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27. Oktober 2009
Der Grupello Verlag trauert um
den Schriftsteller Heinz Czechowski




Der Schriftsteller Heinz Czechowski, Autor des Grupello Verlags, ist am 21. Oktober 2009 nach langer Krankheit gestorben. Der Verlag trauert um einen Autor, der sich in der Rolle des literarischen Chronisten vor allem als Lyriker verdient gemacht hat, indem er die schwierigen Lebensverhltnisse in der DDR poetisch reflektierte und kritisierte immer sprte er das Politische im Privaten auf. Nach der Wende siedelte er in den Westen ber und begleitete den politisch-gesellschaftlichen Umbruch essayistisch. Zuletzt lebte er in Frankfurt am Main.

Heinz Czechowskis letztes Buch Die Pole der Erinnerung zeigt jenes poetische und kritische Vermgen noch einmal im autobiographischen Format: Illusionslos und immun gegen jede Nostalgie erzhlt Heinz Czechowski hier auf anrhrende Weise von seiner Kindheit im Dresdner Stadtviertel Wilder Mann, die vom Krieg berschattet wurde und die mit dem verheerenden Bombardement Dresdens jh endete. Die Pflanze der Melancholie, die damals zu keimen begann, hat ihn ein Leben lang begleitet: whrend des Studiums am prestigetrchtigen Leipziger Literaturinstitut, geschult an Brecht und unter der gide Georg Maurers, als Protagonist der legendren Schsischen Dichterschule, whrend des Rckzugs auf das Land in den siebziger Jahren und im Leipzig der achtziger Jahre, als es politisch zu gren begann jener furor melancholicus trug ihn bis in seine letzten Gedichte hinein, wenn es heit: Wut, Trauer und das Gefhl, niemals / Irgendwo angekommen zu sein Vielleicht ahnte Heinz Czechowski, da er schreibend insgeheim doch angekommen war: in zahlreichen eindrucksvollen, lakonischen Gedichten, in manchem klarsichtigen Essay und in seiner Autobiographie, der literarischen Summe dieses Chronistenlebens.




Nekrologe



Der Spiegel 45/2009 vom 02.11.2009, S. 178
Register GESTORBEN

Heinz Czechowski, 74. Es war einer der glcklichsten Momente seines Lebens, als er 1978 sein Parteibuch zurckgab. Der Lyriker, der im Alter von zehn Jahren die verheerenden Luftangriffe auf seine Heimatstadt Dresden erleben musste, hat in der DDR nur wenige Jahre den sozialistischen Verheiungen getraut. Als wichtiger Kopf der legendren Schsischen Dichterschule war er gleichwohl anerkannt und geschtzt. Nachmittag eines Liebespaares hie 1962 sein erster Gedichtband, Schafe und Sterne (1975) der berhmteste. Nach der Wende kam der Autor in den Westen, wo er weiter seine elegischen und eingngigen Verse schrieb, die meist von Alltagsbeobachtungen geprgt waren. Er sei dort eigentlich nie richtig angekommen, sagte er spter. Und melancholisch klagte er in seiner Autobiografie Die Pole der Erinnerung (2006), sein bestes literarisches Material vernachlssigt zu haben: die Kindheit im Krieg und in der Nachkriegszeit. Heinz Czechowski starb am 21. Oktober in Frankfurt am Main.



Richard Kmmerlings, FAZ, 27. Oktober 2009
Der Geist ist nicht ortlos
Heimatwund: Zum Tod des Dichters Heinz Czechowski

