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Dr. Christian Leitzbach, Die Bilker Sternwarte, 01. Oktober 2007 Spurensuche im Hofgarten
In der Nacht zum 10. Februar 1926 war es auf einmal verschwunden, das Majolikahäuschen im Hofgarten. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde es abgebrochen, und niemand konnte bisher in Erfahrung bringen, wohin die Trümmer gebracht worden waren. Melanie Florin, im Juni zu Gast bei den Bilker Heimatfreunden in der Martinsklause, berichtete anschaulich in Wort und Bild von ihren intensiven Bemühungen, nicht nur die Geschichte dieses beliebten Ausflugspavillons nachzuzeichnen, sondern auch eine bauliche Rekonstruktion anzuregen.
Majolika - damit bezeichnet man seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts farbig glasierte Keramik, und das Majolikahäuschen im Hofgarten selbst bekam seinen Namen vermutlich in Anlehnung an das Majolikahaus an der Linken Wienzeile in Wien, dessen Fassade gänzlich mit bemalten Fliesen verkleidet ist. Dieses und anderes Wissen über Keramik, Majolika und die Mettlacher Firma Villeroy & Boch, die das später Majolikahäuschen genannte Bauwerk im Hofgarten anlässlich der »Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung für Rheinland, Westfalen und benachbarte Gebiete« von 1902 errichten ließ, hat Melanie Florin in ihrem wirklich lesenswerten Buch »Das Majolikahäuschen von Villeroy & Boch im Düsseldorfer Hofgarten« aus dem Jahre 2006 niedergeschrieben - und den Bilker Heimatfreunden engagiert mitgeteilt.
In zahlreichen Bildern stellte Melanie Florin das schöne Majolikahäuschen vor, von dem es - natürlich - keine Farbfotos gibt erzählte sehr anschaulich die Geschichte des Häuschens, angefangen von der Planung durch Villeroy & Boch anlässlich der Ausstellung von 1902 über die Nutzung als Ausstellungspavillon und später als beliebtes Ausflugscafe im Hofgarten bis hin zum spektakulären und geheimnisumwitterten Ende. Gerade der heimlich Abriß, den Frau Florin in ihrem Buch »Das Majolikahäuschen«, das im Grupello-Verlag erschienen ist, aufgrund eines späteren Zeitzeugenberichtes beschrieben hat, wurde ein eifrig diskutierter Punkt nach dem Vortrag. Denn die Enthüllung der Abrißaktivitäten, nachts und im strömenden Regen durch einen Trupp offenbar angetrunkener Bauarbeiter, und noch viel mehr der im völligen Dunkel gebliebene Verbleib der Trümmer des Häuschens macht die ganze Geschichte noch geheimnisvoller, als sie es ohnehin schon ist.
Unbestritten würde das Majolikahäuschen, so Frau Florin am Ende ihres Vertrages, wenn es heute noch stehen würde, eine bedeutende Stellung innerhalb der städtebaulichen Situation Düsseldorfs einnehmen. Aber anstelle der touristischen Attraktion in unmittelbarer Nähe der Tonhalle befindet sich heute ein trister Kinderspielplatz auf dem Platz, an dem das Häuschen einst stand. Bisher ist niemals dort gegraben worden, und so weiß man auch bis heute nicht, was aus den ebenfalls prächtig auskleideten Kellerräumen, der Bedürfnisanstalt des Majolikahäuschens, geworden ist. Genauso wenig, ob nicht ein Großteil der künstlerisch wertvollen Fliesentrümmer des Cafehauses in diesen Keller geworfen worden sind.
Das Majolikahäuschen wiederzufinden, es sogar zu rekonstruieren, es an alter Stelle neu entstehen zu lassen - das wäre ein Wunsch, der sich nur schwer in Erfüllung bringen ließe. Denn dazu bedarf es nicht nur der entsprechenden Genehmigungen, nach den Trümmern graben zu dürfen und ein neues Bauwerk aufzustellen. Gerade die Rekonstruktion der kostbaren Fliesen würde sehr teuer werden. Aber was würde in dieser Stadt möglich sein, wenn sich tatsächlich, wie am Ende der Veranstaltung lebhaft angeregt würde, ein Förderverein bilden würde mit dem Ziel: Wiedererrichtung des historischen Majolikahäuschens im Hofgarten?
