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Reinhard Lauer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. März 2001 Klein wie ein Ozean
»Majakowski war und bleibt der beste, begabteste Dichter unserer Sowjetepoche. Gleichgültigkeit gegen seine Erinnerung und seine Werke ist ein Verbrechen.« Dieses Stalin-Wort aus dem Jahre 1935 galt einem Dichter, gegen den die Agitatoren der Sowjetliteratur am Ende der zwanziger Jahre zur Treibjagd geblasen hatten und der sich in einer ausweglosen Lage 1930 selbst den Tod gab.
Der Kult um den »Barden der russischen Revolution« wurde in der Folgezeit zur Staatsangelegenheit, während die futuristischen Anfänge Majakowskis verschwiegen wurden. So entstand ein Majakowski-Bild, das aus einem der sensibelsten Lyriker und erfindungsreichsten Wortartisten einen grobschlächtigen politischen Propagandisten und am Ende sogar einen Vertreter des sozialistischen Realismus machte - eine der übelsten Verfälschungen, die das sowjetische Regime an seinen Dichtern begangen hat. Nyota Thun räumt in ihrer Monographie zu Leben und Werk Wladimir Majakowskis den ganzen Schutt der Verfälschungen beiseite, um dem Dichter in all seinen Widersprüchen gerecht zu werden. (...)
Das tiefsinnige Titelzitat, einem Gedicht aus dem Jahre 1916 entnommen, spielt auf die enorme Körpergröße und die wiederkehrenden psychischen Ausnahmezustände des ichbesessenen Dichters an. In gewaltigen Hyperbeln und paradoxalen Vergleichen spielt er seine unmögliche Befindlichkeit durch: klein wie der Große Ozean und arm wie ein Millionär, stammelnd wie Dante oder Petrarca, still wie der Donner und dunkel wie die Sonne - was für Goliathe haben ihn gezeugt, »so groß und so überflüssig«?
Längst war es an der Zeit, den tragischen Weg Majakowskis, eines der größten lyrischen Talente Rußlands, ohne parteiliche Verbrämung und beflissene Fehldeutung zu veranschaulichen; zu zeigen, wie er an der Überempfindlichkeit seines Ichs, an der Unersättlichkeit seiner Liebe und an der Unverbrüchlichkeit seiner Utopiegläubigkeit schließlich zugrundeging.
Nyota Thun verfügt über sehr genaue Kenntnisse der Quellen und Werke Majakowskis, auch das persönliche, literarische, historische Umfeld und nicht zuletzt die Topographie seines Dichterlebens sind ihr bestens vertraut. (...) Sie stellt aber mit Recht die wahren poetischen Themen Majakowskis in den Vordergrund: die Aufschwünge und Abstürze seines Ichs, sein Lieben, seine Utopie. Sie sind mit leidvoller Deutlichkeit in den Poemen »Ich«, »Darüber« und »Mit ganzer Stimme« gestaltet.
In diesen einzigartigen Dichtungen ist Majakowskis Liebe zu Lilja Brik, der Gattin seines Freundes Ossip Brik, eingefangen, die ihm sowohl Muse als auch Femme fatale war. Nyota Thun zeichnet die äußerst komplizierte Beziehung des »Wauwauchens« zu Lilja Brik in allen Einzelheiten nach - eine Beziehung, die eher wohl ein Hörigkeitsverhältnis als die neue Form der freien Liebe war, die sie zu sein vorgab. Man wohnte zu dritt in einer winzigen Wohnung in der Gendrikow-Gasse in Moskau. Das Zusammenleben lief nach einer von Lilja überwachten einfachen Regel ab: »Jeder konnte tun und lassen, was er wollte. Wer von ihnen zeitweilig eine andere Verbindung einging, tat dies außerhalb der Wohnung. Eifersucht galt, nach Lili, als bürgerliches Relikt.«
Man kann leicht verstehen, daß Majakowskis Biographin nur geringe Sympathien für die Posen und Exaltiertheiten der Lilja Brik aufbringt. Ausführlich werden zudem die schillernden Verbindungen beider Briks zur Geheimpolizei beleuchtet. Wenn sich auch der in den letzten Jahren geäußerte Verdacht, Majakowski sei von der GPU, genauer: durch den GPU-Agenten Agranow, liquidiert worden, kaum erhärten läßt, so steht doch außer jedem Zweifel, daß der Dichter, und zwar nicht ohne Zutun der Briks, von den Netzen der GPU umgamt war und darauf zielsicher in den Tod getrieben wurde. Die GPU beherrschte offenbar schon damals die Technik, Mißerfolge und Enttäuschungen im privaten und im öffentlichen Leben ihrer Opfer zu erzeugen. In den letzten Monaten vor dem Selbstmord war der nach Liebe und Anerkennung lechzende Dichter in ausweglose Einsamkeit geraten. Um so schmerzlicher trafen ihn die Mißerfolge seiner Theaterstücke, das demonstrative Desinteresse an seiner Schaffensretrospektive »20 Jahre Arbeit« und die Auspfiffe bei seinen letzten öffentlichen Lesungen - entnervende Vorgänge, hinter denen eine inszenierende Hand zu spüren ist.