Was, wenn von jedem Dichter nur eine einzige Verszeile die Zeiten berdauern drfte? Welche wrde man selbst zu Lebzeiten auswhlen? Die Zeile von Heinz Czechowski wrde vielleicht lauten: Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss. So beginnt sein Sonett An der Elbe aus dem Band Schafe und Sterne von 1974, mit dem der 1935 in Dresden geborene Dichter endgltig zu einer unverwechselbaren Stimme fand. Er gehrte zu den Autoren jener Strmung der DDR-Lyrik, die Adolf Endler Schsische Dichterschule getauft hatte.
Spter lie Czechowski von diesem Liebes-Sonett, das die groe Schnheit der Welt preist, nur die erste Zeile gelten; ein im Westen erschienener Auswahlband aus dem Jahr der Wende trug diesen Titel. Vielleicht lag darin, neben einer sthetischen Selbstkritik an Reim und Strophenform, auch das im Sptwerk wieder strker werdende Eingedenken an das Urerlebnis der Kindheit, die Zerstrung der Heimatstadt im Februar 1945, die der Zehnjhrige mitansehen musste. Das Vergngliche / ist hier kein Gleichnis, schrieb er spter, und: Jedes neue Gedicht / widerlegt das vergangene, / Jeder der berlebenden / trgt eine Chronik in sich, / die niemand mehr aufschreibt. Immer wieder kehrt Czechowski an die rauchenden Trmmersttten zurck. Es ist nicht wahr, / Dass der Wind weht, wo er will. / Und auch der Geist / ist nicht ortlos Das Urerlebnis totaler Zerstrung hat Czechowski wohl immunisiert gegen den staatlich verordneten Geschichtsoptimismus. Die Erinnerung an die im Feuer versunkene Stadt war durch keine Aufbau-Rhetorik zu beschwichtigen. Allerdings hatte er auch nicht die Hoffnung, dass die Wunden der Geschichte in einem wiedervereinigten Deutschland geheilt werden knnten; mit einem Frachter namens Liberty kamen einst Brandbomben ber den Atlantik. Eine radikale, schmerzhafte Selbstbeobachtung wird zur Signatur des Sptwerks eines am Ende sehr einsamen Menschen.
Der Blick auf den Alltag, auf die unmittelbare Erfahrung prgte schon die frhen Texte Czechowskis, der 1962 seinen ersten Gedichtband publizierte. Er hatte am Leipziger Literaturinstitut studiert, zu seinen Vorbildern zhlte neben Brecht, Huchel und Eich auch sein Lehrer Georg Maurer. Nach der Biermann-Ausbrgerung trat. er aus der SED aus. Neben Sarah und Rainer Kirsch, Reiner Kunze, Wulf Kirsten oder Volker Braun war Czechowski weniger bekannt, er war auch leiser und zurckhaltender, ein genauer Beobachter mit klarem, lakonischem Ton. Er lebte und schrieb stets im Dialog mit toten Seelen, die einst.das Brot mit mir gebrochen haben und im illusionslosen Vorgriff auf das Schweigen der Zukunft. Was bleibt, stiftete fr ihn das Archiv: Zur Einsicht ins Unwiederbringliche / Steht das Register bereit: / Du selbst / bist schon vergangen, / Die Zukunft / Hat keinen Namen: / Schlag nach! Ist das trstlich? Unterm Buchstaben C. wird weit mehr als eine Zeile bleiben. Am vergangenen Mittwoch ist Heinz Czechowski in Frankfurt am Main gestorben.



Tilman Krause, Die Welt, 28. Oktober 2009
Immer unangepasst:
Der Lyriker Heinz Czechowski ist tot