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Düsseldorfer Jahrbuch, Band 77, 01. Juni 2007 Für die große Düsseldorfer Industrie-Gewerbe und Kunstausstellung 1902 errichtete die bekannte saarländische Keramikfirma Villeroy & Boch einen Ausstellungs-Pavillon im Hofgarten, der von den Düsseldorfern »Majolikahäuschen« genannt wurde. Dieses innen und zum Teil auch außen mit glasierter Keramik im reinsten Jugendstil verzierte und ausgestattete Gebäude zeigte nicht nur die Palette des Firmenangebots an Majolika und Fliesen, sondern war auch als Gesamtkunstwerk gestaltet und konnte sich an die Seite bedeutender Bauten wie das Majolikahaus in der Linken Wienzeile oder des Künstleratelierhauses auf der Darmstädter Mathildenhöhe stellen. Die Verf. behandelt zunächst die Mettlacher Firma und ihre Produktpalette um 1900 und die Entstehung des Ausstellungsgebäudes. Ausführlich beschreibt sie den schmuckvollen Pavillon außen und innen, vergleicht ihn kunsthistorisch mit anderen Objekten und verfolgt schließlich sein Schicksal nach dem Ende der Ausstellung. Zunächst wurde es als Gartenlokal und Milchausschank weitergeführt. Im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Ausstellung »GeSo-Lei« 1926 kam dann ein jähes Ende. Das verschnörkelte Häuschen von 1902 paßte nicht mehr zu der strengen Ordnung der 1920er Jahre, auch der Kunstpalast erhielt ja eine neue Fassade. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde das Majolikahäuschen, wohl auf Initiative von Wilhelm Kreis, abgeräumt, ohne auf die Einwände und Wünsche der Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. Heute muß dies als ein schwerwiegender Fehler angesehen werden. Die zahlreichen Fotos, mit denen das hübsch gemachte Bändchen angereichert ist, zeigen, daß die Stadt Düsseldorf damals wirklich einen Verlust erlitten hat.
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Manfred Hebenstreit, Der Derendorfer - Heimatzeitschrift, 01. März 2007 Verschollen im Hofgarten
Die heutige Referentin Melanie Florin stellte sich selber vor: Studiert hat sie Kunstgeschichte und Germanistik, sie arbeitet für die Stiftung Schloß und Park Benrath und hat ein Lektorat im Grupello Verlag. Außerdem ist sie Vorstandsmitglied in der Aktionsgemeinschaft Düsseldorfer Heimat- und Bürgervereine (AGD), wo sie mit Sonderaufgaben und Denkmalschutz betraut ist. Das Thema Majolikahäuschen, welches Melanie Florin zu ihrer Magisterarbeit machte, liegt seit wenigen Monaten in Buchform vor. Es enthält spannende Recherchen aus dem Stadtmuseum und dem Archiv der Firma Villeroy & Boch in Mettlach an der Saar. Es ist die erste umfassende Dokumentation über ein Juwel des Jugendstils, welches im Hofgarten seit 80 Jahren verschollen ist.
Erbaut wurde das Majolikahäuschen als Messepavillon der Firma Villeroy & Boch für die Industrie- und Gewerbeausstellung 1902 auf der neu angeschütteten Golzheimer Insel. Es lag nord-östlich der heutigen Tonhalle, dort wo sich jetzt ein Spielplatz befindet. Der Name Majolika ist abgeleitet aus dem Spanischen, von wo ab dem 14. Jahrhundert die maurische Keramik nach Mitteleuropa eingeführt wurde. Villeroy & Boch war um die Jahrhundertwende das weltweit größte Unternehmen der keramischen Industrie. Sein Ausstellungsgebäude für Düsseldorf war in massiver Bauweise und unterkellert. Es hatte ein unregelmäßiges Kreuz als Grundriß mit ca. 75 qm Innenraum. Innen und außen war es mit farbig glasierten Boden- und Wandfliesen verkleidet. Das Unternehmen präsentierte im Inneren des Pavillons alle seine sonstigen keramischen Erzeugnisse. Melanie Florin beschrieb in ihrem Vortrag mit vielen Bildbeispielen die vier unterschiedlichen Außenfronten. Nach Umrundung des Hauses führte sie uns in den Innenraum und erklärte die Jugendstil-Ornamentik.
Während der sog. »Kleinen Weltausstellung am Rhein« wurde der Pavillon mit viel Lob und Auszeichnungen bedacht. Die Bürger forderten, dieses keramische Schmuckkästchen zu erhalten. Villeroy & Boch schenkte daraufhin der Stadt Düsseldorf das Häuschen, welche es ab 1904 an die »Gemeinnützige Gesellschaft für Milchausschank« verpachtete. Nach dem ersten Weltkrieg übernahmen 1919 neue Pächter das Milchhäuschen und führten es als »Mosaik-Cafe« weiter mit Gartenbewirtschaftung und Künstlerkonzerten.
Beim Projekt der GESOLEI Ausstellung 1926 an gleicher Stelle standen die baulichen Relikte nicht im Einklang mit den neuen Plänen. Wilhelm Kreis schuf ein strenges, einheitliches Ensemble aus kubischen Großbauten, unseren heutigen Ehrenhof. Er mochte keinen Schnörkelprunk und das wilde Durcheinander von Stilarten. »Das Majolikahäuschen versaut mir meine ganze Gesolei«, soll er gesagt haben. Jedoch regte sich in der Bevölkerung Widerstand gegen den Abriß, dem auch die Stadtverordneten entsprachen. Trotzdem ist in einer Nacht- und Nebelaktion das Häuschen abgebrochen worden, unter Umständen, die bis heute im Dunkeln liegen. Diese und weitere spannenden Details kann man in dem Buch von Melanie Florin nachlesen. Heute gilt der Jugendstil als eine bedeutende Stilrichtung, so daß der unbedachte Abriß des Majolikahäuschens einen nicht zu beziffernden Schaden darstellt. Das außergewöhnliche Bauwerk wäre das mit Abstand aufwendigste und ornamentreichste Jugendstilexponat in Deutschland, eine touristische Attraktion für Düsseldorf. Der Verlust stimmt traurig.
