Ausfhrliche Informationen zu Tatjana Kuschtewskaja: Geheimnisse schner Frauen

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https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/tatjana-kuschtewskaja/geheimnisse-schoener-frauen, 19. Dezember 2018
Berhmte Knstler und ihre Modelle.

18.12.2018
Hamburg
Von
Wolfgang Schlott

22 Kapitel mit den Abbildern von Gemlden, auf denen schne Frauen, gestaltet von berhmten Malern, zu sehen sind eine solche Ankndigung ruft sicherlich die Aufmerksamkeit von kunstbegeisterten Leser/innen hervor. Angelockt von einer unbekannten russischen Mona Lisa auf der Vorderseite des Hard-Cover-Einbandes, werden sie im Inhaltsverzeichnis mit der Auflistung illustrer Namen konfrontiert, die einen Querschnitt durch die europische und die amerikanische Kunstgeschichte von der mythischen Galathea aus der griechischen Antike bis zu John Lennon und Yoko Ono anbietet. Die frhkindlichen Anregungen fr dieses ambitionierte Vorhaben bildeten fr Tatjana Kuschtewskaja das Museum der Phantasie ihres Vaters, der ein begeisterter Hobbymaler war. Von ihm habe sie gelernt, dass Dinge leben, eine Seele haben, ein Schicksal und ein Gedchtnis. Von diesem tiefen Mitgefhl ist auch ihre emotionale Hingabe und ihr Mit-Leiden fr jene schnen Frauen erfllt, die als Geliebte, kurzfristige Ehefrauen und Modelle fr ihre Knstler zur Verfgung standen. So bekennt sie in ihrem Vorwort, dass sie das Schicksal der Olga Chochlowa, der Ehefrau von Pablo Picasso (1918) und der von ihm verstoenen, nach 1926 in den Wahnsinn getriebenen Ex, als Drama begreifen wollte, mehr noch, sie wollte verstehen, was Olga sagen wrde, wenn ihr Portrt aus dem Jahr 1917 sprechen knnte. Gleichzeitig mchte sie wissen, wie es mglich war, dass der bedeutendste Maler des 20. Jahrhunderts mit jeder neuen Geliebten die verflossene Liebe aus seinem Gedchtnis tilgen konnte. Dieses libido-psychologische Beschreibungsmuster bertrgt Kuschtewskaja auf die meisten ihrer mit viel Herzblut und Hingabe geschriebenen Essays. Ihre Erzhlweise imitiert und demontiert den Mrchenstil, bedient sich meist des unmittelbaren visuellen Erlebnisses beim Museumsbesuch, greift journalistische Schreibweisen auf, whlt den nchternen, das konkrete Ereignis aufgreifenden Stil, nimmt Anleihen an theatralischen Stilelementen, lsst sich von Alltagserlebnissen bei ihrer Suche nach neuen Motiven leiten. Diese sehr unterschiedlichen Darstellungsformen frdern die Lektre ihrer imaginativen Reise durch die Ateliers und der sich dort abspielenden erotischen Szenen und knstlerischen Szenarien. Doch wer nun vermutet, die Autorin gebe sich irgendwelchen lsternen Phantasien hin, der ist auf dem Holzweg. Der emotionsgeladene Streifzug durch imaginierte Ateliers, jmmerlich eingerichtete Wohn- und Malbuden, Freiluft-Ausstellungen, ber Plakatabbildungen und grafische Dokumente ist stets orientiert an den Lebensumstnden, unter denen die schnen Frauen als Modelle existierten. Das bedeutet, dass Modell und Knstler sich auf einer Stufe der Anerkennung durch die Autorin befinden, dass sich ein emanzipatorisches Verhltnis zwischen dem weiblichen Modell und dem jeweiligen Knstler im Ansatz herausbildet. Umso wesentlicher ist es, dass auch ein frhes Selbstbildnis der deutschen Knstlerin Angelika Kauffmann (1741-1807) unter den Essays befindet. Die angesehene Portrtmalerin, die whrend ihrer ersten Schaffensphase in London mehrfach von Angehrigen des englischen Hochadels dpiert und in Mikredit gebracht wurde, erhlt durch die Autorin eine besondere Wrdigung, indem sie auf die sozialen Umstnde aufmerksam macht, unter denen die Knstlerin litt.

Es gehrt zu den lobenswerten Eigenschaften der Publikation, dass Leser/innen nicht nur immer wieder auf die Orte aufmerksam gemacht werden, wo die Akteure unter welchen Begleitumstnden gewirkt haben, sondern auch auf welchen Friedhfen ihre Grber zu finden sind. Auf diese Weise sind die Geheimnisse schner Frauen nicht nur anregende Abbilder fr Voyeure, sie verleiten auch zu weitergehenden kunstgeschichtlichen Studien. Egal, ob es Justine im Bild von Gustave Courbet, die geheimnisvolle Rckenansicht einer Tehura von Paul Gauguin, gemalt whrend seines Aufenthalts auf Tahiti, das bizarr verfremdete Antlitz von Madeleine Castaing aus der Werkstatt von Chaim Soutine oder die Unbekannte von Iwan Kramskoj ist sie verlocken interessierte Kunstlieber zu weitergehenden Studien und werden dabei allerdings mit einem Dilemma konfrontiert. Quellenverweise oder Hinweise auf weiterfhrende Literatur sucht man vergeblich. Andererseits finden kunstbegeisterte Leser aufgrund der eingehenden Beschreibungen in den mit Hingabe und viel Herzblut geschriebenen Essays ohnehin viele Anregungen fr vertiefende Betrachtungen.

Tatjana Kuschtewskaja, Verfasserin vieler Reiseberichte und Kennerin vor allem russischer Lebensweisen, hat sich mit der Erforschung der Geheimnisse schner Frauen auf ein schwieriges Terrain begeben, dessen Untiefen und Unwgbarkeiten sie mit viel Courage, stilistischem Geschick und unermdlichen Recherchen bewltigt hat. Dennoch bleibt eine Nachfrage: der Leser htte gerne gewusst, woher so mancher treffliche Zusatz zu ihrem vortrefflichen Text stammt.


Weitere Informationen:
Tatjana Kuschtewskaja: »Geheimnisse schner Frauen«