Es war der alte Gerhart Hauptmann, der im Februar 1945 die berhmten Worte schrieb: Wer das Weinen verlernt hat, lernt es wieder beim Anblick des zerstrten Dresden. Als habe er lebenslang unter dem Eindruck dieser Zerstrungstat gestanden, die er als Zehnjhriger hautnah miterlebte, stellt fast das gesamte lyrische Werk des gebrtigen Dresdners Heinz Czechowski Nachhall und Verarbeitung dieser frhen Katastrophenerfahrung dar. Jetzt ist der Dichter im Alter von 74 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.
Czechowski war gerade in seiner durch nichts von seinem elegischen Daseinsgefhl abzubringenden Geradlinigkeit eine der markantesten Stimmen unter den Autoren der ehemaligen DDR.
Immer unangepasst, niemals zu korrumpieren, wurde er den DDR-Offiziellen schon bald nach seinem literarischen Debt Anfang der Sechzigerjahre als Pessimist unliebsam. Aber auch nach der Wende erreichte er mit seiner schwermtig eingefrbten Naturlyrik, die sich weiterhin konsequent des Verschtteten und Vergangenen annahm, nur die wenigen Zeitgenossen, die ber der nur allzu berechtigten Euphorie des Zusammenwachsens doch nicht vergessen wollten, welch destruktive Macht von 40 Jahren Sozialismus auf deutschem Boden ausgegangen war.
Trotzdem genoss der Dichter, der in den letzten Jahren an schweren Depressionen litt, ein Leben lang die Hochachtung seiner Dichter-Kollegen und erhielt auch manche Auszeichnung fr sein schmales Werk, zu dem sich am Ende noch die Autobiografie Die Pole der Erinnerung gesellte.
Viele Stipendien ermglichten dem Autor auch ein vielfltiges Pendeln von einer deutschen Stadt zur nchsten. So verlie das Mitglied der Schsischen Dichterschule schon vor der Wende die Lausitz, um nach Leipzig zu gehen. 1994 zog es ihn nach Limburg an der Lahn sowie, nachdem er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim geworden war, auch nach Frankfurt. Seine reimlosen, meist in freien Rhythmen gehaltenen Gedichte verstrmen den Reiz des Sprden, Ungeschnten. Sie werden bleiben.



Jrgen Verdofsky, Sddeutsche Zeitung, 28. Oktober 2009
Fremd zu Haus
Zum Tod des Dichters Heinz Czechowski

Heinz Czechowski ist am vergangenen Mittwoch in Frankfurt am Main verstorben. Die spte Nachricht vom Tod eines Dichters wirft ein letztes Bild auf seine Verlorenheit. Nach seiner letzten groen Anstrengung, der Autobiographie Die Pole der Erinnerung, lebte Czechowski als Vereinzelter, nicht zugehrig dem literarischen Frankfurt, aber auch nicht mehr verbunden der Heimatstadt Dresden oder einer Schsischen Dichterschule, zu deren Stimmfhrern er einst gehrte. In den letzten Jahren hatte er etwas verloren, nicht unbedingt seine Schreibkraft, vielleicht aber seine Bestimmung. Als Dichter war er zerrieben zwischen Begabung und Verzweiflung.
Fr den 1935 in Dresden geborenen Heinz Czechowski wird der Untergang seiner Heimat, die er als Zehnjhriger im Faschingskostm erlebt, zum Weltschreck. Thomas Manns Lehre von Coventry, dass alles bezahlt werden mu߫, wird er verinnerlichen. Hier nimmt sein hoher Rigorismus, ein lebenslanges Hier stehe ich, ich kann nicht anders, seinen Anlauf. Mit protestantischer Wucht wandte sich der Dichter 1978 auf einer Germanistentagung in Halle an der Saale gegen die Verhaftung Rudolf Bahros. Ein groer Auftritt, der SED-Ausschluss folgte auf dem Fue.
Nach dem Band Schafe und Sterne, der 1974 Czechowskis Namen als Dichter begrndete, wird sieben Jahre nichts von ihm erscheinen knnen. Diese angehaltene Zeit in Verkennung, Verzgerung und Verhinderung teilt er mit anderen vom Leipziger Literatur-Institut - Sarah und Rainer Kirsch, Adolf Endler oder Helga M. Novak. Sie alle wurden als Dichter unter den strengen Augen des lehrenden Georg Maurer auch zu robusten Handwerkern, es reicht bis zu einem Klopstock-Kanon. Und genau das hat Czechowski als Dichter mehrfach gerettet. So konnte er sich nicht in den Weiten des Rsonierens verlieren, wurde aber auch kein Eskapist. Auch in der Resignation blieb er souvern und formbewusst. ... Eines Tages / Werde ich / Die Erinnerung / An mich tilgen. Was bleibt, / Ist das Gedenken / An eine Zeit,/ Die es niemals gab.
Den Osten verlsst Czechowski erst nach der Wende, aber Gardasee, Schppingen oder Frankfurt bleiben verfehlte Orte. Der Dichter opfert, indem er schreibt, sein brgerliches Leben hin. Mit verwaistem Blick sieht er auf eine im Feuer versunkene Stadt, auf die uneinnehmbare Ruine DDR, auf seine erworbene Einsamkeit. Verlorene Liebe, treulose Freunde und ein unaufhaltsames Altern werden beklagt. Es gibt kein einfaches Leben fr einen Poeten in und nach einer Diktatur. Durch seine letzten groen Gedichtbnde Mein Westflischer Frieden (1998), Wste Mark Kolmen (2000) und Seumes Brille (2002) zieht sich ein tagebuchhnliches Selbstvergewissern. . . . . Schreiben,/ So scheint mir,/ Ist noch immer / Die beste Mglichkeit,/ Sich mit sich selbst zu verstndigen. Czechowski versuchte, mit seiner zerrissenen Lebensgeschichte die ihm unheimliche Geschichtsstille im Nachwende-Deutschland aufzubrechen. Dem Ende zu wurde / Alles gleichgltig. Ein zusammengesunkener Berg, aber von dem Verstreuten wird einiges bleiben.