»Aber wo sind die Fliesen geblieben?«, fragt Florin. »Konnte man in einer Nacht wirklich alles wegschaffen?« Es ist sehr wahrscheinlich, daß im Erdreich oder in dem zugeschütteten Keller noch Fliesen liegen. So sind ihre Nachforschungen noch nicht am Ende. Auf ihr Bestreben wurde der Standort Spielplatz als Bodendenkmal eingetragen. Wir dürfen gespannt sein, ob eines Tages noch Jugendstilkeramik im Erdreich des Hofgartens entdeckt wird.
Die Jonges führten anschließend eine lebhafte Diskussion und wollten viele Fragen beantwortet haben. Vizebaas Manfred Klösters dankte Melanie Florin mit unserem Radschläger. Er beendete den offiziellen Teil des Heimatabends und wünschte allen Jonges einen guten Heimweg.
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Lis Schenk, Düsseldorfer Hefte, 01. März 2007 Blüte des Jugendstils
Das neue Buch von Melanie Florin informiert ausführlich über das frühere »Majolikahäuschen« im Düsseldorfer Hofgarten
Nur 24 Jahre alt geworden ist das originelle »Majolikahäuschen«, das 1902 im westlichen Teil des Düsseldorfer Hofgartens entstand. Kenner bezeichneten das Haus, das zur Eröffnung der Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung für das Rheinland und Westfalen als Ausstellungspavillon von Villeroy & Boch entstanden war, als »Blüte des Jugendstils«. Als ein Gesamtkunstwerk. Es war innen und außen mit farbenfrohen Fliesen, Mosaiken und Reliefs geschmückt. Die Firma schenkte den Bau nach der Ausstellung der Stadt Düsseldorf. Seitdem war es als Milchhäuschen, später dann als idyllisches Gartencafe genutzt worden. Eine andere Düsseldorfer Ausstellung - die große Gesolei (Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen) - setzte aus unverständlichen Gründen einen Schlußstrich; man hielt den Jugendstilbau nicht mehr für zeitgemäß. Klammheimlich wurde es in einer Nacht 1926 beseitigt. Seitdem gib es auf dem Grundstück einen Kinderspielplatz.
Mit ihrem Buch »Das Majolikahäuschen« erinnert ausgerechnet eine Berlinerin, Melanie Florin (Jahrgang 1964), an ein altes Düsseldorfer Prunkstück, das man sich heute durchaus im Hofgarten vorstellen könnte, zumal in diesem Teil des Parks keine Einkehrstätte mehr existiert. Die Autorin, die an der Düsseldorfer Heine-Universität Kunstgeschichte, Neuere und Ältere Germanistik studiert und mehrere Veröffentlichungen über die Düsseldorfer Architektur und Geschichte vorgelegt hat und seit 2002 freie Mitarbeiterin der Stiftung Schloß und Park Benrath, außerdem Verlags-Lektorin ist, stöberte zum Thema Majolikahäuschen in noch nicht ausgeloteten Quellen. So auch im Düsseldorfer Stadtarchiv und dem Firmenarchiv von Villeroy & Boch. Mit Sachkenntnis und Engagement holt sie ein kleines Stück reizvolles Düsseldorf in die Erinnerung zurück, auch in Form von vielen Fotos und anderen Bildern, die beweisen, was für ein Juwel dieses Majolikahäuschen war. Aufschlußreich ist auch ihr im Buch veröffentlichtes Interview mit Axel Starkloff, dem Sohn des ehemaligen Pächters des Häuschens, Hermann Starkloff, der von 1918 bis 1926 dort ein Café führte. Dabei ging es um die nie wirklich aufgeklärten Umstände des nächtlichen Abrisses. Auch der Heimatverein »Alde Düsseldorfer« interessiert sich für das alte Majolikahäuschen und lud Frau Florin zu einem Lichtbildvortrag darüber ein.
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Die Bilker Sternwarte, 01. Dezember 2006 Das Majolikahäuschen
Daß Düsseldorf eine lange Tradition hat ... beim Abreißen von erhaltenswerten oder gar unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden, weiß jeder, der sich ein wenig für seine Heimatstadt interessiert. Melanie Florin zeigt eine weitere Großtat eines städtischen Architekten auf, die sich 1926 ereignete, als der damalige Leiter der Kunstgewerbeschule, Wilhelm Kreis, die Oberbauleitung und Planung für die Große Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (Gesolei) übernahm.
