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Klaus Hammer, Das Blättchen, 26. November 2007
Russische Friedhöfe

Tatjana Kuschtewskaja, Journalistin und Verfasserin zahlreicher Drehbücher und Reportagen über Rußland, lebt seit 1991 in Deutschland und hat ein aufregendes Buch über russische Friedhöfe geschrieben. In erzählender Weise werden Spaziergänge auf russischen Friedhöfen, so der Untertitel, unternommen, und das, was einem Spaziergänger so auffällt, die Berühmtheit des hier Bestatteten, die Anlage des Grabes, die Schrill, mit der des Toten gedacht wird, die Menschen, mit denen man hier zusammentrifft - darüber wird berichtet. Unwesentliches mischt sich mit Wesentlichem, Alltägliches mit Dauerhaftem, Triviales mit Bedeutsamem. Tatjana Kuschtewskaja vermittelt mit ihrer Kulturgeschichte des Todes eine dem Leser nutzende Lebenskunst. Verse von Wassili Schukowskij - sie gelten als einer der bedeutendsten russischen Epitaphe - bezeugen: »Sag nicht betrübt: sie sind nicht mehr, / Sage in Dankbarkeit: sie waren!«
Die Autorin berichtet über die Grabstätten der russischen Zaren in der Peter-Paul-Kathedrale, die ein Pflichtprogramm für jeden St.-Petersburg-Besucher sind. Nach dem Tode der Zarin Katharina II., die dem Blute nach eine Deutsche, dem Geiste nach eine Russin war, hatte ihr Sohn Pawel I. aus Rache eine Posse inszeniert, indem er die Gebeine seines 34 Jahre zuvor ermordeten Vaters exhumieren und seine entzweiten Eltern »zur Versöhnung vor der Ewigkeit« vereinen ließ. Alle Verschwörer, die den frühen Tod seines Vaters verschuldet hatten, mußten, soweit sie noch lebten, an der Spitze des Trauerzuges gehen. Pawel schien geradezu besessen, die Gräber aller Liebhaber seiner Mutter zu entweihen. Er selbst wurde auch von Verschwörern umgebracht.
Noch eine andere Geschichte mag wissenswert erscheinen. In den neunziger Jahren wurden die Gebeine der von den Bolschewiken ermordeten Romanows, des letzten russischen Zaren Nikolaj II. und seiner Familie, bei Jekaterinenburg aufgefunden und nach Petersburg übergeführt. Da nicht mit letzter Gewißheit geklärt werden konnte, ob es sich wirklich um die sterblichen Überreste der Romanows handele, verweigerten die höchsten kirchlichen Würdenträger die Teilnahme an der Beisetzung, und der Geistliche, der die Gedenkinesse zu halten beauftragt wurde, zog sich aus der Affäre, indem er die Namen der Romanows nicht nannte, sondern feierlich sprach: »Ihre Namen aber, Herr, weißt du allein.« Wer also liegt im Grab des Zaren?
Der Tod von Nikolaj Gogol - er soll an Todesfurcht gestorben sein - ist mit einer traurigen Geschichte verbunden. Ursprünglich befand sich sein Grab auf dem Friedhof des Moskauer Danilow-Klosters. Als dieser 1931 eingeebnet werden sollte, fand man im Sarg Gogols ein Skelett ohne Schädel. Viele der Exhumierung beiwohnende Schriftsteller sollen ein »Souvenir« aus dem Sarg haben mitgehen lassen. Als die Gebeine von Gogol damals auf den Friedhof des Neujungfrauen-Klosters umgebettet wurden, setzte man einen neuen Grabstein: »Von der Sowjetischen Regierung«. Der bisherige Grabstein, Golgatha genannt, ging in die Hände von Gogol-Verehrern über und dient dem 1940 verstorbenen Verfasser des Romans Der Meister und Margarila, Michail Bulgakow, als Grabstein. Im alten Teil des Neujungfrauen-Friedhofs, im Kirschgarten, befinden sich die Gräber von Gogol, Tschechow, Stanislawski] und Bulgakow. Tschechows Grabmal wird ran drei eisernen Spitzen bekrönt - eine Versinnbildlichung der Drei Schwestern oder der drei Tscheehowschen Lebenssäulen Glaube, Liebe, Hoffnung?
Im Schreckensjahr 1921 starben der Dichter Alexander Blök, und der Dichter Nikolaj Gumiljow wurde als »Volksfeind« erschossen. Blök wurde auf dem Smolensker Friedhof in Petrograd beerdigt. Dagegen ist unbekannt, wo Gumiljow verscharrt wurde. Auf dem St. Petersburger Nikolskoje-Friedhof hingegen, läßt uns die Autorin wissen, liegen Persönlichkeiten, die die gesamte russische Geschichte des vorigen Jahrhunderts repräsentieren. Worauf geht der Brauch zurück, Männer, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben, an der Kremlrnauer zu beerdigen? Seit der Oktoberrevolution von 1917 sind hier eine unbekannte Zahl von Revolutionären, hohen Partei- und Staatsfunktionären, Führern der Romintern und der sogenannten Bruderparteien, Militärs und nicht zuletzt - seit seiner Entfernung aus dem Mausoleum - Stalin beigesetzt worden.
Auf dem Moskauer Neujungfrauen-Friedhof ist die ganze sowjetische Nomenklatura in Pomp und Pracht versammelt. Hier liegen aber auch die meisten bekannten Schriftsteller, Komponisten, Theaterregisseure, Sänger, Maler und auch Wissenschaftler. Auf dem Grab der Präsidentengattin Raissa Gorbatschowa erhebt sich die Skulptur einer trauernden jungen Frau. Die Gebeine des weltberühmten Sängers Fjodor Schaljapin sind erst 1984, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, von Paris nach Moskau überführt worden. Jetzt befindet sich an seinem Grab die Marmorskulptur eines in einem Sessel sitzenden Mannes, unschwer als Schaljapin erkennbar.
Mit dem Wagankowskoje-Friedhof dagegen »steht ganz Moskau auf du und du, sowohl im Tod als auch im Leben«, schreibt Tatjana Kuschtewskaja. »Hier liegen manche, die alles andere als Kinder von Traurigkeit gewesen sind.« Auch dieser Friedhof wartet mit einer Menge bedeutender Namen auf, sogar von Persönlichkeiten aus vorrevoluionärer Zeit, die sich um die russische Kultur und Wissenschaft verdient gemacht haben. Der Dichter Jessenin wurde nur dreißig Jahre alt, hinterließ aber ein wunderbares dichterisches Oeuvre. Er soll sein letztes Gedicht, Leb wohl, mein Freund, leb wohl, mit dem Blut aus seiner Pulsader niedergeschrieben haben: »Sterben ist nicht neu in diesem Leben, /Leben aber auch nicht eben neuer, Voller Mißbilligung konterkarierte ein anderer Dichter, Wladimir Majakowskij, diese Zeilen: Sterben ist nicht schwer in diesem Leben /Leben aufbauen dagegen schwer«. Er hat vier Jahre später ebenfalls Selbstmord verübt, seine Urne befindet sich auf dem Neujungfrauen-Friedhof.
Das berühmteste Grab auf diesem Friedhof ist aber das des Schauspielers, Dichters und Barden Wladimir Wyssozkij, der mit seinen Liedern und Auftritten den Behörden immer ein Dorn im Auge gewesen ist. Er sollte auf einem anderen Friedhof beerdigt werden, aber seine Verehrer sammelten viel Geld und erwarben für ihn »ein Fleckchen Wagankowo-Erde«. Sein Grab bezeichnet ein höchst sinnvolles Denkmal: ein Barde, von Fesseln umschlungen, über dem Kopf die Gitarre wie ein Nimbus, zu seinen Füßen hunderte von Blumen.
Die Verfasserin führt uns bis zu ihrem Heimatfriedhof in der ukrainischen Steppe, sie stattet dem Friedhof des auf einem Felsen gelegenen Swjatogorsker Höhlenklosters mit den Grabstätten des Fürstengeschlechts Golizyn einen Besuch ab, sie verweilt am Grabe des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko am Dnjepr-Hochufer bei Kanew, sie entdeckt in den älteren Höhlen des Kiewer Höhlenklosters den Sarg des legendären Kecken Ilja Muromez, des Helden vieler russischer Volksmärchen mit glücklichem Ausgang, und sie sucht die Dichtergräber auf den Kiewer Friedhöfen auf. »Jedes Grabmal hatte seine Geschichte, eine des Lebens, Liebens, Leidens und Sterbens dessen, der unter ihnen begraben lag«, stellt Tatjana Kuschtewskaja fest. Dieses Buch ist ein beredtes Zeugnis dafür.

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Ariane Filius, Münstersche Zeitung, 13. Oktober 2007
Spannung auf dem Friedhof

Sie ist eine Geschichtenfängerin. Und ihre Beute, die sie in allen Ecken Russlands ergattert, trägt sie lebendig bis zum Ohr ihres betörten Publikums. Tatjana Kuschtewskaja schreibt Dokumentarprosa, die Fotos und Beamer überflüssig macht. Bei ihrer Lesung am Mittwoch im Franz-Hitze-Haus zeichnete die russische Schriftstellerin mit ihren Worten ein so eindringliches Bild ihrer Heimat, dass man sofort die Koffer packen wollte. Beflügelt wurde die Sehnsucht auch von den melancholischen Liedern der Musikerin Marina Kalmykova.
    »Hier liegt Freund Puschkin - Spaziergänge auf russischen Friedhöfen« (Grupello-Verlag, 22,90 Euro): Mit diesem Buch spielt Kuschtewskaja nicht nur eine Touristenführerin, die auf Moskaus berühmten Friedhöfen von den Gräbern Gogols, Tschechows und Stalins berichtet. Sie wandert auch auf unbekannten Pfaden, wo sie wunderbare Anekdoten findet: etwa die vom Grab einer berühmten Diva, das zur Pilgerstätte der Moskauer Ganoven wurde, um Beistand für Gesetzeswidrigkeiten zu erbitten.