Michael Braun, Badische Zeitung, 28. Oktober 2009
Ein Hiob aus dem brennenden Dresden

In seinen letzten Lebensjahren zelebrierte dieser Dichter nur mehr die sarkastische Kommentierung der eigenen Verfallsgeschichte. Heinz Czechowski, in seinem ganzen Habitus zum furor melancholicus (Wolfgang Emmerich) geworden, hatte sich in seinen Gedichten auf die sarkastische Position zurckgezogen, er verstehe sich als sein eigener Pflegefall. Depressionen und Einsamkeitsgefhle taten ein briges, um eine Poetik des Fatalismus zu generieren. So illustrierte Czecho, wie ihn seine Freunde nannten, sein Leben als eine Existenz im Stillstand. Seine Gedichte lieferten das Selbstportrt des Dichters als unerlste Hiob-Gestalt, als mrrischer Nachtmensch, der im Alkohol versinkt.
Der politische Umbruch in der DDR hatte den Skeptiker Czechowski 1989 aus der Bahn geworfen. Dabei hatte er als junger Autor wie viele seiner Kollegen aus der Schsischen Dichterschule als ein weltanschaulich optimistisch gestimmter Sozialist begonnen, der von seinem Vorbild Bert Brecht wie auch von Georg Maurer, seinem Mentor am Leipziger Literaturinstitut, zehrte. Der erste Gedichtband Nachmittag eines Liebespaares (1962) geriet dem 1935 in Dresden geborenen Dichter noch weltanschaulich naiv und formal konventionell..
Seit den 70er Jahren thematisierte er die traumatische Urszene seines Lebens, den Untergang seiner Heimatstadt Dresden im Feuersturm des 13. Februar 1945. Irgendwann verlor Czechowski den Glauben an die unwirtliche DDR. Seit seiner missglckten Ankunft in der wiedervereinigten Republik verschrfte sich seine grblerische Skepsis immer mehr. In einem spten Gedicht positioniert er sich als Melancholiker: Mit Alkohol alleine / Ist es noch nicht getan: / Mich blicken starr die Steine / Und ich die Steine an. // Hab ich gelernt zu leben? / Ich glaub, ich lern es nie. / Die Zeit, die mir gegeben, / Steht still. Ich hasse sie.
Zerqult von seinen Depressionen, hatte sich der metaphysisch heimatlos gewordene Dichter in den 90er Jahren in die westflische Provinz zurckgezogen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Frankfurt am Main. Dort ist er am vergangenen Mittwoch im Alter von 74 Jahren gestorben.



