Zurck zu : Pavillon aus Porzellan. Gedichte

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www.reller-rezensionen.de, 01. Januar 2003
Ein Br, der nicht brummt?

Nikolaj Gumiljow (1886-1921) zhlt zu den bedeutendsten Lyrikern des russischen silbernen Zeitalters. Er verfasste rund vierhundert Gedichte, von denen zwei Drittel zu seinen Lebzeiten erschienen. Der relativ kleine Umfang seines lyrischen Schaffens ist durch den frhen Tod des Dichters bedingt; er wurde mit 35 Jahren als angeblicher Konterrevolutionr erschossen.
Pavillon aus Porzellan erscheint russisch/deutsch als Band 8 in der Chamleon-Reihe, die seit 1997 von Alexander Nitzberg herausgegeben und bertragen wird. Aber warum dieser Titel? 1918 kam ein Bndchen mit Gedichten ber China von Gumiljow (Betonung Gumiljw) unter diesem Titel heraus. Zwar finden sich in dem vorliegenden Band drei China-Gedichte, aber weit und breit findet sich kein Pavillon aus Porzellan...
Der Band bietet, so der Verlag, einen reprsentativen Querschnitt durch das lyrische Werk des Dichters. Knnen zweiundzwanzig ausgewhlte Gedichte einen reprsentativen Querschnitt bieten? Zu Beginn seiner Dichterlaufbahn stand Gumiljow unter dem Einfluss der Symbolisten. Seine frhesten verffentlichten Gedichte (ab 1902) sind von mrchenhafter Phantastik und von Motiven aus der russischen und nordischen Folklore beherrscht. Gedichte dieser Art finden sich in Pavillon aus Porzellan nicht - Gumiljow distanzierte sich spter allerdings von diesen Gedichten und nannte sie eine Jugendsnde. Als Gumiljow 1908 nach seinem Pariser Studienjahr nach St. Petersburg zurckkehrte, hatte er sich in literarischen Kreisen durch regelmige Gedichtverffentlichungen bereits einen Namen gemacht. Mit Perlen (1910) gelang ihm der Durchbruch zu weiterer Bekanntheit. Aber weder Perlen noch Die Reise nach China, Agamemnons Krieger oder etwa Beatrice - Themen des Abenteuers, der Suche und des Kampfes - finden sich in dem vorliegenden Band. Nitzberg hat sich, obwohl dies in seinem Nachwort nicht ausdrcklich steht, wohl doch ganz dem akmeistischen Dichter verschrieben; denn die Krise der symbolischen Bewegung um das Jahr 1910 (bedauerlich, da den Gedichten dieses Bandes keine Jahreszahlen zugeordnet sind) bedeutete auch fr Gumiljow das Ende einer Epoche. 1911 grndete er die Zeche der Dichter, die sich als Zunft verstand. Hier wurden die Gedichte der Mitglieder besprochen, und es fanden bungen statt, um bestimmte epische Techniken zu erlernen. Eine solche Praxis widersprach in jeder Hinsicht den literarischen Gepflogenheiten der damaligen Zeit, bildete den denkbar grten Gegensatz zu den schwrmerisch-spiritistischen Salons der Symbolisten. Aus der Zeche der Dichter entstand die literarische Gruppierung des Akmeismus. Dieser literarischen Schule gehrten offiziell nur fnf Personen an: Ossip Mandelstam (warum bei Nitzberg mit zwei m?), Anna Achmatowa, Michail Senkewitsch, Wladimir Narbut und Gumiljow selbst. Unter den drei groen Literaturstrmungen der russischen Moderne - dem Symbolismus, dem Akmeismus, dem Futurismus - ist der Akmeismus (abgeleitet von griech. akme: Reife, Bltezeit; Hhepunkt einer Entwicklung) die einzige Literaturstrmung, die in der gesamteuropischen Lyrik keine Entsprechung hat.
Der Akmeismus lehnt die von den russischen Symbolisten geschaffene Vorstellung vom Dichter als Priester und Propheten ab. Nach akmeistischer Vorstellung hat der Dichter ein Handwerker zu sein, der seine poetische Technik beherrscht. Das neue Ideal, so betont Gumiljow in seinem literarischen Manifest Das Erbe des Symbolismus und der Akmeismus (1913), heie Stofflichkeit, Abkehr von Mystik und Okkultismus und statt dessen Hinwendung zum Dinglichen, zur sinnlich wahrnehmbaren Realitt der wirklichen Welt. Akmeist zu sein, hie es im Manifest, sei schwerer als Symbolist zu sein. Beim weiblich verschwommenen Symbolismus, wo alles zum Symbol erklrt wird, habe das Wort keinerlei Eigenwert mehr, hie es