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Wostok - Informationen aus dem Osten für den Westen, Viktorija Samatija, 01. Juni 2007
Spaziergänge über Friedhöfe

Oase der Ruhe: leises Vogelzwitschern besänftigt und entspannt, jahrhundertealte Baumriesen bieten angenehmen Schatten, goldene Sonnenstrahlen schimmern durch dichte Kronen, und ihre Lichtflecken tanzen ... auf den Grabsteinen. Es ist kein Park, keine Grünanlage - es ist ein Friedhof. Ruhe für die Toten, nicht nur für sie, auch für die Lebenden. Stille Erholung und innere Einkehr, das versprechen die Begräbnisstätten den Tatophilen - denjenigen, die für ihr Leben gern auf den schattigen Alleen alter Friedhöfe wandeln. »Unter uns Russen gibt es sie bemerkenswert häufig«, schreibt Tatjana Kuschtewskaja am Anfang ihres Buches.
    Diesmal lädt sie uns zu einem Spaziergang auf dem Donskoje-, dem Neujungfrauen-, dem Wagankowskoje- und anderen russischen Friedhöfen ein, die zu offenen Geschichtsbüchern geworden sind. Nach Kuschtewskajas früheren Veröffentlichungen, die dem Leser Rußland nahebringen, schlägt das Buch eine neue Seite der russischen Mentalität auf - eine Mentalität, deren nicht wegzudenkendes Element eine ganz besondere Beziehung zum Tod ist.
    Der Friedhof genießt in der Kultur der Russen eine vorzügliche Achtung. Ahnen- und Elterngräber zählen zu den wichtigsten Heiligtümern des Volkes. Dementsprechend breit ist die Vielfalt russischer Bestattungsbräuche und Trauerrituale, sowohl christlicher als auch heidnischer, die eine gebührende Darstellung im Buch erfahren. Wehklagen am Sarg, Losbinden der Füße eines Verstorbenen oder Entschlafenen (diese Bezeichnung ist im russischen Milieu mindestens ebenso gebräuchlich wie erstere), Speisen und Getränke auf den Gräbern: all das mag einen Ausländer verwundern, sogar befremden, ist aber für die Einheimischen mit Sinn und Bedeutung gefüllt. Präsentiert werden diese Informationen nicht als reines Buchwissen, sondern entstammen dem Erfahrungsschatz der Autorin. Wie etwa die Einäscherung des Leichnams ihres verstorbenen Gastgebers auf einer Insel im Baikalsee und die darauf folgende Beerdigung der Asche. Durch das Prisma ihrer Erinnerungen, Gefühle und Gedanken gesehen, erhalten die Beschreibungen eine verstärkte Wahrhaftigkeit und Echtheit.
    Der Friedhof ist zum Gegenstand dieses Erzählens geworden. Müßte jedoch der Inhalt des Buches genauer bestimmt werden, so kann man feststellen, daß die russische Geschichte selbst der Stoff ist. Wer der Schriftstellerin bei ihren Spaziergängen über die verschiedenen Friedhöfe folgt, wird sich auf eine geschichtliche Reise begeben, deren Stationen - die Grabsteine - Spuren verflossener Zeiten bezeichnen. Und wenn Sie die Spuren zu lesen vermögen, entfaltet sich Ihnen ein Panorama von Berühmtem, Vergessenem und Unvergeßlichem, und die einzelnen Grabmale werden zu Zeugen höfischer Intrigen und rätselhafter Geschichten.
    Warum lag Marfa Sobakina, die dritte Frau von Zar Iwan Grosny, wie lebendig in ihrem Sarkophag, als die Bolschewiken diesen öffnen ließen? Unter welchen Umständen wurde das letzte Gedicht von Sergej Jessenin »Leb wohl, mein Freund, leb wohl« geschrieben? Warum wurde Michail Bulgakow der Stein von Gogols Grab gesetzt? Diese und viele andere Geheimnisse lüftet Tatjana Kuschtewskaja auf den Seiten ihres Buches. Nach der Lektüre sind die Kenntnisse der »Mitspazierer« um Dutzende neue Fakten bereichert. Was ist ein Kenotaph? Warum wird der Rote Platz in Moskau »Friedhof Nummer 1« genannt? Aus welchem Grund ist der Tod häufiger Gast in Andersens Märchen? Nebenbei werden Tatsachen erklärt, die auf den ersten Blick in keinem Zusammenhang mit dem ewigen Thema des Todes stehen, geschweige denn mit dem des Friedhofs: Warum empfinden Eskimos diese Bezeichnung als Diskriminierung, oder woher stammt die russische Bezeichnung für »Faulenzer«?
    Bereits die ersten Zeilen erwecken und fesseln das Interesse des Lesers, was im weiteren Verlauf der Lektüre noch intensiver wird. Dies geschieht nicht nur dank des Inhaltsreichtums des Materials, sondern in gleichem Maße dank der überzeugenden Erzählweise. Tatjana Kuschtewskaja bedeutet der Besuch eines Friedhofs nicht in erster Linie eine Begegnung mit Vergänglichkeit und Trauer. »Ich hörte auf, den Tod zu fürchten, sofern er nicht vorzeitig, in jungen Jahren kommt. Wir sollen uns mit Leben füllen, wie die Ähre mit Korn, wir sollen unsere Bestimmungen erfüllen - und in Würde gehen.« So schreibt sie im ersten Kapitel des Buches. Genauso gelassen und zuversichtlich verabschiedet sich die Autorin vom Leser: »Bleiben Sie gesund und leben Sie recht lange!«
    Meinerseits wünsche ich allen viel Vergnügen bei den spannenden Streifzügen über die Friedhöfe Rußlands und somit auch durch die Kulturgeschichte unseres riesigen Landes.

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Der Patriot, 04. April 2007
»...das erste Mal lag ich allein« - Tatjana Kuschtewskaja liest bei Gössmann über Spaziergänge auf russischen Friedhöfen. Begleitet wurde sie dabei von Marina Kalmykova, die Gitarre spielte und dazu sang

Zwei Jahre lang hat Tatjana Kuschtewskaja Gedichte, Grabinschriften und Texte aus historischen Dokumenten gesammelt. Dann hat sie daraus ein Buch gemacht: Aus »Hier liegt Freund Puschkin... - Spaziergänge auf russischen Friedhöfen« las die Autorin am Sonntag im Alten Haus Gössrnann.
    »Das Leben schreibt die besten Geschichten«, meint Kuschtewskaja, die auch Dokumentarfilme dreht. »Man muß nur alles beobachten«. Mit witzigen Anekdoten aus ihrem Leben gestaltete sie ihre Lesung. Begleitet wurde sie dabei von Marina Kalmykova, die die Zuhörer mit ihrem Gitarrenspiel und Gesang verzauberte. Eigens komponierte Stücke sowie russische und deutsche Melodien aus der Totenliturgie gehörten dazu.
    Wilhelm Gössmann hatte Tatjana Kuschtewskaja und Marina Kalmykova in Düsseldorf gehört und sie daraufhin nach Langenstraße eingeladen, um die Kultur auf dem Lande zu fördern. Und auch um Friedhöfe in ein neues Licht zu rücken. »Die Russen legen sehr viel Wert auf ihre Friedhöfe«, erklärte Gössmann. »Es sind für sie bedeutende Orte, an denen sie über die Verstorbenen reden können.«
    In »Hier liegt Freund Puschkin...« erfährt der Leser Faszinierendes über verschiedene Formen von Grabkreuzen, russische Beerdigungsbräuche und Trauerrituale. Der Band, versehen mit zahlreichen Fotografien von Friedhöfen aus Petersburg und Moskau, ist »ein Buch wie das Leben«, beschreibt die Russin ihr Werk, »traurig und auch lustig«.
    Eine der witzigsten Grabinschriften, die Kuschtewskaja gefunden hat, lautet: »Oh, welche Pein, das erste Mal lag ich allein«. Häufig sei die Grabinschrift auch das Portrait eines Verstorbenen. Dazu brauchte man nur seine Phantasie, die einen auch oft auf einen Friedhof ziehen würde. Am Ende der Lesung zitierte Wilhelm Gössrnann eine alte Weisheit seines Vaters: »Wenn du traurig bist, geh auf den Friedhof - dort bekommst du Frieden«.