In Nyota Thuns Monographie sind diese Zusammenhänge, die man in der ausführlichen Lebenschronik Majakowskis von Wasili Katanjan nur angedeutet fand, erstmals offen erörtert und in die Lebensgeschichte des Dichters eingefügt. Kein Zweifel, daß es gegenwärtig keine umfassendere und lebendiger geschriebene Majakowski-Biographie gibt als die hier besprochene (...)
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www.reller-rezensionen.de "Bin quitt mit dem Leben..."
Immer schon empfand ich Majakowskis Leben als außerordentlich spannend. Man denke nur an sein konfliktreiches Zusammenleben mit Lili und Ossip Brik, an Stalins zweckbestimmte Feststellung, Majakowski sei »der beste, talentierteste Dichter unserer Sowjetepoche«, an seinen tragischen Selbstmord, um den sich bis heute - wohl doch ungerechtfertigte - Gerüchte ranken, er sei im Auftrag der GPU ermordet worden. An einige Werke des großen Dichters (1,89 Meter, Schuhgröße 46) war man trotzdem schwer heranzukriegen, sie blieben einem fremd mit ihrem Getöse, rochen zu sehr nach dem »Schreihals der Revolution«.
Aufhorchen ließ da vor zwei Jahren das Buch »Cityfrau« aus dem Grupello Verlag mit den futuristischen Gedichten von Burliuk und Majakowski. Durch seine Übersetzungen und kundigen Nachbemerkungen überzeugte der Übersetzer Alexander Nitzberg mit eindrucksvollen Beispielen davon, dass sich Majakowskis deutsche Übersetzer schuldig gemacht haben, weil sie dessen Sprache (bewusst?) vergröberten, vulgarisierten, sie noch »proletarischer« gestalteten. »Wie stark das Bild eines Dichters verfälscht werden kann«, schreibt Nitzberg, »zeigt die Majakowski-Rezeption in Deutschland.«
Nach der Ankündigung der Majakowski-Biographie aus der Feder der Berliner Slawistin Nyota Thun, geboren 1925 in Nordhausen (Harz), war man in Fachkreisen und bei Freunden der russischen Literatur mehr als gespannt. Um es gleich zu sagen: Diese großformatige und groß angelegte Lebensbeschreibung, die vom Umfang her alle bisherigen übertrifft, ist hervorragend recherchiert, tief bewegend, zeigt Wladimir Majakowski - gestützt auf bisher unerschlossenes Archivmaterial - nicht einseitig als »Trommler der Revolution«, sondern als Menschen, Lyriker, Maler, Journalisten - als einen, der sich quält, der irrt, der mutig für seine künstlerische Überzeugung eintritt, sich auch einmischt: Macht Lenin nicht zur Schablone./Druckt nicht seine Porträts auf Plakaten, Wachstuch, Tellern, Krügen,/Zigarettenetuis. Bronziert ihn nicht...