Im Hofgarten, unweit der heutigen Tonhalle, fand man das Majolikahäuschen, ein Kleinod des Jugendstils, das seit 1902 dort stand und anläßlich der Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung als freistehender Ausstellungspavillon der Firma Villeroy & Boch konzipiert war. Von 1918 bis 1926 wurde das Majolikahäuschen von Hermann Starkloff als Café genutzt, das er auch während der Gesolei weiterführen wollte. Das gefiel aber dem Oberbauleiter überhaupt gar nicht, so daß man den Pächter zunächst mit einem unmöglichen Knebelvertrag unter Druck setzte - und als das nicht fruchtete, setzte man ihn innerhalb von drei Tagen vor die Tür. Schlimm genug, aber Melanie Florin hat noch mehr unglaubliche Details herausbekommen. Weil Starkloff dieser Aufforderung nicht nachkam, gab es nicht etwa eine Räumungsklage - wie es juristisch korrekt gewesen wäre - sondern die unangenehme Nachricht, daß am Nachmittag des 9. Februar das Majolikahäuschen aufgebrochen und das Mobiliar herausgeholt, abtransportiert und eingelagert wurde. Am Tag darauf war das Häuschen spurlos verschwunden. In einer Nacht- und Nebelaktion hatte wahrscheinlich Kreis selbst für vollendete Tatsachen gesorgt. Es wurde später nicht ein Stein oder Keramiken des Hauses gefunden, aber Melanie Florin recherchierte weiter und vermutet, daß vielleicht noch Reste im Boden liegen könnten, da es auch einen kleinen Keller unter dem Haus gegeben haben soll. Diese Geschichte ist keine Fiktion, liest sich aber teilweise wie ein Krimi.
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Der Derendorfer, 01. Dezember 2006 Das alte Majolikahäuschen im Hofgarten
Als Blüte des Jugendstils im Düsseldorfer
Hofgarten wurde das Majolikahäuschen berühmt. Im Jahr 1902 war es anläßlich der Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung für das Rheinland und Westfalen als Ausstellungspavillon des Unternehmens Villeroy & Boch konzipiert worden. Allerdings ging es im Februar 1926 endgültig verloren, nachdem es im Rahmen der Großausstellung »Gesolei« (Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen) als störend, da nicht mehr zeitgemäß, empfunden wurde: Man riß es einfach ab. So ist es auf der Umschlag-Innenseite zu lesen. Das Buch schildert detailliert Einzelheiten und ist mit zahlreichen Abbildungen versehen.
Die bauliche Ausführung des Pavillons war so massiv, um es nach Ende der Ausstellung zu erhalten. Sogar ein Keller war an der östlichen Seite vorhanden. Nach Ausstellungsende im Oktober 1902 schenkte das Unternehmen der Stadt das Häuschen. Von 1904 bis 1918 wurde es als Milchausschank, danach bis zum Abriß als Hofgartencafe genutzt. Heute erinnert nichts mehr an den Standort.
Die Autorin Melanie Florin ist Lektorin des herausgebenden Grupello- Verlages und Mitarbeiterin der Stiftung Schloß und Park Benrath.
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Dieter Schnur, Jan Wellem, 01. November 2006 Ein ehemaliges Juwel im Hofgarten
Damit konnte man wirklich nicht rechnen, denn zur Veranstaltung am 27. September kamen so viele Besucher (68) in den »Schlüssel«, daß der Saal bei weitem nicht ausreichte und etliche Gäste auch im »Foyer« Platz nehmen mußten.
Was bewirkte diesen Andrang? Im Grunde genommen ging es doch nur um ein Häuschen im Hofgarten, das überhaupt nicht mehr existiert. Die Referentin Melanie Florin erzählte uns darüber - über das Majolikahäuschen. Es war ihre Magisterarbeit an der Heinrich-Heine-Universität, und daraus entstand ein Buch, das auch die Alde Düsseldorfer finanziell förderten. Das Referat wurde mit Lichtbildern unterstützt.
Das Majolikahäuschen wurde als Blüte des Jugendstils im Düsseldorfer Hofgarten gerühmt. Es war anläßlich der Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung für das Rheinland und Westfalen im Jahre 1902 als Ausstellungspavillon des Unternehmens Villeroy & Boch konzipiert worden. Doch im Februar 1926 ging es allerdings schon verloren, nachdem es im Rahmen der Großausstellung Gesolei als störend, da nicht mehr zeitgemäß, empfunden wurde. Man riß es heimlich ab. Das Gesamtkunstwerk Majolikahäuschen, ein einzigartiges Kleinod der Jahrhundertwende in Düsseldorf, war innen und außen mit farbenprächtigen Fliesen, Mosaiken und Reliefs bedeckt. Es wurde der Stadt Düsseldorf nach dem Ende der Ausstellung als Geschenk übereignet und zunächst als Milchhäuschen, später als idyllisches Gartencafé genutzt.
