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Anne-Rose Meyer,Germanistik; Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen; Band 46, 01. November 2005 Benn, Gottfried
Die Studie (zugl. Univ. Köln, Diss., 1953) war die erste systematische und ausführliche Analyse der Lyrik Benns. In Anlehnung an L. Spitzer ermittelt die Verf. sprachliche Auffälligkeiten und stellt einen strukturellen Zusammenhang zwischen ihnen her, um so »Ausdruck und Wesen des Dichters zu erkennen« (15). An Stelle von Spitzers subjektiver Methode des »philologischen Zirkels« (vgl. Stilstudien, München 1928) aber setzt sie die quantitative Erfassung semantischer, syntaktischer und morphologischer Merkmale. A. Gelhoff-Claes' Untersuchungsraster umfaßt u. a. Motive, Satzbau, Arten der Wortverknüpfung und -bildung, Metaphern und Reimformen. Es wird im 1. Teil der Analyse auf die frühe, im 2. Teil auf die späte Lyrik B.s bezogen und bildet die Grundlage für deren Vergleich sowie für die Abgrenzung von B.s Stil gegenüber dem seiner Zeitgenossen. - Trotz des großen Zeitabstands, der zwischen Niederschrift und Publikation der Arbeit liegt, bietet diese noch heute gültige Ergebnisse: Die Verf. deutet die ästhetischen Verfahren B.s als Ausdruck seines antiidealistischen Menschen- und Weltbildes sowie seiner existentiellen Einsamkeit, wodurch die Entwicklung von B.s Individualstil schlüssig begründet wird.
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Neue Zürcher Zeitung, Feuilleton, 09. Juni 2004 Benn, mathematisch
Der Dichter schwieg 26 Jahre. Von 1922 bis 1948 veröffentlichte er kein einziges Gedicht. Davor liegt das Erscheinen der »Gesammelten Gedichte«, danach folgten die »Statischen Gedichte«. Am 31. Januar 1954 dankte er in einem Brief seiner Interpretin Astrid Claes »für Ihre ganz erstaunlichen Kenntnisse meines sogenannten Œuvre«. Die Vorgehensweise der jungen Doktorandin kommt ihm »mathematisch« vor. Astrid Claes teilt ihre Untersuchung zum lyrischen Sprachstil Gottfried Benns zeitlich gesehen in die Werkepoche vor dem langen Schweigen und in die Jahre danach.
Systematisch betrachtet, analysiert sie die Gedichte nach Motiven, Metaphern, Sätzen, Wortverbindungen und Einzelworten. Die Ergebnisse ihrer philologischen Recherche sind gerade im Vergleich der beiden großen Werkepochen durchaus erhellend und rechtfertigen das Lob des Dichters: »Eine interessante Methode, da sie jenseits der Wertung und der Verallgemeinerung steht.« So ist es zu begrüßen, dass diese Dissertation von Astrid Claes, die selbst einige Gedichtbände vorgelegt hat, nun 50 Jahre nach ihrer Entstehung erstmals in Buchform veröffentlicht wird.
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Kathrin Handschuh, WZ Düsseldorf, 13. Dezember 2003 Präziser Blick auf das Wortmaterial
Die Promotion von Astrid Gehlhoff-Claes kommt nach 50 Jahren in den Buchhandel
An den Sommer 1953 kann sich Astrid Gehlhoff-Claes noch gut erinnern. Damals saß sie in ihrem kleinen Studentenzimmer in Köln und schrieb an ihrer Dissertation über das lyrische Werk von Gottfried Benn (1886-1956). Heute, 50 Jahre später, wird die rund 200-seitige Doktorarbeit veröffentlicht. Die Idee, das Werk nach einem halben Jahrhundert doch noch drucken zu lassen, kam von Stadtdirektor Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff. Im März wurde die 75jährige für ihr schriftstellerisches und gesellschaftliches Schaffen mit der »Trude-Droste-Gabe« ausgezeichnet. Bei der Feierstunde überraschte der Stadtdirektor die Autorin mit seinem Vorschlag. »Ich habe nie daran gedacht, die Arbeit selbst zu publizieren«, sagt Astrid Gehlhoff-Claes. In den 50er Jahren sei dies zu teuer gewesen. »Später habe ich gehofft, daß die Uni auf die Idee kommt.«
Gegen den Widerstand von Doktorvater Richard Alewyn promovierte die damals 25jährige über Gottfried Benn. Alewyn habe sie mit allen Mitteln davon überzeugen wollen, sich der Barocklyrik zu widmen. Doch die Studentin blieb hart. Mit Erfolg: Benn war von der ersten Arbeit über sein dichterisches Werk derart begeistert, daß er sie in einem Brief als »ganz erstaunlich« lobte. 46 Jahre nach seinem Tod ist die Dissertation bei den Studenten immer noch gefragt. »Sie ist absolut lesbar«, sagt Joseph Kruse, Leiter des Heinrich-Heine-Instituts.
Astrid Gehlhoff-Claes hatte sich der Lyrik mit einer eigenständigen Methode genähert, mit der sie zu noch heute gültigen Ergebnissen gelangt war. Als »Wortmaterialuntersuchung« bezeichnet sie ihre Vorgehensweise. Dabei konzentrierte sie sich auf einzelne Wörter, nahm beispielsweise Wiederholungen und Motive unter die Lupe. Die minutiöse Lektüre und außerordentlich präzise Analyse des frühen wie des späten Benns machen die Schrift zu einem literaturwissenschaftlichen Dokument.
Mit Benn fühlt sich die Schriftstellerin eng verbunden. Beide wählten für ihre Werke Motive wie Natur und Einsamkeit. Immer wieder schickte sie dem Schriftsteller eigene Gedichte. Seit 1957 lebt die Germanistin in Düsseldorf. Sie veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, einen Roman, Erzählungen und ein Schauspiel. 1975 war sie Mitbegründerin des Vereins »Mit Worten unterwegs. Schriftsteller arbeiten mit Inhaftierten«.
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