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Walter Fähnders, Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, 01. Januar 2008 Das Vorwort hat völlig Recht: Rudolf Braune zählt »zu den seit Jahrzehnten vergessenen Autoren - aufgrund seines nur kleinen Oeuvres, seines frühen Unfalltodes durch Ertrinken (im Rhein bei Düsseldorf) mit nur 25 Jahren und der jahrzehntewährenden Pauschaldiskreditierung kommunistischer Dichtung und Reportage in der Bundesrepublik«. Letzteres stimmt freilich nur mehr bedingt - nach lebhaften Debatten über sozialistische und proletarische Literatur in der Germanistik der siebziger und achtziger Jahre und diesbezüglichen Publikationen und Editionen, auch in Systemkonkurrenz zur DDR, gibt es heute keine Diskreditierung mehr - nur Schweigen und Unwissen über derartige Literaturtraditionen. Um so erfreulicher, wenn diesem Autor ein ebenso informativer wie exzellent recherchierter Band gewidmet wird - auch wenn, wie es im Vorwort weiter heißt, Braune »zweifellos nicht zu den dichterischen Begabungen von Jahrhundertqualität (zählt), die schlicht übersehen wurden«.
In den acht Jahren seiner literarischen Tätigkeit schrieb Braune drei Romane sowie Gedichte, Erzählungen, Kurzgeschichten und nicht weniger als 300 Feuilletons zu Literatur, Theater und Film. Braunes Meriten liegen zweifellos in der Herausgabe der aufmüpfigen Jugendzeitschrift mit dem programmatischen Titel »Mob. Die Zeitschrift der Jungen«, die 1925 in Dresden herauskam, sowie in seinen Romanen. Es sind dies der zu Lebzeiten nur als Fortsetzungsroman erschienene »Kampf auf der Kille« (1928, in der Düsseldorfer »Freiheit«, als Buch erst 1978), »Das Mädchen an der Orga Privat. Ein kleiner Roman aus Berlin« (1932 im Frankfurter Societäts-Verlag), sowie »Junge Leute in der Stadt« (ebenfalls 1932, im Berliner Agis-Verlag). Vor allem »Das Mädchen an der Orga Privat« - ein Sekretärinnenroman, der Titel bezieht sich auf eine Schreibmaschinenmarke - findet heutzutage wieder Interesse im Kontext der Diskussionen über weibliche Angestellte im Roman der zwanziger Jahre, über die ›Neue Frau‹ u.a.m. In der Tat schärft Braune hier den Blick auf Ausbeutung im Angestelltenmilieu der Zeit - und auf politische Alternativen. Der effektheischende Buchumschlag (abgebildet S. 65) zeigt entsprechend den Typus der Zeit: Mädchen mit Bubikopf.
Der Germanist und Bibliothekswissenschaftler Martin Hollender hat einen engagierten Band zusammengestellt, der neben dem ausführlichen Vorwort, das minutiös biographische und werkgeschichtliche Zusammenhänge bis zur Braune-Rezeption der DDR erhellt, auch eine gründlich gearbeitete Bibliographie enthält. Eine derart reichhaltige Bibliographie wünschte man sich zu manch anderem Autor - weist sie doch nicht nur die selbständigen und nichtselbständigen Werktitel nach, sondern zudem Nach-, Neu- und Teildrucke und Abdrucke in Fortsetzungen sowie Übersetzungen. Besonders nützlich sind darüber hinaus die Nachweise von Rezensionen zu Braunes Werken, vom »Mob« angefangen. Allein zum »Mädchen an der Orga Privat« finden sich zwei Dutzend Besprechungen - ihre Auswertung wäre ein schönes Stück Wirkungsgeschichte dieses Romans.
Einblicke in Braunes literarische Produktion selbst bietet der Abdruck von fünf Feuilletons, darunter einer Besprechung des Films »Mutter Krausens Fahrt ins Glück« aus dem Jahre 1930, sowie von vier Erzählungen, u.a. aus der Düsseldorfer »Freiheit« und der »Frankfurter Zeitung«. Insgesamt also ein Bändchen, das gegen den Zeitgeist auf das Werk eines Autors der Weimarer Republik nicht nur aufmerksam macht, sondern es bio-bibliographisch auch erschließt.
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Bernd Kortländer, Rheinische Post, 16. Februar 2007 Vor 100 Jahren geboren:
Rudolf Braune
Der Düsseldorfer Rudolf Braune gehört zu jenen Autoren, die es besonders schwer haben in der Geschichte der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts: Weil sie in tragischer Weise in die ideologischen Fangseile verstrickt wurden, die dieses Jahrhundert so zahlreich aufzuweisen hat. Auch daran gilt es zu erinnern an Braunes Geburtstag, dessen Geburtstag sich am 16. Februar zum 100. Male jährt.