weiter. Die Arbeit am Wort unterteilt Gumiljow in vier Segmente: Phonetik, Stilistik, Komposition und Eidologie (die Lehre vom Bild). Sie haben den Begriff Eidologie noch nie gehrt? Macht nichts. Alexander Blok (warum bei Nitzberg mit ck?) hat auch ratlos vor diesem Wort und berhaupt vor dem ganzen Akmeismus gestanden, von dem er sich fragte, ob dieser nicht ein Br sei, der nicht brummt. Nitzberg geht im Anhang des Buches auf Gumiljow und die Prinzipien des mnnlich festen Akmeismus so ausfhrlich ein, dass diese qualitativ hochwertige literarische Strmung der russischen Lyrik (Nitzberg) durchaus als ein Br zu verstehen ist, der brummt...
Doch nun zu den interessanten, emotionalen Gedichten des vorliegenden Bandes. Einige Verse sind anderen Dichtern gewidmet: Anna Achmatowa, Gumiljows Frau in erster Ehe, Sergej Makowski und Michail Losinsky, die zwar nicht offiziell zur akmeistischen Schule gehrten, aber zur groen Gruppe jener Lyriker, die unter dem direkten Einflu Gumiljows standen. An den ausgewhlten Gedichten dieses Bandes ist eine Besonderheit von Gumiljows Akmeismus berzeugend abzulesen: Er leugnet nicht das Himmlische und sieht das Irdische als ebenbrtigen Pol. berhaupt beschftigen sich viele Gedichte Gumiljows mit der Religion: mit dem Islam, dem Buddhismus, dem Christentum; in zahlreichen Versen wird der Herr direkt angesprochen. Viele Gedichte Gumiljows haben biographische Aspekte: die Liebe, der Krieg, in den er um 1916 freiwillig ging. In seinen Kriegsgedichten fand Gumiljow eine ganz eigene dichterische Sprache. In Krieg wird zum eigentlichen Sieger erst derjenige, der im Gegner den Bruder erkennt (Deine Gnade und den Sieg erreichen/aber nur die einen, die am Schluss/zum Gefallenen sprechen: Meinesgleichen,/hier empfange meinen Bruderkuss.) Gumiljow schrieb auch sechzehn Gedichte ber Afrika, wohin er mehrere Male reiste, vier sind im vorliegenden Band enthalten. Der Dichter vertieft sich in den afrikanischen Kulturkreis, um sich dem Verlust des Gefhls fr mystische Zusammenhnge im modernen Europa zu widersetzen, nicht etwa, um den Kontinent einem europisch-kolonialistischen Weltbild unterzuordnen. (Kindlers neues Literatur-Lexikon). Aus der reichhaltigen Sammlung Gumiljows sind zwei Bilder von abessinischen Knstlern im vorliegenden Buch verffentlicht. Pavillon aus Porzellan enthlt auch die beiden berhmtesten Gedichte Gumiljows: das kleine Poem Fnfhebige Jamben und das Gedicht Die verlorene Straenbahn, in dem sich eine Petrograder Straenbahn auf surrealistische Weise nach Afrika und Indien verirrt (verliert?). Die Geschichte einer verlorenen Liebe bildet den Rahmen fr diese Fahrt, die - von Visionen des bolschewistischen Terrors begleitet - vor der Isaakskathedrale in Petrograd endet.
Whrend bis 1923 noch einzelne Bnde Gumiljows in Russland erschienen, wird er ab 1938 komplett aus der Literaturgeschichte gestrichen. Bis 1986 wird kein Text des Dichters mehr verffentlicht. Nach Perestroika und Glasnost jedoch avanciert Gumiljow zu einem der meistgelesenen Dichter Russlands. Im Augenblick erscheint in Moskau die erste russische Gesamtausgabe seiner Werke.
Der auerordentlich verdienstvolle Herausgeber und bersetzer Alexander Nitzberg wurde 1969 in Moskau geboren und lebt seit 1980 in der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1996 bt er beim Grupello-Verlag eine Lektorenttigkeit aus - krzlich erschien unter seinem Lektorat die bisher umfnglichste Majakowski-Biographie Ich - so gro und so berflssig von Nyota Thun. Warum in einigen von ihm ins Deutsche bertragenen Gedichten allerdings jeweils ein Wort oder mehrere Worte - nicht im Einklang mit dem Original - kursiv gesetzt sind, erschliet sich mir nicht.
Gilt bei Nitzberg Auf dem fernen Planet der Venus als letztes Gedicht Gumiljows vor seiner Hinrichtung, so ist bei Kay Borowski in Petersburg - die Trennung whrt nicht ewig als letztes Gedicht Abends, wenn die Strahlen sinken ausgewiesen. Was stimmt?