Der Pächter dieses Cafés, Hermann Starkloff, wurde 1926 von der Stadt aufgefordert, das Majolikahäuschen bis zum 6. Februar zu räumen. Dieser zeitlich knapp bemessenen Anweisung konnte er nicht nachkommen. Dafür erhielt er später die Nachricht, daß am Mittag des 9. Februar das Majolikahäuschen aufgebrochen und das Mobiliar herausgeholt und irgendwo eingelagert wurde. Am Tage darauf war dann das ganze Häuschen spurlos verschwunden. In der Stadt wurde gemunkelt, der Architekt der Gesolei, Wilhelm Kreis, stünde hinter dieser Intrige. An der Stelle des Majolikahäuschens befindet sich heute ein Kinderspielplatz. Es kann sein, daß darunter der Kellerraum noch liegt, der als WC verwendet wurde. Vielleicht gehen die Alde deswegen mal auf Goldgräbersuche danach, so beendete Melanie Florin ihren Vortrag.
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Klaus Sebastian, Rheinische Post, 31. Oktober 2006 Schatzkästchen des Jugendstils
Buch über das fast vergessene Majolikahäuschen von Villeroy & Boch im Hofgarten
Das Majolikahäuschen, ein einzigartiges Kleinod des Jugendstils, stand von 1902 bis 1926 im Düsseldorfer Hofgarten. Innen und außen war es mit farbenprächtigen Fliesen, Mosaiken und Reliefs ausgestattet. Das Unternehmen Villeroy & Boch hatte sich bereits im Juli 1900 um die Teilnahme an der Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung für das Rheinland und Westfalen beworben. Der Plan: Man wollte einen freistehenden Ausstellungspavillon im zeittypischen Jugendstil errichten.
Die Kunsthistorikerin Melanie Florin ruft mit ihrem nun im Grupello-Verlag erschienenen Buch ein reizvolles Stück Düsseldorfer Architektur in Erinnerung. Im Februar 1926 wurde der bei den Bürgern beliebte Keramik-Pavillon nämlich in einer Nacht- und Nebel-Aktion dem Erdboden gleichgemacht.
Die Planer der Großausstellung »GeSoLei« (Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen) empfanden das Majolikahäuschen als Störfaktor. Den Stil des Pavillons, der mittlerweile als Gartencafe genutzt wurde, sah man als überholt an. Vor allem paßte er nicht zu den monumentalen Gesolei-Backsteinbauten des Planetariums (heute Tonhalle) und des Ehrenhofs.
Mit viel Liebe zum Detail schildert die Autorin die Ausstattung des Gebäudes - von der Fenstergestaltung bis hin zur »Wandbrunnennische«. Im Verein mit zahlreichen Fotografien aus der Zeit entsteht das Bild eines eigenwillig verspielten Schmuckkästchens. Zur Ausstellung 1902 präsentierten Villeroy und Boch im Innern Tafelgeschirre, Krüge, Vasen, keramische Wandbilder und Jardinieren - »doch das beste Ausstellungsstück war der Pavillon selbst«. Nach dem Ende der Schau wurde er der Stadt Düsseldorf als Geschenk übereignet und bald als idyllisches Gartencafe genutzt.
Melanie Florin dokumentiert nicht nur die Baugeschichte des Ausstellungspavillons; sie recherchiert auch den nie ganz aufgeklärten Hergang des Abrisses. Am ehemaligen Standort des Majolikahäuschens existiert heute ein nur selten belebter Kinderspielplatz (Nähe Tonhalle), und die Autorin hält es für denkbar, daß an dieser Stelle »unter dem Erdboden noch Fliesen, Reliefs und Plastiken vergraben sind«. Ein ungehobener Schatz im Hofgarten?
Durchaus möglich, denn die Trümmer der nächtlichen Abrißaktion wurden nie aufgefunden. Mit detektivischem Spürsinn ermittelte Florin, daß es unter dem Gartencafe noch einen zum WC ausgebauten Kellerraum gab. »Ist vielleicht ein Teil der keramischen Kunstwerke dort der Einfachheit halber deponiert worden, um weniger Schuttmassen abfahren zu müssen?« So wird Architekturgeschichte zum Krimi.
Im Buch gibt es zudem ein Interview mit Axel Starkloff, dessen Vater das Häuschen von 1918 bis 1926 als Cafe betrieb. Und nebenbei lernt man, daß »Majolika« eine aus dem Italienischen stammende Bezeichnung für speziell glasierte Töpferwaren ist - und daß der Begriff wahrscheinlich von der Insel Mallorca abgeleitet wurde.
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Werner Schwerter, Das Tor, 01. Oktober 2006 Wie ein Juwel des Jugendstils vernichtet wurde
In einer gerade als Buch erschienenen Magisterarbeit hat die Kunsthistorikerin Melanie Florin die Geschichte des einstigen Majolikahäuschens (es stand im Hofgarten nahe der heutigen Tonhalle) umfassend dokumentiert. Mit einem Diavortrag am 12. September bei den Düsseldorfer Jonges erinnerte sie an das 1926 vernichtete Juwel des Jugendstils.
