fortschritte gemacht.

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Sendung "Mosaik" im WDR 3, 04. Mai 2000
Czechowskis Gedichte sind weniger suggestiv-beschwrend als fragend, der Leser wird nicht berrumpelt, sondern zur gedanklichen Mitarbeit aufgerufen. Erstaunlich dabei ist, wie sehr es diesem Dichter gelungen ist, die Reflexion mit dem Bild, die sinnenhafte Wahrnehmung und das Denken miteinander zu verbinden. Seine Gedichte seien, so bekannte Czechowski, immer Reaktionen auf bestimmte Erlebnisse und Erfahrungen - er nennt sie deswegen "Gelegenheitsgedichte": "Meine Chance besteht darin, mich vom Gelegenheitsmoment ergreifen zu lassen und dieses Gelegenheitsmoment im Gedicht erhalten und vermitteln zu wollen, auch wenn ich vielleicht, das gebe ich zu, in der "Anstrengung" hinter anderen zurckbleibe." Doch sollte man diese Aussage als Understatement verstehen. Denn die formale Anstrengung ist eher versteckt, und bei genauerem Hinsehen und Hinhren kann man spren, wie grndlich sich der Dichter mit Traditionen und berlieferten Formen auseinandergesetzt hat.
(Eine weitere Rezension: SWR2 Buch Tipp am 09.Mai 2000)

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Gregor Ziolkowski, Sender Freies Berlin
Heinz Czechowski, der viel wei von Vergeblichkeit und Verzweiflung, von den Kreisbewegungen, in denen das Ich gefangen bleibt, und von dem Trug, der sich als die Wahrheit der meisten Hoffnungen erweist, hat begonnen, so etwas wie sein Alterswerk zu schreiben. Welche Kraft und Beseeltheit da - trotz alles Desillusionierung - noch einmal frei werden, zeigt die groe Sauerlndische Elegie, mit der der Band beinahe endet. Wer es bisher versumt hat, diesen wesentlichen deutschen Dichter wahrzunehmen, dem bietet sich mit diesem Band eine gute Gelegenheit, dies nachzuholen.

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