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Viktoryia Samatyia, Der Federkiel, 01. April 2007
Tatjana Kuschtewskaja »Hier liegt Freund Puschkin ...«

Oase der Ruhe: Leises Vogelzwitschern besänftigt und entspannt, jahrhundertealte Baumriesen bieten angenehmen Schatten, goldene Sonnenstrahlen schimmern durch dichte Kronen, und ihre Lichtflecken tanzen auf den ... Grabsteinen. Es ist kein Park, keine Grünanlage - es ist ein Friedhof. Ruhe für die Toten? Nicht nur für sie - auch für die Lebenden. Stille Erholung und innere Einkehr - das versprechen die Begräbnisstätten den Taphophilen - denjenigen, die für ihr Leben gern auf den schattigen Alleen der alten Friedhöfe wandeln. »Unter uns Russen gibt es sie bemerkenswert häufig«, schreibt Tatjana Kuschtewskaja am Anfang ihres neu erschienenen Buches.
    Diesmal lädt sie uns zu einem Spaziergang durch den Donskoje-, den Neujungfrauen-, den Wagankowskoje- und andere russische Friedhöfe ein, die zu offenen Geschichtsbüchern geworden sind. Nach Kuschtewskajas früheren Veröffentlichungen, die dem Leser ebenfalls Rußland näher bringen, schlägt das Buch eine neue Seite der russischen Mentalität auf - einer Mentalität, deren nicht wegzudenkendes Element eine ganz besondere Beziehung zum Tod ist.     Der Friedhof genießt in der Kultur der Russen eine vorzügliche Achtung; Ahnen- und Elterngräber zählen zu den wichtigsten Heiligtümern des Volkes. Dementsprechend breit ist die Vielfalt russischer Beerdigungsbräuche und Trauerrituale, sowohl christlicher als auch heidnischer, die eine gebührende Darstellung im Buch erfahren. Wehklagen am Sarg, Losbinden der Füße eines Verstorbenen oder Entschlafenen (diese Bezeichnung ist im russischen Milieu zumindest genauso oft anzutreffen wie die erste), Speisen und Getränke auf den Gräbern: All das mag einen Ausländer verwundern oder sogar befremden, ist aber für die Einheimischen mit Sinn und Bedeutung gefüllt. Präsentiert werden diese Informationen nicht als reines Buchwissen - die Vollziehung von beinahe jedem beschriebenen Ritual wurde von der Autorin beobachtet und miterlebt, wie zum Beispiel die Einäscherung des Leichnams ihres verstorbenen Gastgebers auf einer Insel im Baikalsee und die darauf folgende Beerdigung der Asche. Durch das Prisma ihrer Erinnerungen, Gefühle und Gedanken gesehen, erhalten diese Beschreibungen eine verstärkte Wahrhaftigkeit, Echtheit. Dies gilt nicht nur für die Darstellung russischer Beerdigungsbräuche, sondern kennzeichnet das ganze Buch.     Der Friedhof ist zum Gegenstand dieses Erzählens gemacht worden. Müßte jedoch der Inhalt des Buches definiert werden, so könnte man feststellen, daß die russische Geschichte selbst seinen Stoff ausmacht. Wer der Schriftstellerin bei ihrem Spaziergang durch die Friedhöfe Rußlands folgt, wird sich auf eine geschichtliche Reise begeben, deren Stationen - die Grabsteine - Spuren der verflossenen Zeit verzeichnen. Wenn Sie diese Spuren zu lesen vermögen, entfaltet sich Ihnen ein Panorama von Berühmtem, Vergessenem und Unvergeßlichem, und die einzelnen Grabmale werden zu den Zeugen höfischer Intrigen und rätselhafter Geschichten.
    Warum lag Marfa Sobakina, die dritte Frau Zar Iwans des Schrecklichen, wie lebendig in ihrem Sarkophag bei dessen Öffnung von den Bolschewiken? Unter welchen Umständen wurde das letzte Gedicht von S. Jessenin »Leb wohl, mein Freund, leb wohl« geschrieben? Warum wurde M. Bulgakow der Stein von Gogols Grab gesetzt? Diese und viele andere Geheimnisse lüftet T. Kuschtewskaja auf den Seiten ihres Buches. Nach seiner Lektüre sind die Kenntnisse ihrer »Mitspazierer« um Dutzende neuer Fakten bereichert: Was ist ein Kenotaph? Warum wird der Rote Platz in Moskau »Friedhof Nummer l« genannt? Aus welchem Grund ist der Tod ein häufiger Gast in Andersens Märchen? Nebenbei werden Tatsachen erklärt, die auf den ersten Blick in keinem Zusammenhang mit dem ewigen Thema des Todes stehen, geschweige denn mit dem des Friedhofs: Zum Beispiel, warum Eskimos ihren Namen als Diskriminierung empfinden, oder woher die russische Bezeichnung für »Faulenzer« stammt. Bereits die ersten Zeilen des Buches erwecken und fesseln das Interesse des Lesers, was im Laufe der weiteren Lektüre noch intensiver wird. Dies geschieht nicht nur dank dem Inhaltsreichtum des Materials, sondern in gleichem Maße auch dank der überzeugenden Erzählungsweise. Für T. Kuschtewskaja bedeutet der Besuch eines Friedhofs in erster Linie nicht eine Begegnung mit Vergänglichkeit und Trauer. »Ich hörte auf, den Tod zu fürchten, sofern er nicht vorzeitig, in jungen Jahren kommt. Wir sollen uns mit Leben füllen, wie die Ähre mit Korn, wir sollen unsere Bestimmung erfüllen - und in Würde gehen.« So schreibt sie im ersten Kapitel des Buches. Genauso gelassen und zuversichtlich verabschiedet sich die Autorin von dem Leser: »Bleiben Sie gesund und leben Sie recht lange!«
    Meinerseits wünsche ich allen viel Vergnügen bei den spannenden Streitzügen durch die Friedhöfe Rußlands und somit auch durch ihre Kulturgeschichte!

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Klaus Hammer, Die Berliner Literaturkritik, 02. Februar 2007
Jedes Grabmal hat seine Geschichte Tatjana Kuschtewskaja nimmt uns mit zu Spaziergängen auf russischen Friedhöfen

Immer wieder hat sich die Verfasserin dieses Buches, Tatjana Kuschtewskaja, geweigert, dem Gebot ihrer Großmutter zu folgen und das Grab der heiligen, wundertätigen Xenia auf dem rechtgläubigen Smolensker Friedhof in St. Petersburg zu besuchen. Als sie ihren Film drehte, der »Tschernobyl – seine Tiere und seine Menschen, die Natur und der Mensch« hieß, hat sie die »Bio-Gräber« erlebt, in denen die von den Menschen zurückgelassenen Tiere, ganze Gärten und Wälder verpackt und vergraben worden sind. Noch heute werden umgesiedelte Menschen, die an der tödlichen Strahlendosis verstorben sind – so haben sie es testamentarisch verfügt – in die Heimatregion Tschernobyl zurückgebracht und dort der toten Erde übergeben.

Aufgewühlt durch dieses Erlebnis ist die Verfasserin zu dem Grab der heiligen Xenia gefahren, hat dort gebetet und alle um Vergebung gebeten, denen sie Unrecht getan hat. »Und bei dieser Andacht wurde mir ganz leicht und froh zumute, und mich erfüllte jäh die freudige Gewißheit, dass ein jedes Pferd mit Menschenzunge redet, ein jedes Meer sich öffnet, wenn man mit der ganzen Glaubenskraft seines Herzens darum bittet. Und daß vor einem inständigen Gebet alle bösen Teufel davonstieben und sich kleinlaut verkriechen. Und daß der uralte Menschheitstraum, auf Erden eine Welt zu schaffen, wo die Menschen einander lieben und im Gebet ihren Schöpfer preisen, vielleicht doch in Erfüllung gehen kann.«

Tatjana Kuschtewskaja, Journalistin und Verfasserin zahlreicher Drehbücher und Reportagen über Rußland, lebt seit 1991 in Deutschland und hat ein aufregendes Buch über russische Friedhöfe geschrieben. In erzählender Weise werden »Spaziergänge auf russischen Friedhöfen« – so der Untertitel – unternommen, und das, was einem Spaziergänger so auffällt, die Berühmtheit des hier Bestatteten, die Anlage des Grabes, die Schrift, mit der des Toten gedacht wird, die Menschen, mit denen man hier zusammentrifft, darüber wird berichtet. Unwesentliches mischt sich mit Wesentlichem, Alltägliches mit Dauerhaftem, Triviales mit Bedeutsamem – das Ich der Erzählerin ist ständig präsent, verschwindet nicht hinter dem Erzählstoff, den Geschichten und Anekdoten über den Tod im Leben und das Leben im Tod. Hier wird nicht doziert über die russischen Beerdigungstraditionen, sondern die Verfasserin eignet sich beim Gang über die Friedhöfe selbst Erkenntnisse und Eindrücke an, die sie weiter vermittelt, dabei immer sich selbst einbringend; ihr eigenes Leben, ihre eigenen Begegnungen mit dem Tod. Sie vermittelt sozusagen mit ihrer Kulturgeschichte des Todes eine dem Leser nützende Lebenskunst. Verse von Wassili Schukowskij – sie gelten als eines der bedeutendsten russischen Epitaphe – bezeugen: »Sag nicht betrübt: sie sind nicht mehr / Sage in Dankbarkeit: sie waren!«

Schicksale und Geheimnisse der russischen Zarendynastien

Die Autorin berichtet über die Grabstätten der russischen Zaren in der Peter-Paul-Kathedrale, die ein Pflichtprogramm für jeden St. Petersburg-Besucher sind. Nach dem Tode der Zarin Katharina II., die dem Blute nach eine Deutsche, dem Geiste nach eine Russin war, hatte ihr Sohn Pawel I. ihr zur Rache eine Posse inszeniert, indem er die Gebeine seines zuvor ermordeten Vaters exhumieren und seine entzweiten Eltern »zur Versöhnung vor der Ewigkeit« vereinen ließ. Alle Verschwörer, die den frühen Tod seines Vaters verschuldet hatten, mußten, soweit sie noch lebten, die Spitze des Trauerzuges bilden. Pawel schien geradezu besessen, die Gräber aller Liebhaber seiner Mutter zu entweihen. Er wurde dann aber selbst von Verschwörern umgebracht. Die Geheimnisse der Zarengräber scheinen zwar entschlüsselt, aber dennoch hat Tatjana Kuschtewskaja noch ein Geheimnis über den Tod Zar Alexanders I. aus dem Jahre 1825 lüften können. Zeitgenossen, auch der Schriftsteller Lew Tolstoj, hatten damals die Vermutung geäußert, daß der Zar als ein wundertätiger Mönch namens Fjodor Kusmitsch in Sibirien weitergelebt haben soll.