Melanie Florin schenkte den Düsseldorfer Jonges für ihr Archiv einige Exemplare ihres Buches und erhielt zum Dank für ihren Vortrag von Baas Weichering die Heine-Plakette der Jonges.
Der hier veröffentlichte Text ist die gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung eines Exposees ihres Forschungswerkes.
»Der Pavillon von Villeroy & Boch wird erhalten bleiben und späteren Geschlechtern in unverminderter Schönheit verkünden, was deutsches Können zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermocht hat«, schrieb die Deutsche Töpfer- und Zieglerzeitung am 27. September 1902. Doch: »Irgendeinen architektonischen Wert hatte das Häuschen kaum«, hieß es in »Der Mittag« vom 13. Februar 1926. Zwischen diesen beiden Meinungsbildern - einer optimistisch-selbstbewußten, von Nationalstolz geprägten Bewertung und einem vernichtend lakonischen Urteil - liegt eine Spanne von fast 24 Jahren.
Viel Lob für den Pavillon
In dieser Zeit stand im Düsseldorfer Hofgarten das Majolikahäuschen. Es wurde im Jahr 1902 anläßlich der bekannten Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung für Rheinland, Westfalen und benachbarte Bezirke, deren Gelände am Rheinufer auch den westlichen Teil von Düsseldorfs innerstädtischer Grünanlage einbezog, als Ausstellungspavillon errichtet.
Mit diesem Bau präsentierte das Unternehmen Villeroy & Boch mit Hauptsitz in Mettlach seine um die Jahrhundertwende weltweit führende Stellung innerhalb der Keramikindustrie. Als Architekten verpflichtete man Anton Josef Pleyer, Professor an der Großherzoglichen Kunstgewerbeschule Mainz.
Das kleine Bauwerk war sowohl innen als auch außen komplett mit Fliesen, Mosaiken, Reliefs und Skulpturen ausgestattet und bestach vor allem durch die kunstfertige Ausführung, die Verwendung der damals »modernen Formen« aus dem schier unerschöpflichen Repertoire des Jugendstils und die farbenprächtige Wirkung der bunt schillernden Glasuren. Der Pavillon wurde von der zeitgenössischen Ausstellungskritik vielfach lobend hervorgehoben, so schrieb zum Beispiel die Schweizerische Bauzeitung: »Der Pavillon Villeroy & Boch ist weitaus der bedeutendste unter jenen der großen Firmen der keramischen Industrie, ja wir möchten sogar sagen, daß dieses Gebäude, was feinen Geschmack, Originalität der Dekoration und die in der ganzen Komposition zu Tage tretenden Individualität anbelangt, das beste ist, was wir auf der ganzen Ausstellung gesehen haben.« Die Düsseldorfer Ausstellungsleitung zeichnete den Pavillon mit einer goldenen Medaille aus. Als die Stadt Düsseldorf den Wunsch äußerte, den Pavillon über die Ausstellungsdauer hinaus zu erhalten, machte Villeroy & Boch ihr den Bau zum Geschenk.
So diente er - von den Düsseldorfern liebevoll Majolikahäuschen genannt - fortan als Trinkhalle mit Milch- und Mineralwasserausschank und nach dem Ersten Weltkrieg als beliebtes Konditoreicafé mit angeschlossenem Wirtschaftsgarten. Im August 1904 wurde es an die Gesellschaft für Milchausschank für Rheinland und Westfalen verpachtet. 1919 bewarb sich eine Gruppe »vereinigter Konditoreigehülfen« um das Majolikahäuschen mit der Absicht, eine »feine Konditorei mit Kaffeeausschank« zu eröffnen. Dieser Betrieb wurde unter dem Namen Mosaikpavillon geführt. Es wurde ein Wirtschaftsgarten mit Blick auf den Rhein angelegt sowie Vergnügungsangebote in Form von Musikdarbietungen organisiert.
Abriß in aller Heimlichkeit
Als die Vorbereitungen zu einer weiteren Großausstellung am Rheinufer, der 1926 stattfindenden Großen Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen - kurz GeSoLei genannt - begannen, wurden Absichten laut, das ornamentverspielte Majolikahäuschen niederzureißen, da es zwischen den sachlichen, auf kubische, schmucklose Formen reduzierten Bauten dieser Ausstellung als störend empfunden wurde. Trotz heftiger Proteste seitens der Düsseldorfer Bürger war es nicht zu verhindern, daß das beliebte Häuschen in einer Nacht- und Nebelaktion im Februar 1926 beseitigt wurde. Da der Abriß in aller Heimlichkeit geschah, ist über den Verbleib der Fliesen und Baukeramiken nichts bekannt, sie scheinen unwiederbringlich verschwunden zu sein.