Braune, 1907 in Dresden geboren, kam im April 1926 nach Düsseldorf, wo er zunächst als Buchhändler, dann als Lokalredakteur der »kommunistischen Freiheit«, schließlich als freier Journalist und Schriftsteller arbeitete. 1932 ertrank Braune beim Baden im Rhein bei Oberkassel.
Kein propagandistischer Zweck
Während der kurzen Phase, in der er als Autor arbeiten konnte, galt er den Bürgerlichen als Kommunist, den Liberalen als linksradikal, den Linksradikalen als liberal und den Kommunisten als bürgerlich. Nachdem kurz nach seinem Tod die Nazis für das gründliche Verschwinden seiner Bücher gesorgt hatten, setzte sich die Tragikomödie um seine Wirkung nach 1945 fort: Von der DDR vereinnahmt, gab es für Braune im Westen zunächst kaum Interesse, und nach der Wende verschwand er dann auch aus den letzten Nachschlagewerken.
Das ist auch deshalb besonders ungerecht, weil sein Werk, die beiden Romane Das »Mädchen an der Orga Privat« (1930), vor allem aber »Junge Leute in der Stadt« (1932) wie auch die Erzählungen, Reportagen und Essays deutlich zeigen, daß Braune seinen literarischen Anspruch keineswegs dem propagandistischen Zweck unterzuordnen bereit war. Er befand sich vielmehr auf der Suche nach einer neuen, modernen Form von »Arbeiterliteratur« .
Auf Anregung des Heine-Instituts hat ihm Martin Hollender 2004 eine ausführliche Studie gewidmet, die erstmals das kurze Leben und das erstaunlich umfangreiche Werk dieses Unvollendeten rekonstruiert.
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Leipzigs Neue, Friedrich Albrecht, 19. März 2004 Rudolf Braune - wiederentdeckt
Ein neues Buch von Martin Hollender
Fünfundzwanzig Jahre war Rudolf Braune alt, als er, ein wagemutiger Schwimmer, am 12. Juni 1932 im Rhein ertrank. Er war trotz seiner Jugend kein Unbekannter mehr. Sein Roman »Das Mädchen an der Orga Privat« hatte deutschlandweit Beachtung gefunden, die Leser der Düsseldorfer KPD-Zeitung Freiheit kannten ihn als engagierten Journalisten. Sein Hauptwerk, der Roman »Junge Leute in der Stadt« erschien jedoch erst nach seinem Tode, am Ende des Jahres 1932. Wenige Wochen später kam Hitler an die Macht. Es versteht sich, daß das Buch des jungen Kommunisten in Deutschland kaum noch ein Echo hatte -Braunes Name erschien auf der ersten Schwarzen Liste der Nazis, eine Zeile vor Bertolt Brecht. Seine Leser fand »Junge Leute in der Stadt« erst fast dreißig Jahre später in der DDR. Zwischen 1958 und 1975 wurden an die 100 000 Exemplare verbreitet, 1985 folgte noch eine Verfilmung durch die DEFA.
Um 1970 hatte auch die Literaturwissenschaft der DDR begonnen, sich intensiver mit ihm zu beschäftigen. Danach wurde es wieder still um Braune. In der alten Bundesrepublik war er ohnehin fast unbekannt geblieben, nach der Wende von 1989 fiel er im gesamten Deutschland wieder in die Anonymität zurück. Seine Bücher findet man nur noch in Antiquariaten.