Noch eine andere Geschichte mag wissenswert erscheinen. In den 1990er Jahren wurden die Gebeine der von den Bolschewiken ermordeten Romanows, des letzten russischen Zaren Nikolaj II. und seiner Familie, bei Jekaterinenburg aufgefunden und nach Petersburg überführt. Da nicht mit letzter Gewißheit geklärt werden konnte, ob es sich wirklich um die sterblichen Überreste der Romanows handele, verweigerten die höchsten kirchlichen Würdenträger die Teilnahme an der Beisetzung, und der Geistliche, der die Gedenkmesse zu halten beauftragt wurde, zog sich aus der Affäre, indem er die Namen der Romanows nicht nannte, sondern feierlich sprach: »Ihre Namen aber, Herr, weißt du allein.« Wer also liegt nun im Grab des Zaren?

Die Autorin schreibt über die Schicksale der Zarenfrauen, die zu den tragischsten Kapiteln in der russischen Geschichte gehören. Seit dem 15. Jahrhundert gab es im Moskauer Kreml zwei Kathedralen mit einer Zarengruft – die Erzengel-Kathedrale für die Zaren und – bis 1731 – die Himmelfahrts-Kathedrale für die Zarenfrauen. Ungeliebte Zarenfrauen gingen entweder ins Kloster oder sie wählten den Tod, die Anzahl der Sarkophage in der Himmelfahrts-Kathedrale vorzeitig vermehrend. Nach der Revolution wurden viele Kathedralen gesprengt oder zu Fabriken umfunktioniert. Die Himmelfahrts-Kathedrale ist 1930 abgerissen worden, die Sarkophage der Zarenfrauen sollten zerstört werden, wurden aber dann in den südlichen Anbau der Erzengel-Kathedrale verlegt. Heute befinden sich die Grabstätten der russischen Zarendynastien nahezu alle in der Erzengel-Kathedrale, mit Ausnahme des Grabes von Salomonija, der ersten Frau des »Großfürsten und Selbstherrschers von ganz Russland«, Wassilij III. Wegen der Kinderlosigkeit ihrer Ehe wurde sie ins Kloster verbannt und soll hier einen Sohn Georgij geboren haben, dessen Begräbnis sie vortäuschte, damit er ungehindert aufwachsen konnte. Als man das offizielle Grab des geheimnisvollen Georgij 1934 öffnete, fand man darin nur eine Puppe.

Die Gräber der Dichter und Denker

Der Tod von Nikolaj Gogol – er soll an Todesfurcht gestorben sein, wird behauptet – ist mit einer traurigen Geschichte verbunden. Ursprünglich befand sich sein Grab auf dem Friedhof des Moskauer Danilow-Klosters. Als dieser 1931 eingeebnet werden sollte, fand man im Sarg Gogols ein Skelett ohne Schädel. Viele der Exhumierung beiwohnende Schriftsteller sollen ein »Souvenir« aus dem Sarg haben mitgehen lassen. »Die reinste Phantasmagorie!« ruft die Autorin aus. Aber von solchen Phantasmagorien sei Gogol zeitlebens gepeinigt worden. Als die Gebeine von Gogol damals auf den Friedhof des Neujungfrauen-Klosters umgebettet wurden, hat man einen neuen Grabstein »Von der Sowjetischen Regierung« gesetzt. Der bisherige Grabstein, »Golgatha« genannt, ging seinerzeit in die Hände von Gogol-Verehrern über und sollte dann dem 1940 verstorbenen Verfasser des Romans »Der Meister und Margarita«, Michail Bulgakow, als Grabstein dienen. Im alten Teil des Neujungfrauen-Friedhofs, im »Kirschgarten«, befinden sich die Gräber von Gogol, Tschechow, Stanislawskij und Bulgakow. Tschechows Grabmal wird von drei eisernen Spitzen bekrönt – eine Versinnbildlichung der »Drei Schwestern« oder der drei Tschechowschen Lebenssäulen Glaube, Liebe, Hoffnung?

Im Schreckensjahr 1921 starb der Dichter Alexander Blok und der Dichter Nikolaj Gumiljow wurde als »Volksfeind« erschossen. Blok wurde auf dem Smolensker Friedhof in Petrograd beerdigt, dagegen ist unbekannt, wo Gumiljow verscharrt wurde. Auf dem St. Petersburger Nikolskoje-Friedhof dagegen, lässt uns die Autorin wissen, liegen Persönlichkeiten, die die ganze russische Geschichte des vorigen Jahrhunderts repräsentieren. Sie erzählt, wie sie als 17jährige aus ihrer Heimatstadt Artjomowsk nach Moskau gefahren sei und sich geduldig in die Riesenschlange der vor dem Lenin-Mausoleum Wartenden eingereiht habe. Ehrfürchtig stand sie dann in dem »Friedhof Nr. 1«, wie das Mausoleum im Volksmund heißt, vor Lenin, der so aussah, als schliefe er nur. Als sie dann 1982 als Drehbuchautorin und Dokumentarfilmmacherin an der Beerdigung Breschnews teilnahm, stand ihr der Sinn nicht mehr nach Andacht und Trauer. Worauf geht der Brauch zurück, Männer, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben, an der Kremlmauer zu beerdigen? Seit dem Oktoberumsturz von 1917 ist hier eine unbekannte Gesamtzahl von Revolutionären, hohen Partei- und Staatsfunktionären, Führern der Komintern und der so genannten Bruderparteien, Militärs und nicht zuletzt – seit seiner Entfernung aus dem Mausoleum – Stalin beigesetzt worden.

Auf dem Moskauer Neujungfrauen-Friedhof liegt die ganze sowjetische Nomenklatura in Pomp und Pracht versammelt. Hier liegen aber auch die meisten bekannten Schriftsteller, Komponisten, Theaterregisseure, Sänger, Maler und auch Wissenschaftler. Auf dem Grab der Präsidentengattin Raissa Gorbatschowa erhebt sich die Skulptur einer trauernden jungen Frau. Die Gebeine des weltberühmten Sängers Fjodor Schaljapin sind erst 1984, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, von Paris nach Moskau überführt worden. Jetzt befindet sich an seinem Grab die Marmorskulptur eines in einem Sessel sitzenden Mannes, unschwer als Schaljapin erkennbar. Der jiddische Dichter Samuil Galkin hatte viele Jahre in einem sibirischen Straflager verbracht und seine Gedichte – in Ermangelung von Papier – einem Mithäftling vorgesprochen, der sie auswendig lernte. Dieser Mithäftling meldete sich bei der Beerdigung Galkins 1960 bei dem Dichter Lew Oserow, sprach die Gedichte des Toten auf Tonband, die dann zu einem Buch zusammengefaßt wurden.

Unter Selbstmörder-Kollegen

Mit dem Wagankowskoje-Friedhof dagegen »steht ganz Moskau auf du und du, sowohl im Tod als auch im Leben«, schreibt die Autorin. »Hier liegen manche, die alles andere als Kinder von Traurigkeit gewesen sind.« Auch dieser Friedhof wartet mit einer Menge bedeutender Namen auf, sogar von Persönlichkeiten aus vorrevolutionärer Zeit, die sich um die russische Kultur und Wissenschaft verdient gemacht haben. Der Dichter Jessenin wurde nur 30 Jahre alt, hinterließ aber ein wunderbares dichterisches Oeuvre. Er soll sein letztes Gedicht »Leb wohl, mein Freund, leb wohl« mit dem Blut aus seiner Pulsader niedergeschrieben haben: »Sterben ist nicht neu in diesem Leben, / Leben aber auch nicht eben neuer.« Voller Mißbilligung konterkarierte ein anderer Dichter, Wladimir Majakowskij, diese Zeilen: »Sterben ist nicht schwer in diesem Leben / Leben aufbauen dagegen schwer». Er hat vier Jahre später ebenfalls Selbstmord verübt, seine Urne befindet sich auf dem Neujungfrauen-Friedhof. »Schlecht von dir, Serjoscha, schlecht von dir, Wolodja«, wird die Dichterin Marina Zwetajewa die beiden Selbstmörder-Kollegen tadeln und dann auch den gleichen Weg gehen.

Selbstmorde, so schlußfolgert die Autorin, werden auf dem Wagankowskoje-Friedhof aus zwei Gründen verübt: aus einseitiger unglücklicher Liebe und aus einer Liebe, die so vollkommen gegenseitig und glücklich ist, daß das Leben ohne den anderen unerträglich wird. So hat die glühende Jessenin-Verehrerin Galina B. am Grab des Dichters Selbstmord begangen. Auf ihrem Grabstein steht: »Die treue Galja.« Und so erzählt die Autorin eine Geschichte nach der anderen. Das berühmteste Grab auf diesem Friedhof ist aber das des Schauspielers, Dichters und Barden Wladimir Wyssozkij, der mit seinen Liedern und Auftritten den Behörden immer ein Dorn im Auge gewesen ist. Er sollte auf einem anderen Friedhof beerdigt werden, aber seine Verehrer sammelten viel Geld und erwarben für ihn »ein Fleckchen Wagankowo-Erde«. Sein Grab bezeichnet ein höchst sinnvolles Denkmal, ein Barde, von Fesseln umschlungen, über dem Kopf die Gitarre wie ein Nimbus, zu seinen Füßen Hunderte von Blumen.

Zwischen drei schmiedeeisernen Palmen erhebt sich eine weibliche Figur, die ein Kreuz gen Himmel richtet. Heute fehlt der Frauenstatue der Kopf und es ist nur noch eine Palme vorhanden. Dieses Grabmal auf dem Wagankowskoje-Friedhof zeigt das Grab von »Sonka Goldhändchen« an, so wurde die Frau genannt, die als die bekannteste russische Abenteurerin des 19. Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen ist. Zu ihr pilgerte, wie zu einer wundertätigen Ikone, die ganze russische Unterwelt, um Sonkas »Segen für die Geschäfte« zu erbitten. Das berühmteste deutsche Grab in Moskau ist aber das des Arztes Fjodor Petrowitsch Gaass – er hieß der »heilige Doktor« – auf dem Wwedenskoje-Friedhof in Lefortowo, der allgemein »Deutscher Friedhof« genannt wird. Auch dieser Friedhof atmet die Atmosphäre starker Liebesbeziehungen, denen der Tod ein tragisches Ende bereitet hat.