Nyota Thun - von der wir seit 1973 einige gewichtige Publikationen kennen - lässt uns Leben und Werk Majakowskis chronologisch nacherleben: Kindheit und Jugend (1893-1910), Maler und Dichter (1910-1913), Vom Bildersturm zur Verkündigung des freien Menschen (1914-1918), Revolution. Vision und Wirklichkeit (1918-Anfang 1923), Die Wende zum Journalismus (März 1923-1927), Im Widerstreit mit sich und der Welt (1928 bis 14. April 1930). Trotz dieser strengen Chronologie behält die Biographin immer die 37 Jahre des ganzen Dichterlebens im Auge. In allen Kapiteln verbindet sie akkurate Wissenschaftlichkeit mit ansprechender Lesbarkeit. Wer wusste schon, dass Majakowski adliger Herkunft ist? Wem war bewusst, dass seine Mutter, Ukrainerin, dem Geschlecht der freien Saporoger Kosaken entstammte? War überhaupt bekannt, dass Majakowski - in eine »lyrische Grube gefallen« - schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen hatte? Unmissverständlich schreibt die Verfasserin über Lenins negative Einstellung zu dem Dichter, über Trotzkis Vorbehalte gegenüber seiner Verskunst, über die sehr widersprüchliche Aufnahme seines Stückes »Die Wanze«, wie »Das Schwitzbad« totgeschwiegen, seine Ausstellung »20 Jahre Arbeit« boykottiert wurde... Auch die Liebe zwischen Lili Brik und Majakowski, die bisher stets etwas Undurchschaubares umgab, erscheint in neuem Licht. Lili und Ossip Brik hatten einander versprochen, sich niemals zu trennen. Dennoch hatten Lili Brik und Wladimir Majakowski innerhalb eines »Familienverbandes zu dritt« ein viele Jahre währendes Liebesverhältnis. Aber nach Majakowskis Tod sagte Lili: Als Majakowski starb, sei Majakowski gestorben, als Ossip starb, sei sie gestorben... Auch dieses Verhältnis, an das man sich in der russischen Gesellschaft nach anfangs bissigen Sticheleien mit der Zeit gewöhnt hatte, wird von Nyota Thun ausgewogen nach allen Regeln der Schreibkunst dargestellt.
Vermisst habe ich in der Biographie - die anlässlich des 70. Todestages Majakowskis erscheint - lediglich, dass das in den ersten Kapiteln sehr intensiv dargestellte Verhältnis zur Mutter (Der Vater starb bereits 1906 ganz unerwartet an einer Blutvergiftung.) und den beiden Schwestern keine kontinuierliche Darstellung findet.
Lektor dieser hervorragenden Biographie - die die Autorin ihren fünf Enkeln gewidmet hat - ist Alexander Nitzberg. Da erstaunt, dass viele Auszüge aus Gedichten und Poemen aus der Feder des von Nitzberg besonders scharf angegriffenen Übersetzers Hugo Huppert stammen, dem es, so Nitzberg, an der nötigen sprachlichen Subtilität fehle, um einen Dichter vom Range eines Majakowski zu übersetzen. Aber ein anderer als der Österreicher Huppert, der Majakowski noch persönlich kannte, hat die meisten seiner Werke nicht übersetzt! Man darf also gespannt sein, wer sich wie einer neuen Übersetzung von Majakowskis Werken stellen wird.
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Focus 30/2000, S.85 Majakowski war die mächtigste Stimme der Oktoberrevolution. Stets stand er im Zentrum des literarischen wie politischen Geschehens. Doch je mehr er dem Sozialismus das Wort redete, desto mehr trat er "dem eigenen Lied auf die Kehle". Trotz all seiner Hymnen nahm die offizielle Kritik an ihm zu. Vergeblich suchte Majakowski nach einem Fixpunkt seines Lebens, das ihm mehr und mehr entglitt. Nach seinem Selbstmord 1930 begann die stalinsche Verfolgungswelle, der Tausende Intellektuelle zum Opfer fielen. Neue Archivmaterialien korrigieren das bisherige Bild dieses abenteurlichen Lebens.