Zurck zum Titel:
Nikolaj Gumiljow, Alexander Nitzberg (Herausgeber und bersetzung): »Pavillon aus Porzellan. Gedichte«




Wolfgang Schlott, die horen 3/2001, 15. Oktober 2001
Die zweiundzwanzig Gedichte des vorliegenden Auswahlbandes entstanden in unterschiedlichen Schaffensphasen. In thematischer Hinsicht greifen sie amorphe kulturelle Erscheinungsformen auf, die sich als Zeugnisse einer Poetik erweisen, die sich um das Jahr 1910 im Umkreis von fnf Dichtern entwickelte. Ossip Mandelstamm, Anna Achmatowa, Michail Senkewitsch, Wladimir Narbut und Gumiljow gehrten zu jenem Pentaptychon, aus dem eine einzigartige poetische Schule hervorging. Sie stammte nicht aus den tradierten russischen literarischen Strmungen des 19. Jahrhunderts, sondern knpfte an poetologische Elemente der franzsischen Lyrik und an Erkenntnisse der Linguistik an, die die Phonetik, Stilistik und Komposition von Versen als Ausgangspunkte nahm. Auf diesen literarhistorischen Hintergrund verweist Nitzbergs ausfhrlicher Essay Im Himmel wie auf Erden, wo er sich auf den programmatischen Aufsatz Gumiljows Das Erbe des Symbolismus und der Akmeismus aus dem Jahr 1913 bezieht. Dort hatte der Dichter von innovativen Elementen gesprochen, die sich gegenber dem vorherrschenden Symbolismus durch freiere Rhythmen, konkretere Inhalte, mutigere sprachliche Wendungen und durch Ironie, die den Glauben nicht antaste, auszeichneten.
Von auergewhnlicher Neuheit im literarischen Betrieb des ausgehenden Zarenreichs erwiesen sich auch die Gepflogenheiten in der Zeche der Dichter, die von Gumiljow, Gorodezkij und Kusmin-Karawajew geleitet wurde. Die Mitglieder wurden geheim ausgewhlt, die wchentlichen Sitzungen mit streng ritualisiertem Zeremoniell durchgefhrt, und die dichterischen bungen waren Gegenstand heftiger Diskussionen. Die in der literarhistorischen Forschung bekannten Tatsachen bereichert Nitzberg mit dem Verweis auf die Freimaurerei, auf die sich die Akmeisten nicht nur in ihren Versammlungen (Loge, Ballotage als Wahlvorgang, Meister vom Stuhl, Aufseher), sondern auch in ihren poetischen Konstrukten gesttzt htten. Eine ihrer Prinzipien sei die Voraussetzung des Glaubens an Gott gewesen, ohne da auf den Sitzungen darber theologische Diskurse gefhrt worden seien. Mit dieser These, die Nitzberg auch an Mandelstams Programm Der Morgen des Akmeismus verifiziert, gibt er der akmeistischen Forschung eine Reihe von Denkansten, die in der neueren Mandelstam-Forschung allerdings bereits thematisiert wurden. (...)
Die von dem renommierten bersetzer und Dichter Nitzberg bertragenen Verse besitzen jene Plastizitt und Versabilitt, die es dem nur deutschsprachigen Leser ermglicht. die Bandbreite der Gumiljowschen Poetik durchaus zu erfassen. Davon zeugt auch das berhmte Gedicht Das Wort, in dem das Titellexem als der Erde grtes Heiligtum bezeichnet wird: und das Wort ist Gott - so steht&s geschrieben / im Johannes-Evangelium. Nur dann und wann entspricht die Prosodie in der deutschen bertragung nicht dem Russischen, scheppert der Rhythmus. Doch diese wenigen Beispiele knnen den allgemeinen Eindruck der sorgfltigen. da und dort sogar kongenialen bertragung nicht verwischen. Eine wiederum berzeugende Edition aus der Reihe Akmeismus des Grupello Verlages.

Zurck zum Titel:
Nikolaj Gumiljow, Alexander Nitzberg (Herausgeber und bersetzung): »Pavillon aus Porzellan. Gedichte«