Von Rußland in die Ukraine

Der Altgläubigenfriedhof von Moskau heißt Rogoschskoje-Friedhof. Er wurde 1771 angelegt und seine Grabmäler sind besonders prunkvoll, weil die reichsten Kaufleute Rußlands Altgläubige gewesen waren. Nach der Revolution machte auch diese traditionsreiche Stätte schwere Zeiten durch, die Wunden der ihr zugefügten Barbarei sind noch heute zu sehen. Während auf dem alten Donskoje-Friedhof die Grabsteine uralte Wappen und rätselhafte Freimaurersymbole zeigen, beherbergt der neue Donskoje-Friedhof die berühmtesten Spione der Sowjetunion, aber auch damals im Lande gefürchtete Tschekisten.

Die Verfasserin führt uns bis zu ihrem Heimatfriedhof in der ukrainischen Steppe, sie stattet dem Friedhof des auf einem Felsen gelegenen Swjatogorsker Höhlenklosters mit den Grabstätten des Fürstengeschlechts Golizyn einen Besuch ab, sie verweilt am Grabe des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko am Dnjepr-Hochufer bei Kanew, sie entdeckt in den älteren Höhlen des Kiewer Höhlenklosters den Sarg des legendären Recken Ilja Muromez, des Helden vieler russischer Volksmärchen mit glücklichem Ausgang, und sie sucht die Dichtergräber auf den Kiewer Friedhöfen auf. »Jedes Grabmal hatte seine Geschichte, eine des Lebens, Liebens, Leidens und Sterbens dessen, der unter ihnen begraben lag«, stellt Tatjana Kuschtewskaja fest. Dieses Buch ist ein beredtes Zeugnis dafür. Man fängt es zu lesen an und kann es bis zum Ende nicht mehr beiseite legen.



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Tatjana Kuschtewskaja: »»Hier liegt Freund Puschkin ...««




NRZ, Neue Ruhr-Zeitung, 31. Januar 2007
Mahlzeiten der Trauer am Familien-Grab
Die Dichterin Tatjana Kuschtewskaja stellte ihr neues Buch »Hier liegt Freund Puschkin« in der Rheinhauser Bezirksbücherei vor.


Die russische Seele und ihr Bezug zum Tod. Das bei manchen Zeitgenossen vielleicht auf Ablehnung stoßende Thema bot bei der Lesung in der Rheinhauser Bezirksbücherei nachdenkliche und auch skurrile Episoden. Die Dichterin Tatjana Kuschtewskaja fand damit unter dem Titel »Hier liegt Freund Puschkin« vor über 50 Besuchern ein überraschendes und positives Echo.
Die Moskauer Friedhöfe Donskoje, Neujungfrauen und Wagankowskoje sind letzte Ruhestätten der Literaten Gogol, Tschechow, Prokoljew und des Komponisten Schostakowitsch. Auch der legendäre Sänger Igor Talkow liegt dort begraben. Hunderttausende pilgern jährlich dorthin.
Bei ausgedehnten Spaziergängen sammelte die Kuschtewskaja eine Fülle von Geschichten um die berühmten Verstorbenen. Die verschiedenen Formen der Grabkreuze (oval, kantig, mit Doppelbalken), russische Beerdigungsbräuche und Trauerrituale. Der Brauch sieht vier gemeinsame Mahlzeiten der Trauerfamilie mit dem Verstorbenen vor, mit und ohne Wodka. Die überall auftauchenden Friedhofsbettler verzehren den Rest.
Diese Kulturgeschichte des Todes gipfelte in der Episode über eine unglückliche Liebe in einem Theaterstück. Der Bühnenheld behandelte seine Geliebte schlecht, da sprang ein Offizier aus dem Auditorium auf und erschoß den unglücklichen Schauspieler. Als der Mörder erkannte, was er angerichtet hatte, erschoß er sich selbst.
Nicht alle Eindrücke von Friedhöfen waren so brutal. Ein Spruch auf einem Friedhof in Odessa verriet sogar Schelmentum: »Grabesstille, welche Pein. Das erste Mal lieg' ich allein.«
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Schattenhafte Gestalten entstiegen den Gräbern

Die inspirierende Musik der lettischen Sängerin und Gitarristin Marina Kalmykowa barg Schaurigkeit und Romantik. Da mögen in der Fantasie der Zuschauer schattenhafte Gestalten den Gräbern entstiegen sein. Ihre bewundernswerte Kunst, beim Zupfen der Saiten noch obendrein in beiden Händen mit den Kastagnetten zu klappern, verdiente Sonderapplaus.
Die seit 1991 in Deutschland lebende Autorin Tatjana Kuschtewskaja (Jahrgang 1947, geboren in der Wüstenoase Dargan-Ata) studierte Musikpädagogik und an der Filmhochschule Moskau. Sie verfaßte über 50 Drehbücher und Reportagen.

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Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 31. Januar 2007
Mahlzeiten der Trauer am Familien-Grab
Die Dichterin Tatjana Kuschtewskaja stellte ihr neues Buch »Hier liegt Freund Puschkin« in der Rheinhauser Bezirksbücherei vor.


Die russische Seele und ihr Bezug zum Tod. Das bei manchen Zeitgenossen vielleicht auf Ablehnung stoßende Thema bot bei der Lesung in der Rheinhauser Bezirksbücherei nachdenkliche und auch skurrile Episoden. Die Dichterin Tatjana Kuschtewskaja fand damit unter dem Titel »Hier liegt Freund Puschkin« vor über 50 Besuchern ein überraschendes und positives Echo.
    Die Moskauer Friedhöfe Donskoje, Neujungfrauen und Wagankowskoje sind letzte Ruhestätten der Literaten Gogol, Tschechow, Prokoljew und des Komponisten Schostakowitsch. Auch der legendäre Sänger Igor Talkow liegt dort begraben. Hunderttausende pilgern jährlich dorthin.
    Bei ausgedehnten Spaziergängen sammelte die Kuschtewskaja eine Fülle von Geschichten um die berühmten Verstorbenen. Die verschiedenen Formen der Grabkreuze (oval, kantig, mit Doppelbalken), russische Beerdigungsbräuche und Trauerrituale. Der Brauch sieht vier gemeinsame Mahlzeiten der Trauerfamilie mit dem Verstorbenen vor, mit und ohne Wodka. Die überall auftauchenden Friedhofsbettler verzehren den Rest.
    Diese Kulturgeschichte des Todes gipfelte in der Episode über eine unglückliche Liebe in einem Theaterstück. Der Bühnenheld behandelte seine Geliebte schlecht, da sprang ein Offizier aus dem Auditorium auf und erschoß den unglücklichen Schauspieler. Als der Mörder erkannte, was er angerichtet hatte, erschoß er sich selbst.
    Nicht alle Eindrücke von Friedhöfen waren so brutal. Ein Spruch auf einem Friedhof in Odessa verriet sogar Schelmentum: »Grabesstille, welche Pein. Das erste Mal lieg' ich allein.«

Schattenhafte Gestalten entstiegen den Gräbern

Die inspirierende Musik der lettischen Sängerin und Gitarristin Marina Kalmykowa barg Schaurigkeit und Romantik. Da mögen in der Fantasie der Zuschauer schattenhafte Gestalten den Gräbern entstiegen sein. Ihre bewundernswerte Kunst, beim Zupfen der Saiten noch obendrein in beiden Händen mit den Kastagnetten zu klappern, verdiente Sonderapplaus.
    Die seit 1991 in Deutschland lebende Autorin Tatjana Kuschtewskaja (Jahrgang 1947, geboren in der Wüstenoase Dargan-Ata) studierte Musikpädagogik und an der Filmhochschule Moskau. Sie verfaßte über 50 Drehbücher und Reportagen.

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Christina Hötzel, Rheinische Post, 29. Januar 2007
Friedhofs-Geschichten

»›Grabesstille, welche Pein. Das erste Mal lieg ich allein.‹ Bei solchen Grabinschriften, wie dieser von einem Friedhof in Odessa, kann man versuchen sich bildlich auszumalen, wer unter dem Stein liegt«, kommentierte Tatjana Kuschtewskaja ihr Interesse an ungewöhnlichen Epitaphen und alten Friedhöfen. »Das Geheimnis des Todes beschäftigt mich seit ehedem«, begründet sie den Impuls für ihr Buch »Hier liegt Freund Puschkin... Spaziergänge auf russischen Friedhöfen.«
    In der Bezirksbibliothek Rheinhausen las sie vor zahlreichen Zuhörern aus ihrem im September des vergangenen Jahres erschienenen Prosa-Werk. Dabei wurde sie Freitagabend von der lettischen Schauspielerin und Komponistin Marina Kalmykova musikalisch unterstützt. Die russische Beerdigungskultur weist einige Besonderheiten auf. So essen die Angehörigen vier Mal im Jahr mit den Verstorbenen. Der Rest der mitgebrachten Speisen und Getränke wird danach von den Friedhofsbettlern verputzt. Kuschtewskaja schnitt mehrere Kapitel und Anekdoten aus ihrem Buch nur an und machte die Zuhörer neugierig auf deren Ausgang. So erzählte sie, daß ein Großteil der russischen Unterwelt, wenn sie ein Verbrechen plant, zu einem bestimmten Grab pilgert. Welchen symbolischen Wert die vor 120 Jahren verstorbene Dame für die Mafiosi hat, sparte sie jedoch aus.
    Auf dem Neujungfrauen-Friedhof in Moskau sei hingegen die ganze Nomenklatur des Militärs versammelt. Kurios wäre die Grabstätte eines Fernmeldeoffiziers, die eine Männerskulptur mit Telephonhörer ziert. Nach jedem Ausschnitt aus dem Buch folgte ein von Kalmykowa vertontes Gedicht, einmal auch Ausschnitte aus dem russisch-orthodoxen Totenbuch. »Kristall, Gold und Marmor alles zerfällt, von bleibender Festigkeit auf der Welt, sind nur die Trauer und das Gotteswort«, sind Zeilen aus einem Gedicht Anna Achmatowas. Mit tiefer Altstimme trug die Sängerin die Verse erst in Deutsch dann in Russisch vor. Besonders schaurig war ihre Interpretation von Goethes Totentanz. Sie hauchte den röchelnden Untoten Leben für den mitternächtlichen Reigen ein. »Das Leben schreibt die besten Geschichten. Meine sind nicht nur traurig, sondern auch lustig und tragikomisch«, beschrieb Kuschtewskaja, die in ihrer Heimat bereits 50 Drehbücher für Dokumentarfilme veröffentlicht hat.

