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Martina Thöne, Westdeutsche Zeitung, 23. März 2004 Hesse, der Landschaftspfleger
Eine Dissertation hat erstmals die Entwicklung der Kulturzeitschrift »Die Rheinlande« systematisch erfasst.
Wer hat behauptet, daß Archivarbeit staubtrocken sein muß? Sabine Brenner bestimmt nicht, denn die 27-Jährige tritt den Gegenbeweis an. Was die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Heinrich-Heine-Instituts aus dem Nachlaß von Wilhelm Schäfer zu Tage förderte, ist kein Staub, sondern die Erkenntnis, daß das Eintauchen in die Vergangenheit »spannend und aktuell« sein kann. Aber auch arbeitsintensiv: 16 000 Beiträge und 22 Jahrgänge der Düsseldorfer Kulturzeitschrift »Die Rheinlande« (1900-1922) hat die Germanistin durchforstet und dokumentiert. Was dabei herauskam? Eine Dissertation, die erstmals die Entwicklung des Mediums systematisch erfasst - und die Quintessenz, daß das heute fast vergessene Fachorgan ein kleines, aber feines »Kaleidoskop der Kulturlandschaft im Rheinland war«.
Einer der eifrigsten »Landschaftspfleger« war Hermann Hesse. Mit seinen 53 Beiträgen hätte der Schriftsteller, den seine Freundschaft zum Herausgeber Wilhelm Schäfer an das rheinische Kulturleben band, eine Auszeichnung als meistgedruckter Autor verdient gehabt. Aber auch Robert Walser und Walter Hasenclever waren überzeugte Wiederholungstäter. Den Zeitgenossen ging es freilich nicht um Quantität, sondern um eine regionale Identität. War die Zeitschrift doch das zentrale Publikationsorgan einer Sammelbewegung. »Man wollte einen Schwerpunkt gegen die Berliner Szene, gegen die Anonymität der Großstadt setzen«, so Brenner. Oder, um mit Hesse zu sprechen, ein »Gegengewicht gegen das leidige Berlinertum« etablieren.
In den liebevoll mit Buchschmuck verzierten Ausgaben wurden neben literarischen Appetizern Bilder, Notenbeilagen und Rezensionen abgedruckt. Ein weites Feld, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn so unterschiedlich die Themen und Strömungen der 1500 Beiträger auch waren - verstaubt sind ihre (kulturpolitischen Ansichten nicht, sondern höchst aktuell, wie Brenner betont. Keine verengte, sondern eine europäische Perspektive war die rheinische Devise. Regionen im Elsaß, in der Schweiz und den Niederlanden wurden einbezogen. »Der Fluß wurde von der Quelle bis zur Mündung gesehen«, erklärt Brenner, die die Geschichte der Zeitschrift kritisch nachzeichnet - von der Aufbruchsstimmung vor dem Ersten Weltkrieg bis zum Absinken in nationalistisch-revanchistische Tendenzen, die neben finanziellen Gründen dazu führten, daß »Die Rheinlande« 1922 eingestellt wurde.
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