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Neue Züricher Zeitung, 18. Juli 2000 Der Dichter und der Demiurg
Wladimir Majakowski (1893-1930) ist das grösste Unglück widerfahren, das einem grossen Autor überhaupt passieren kann - er wurde von einem Diktator kanonisiert. Fünf Jahre nach Majakowskis dramatischem Selbstmord deklarierte Stalin:"Majakowski war und bleibt der beste, talentierteste Dichter der Sowjetepoche. Es ist ein Verbrechen seinem Werk gleichgültig gegenüberzustehen." Gefährliche Worte in einer Zeit, die nach Anna Achmatowas treffendem Ausdruck alles andere als vegetarisch war. Mit entsprechend grossem Eifer verwandelte man deshalb Majakowski schleunigst in eine Ikone der Sowjetliteratur. [...]
Es ist der Verdienst der Berliner Slawistin Nyota Thun, dem deutschen Publikum ein differenziertes Lebensbild des verstaatlichen Majakowski zugänglich gemacht zu haben. In aller Deutlichkeit wird Majakowskis Schwanken zwischen revolutionärer Begeisterung und künstlerischer Depressivität nachgezeichnet: Immer wieder scheiterte der Dichter an seinem Anspruch, auch für die breite Schicht der Arbeiter verständlich zu sein. Gerade die Konzession an ein proletarisches Kulturkonzept brachten Majakowskis schwächste Texte, laut Agitprop-Dichtung, hervor, während er in seinem intimen Liebesgedichten einen Höhepunkt in der russischen Lyrik des 20.Jahrhunderts erreichte.
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Olaf Cless, Tip des Monats im Überblick 5/2000 "Es gibt noch wenig Lust auf unserm Stern./ Man muss die Freude aus der Zukunft reißen./ In diesem Leben stirbt man leicht und gern./ Bedeutend schwerer ist: das Leben meistern."
Die Verse, die Wladimir Majakowski seinem 1925 durch Selbstmord geendeten Dichterkollegen Jessenin - mit leicht tadelndem Unterton - hinterher schickte, holten keine fünf Jahre später ihn selbst ein. Auch Majakowski fand letztlich nicht genug Lust, vor allem Liebe, auf unserem Stern, die Zukunft schien ihm 1930, sei es politisch sei es persönlich, keinen Vorschuss mehr zu gönnen, und so setzte der Dichter, außerstande, sein Leben weiter zu "meistern", diesem am 14. April jenes Jahres in Moskau mit einem Revolverschuss ein Ende.
Ein dunkel-depressives Moment hatte sich schon früh, seit dem plötzlichen Tod seines Vaters, in seinem Wesen eingenistet und gedieh weiter in der verzehrenden, immer einseitiger und auswegloser werdenden Liebe zur schönen Lilja Brik, der er seine gesamte Dichtung widmete.
"Immer öfter denke ich,/ obs nicht besser wär,/ einen Kugel-Punkt an sein Ende zu böllern", grübelte er bereits 1915. Da hatte sein Aufstieg zum wortmächtigen, spektakulären Neuerer der Poesie (er wollte zunächst Maler werden) gerade erst begonnen. - Das abenteuerliche, rastlose Leben und Schaffen dieses russischen "Leuchtturms" (Majak=Leuchtturm), des genialischen Flegels mit der romantischen Seele lässt in bisher nicht gekannter Ausführlichkeit und Differenziertheit - zugleich gut lesbar und alles andere als trocken - diese Biographie aus der Feder der enorm kompetenten Berliner Slavistin Nyota Thun Revue passieren.
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Michael Braun im Freitag, 14. Mai 2000 Man muss die Freude aus der Zukunft reißen. Ein melancholischer Trommler der Revolution.
[...] Einen von falschen Heroisierungen und Ressentiments freien Blick auf den Dichter ermöglicht erst jetzt, siebzig Jahre nach dem Selbstmord Majakowskis, die Studie der Berliner Slawistin Nyota Thun.
Schon im einleitenden Kapitel ihrer Biographie analysiert Thun die Legendenbildung, denen bisherige Majakowski-Biographen willig erlegen sind. So gleicht etwa die Jugendgeschichte des Dichters, wie sie Thun anhand der wenigen Lebenszeugnisse nacherzählt, mehr einem Märchen von der wundersamen Selbstzeugung eines politischen Revolutionärs, als einer an Illusion und Verwirrungen reichen Pubertätsgeschichte. [...]
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