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Perlentaucher.de, 04. Januar 2007
«Hier liegt Freund Puschkin. Mit der holdesten der Musen / Vertrieb er sich die Zeit in süßem Spiel und Scherz, / Er tat nichts Gutes, doch in seinem Busen, / Beim Himmel, schlug ein gutes Herz!» Was für Paris die Friedhöfe Montmartre, Montparnasse und Pere Lachaise, das sind für Moskau der Donskoje-, der Neujungfrauen- und der Wagankowskojefriedhof. Auf dem Neujungfrauenfriedhof findet man die Gräber von Gogol und Tschechow, von Prokofjew und Schostakowitsch, auf dem «Donskoje» die der berühmtesten Spione der Sowjetunion - und wie man auf dem Pere Lachaise zum Grab von Jim Morrison pilgert, so sucht man auf dem «Wagankowo» das des in Russland legendären Sängers Igor Talkow auf. Und auch hier zeigt sich, daß die Persönlichkeit des Toten sich oft bereits an seiner Grabstätte ablesen läßt.
Tatjana Kuschtewskaja unternimmt ausgedehnte Spaziergänge über die Friedhöfe Russlands und weiß eine Fülle von Geschichten um berühmte Verstorbene zu erzählen. So stellt man bei der Öffnung von Gogols Sarg fest, daß dessen Schädel verschwunden ist; und kurioserweise ziert sein Grabstein aus schwarzem Granit ab 1940 die letzte Ruhestätte Bulgakows. Und wann hat man schon von dem heldenhaften Bolschewikenführer Artjom gehört, der 1924 bei einem Eisenbahnunglück starb und an der Kremlmauer begraben liegt? Staunend liest man die Geschichte der glühenden Jessenin-Verehrerin Galina B., die am Grab des Dichters gleich zweifach Selbstmord begeht...
Und ganz nebenbei erfährt man Faszinierendes und Lehrreiches über verschiedene Formen von Grabkreuzen, Besonderheiten russischer Beerdigungsbräuche und Trauerrituale oder über die Spezies der Friedhofsbettler. Der mit zahlreichen Schwarzweißfotografien versehene Band ist eine kleine Kulturgeschichte des Todes in Russland ebenso wie eine keineswegs morbide Sammlung von Anekdoten über den Tod im Leben und das Leben im Tod.

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Neue Zürcher Zeitung, Internationale Ausgabe, 30. Dezember 2006
Russische Friedhöfe


Was einen bei der Lektüre von Tatjana Kuschtewskajas «Spaziergängen auf russischen Friedhöfen» erwartet, ist keineswegs trist: die (seit 1991 in Deutschland lebende) Autorin, die - neben zahlreichen Reportagen - dokumentarische Romane und hinreißende «kulinarische Streifzüge durch die russische Literatur» veröffentlicht hat, gibt sich auch in ihrem neuesten, mit Schwarzweissfotos illustrierten Buch lebensvoll und informativ. Sie erzählt kenntnisreich-spannend über russische Beerdigungsbräuche, über die bekanntesten Friedhöfe Moskaus und St. Petersburgs, über die Grabstätten von Zaren, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Spionen und Gangstern, über Friedhofsbettler und sibirische Schamanen, über Totenbücher und Epitaphe. Sorgfältig Recherchiertes verbindet sich mit Legenden und Anekdoten, die das Bizarre ebenso wie das Mystische streifen. Was für Geschichten! Als Gogol vom Danilow-Kloster auf den Neujungfrauen-Friedhof umgebettet wurde, entdeckte man das Fehlen seines Schädels. Dieser soll von einem Kaufmann entwendet worden sein, während der alte Grabstein aus schwarzem Granit schließlich die Ruhestätte von Bulgakow schmückte ...
    So faszinierend die Lebensläufe, so erstaunlich auch das Schicksal der Toten.-Da ist die Rede vom Fernost-Eroberer Nikolai Murawjow- Amurski, dessen Gebeine über hundert Jahre im Pariser Friedhof Montmartre ruhten, bis sie nach Russland übergeführt wurden, oder vom deutschen Gefängnisarzt Fjodor Petrowitsch Haass (1780 bis 1853), dem «heiligen Doktor», der seine letzte Ruhe auf dem «deutschen Friedhof» von Moskau fand. Da geht es um Selbstmörderinnen und Diebinnen, deren Gräber beliebte Wallfahrtsstätten sind, oder um den jung verstorbenen Bolschewikenführer Artjom, der es an die Kremlmauer schaffte. Und nicht zuletzt geht es um Totenrituale, Grabskulpturen, Friedhofsgedichte. Entstanden ist eine Art Kulturgeschichte des Todes in Russland, die nicht nur wegen ihres Reichtums verblüfft. Vielmehr veranschaulicht sie einen ändern, unmittelbareren und gelasseneren Umgang mit dem Tod.

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Biograph -Kino. Kultur. Düsseldorf, 01. Dezember 2006
Spaziergänge auf russischen Friedhöfen
Literatur in der Black Box


Tatjana Kuschtewskaja führt durch einen literarisch-musikalischen Abend mit Ausschnitten aus russischen Filmen und liest aus ihrem neuen im Düsseldorfer Grupello-Verlag erschienenen Buch »Hier liegt Freund Puschkin... Spaziergänge auf russischen Friedhöfen«. Die Lesung wird musikalisch begleitet von Marina Kalmvkova (Gitarre, Gesang).
Was für Paris die Friedhöfe Montmartre, Montparnasse und Pere Lachaise, das sind für Moskau der Donskoje-, der Neujungfrauen- und der Wagankowskoje-Friedhof. Auf dem Neujungfrauenfriedhof findet man die Gräber von Gogol und Tschechow, von Prokoljew und Schostakowitsch, auf dem »Donskoje« die der berühmtesten Spione der Sowjetunion - und wie man auf dem Pere Lachaise zum Grab von Jim Morrison pilgert, so sucht man auf dem »Wagankowo« das des legendären Sängers Igor Talkow auf. Und auch hier zeigt sich, daß die Persönlichkeit des Toten sich oft bereits an seiner Grabstätte ablesen läßt.
    Tatjana Kuschtewskaja unternimmt nach ihren kulinarischen Streifzügen durch die russische Literatur ausgedehnte Spaziergänge über die Friedhöfe Rußlands, und wieder weiß sie eine Fülle von Geschichten um berühmte Verstorbene zu erzählen. Und ganz nebenbei erfährt man Faszinierendes und Lehrreiches über verschiedene Formen von Grabkreuzen, Besonderheiten russischer Beerdigungsbräuche und Trauerrituaie oder über die Spezies der Friedhofsbettler. Eine kleine Kulturgeschichte des Todes in Rußland ebenso wie eine keineswegs morbide Sammlung von Anekdoten über den Tod im Leben und das Leben im Tod.

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Wolfgang Leissling, Thüringer Allgemeine, 25. November 2006
Berühmte Tote auf Friedhöfen


Daß Steine zu reden vermögen, beweisen besonders die Friedhöfe. Zu Gärten mit bekannten Toten, vor allem Dichtern, entführt ein Buch mit seinen Moskauer Spaziergängen.
    Es ist dies eine höchst anregende Einkehr an Orten solch letzter Fragen: Wer liegt im Grab des Zaren? Oder: Welche Liebesgeschichten erzählt man sich auf dem deutschen Friedhof? Dieser Band lädt an die Ruhestätten von Tschechow und Schostakowitsch, Bulgakow und Puschkin sowie der Männer aus der kriminellen Unterwelt.
    Mitunter werden auch Fragen gestellt, auf die es keine Antwort gibt. Etwa jene nach dem verschwundenen Kopf von Gogol. Weimarer Parallelen drängen sich auf. Die Autorin führt den Leser zu den schlichten oder prunkvollen Monumenten sowie den orthodoxen Kreuzen. Zu manchen der Gräber pilgern die Russen wie zu Ikonen etwa an das der Abenteurerin Sonka Goldhändchen und verewigen sich auf dem Sockel mit Sprüchen, oder sie legen Blumen für den Barden Wladimir Wyssozkij nieder. Und wer zum Armenischen Friedhof pilgert, der findet sich an Sonn- und Feiertagen gar auf einem Basar wieder. Gleichwohl wird auch an solch traurige Geschichten erinnert wie die von Galina B., die sich am Grab Jessenins das Leben nahm.
    Mit diesem Buch blättert man in Kulturgeschichte 61 Fotografien illustrieren die Lektüre. Ein Anhang mit Namensregister wäre allerdings von Vorteil.