Als Wilhelm Kreis die Anlage der GeSoLei plante, paßte ihm der Bau des Majolikahäuschens nicht in sein architektonisches Konzept. Erste Gerüchte um einen Abbruch riefen Düsseldorfer Bürger auf den Plan, welche öffentlich um den Erhalt des beliebten Ausflugsortes baten: »Das Häuschen müßte auch vor den Augen neuzeitlicher Baumeister Gnade finden.« (Düsseldorfer Nachrichten, 20. Juni 1925) Doch obwohl eine bereits erteilte Abbruchgenehmigung seitens der Stadt zurückgezogen wurde, waren die Tage des Majolikahäuschens gezählt. Zu keiner Zeit ist eine Translozierung oder eine Kaschierung des Baues für die Dauer der GeSoLei in Erwägung gezogen worden, stattdessen soll Kreis zu drastischeren Methoden gegriffen haben.
Schenkt man dem Bericht des Ingenieurs Sonnemann Glauben, der sich fast 40 Jahre nach der Tat in der Westdeutschen Zeitung äußerte, so soll Kreis diesen dazu animiert haben, Bauarbeiter und einen Laster mit der Aussicht auf Freibier zu organisieren, um das Majolikahäuschen in der Nacht zum 9. Februar 1926 innerhalb weniger Stunden abzureißen. Düsseldorf habe daraufhin zwei Wochen lang »einem Hexenkessel« geglichen, doch »Der Mittag« berichtete sehr nüchtern am 13. Februar 1926: »Das bekannte Majolikahäuschen [...] wurde während der letzten Tage abgetragen, weil es in die veränderte Umgebung nicht mehr hineinpaßte. Irgendeinen architektonischen Wert hatte das Häuschen kaum.«
Zweckmäßig »umgefallen«
In dem ersten Entwurf einer Klagebeantwortung im Prozeß des gegen seinen Willen hinausgesetzten Pächters Hermann Starkloff gegen die Stadt Düsseldorf und gegen die GeSoLei heißt es gar: »Es trifft tatsächlich zu, daß das Majolikahäuschen eines schönen Tages umgefallen ist [...] Hinterher kann man aber feststellen, daß das Umfallen durchaus zweckmäßig gewesen ist, denn das Majolikahäuschen in seiner absoluten Geschmacklosigkeit wäre in dem Rahmen der gesamten Ausstellung einfach eine Unmöglichkeit gewesen [...]« Solche Äußerungen muten aus heutiger Sicht - in einer Zeit, in der der Jugendstil als eine der beliebtesten Kunstrichtungen gilt - geradezu absurd an.
Mit dem unbedachten Abriß ging ein außergewöhnliches Bauwerk verloren, das zum einen als gelungener Ausstellungspavillon von der Leistungsfähigkeit
Villeroy & Bochs auf dem Gebiet der Baukeramik und des Kunstgewerbes, zum anderen als unvergleichlich reizvolles Gartenhaus der Jahrhundertwende überzeugte. Es wäre heute das mit Abstand aufwendigste, ornamentreichste Jugendstilexponat Düsseldorfs.
So stimmt der Verlust des Majolikahäuschens schmerzlich, vor allem beim Anblick des tristen Spielplatzes, der heute an seiner Stelle steht und nichts mehr von dem einstigen Zauber des Ortes ahnen läßt. Möglicherweise verbirgt sich darunter jedoch ein ungehobener Schatz. So steht nach wie vor die Frage offen, was mit den Trümmern, speziell den Fliesen, Reliefs und Plastiken in der Nacht des Abrisses geschehen ist. Nichts davon ist je aufgetaucht. Es wäre jedoch durchaus denkbar, daß noch einige der Stücke tief im Erdreich liegen. Was diese Vermutung erhärtet, ist die Tatsache, daß es unter dem Majolikahäuschen einen zur Bedürfnisanstalt ausgestatteten Kellerraum gab.
Ein Schatz im Erdreich verborgen?
Ist nun vielleicht ein Teil der keramischen Kunstwerke dort der Einfachheit halber deponiert worden, um weniger Bauschutt abtransportieren zu müßen? Und selbst wenn dies nicht der Fall war, bleibt noch die Tatsache, daß auch die unterirdischen Räumlichkeiten mit einer aufwendigen Fliesenausstattung von Villeroy & Boch versehen waren. So mutet es als sehr wahrscheinlich an, daß im Erdreich des Hofgartens noch prachtvolle Jugendstilfliesen auf ihre Entdeckung warten.
Man müßte mal graben
Hätte es 1926 schon die Düsseldorfer Jonges gegeben, sie hätten das Majolikahäuschen beschützt, meinte Melanie Florin bei ihrem Vortrag und der Beifall der Heimatfreunde gab ihr Recht. Das Thema lenkt den Blick aber auch auf das Problem, wie zeitverhaftet und wenig vorausahnend der ach so selbstgewisse Kunstgeschmack von Mehrheiten oft ist, die sich gern im Namen des sogenannten gesunden Empfindens äußern. Und das Thema zeigt auch die Brutalität im Benehmen der Mächtigen damals. Die Folgerung kann nur sein: Gerade dann, wenn es um Kunst geht, sind Toleranz und Weiterbildung besonders gefragt.