Das Schicksal des Vergessenwerdens teilt Rudolf Braune mit vielen anderen Schriftstellern seiner Zeit, unter ihnen manche, deren Werk sicherlich bedeutender ist als das seine. Eigentlich war kaum zu erwarten, daß dem noch einmal ein neues Kapitel hinzugefügt werden würde. Genau das aber ist jetzt geschehen, durch das Buch Martin Hollenders, das Biografie und Bibliografie Braunes miteinander vereint. Hollender ist promovierter Germanist und wissenschaftlicher Bibliothekar, heute als Referent in der Generaldirektion der Staatsbibliothek Berlin tätig. Schon vorher auf dem Gebiet der regionalen Literaturforschung arbeitend, hat er hier Impulse aus dem »Rheinischen Literaturarchiv« am Düsseldorfer
Heinrich-Heine-Institut aufgenommen, sich damit von der, »jahrzehntewährenden Pauschaldiskreditierung kommunistischer Dichtung und Reportage in der Bundesrepublik« (S. 9) abgrenzend. Er konnte sich auf die Forschungen zur sozialistischen Literaturtradition der Leipziger Arbeitsgruppe an der Akademie der Künste stützen, deren rigorosen Abbruch nach 1990 er als empfindlichen Verlust bedauert. Anders als seine Leipziger Vorgänger hatte er jedoch keine Möglichkeit mehr, Menschen zu befragen, die Rudolf Braune noch persönlich gekannt haben. Er führt alle bisher bekannten Daten zu Braunes Biografie sorgfältig zusammen und versucht, sie zu ergänzen, stößt hier jedoch erneut an Grenzen. Mehr, als bei ihm zu lesen ist, wird man über das Leben des jungen Dresdner Rebellen nicht mehr erfahren. Aber auch das Fragmentarische ist spannend genug, und man spürt, daß Hollender, wie schon andere vor ihm, in den Bann der ebenso sympathischen wie faszinierenden Persönlichkeit Braunes geraten ist. Was für ein Leben auch: Als Neunzehnjähriger leitete er die oppositionelle Schülerbewegung Sachsens und deren Zeitschrift »Mob«, die von Kurt Tucholsky, George Grosz und Theodor Lessing - um nur sie zu nennen - mit großer Sympathie aufgenommen wurde. Nach dem 5. Heft wurde das Blatt verboten, Braune mußte seine Heimatstadt Dresden verlassen. Arbeiten von ihm wurden in der »Weltbühne« und der »Literarischen Welt« gedruckt, er jedoch ging zu der damals von Theodor Neubauer geleiteten »Freiheit« in Düsseldorf.
Hollender brauchte die innere Beziehung zu seinem Gegenstand wohl auch, um die langwierige und mühselige Suche nach den biografischen und bibliografischen Spuren von Braunes Leben durchzuhalten. Was seine Recherchen zutage förderten, ist erstaunlich, es geht über das bisher Bekannte weit hinaus. Das betrifft einmal die literarischen, vor allem journalistischen Arbeiten Braunes, die von einer immensen Produktivität zeugen - wobei Hollender anmerkt, daß die immer noch ausstehende Auswertung der kommunistischen Tagespresse aus dem Westen der Weimarer Republik zweifellos weitere Ergebnisse erbringen würde. Es betrifft aber auch die publizistische und literaturwissenschaftliche Rezeption von Braunes Schaffen im Laufe der Jahrzehnte. Man kann sich nur wünschen, daß seine Arbeit zum Ausgangspunkt einer neuen Beschäftigung mit den Büchern dieses Autors und vor allem zu ihrer Neuauflage wird. Sie sind alles andere als antiquiert – »Junge Leute in der Stadt« ist ein literarischer Beitrag zum Problem der Arbeitslosigkeit von beklemmender Aktualität. Es ist ein Vorzug von Hollenders Buch, daß ihm eine kleine Auswahl vergessener Arbeiten Braunes beigegeben wird. Da ist etwa die zupackende Reportage »Im Hauptquartier der Eisernen Ferse« zu lesen, die in die Hauptverwaltung der Vereinigten Stahlwerke A.-G. in Düsseldorf führt. Sie ist eine Hommage an Jack London, den nordamerikanischen Rebellen, den Braune glühend verehrte; man hat Londons Roman »Die eiserne Ferse« von 1922 als den revolutionärsten Roman der amerikanischen Literatur bezeichnet. Braune bringt die Dinge auf den Punkt:
»Im Aufsichtsrat der Vereinigten Stahlwerke wimmelt es von Parlamentariern. Diese Abgeordneten, nur ihren Wählern verantwortlich, stimmen, wie hier gepfiffen wird. Parteien schwenken ein, wenn hier kommandiert wird. Hier ist nicht das Herz Deutschlands. Aber das Hirn. Hier sitzt das Geld.«
Man sieht, Braune ist immer noch zeitgemäß. Und da gibt es die »Flußgeschichte«, mit Bedacht an das Ende des Bandes gesetzt: sie schildert den Tod eines jungen Arbeitslosen, der wie später Braune selber in den Strudeln des Rheins umkommt. Das gleiche Motiv verwendete Braune übrigens auch in der Erzählung »Der Kurier«. Sie erschien - so berichtet Hollender - in einer Berliner Zeitung wenige Tage, nachdem die Leiche Rudolf Braunes bei Duisburg-Walsum angeschwemmt wurde.
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