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Karl-Heinz Jakobs, Neues Deutschland, 25. November 2006
Der Liebe wegen
Tatjana Kuschtewskaja war auf russischen Friedhöfen unterwegs


Es ist ein merkwürdig heiteres, besinnliches Buch: Zunächst erhalten wir Auskunft über Taphonomie und Taphophilie. Was mag das sein? Nur von Taphophobie ist in einem meiner Nachschlagebücher die Rede, der krankhaften Angst, lebendig begraben zu werden. Gogol zum Beispiel (Nikolai Wassiljewitsch, 1809-1852) litt daran und beschwor seine Freunde, ihn erst zu bestatten, wenn sein Körper Anzeichen von Verwesung zeige. Nun geschah es aber, daß 1931 sein Grab auf dem Friedhof des Moskauer Danilow-Klosters eingeebnet und sein sterblicher Rest umgebettet wurde. Und was fand man? Die Gebeine wurden ohne Schädel gefunden, gekrümmt auf der Seite liegend und die Auskleidung des Erdmöbels war wie von Fingernägeln zerrissen. Jaja, ich weiß, wahrscheinlich eine weitere Gogoliade, trickreich erfunden, um diesen Lieblingsdichter der Russen noch geheimnisvoller zu verklären.
    Taphonomie meint die Lehre von der Begräbniskultur, und mit Taphophilie ist die merkwürdige Vorliebe gemeint, auf Friedhöfen spazieren zu gehen. Es müssen aber verlassene Friedhöfe sein. Die gibt es in Deutschland kaum noch. In Russland dagegen sind solche alten Friedhöfe zahlreich. Man kann auf schattigen Alleen wandeln, sich in Poesie, Vergangenheit und Ewigkeit versenken.
    Was gibt es alles zu erzählen in einem Buch, das auf Friedhöfen spielt: Von der Touristin in Moskau etwa, die bei ihrem zweistündigen Aufenthalt einen Studenten bittet, ihr doch das Grab von Sergej Jessenin (1895-1925, Selbstmord) zu zeigen, wo sie schnell mal ein paar Blumen niederlegen möchte und es - zum Donnerwetter, ja, der Liebe wegen - auch tut. Von den Vorgängen im Höhlenkloster von Pskow, in dessen Grabkammern eigentlich nur fromme Mönche beigesetzt werden, aber 1990 kam eine Mafia-Abordnung mit 200 000 Dollar und bat, für ihren soeben im Bandenkrieg erschossenen Anführer eine Nische freizugeben, was auch geschah, aber die Folgen, Menschenskind, die Folgen!
    Ein Kapitel widmet die Autorin dem berühmtesten deutschen Grab auf dem Wwedenskoje-Friedhof in Lefortowo: dem des deutschen Arztes und Wohltäters Friedrich Joseph Haas (1790-1853). Kein deutsches Lexikon kennt ihn, in Russland jedoch wird er noch heute geschätzt. Vom Rogoschskoje-Friedhof in Moskau wird in einem anderen Kapitel erzählt, wo vor allem die Altgläubigen der orthodoxen Kirche beigesetzt wurden, die sich mit zwei Fingern bekreuzigten statt mit drei und die von der zaristischen Polizei und der offiziellen Kirche als Antimonarchisten und Ketzer bis ins tiefste Sibirien verfolgt wurden. Zwei Millionen Altgläubige gibt es noch in Russland. Den Neujungfrauen-Friedhof in Moskau liebt die Autorin besonders. Viele bedeutende Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler sind hier bestattet: Majakowski, der Sänger Schaljapin, der Maler Lewitan, Bulgakow, Tolstoi, Ehrenburg ...
    Vom Grab des Schriftstellers Jewgeni Nossow in Kursk wird erzählt, auf dessen Gedenkstein eingemeißelt ist: »Füttert im Winter die Vögel«, von den heiligen Friedhöfen der Inuit auf der Wrangel-Insel, der Niwchen auf Sachalin, der Burjaten am Baikalsee und vom letzten Willen eines kämpferischen Atheisten, der verfügte: »Wenn ich sterbe, soll mein Leichnam zu Seife verarbeitet werden.«
    Ein Kapitel gilt dem berühmtesten Grab der russischen Unterwelt: Sonka Goldhändchen war eine der schillerndsten Banditinnen Europas. Romane und Theaterstücke wurden über ihre Abenteuer verfaßt, ein Film mit Marlene Dietrich gedreht. Als Tschechow (1860-1904) seine Reise zur Insel Sachalin unternahm, um die Lebensweise der Verbannten kennen zu lernen, gelang ihm auch ein Blick durch das Schlüsselloch von Sonkas Zelle, wo sie nervös umherwirbelnd auf das Urteil wartete. In Moskau und Paris war sie zu Hause, in Rom, Warschau, Budapest und Wien. In Berlin wurde sie Madame Guten Morgen genannt, weil eine ihrer Spezialitäten war, als Grande Dame in die teuersten Suiten der elegantesten Hotels einzudringen und alles wegzutragen, was von Wert und leicht zu transportieren war. Tauchte der eingetragene Gast auf, pflegte sie zu sagen: »Ach, Guten Morgen, ich habe mich in der Zimmernummer geirrt«. Dabei war sie charmant und von hypnotischer Erotik, wie einer ihrer Vernehmer gestand, mit tiefen, braunsamtenen Augen, denen keine Gemeinheit anzusehen war. Einem sibirischen Kaufmann stahl sie in Nishni Nowgorod in einer feucht-fröhlichen Nacht 300 000 Rubel und einem Untersuchungsrichter während des Verhörs die goldene Uhr. Ein Dutzend Mal wurde sie verhaftet, immer gelang ihr die Flucht. Sie wurde verurteilt, verbannt und ausgepeitscht... Ihr Grab auf dem Moskauer Wagankowskoje-Friedhof stand lange unter Denkmalsschutz, weil ein berühmter italienischer Bildhauer es gestaltet hatte: Eine riesige schmiedeeiserne Palme und eine lebensgroße leidende Frauengestalt, der nun allerdings der Kopf fehlt.
    Am wenigsten mag die Autorin den Moskauer Neuen Donskoje-Friedhof mit seinen asphaltierten Wegen und plumpen Grabmälern, wo vor allem Sowjetspione, Stalinpreisträger und verdiente Tschekisten begraben sind. »Aber es ist ein Vogelparadies«, erzählt sie, »hier schwirrt es nur so von Nachtigallen, Rotkehlchen, Amseln, Finken, Spechten und jenen wunderschönen Abendschwärmern, die der Volksmund Fliegenfänger nennt«. - Anders dagegen der Alte Donskoje-Friedhof, wo auf den Wegen Gras wächst und die Grabmale alte Wappen und Freimaurersymbole zeigen. Hier ist auch Pjotr Tschaadajew begraben (1794-1856), ein früher russischer Aufklärer und Philosoph, der den Dekabristen nahe stand und der geharnischte Schriften gegen Leibeigenschaft und patriarchalische Slawophilie schrieb, weswegen sie ihn ins Irrenhaus sperrten. Das ganze humanistische Russland stand auf seiner Seite, und das ist so bis heute geblieben.
    Über all die vielen Gräber russischer Dichter und Vorkämpfer des demokratischen Russlands weiß die, Autorin kenntnisreich und mit innerer Betroffenheit zu erzählen. Von Wladimir Wyssozki (1938-1980) zum Beispiel, dem zu Sowjetzeiten beliebtesten Schauspieler, Dichter und Liedersänger, verheiratet mit Marina Vlady, für den mit Spenden seiner Anhänger ein Platz auf dem Wagankowo abgetrotzt wurde. Das, was die Sowjetmacht befürchtet hatte, trat ein. Sein Begräbnis wurde zu einem Volksauflauf, sein Grab zur Pilgerstätte seiner Anhänger. Der reich bebilderte Band zeigt ihn als lebensgroße Skulptur.
    Ganzseitig abgebildet ist auch die Friedhofskirche des Höhlenklosters von Swjatogorsk, wo neben anderen Persönlichkeiten russischer Kultur und Historie auch der Musikmäzen Fürst Nikolai Golizyn seine Ruhestätte fand, dem Beethoven einige Kompositionen gewidmet hat.
    Dies ist nun das siebte Buch, das Tatjana Kuschtewskaja in Deutschland veröffentlicht hat. Selbst Russland-Kenner erfahren hier viel Neues. Trauriges ist darunter, Merkwürdiges, Komisches und Bedenkenswertes. In Russland war sie bekannt als Dokumentarfilmerin. Nach Deutschland kam sie 1991 der Liebe wegen. Wenn man ihr bloß die neckischen Reden an ihre Leser abgewöhnen könnte. Gibt es denn keinen, der ihr das mal sagt?
    Apropos Gogol: Als die Autorin an der Moskauer Filmhochschule studierte, besuchte sie mit Gleichgesinnten am liebsten sein Grab mit Rotwein in der Tasche und seinem »Briefwechsel mit Freunden« unterm Arm. Während der Rotwein die Runde machte, wurde aus dem Buch gelesen und debattiert. Dabei kamen auch die merkwürdigen Umstände bei der Umbettung der Gebeine zur Sprache: Wo ist Gogols Schädel geblieben? Es gab Hinweise auf den theaterbesessenen Kaufmann Bachruschin, der als Sammler solcher Trophäen bekannt war. Und hat sich Gogol tatsächlich im Grab umgedreht oder haben die Friedhofswärter, die in Bachruschins Auftrag Gogols Leiche den Schädel abnahmen, im Eifer der Grabschändung den Tatort derart unordentlich hinterlassen? Gestritten wurde auch über den Lorbeerkranz, der dem Verblichenen im Sarg aufgesetzt worden war. Hinterher wurde er Blatt für Blatt versteigert. Man kam vom Hölzchen aufs Stöckchen. »Du lieber Schreck«, entsetzt sich Tatjana Kuschtewskaja heute, »was haben wir uns am Grab Gogols ereifert!« ... Und das bei kreisender Rotweinflasche ...