Der Jugendstil war mal Avantgarde und Revolution, bevor man ihn als süß und dekorativ lieben lernte. Dann kam Architekt Wilhelm Kreis mit dem ja auch revolutionären rheinischen Expressionismus und gab, damals höchst modern, mit »Kunst am Bau« den Düsseldorfer Avantgardisten des »Jungen Rheinland« eine große Chance. Auch deren Werke wurden Klassiker. Der Skandal besteht nur darin, daß damals dieser Förderer der jungen Kunst in eigenmächtiger Willkür in der Nacht, die damals vermeintlich überlebte Kunst (die später erneut Mode wurde) blindwütig und illegal zerstören ließ. Es ist ein Widersinn, daß neue Kunst die frühere vernichtet. Sie soll sie hüten!
Die heutige Tonhalle, gewiß ein Geniestück der 20er-Jahre-Architektur, stünde nicht schlechter da, wenn daneben das Majolikahäuschen hätte überleben dürfen. Heute wäre der Kontrast ein Hauptziel bei Stadtführungen, eine erstklassige Attraktion im Angebot des Stadtmarketings.
Spontan und spaßhaft hatten Jonges sogleich nach Florins Vortrag schon die Idee, man müßte mal selbst buddeln. Wo heute ein Spielplatz ist, könnte ein Schatz im Erdreich schlummern. Wer Jonges mit Schaufeln und Taschenlampe bei Mondschein im Sandkasten sähe, sollte wissen: Hier wären heimatfreundliche Archäologen zugange. Aber eigentlich wäre es Aufgabe der Stadt, die einstige Schandtat wenigstens versuchsweise wieder gutzumachen.
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Sven Gantzkow, WZ, 22. September 2006 »Milch-Haus« wurde Opfer der Gesolei
Die einen nannten es »Milch-Haus«, die anderen »Majolika-Häuschen«. Dem pittoresken Pavillon, der 1926 über Nacht verschwand, widmet sich nun ein Buch.
»Meine ganze Gesolei wird mir versaut«, soll Architekt Wilhelm Kreis 1926 geflucht haben. Der Grund war ein kleiner Pavillon, gerade 75 Quadratmeter groß, an der nördlichen Westseite des Hofgartens. Mit seiner Meinung stand Kreis allerdings allein. Das so genannte »Majolika-Häuschen« war für die Düsseldorfer ein beliebter Treffpunkt, nicht zuletzt wegen der Bewirtung während des Sommers.
Nur 24 Jahre stand das Gebäude, errichtet wurde es anläßlich der Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung 1902 vom Keramik-Unternehmen Villeroy & Boch. Seinen Namen verdankte es der Verfliesung seiner Außenfassade, die mit kunstvollen Mosaiken aus Majolika-Steinen gestaltet war. »Würde das Haus noch stehen, hätten wir ein Paradebeispiel für den Jugendstil«, bedauert Melanie Florin. Die 42-jährige Historikerin hat dem »Majolika-Häuschen« ein Buch gewidmet.
Nach der Ausstellung, die fünf Millionen Besucher an den Rhein gelockt hatte, wollte Düsseldorf den pittoresken Bau behalten. Das Unternehmen schenkte das Häuschen daraufhin der Stadt - was es ohnehin vorhatte. Sowohl die Bauweise als auch der Kelleraushub ließen auf nachhaltige Planung schließen. Bis in den Ersten Weltkrieg wurden dort Milch und Mineralwasser ausgeschenkt, nach 1919 kamen eine Konditorei und eine Terrasse hinzu. Als 1924 die Planungen der Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (Gesolei) begannen, war Bauleiter Kreis das verspielte Gebäude ein Dorn im Auge. Es stand im direkten Gegensatz zu den zweckbestimmten Nutzformen, die der spätere Speer-Mitarbeiter favorisierte.
In der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1926 verschwand der Pavillon. Ein spontaner Abrisstrupp hatte von Professor Kreis eine inoffizielle Anordnung zur Beseitigung erhalten. Die Vorgehensweise ist noch heute ein Paradebeispiel für effizientes Handwerkertum: Bis heute wurde keine Kachel, keine Fassadenstatue, noch nicht einmal ein Baustein des Häuschens gefunden. Die Inneneinrichtung war wenige Tage zuvor von der Polizei abtransportiert worden - ohne Wissen des gastronomischen Pächters Hermann Starkloff, der den Pavillon während der Wintermonate geschlossen hielt.
»Kreis hielt es für Kitsch«, sagt Adolf Nitsch vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege. »Daran läßt sich ablesen, wie sehr Geschmack dem Zeitgeist unterliegt.«
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