Zurck zu : Freispruch fr die Karikatur

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Westdeutsche Zeitung, Elisabeth Grn, 05. Juni 2004
Fortsetzungen im Sinne der Meister
Der Autor Joachim Klinger macht in seiner Lyrik die Dichter Morgenstern und Ringelnatz miteinander bekannt.


O Schluchtenhund, o Krustentier / o Mondkalb und Gewitterstier!rief Morgenstern nach Schnaps und Bier / kommt an den Tisch und bleibt bei mir! Doch alles, was darauf erschien / war Ringelnatz aus Klein Polzin.
Nein, persnlich gekannt haben sich die beiden eigenwilligen Dichter nicht. Aber in Vers- und Bildform miteinander befreundet hat sie der Hildener Joachim Klinger: Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz - ein Paar, hnlich Morgensterns bekannten Figuren Palmstrm und Korf. Zum 90. Todestag Morgensterns ist im Dsseldorfer Grupello-Verlag in diesem Jahr der zweite Band lyrischer Kapriolen und Karikaturen erschienen. Und der doppelbegabte Klinger (Wenn ich schreibe, zeichne ich auch was) setzt hier seine Kunst der einfhlsamen Charakterisierung beider Kpfe fort. Er trifft Ringelnatz' Ton anarchistischer Rotzfrechheit so exakt wie seine melancholische Liebes-Kauzigkeit. Palmstrm und Korf entwickeln, nach dem gleichen lapidar realistischen Einstieg, mit dem Morgenstern seine Leser in die absonderliche Welt der entsprechenden Gedichte geleitete, weiteres Eigenleben; Figuren und Schpfer begegnen einander und literarischen Gren wie Peter Althaus und Goethe, Bundeskanzlern und Theaterstars.
Ich wollte ihnen, die Identitt beibehaltend, neue Entwicklungsmglichkeiten geben, erklrt Klinger. Seine Verse sind als Fortsetzungen im Sinne der Meister zu verstehen; zuweilen reichen sie in den Bereich parodistischer Anverwandlungen: Ich wrde dir ohne Bedenken / eine Kachel aus meinem Ofen schenken schrieb Ringelnatz verliebt, und Klinger sieht in der Folge den Dichter allein vor dem kalten Ofen sitzen: Wieder mal fehlt eine Kachel.
Was fasziniert Klinger so an seinen Dichtern, dass er sie vereint hat? Sie erffnen eine andere Dimension im Leben, haben einen hintergrndigen Humor. Morgenstern hat schon Ende des 19. Jahrhunderts dem Dadaismus vieles vorweggenommen; er war ein hochintellektueller Tftler mit ganz feinem Sprachgefhl. Ringelnatz ist hnlich, aber lebendiger, macht mehr Radau. Nach der Idee zum Treffen der Beiden war es praktisch nicht aufzuhalten; ich schrieb innerhalb eines Vierteljahres die Texte des ersten Bandes.
Es ist nicht die erste editorische Tat des ehemaligen Juristen. 1973 erschien im Ratinger Henn-Verlag ein schmales Bndchen Proze und Zeichnung mit Justizkarikaturen. Da war Klinger unter Kollegen im damaligen Kultusministerium schon als derjenige bekannt, der in den langen Sitzungen immer zeichnete. Als er 1974 vom Fach der Schulgesetzgebung zur Kulturabteilung wechselte, hatte er zwar viel mit Knstlern zu tun, publizierte aber nicht mehr. Den Zeichenstift zckte er nur mehr privat oder zum Wettstreit mit Peter Ustinow - sie karikierten einander. Erst nach seiner Pensionierung zog der 1932 geborene Klinger erneut fr sein Lieblingskind zu Felde, indem er ein Pldoyer fr die Karikatur hielt. Sie bertreibt, aber sie verzerrt nicht. Ein sachter Umgang mit Wahrhaftigkeit ist dahinter zu spren, immer ein Trchen offen: Wir wollen zusammen denken! / ruft Morgenstern frohen Gesichts, wir wollen uns suchend versenken / in Fragen des Seins und des Nichts.

Zurck zum Titel:
Joachim Klinger: »Freispruch fr die Karikatur«




neues rheinland, 6/2001
Keine Insider-Lektre

Freispruch fr die Karikatur fordert Joachim Klinger, Beruf Jurist, Berufung Zeichner. Hohes Gericht! Vor Ihnen sitzt eine kleine Frau auf der Anklagebank ... Ihre Gestalt ist ein wenig krumm, ihre Nase etwas lang und spitz. Aber blicken sie einmal in ihre groen klaren Augen, und sie werden ihren wachen und scharfen Geist spren!, beginnt das exzellente Pldoyer fr die bucklige Tochter der Zeichenkunst. Der u. a. durch tadellose Buchillustrationen aufgefallene Dsseldorfer Rechtspfleger fhrt wenig spter aus: Es gehrt zum Wesen der Karikatur, dass sie Attacken reitet, allerdings nicht aus bsartiger Angriffslust heraus, sondern, weil sie sich berufen fhlt, schlimme Taten anzuprangern und Personen zu entlarven, die das klare Licht der Wahrheit scheuen mssen.Klinger bemht Heuss und Adenauer, Wilhelm Busch und Heinrich Ltzeler, Daumier und Zille: Die Verpflichtung zur Wahrheit macht einem das Leben nicht eben leicht. Die Karikatur darf beispielsweise keine Ausnahmen gelten lassen. Sie mu sich gleichermaen mit Prlaten und Proleten, mit Schranzen und Emanzen anlegen. Rezensentenurteil: Keine Insider-Lektre ein Grundsatzverfahren in Sachen Demokratie. Lesepflicht zur generellen Bewhrung.

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Joachim Klinger: »Freispruch fr die Karikatur«