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Solinger Tageblatt, 28. Oktober 2006
Grabmal des unbekannten Spions
Ausstellung, Lesung und Musik zu »Spaziergänge auf russischen Friedhöfen« von Tatjana Kuschtewskaja in Dorp.


»Grabesstille, welche Pein! Zum ersten Mal lieg' ich allein!« Durchaus humoristisch angehaucht ist dieser Vers auf einem Grabstein. Aber es gibt noch mehr Friedhofskuriositäten: das Generalsgrab mit der Stalinorgel auf dem Grabmal, ein eigener Ganovenfriedhof, wo einen finstere Gestalten von den Grabbildern anschauen, oder der Friedhof für KGB-Mitarbeiter und Spione — keine Namen stehen auf den Grabsteinen. Solche Friedhöfe gibt es in Russland. »Diese skurrilen Grabmäler lassen einen bewußter über die eigenen Friedhöfe gehen«, sagt die Dorper Pfarrerin Andrea Zarpentin. »Man entdeckt, daß Friedhöfe über Trauer und Erinnerung weit hinaus gehen können: Nachdenken über das Leben.« Und das kann durchaus auch humorvoll sein. So zeigt die Dorper Gemeinde in ihrem Gemeindezentrum Arche (Eichenstraße) eine Ausstellung der russischen Fotografin Janina Kuschtewskaja. Die Bilder entstanden für das Buch ihrer Mutter, der Journalistin Tatjana Kuschtewskaja »Hier liegt Freund Puschkin — Spaziergänge auf russischen Friedhöfen«. Das im Grupello-Verlag erschienene Buch ist das einzige dieser Art in deutscher Sprache.
    24 Geschichten rund um russische Friedhöfe hat Tatjana Kuschtewskaja zusammengetragen. Sie geben ein Bild von russischer Friedhofskultur und legen Zeugnis davon ab, daß es auf Friedhöfen sehr lebendig zugehen kann. Andrea Zarpentin: »Hier sind Friedhöfe ein Ort der Hoffnung und des neuen Lebens — und das ist zutiefst christlich.«
    Die russische Schauspielerin, Sängerin und Musikerin Marina Kalmykova hat vier Gedichte aus dem Buch vertont und wird sie bei der Lesung der Autorin vortragen: Bilder, Texte, Gesang.

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Frieder Bluhm, Solinger Morgenpost, 28. Oktober 2006
»Hier liegt Freund Puschkin...«
»Spaziergänge über russische Friedhöfe« ist der Titel einer Ausstellung und einer Lesung, zu der die Evangelische Kirchengemeinde Dorp einlädt. Das Thema soll dazu anregen, die eigenen Friedhöfe bewußter wahrzunehmen.


Kann man von Friedhöfen erzählen und dabei ins Lachen kommen? Man kann. »Am besten gefällt mir die Geschichte von dem Mann, der auf dem Friedhof ein Elixier für die ewige Jugend verkaufen will«, erzählt die Dorper Pfarrerin Andrea Zarpentin. Auf ihre Anregung hin ist die russische Buchautorin und Journalistin Tatjana Kuschtewskaja in der Dorper Gemeinde zu Gast, um ihr neues Buch vorzustellen: »Hier liegt Freund Puschkin - Spaziergänge auf russischen Friedhöfen«. »Es gibt so viele Bücher über Russland. Aber kein einziges über russische Friedhöfe«, sagt Tatjana Kuschtewskaja.
    Diese Lücke hat sie jetzt geschlossen. Was für Paris die Friedhöfe Montmartre, Montparnasse und Père Lachaise, das sind für Moskau der
Donskoje-, der Neunjungfrauen- und der Wagankowskoje-Friedhof. Auf dem Neunjungfrauenfriedhof findet man die Gräber von Gogol und Tschechow, von Prokofjew und Schostakowitsch, auf dem »Donskoje« die der berühmtesten Spione der Sowjetunion. Und wie man auf dem Père Lachaise zum Grab von Jim Morris pilgert, so sucht man auf dem »Wagankowo« die letzte Ruhestätte des in Russland legendären Sängers Igor Talkow auf.
    In ihrem Buch erzählt die in Deutschland lebende Autorin eine Fülle von Geschichten um berühmte Verstorbene. Nebenbei erfährt man Lehrreiches über verschiedene Formen von Grabkreuzen, Besonderheiten russischer Bestattungsbräuche und Trauerrituale. »In Russland sind Friedhöfe anders als bei uns auch Orte der Lebenden«, weiß Andrea Zarpentin. Ein Familienpicknick am Grab eines Angehörigen- bei uns schwer vorstellbar. Die russische Tradition, so die Pfarrerin, enthalte eine christliche Botschaft: »Friedhöfe sind nicht nur ein Ort der Trauer, sondern ein Ort der Hoffnung.«
    Die Lesung am 1. November wird musikalisch begleitet von der Sängerin Marina Kalmykova, die eigene Kompositionen zu vier Gedichten aus dem Buch vortragen wird. Zugleich wird mit der Lesung eine Ausstellung mit 22 Fotografien russischer Grabmäler eröffnet. Es ist eine Auswahl aus 600 Schwarz-weiß-Bildern, aufgenommen von Janina Kuschtewskaja, der Tochter der Autorin. In der Kirchengemeinde Dorp war sie bereits mit drei Ausstellungen präsent, jeweils mit Gemälden. Von ihren Friedhofs-Fotografien - darunter Kuriositäten wie das Grabmal eines Generals, das mit steinernen Raketen verziert ist - sind 70 in dem Buch enthalten. »Ich würde mich freuen, wenn wir beim Anblick solch skurriler Grabmäler bewußter über unsere eigenen Friedhöfe gehen«, sagt Pfarrerin Zarpentin: »Auch bei uns gibt es viel zu entdecken.«

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Velberter Zeitung, 27. Oktober 2006
»Hier liegt Puschkin...«
Tatjana Kuschtewskaja las aus ihrem neuesten Buch vor.
Galerie LaRose verwandelte sich in einen Hörsaal



»Eine Lesung, die wie im Fluge verging«, faßt Roswitha Lappe zusammen. Sie hatte die Autorin Tatjana Kuschtewskaja in ihre Galerie »LaRose« eingeladen, die ihr neustes Buch »Hier liegt Puschkin... Spaziergänge auf russischen Friedhöfen« vorstellte.
    Die Schriftstellerin, die ihre Kindheit in der Ukraine verbrachte und dann Musikpädagogik an der Musikhochschule von Artjomowsk studierte, hat bereits mehrere Werke veröffentlicht. Im neusten Buch (das im September 2006 erschienen ist) nimmt die Autorin den Leser mit auf eine Reise durch die Kulturgeschichte des Todes in Russland.
    Passagen daraus las sie dem Langenberger Publikum vor. Dazu sang und spielte Marina Kalmykova auf der Gitarre. Ihre Eigenkompositionen, die sie zu den Inhalten des Buches geschrieben hatte. »Ein tolles Gespann«, fand die Gastgeberin. Denn Musik und Text hätten sich ergänzt, und der Wechsel hätte große Spannung beim Publikum erzeugt.
    Die Zuhörer hatten nach der Lesung Gelegenheit, sich Bücher signieren zu lassen. Dann äußerten die Gäste noch einen Wunsch, den Marina Kalmykova erfüllte: mit einem Zusatzkonzert. Rund 70 Zuhörer waren begeistert und wünschen einstimmig, wie Roswitha Lappe verrät:»Eine Neuauflage.«





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Wochenblatt für Katernberg- Schonnebeck- Stoppenberg, 10. Oktober 2006
Katernberger Autorin erzählt von Besuchen auf russischen Friedhöfen


»Hier liegt Freund Puschkin. Mit der holdesten der Musen Vertrieb er sich die Zeit in süßem Spiel und Scherz, Er tat nichts Gutes, doch in seinem Busen, Beim Himmel, schlug ein gutes Herz«, ist in Tatjana Kuschtewskajas neuestem Buch zu lesen.
    Was für Paris die Friedhöfe Montmartre, Montparnasse und Père Lachaise, das sind für Moskau der Donskoje-, der Neujungfrauen- und der Wagankowskoje-Friedhof. Auf dem Neujungfrauenfriedhof findet man die Gräber von Gogol und Tschechow, von Prokofjew und Schostakowitsch, auf dem »Donskoje« die der berühmtesten Spione der Sowjetunion - und wie man auf dem Père Lachaise zum Grab von Jim Morrison pilgert, so sucht man auf dem »Wagankowo« das des in Russland legendären Sängers Igor Talkow auf. Und auch hier zeigt sich, daß die Persönlichkeit des Toten sich oft bereits an seiner Grabstätte ablesen läßt.
    Tatjana Kuschtewskaja unternimmt nach ihren »Kulinarischen Streifzügen« durch die russische Literatur ausgedehnte Spaziergänge über die Friedhöfe Russlands, und wieder weiß sie eine Fülle von Geschichten um berühmte Verstorbene zu erzählen.- So stellt man bei der Öffnung von Gogols Sarg fest, daß dessen Schädel verschwunden ist; und kurioserweise ziert sein Grabstein aus schwarzem Granit ab 1940 die letzte Ruhestätte Bulgakows. Und wann hat man schon von dem heldenhaften Bolschewikenführer Artjom gehört, der 1924 bei einem Eisenbahnunglück starb und an der Kremlmauer begraben liegt? Staunend liest man die Geschichte der glühenden Jessenin-Verehrerin Galina B., die am Grab des Dichters gleich zweifach Selbstmord begeht...
    Der mit zahlreichen schwarzweiß Fotografien versehene Band ist eine kleine Kulturgeschichte des Todes in Russland ebenso wie eine Sammlung von Anekdoten über den Tod im Leben und das Leben im Tod.

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Tatjana Kuschtewskaja: »»Hier liegt Freund Puschkin ...««