Ingeborg Ruthe, Berliner Zeitung, 28. Oktober 2009
Ein schsischer Dichter
Zum Tod des Lyrikers und Prosautors Heinz Czechowski

Um in der Welt zu bleiben, muss ein Dichter nicht Bibliotheken fllen. Es gengt, einen solchen Satz ber die Hhenzge der Lnitz bei Radebeul zu Papier zu bringen: Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Flu߫. So ein Satz wurde zum Leitmotiv schsischer Nachkriegspoesie. Geschrieben hat ihn Heinz Czechowski, 1935 geboren in Dresden. Und zitiert wurde er seither von Dichtern wie Volker Braun, Karl Mickel, Adolf Endler.
Am Dienstag kam die Nachricht vom Tod des Lyrikers, der nach der Wende mit dem Heinrich-Mann- und dem Heinrich-Heine-Preis geehrt worden war. Er starb am Mittwoch nach schwerer Krankheit in Frankfurt am Main, nach Dresden, Leipzig und Schppingen seine letzte Station. Czechowsky hatte die Wende ertrumt in seinen Versen, diesen reimlosen, frei-rhythmischen, faktengespickten Momentaufnahmen der DDR-Realitt. Aber das Ende der DDR entwurzelte ihn auch: Ehe kaputt, Alkohol, psychische Probleme. Die Berufung zum Stadtschreiber von Bergen-Enkheim und Dresden, gab wieder Halt.
Czechowski sah als Zehnjhriger die Flieger, die Bomben und das brennenden Dresden. Dass er den Untergang der Stadt berlebte, wurde dennoch nicht zur Ursache der tiefen Melancholie in seinen Gedichten und Prosatexten. Es waren die Widersinnigkeiten der Utopie und die Widersprchlichkeiten des Sozialismus, die dem jungen, fr den Kommunismus schwrmenden Dichter zu schaffen machten und mehr und mehr enttuschten. Seine ersten Gedichte waren die Eintrittskarte zum Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher. In Gelegenheitsgedichte und Schafe und Sterne, Mitte der Siebziger, wird der subjektive Ansatz der von Brecht beeinflussten Verse illusionsloser, dichter und intensiver.
Czechowski gehrte zur Schsischen Dichterschule. Nach einem Ernteeinsatz in Mecklenburg schrieb er etwa ber die sozialistisch modernisierte Landwirtschaft: Hinter wippenden Pferderschen auf Gummiwagen verfrachtet, lieen wir uns schlielich, eingewickelt in verkeimte Decken, in der Scheune einer LPG nieder...
Bis zur Schmerzgrenze spiegelte der eigenwillige Dichter seine Beziehung zu den Protagonisten der DDR-Lyrik und auch zu seinen Stasi-Spitzeln in seiner Autobiografie Die Pole der Erinnerung, 2006 im Grupello Verlag erschienen. Das Buch ist etwas sehr Seltenes. Es kommt kaum vor, dass Lyriker eine Autobiografie schreiben.



Richard Pietra, Tagesspiegel, 28. Oktober 2009
Der Unsanfte
Zum Tod des Dichters Heinz Czechowski: Der Dresdner gehrte zur Schsischen Dichterschule, er war polemisch, elegisch und unduldsam.

Nach dem Tod Richard Leisings, Karl Mickels und dem Adolf Endlers vor wenigen Wochen lichten sich die Reihen jener ostdeutschen Dichtergeneration, die, um die Mitte der dreiiger Jahre geboren, und durch die Charismatik Brechts und Georg Maurers geprgt, als Schsische Dichterschule Furore machten. Weltwissen und Traditionsbewusstsein waren ihre Wirkungskonstanten. Selbstbewusste Generationsgeselligkeit und die Ausprgung krftigen Ich-Bewusstseins im Rahmen ihrer kollektiven Gesellschaft fhrten zur Reibung am ideologisch Vorgegebenen nach dem Plenum des ZK der SED 1965 und auch noch nach Wolf Biermanns Ausbrgerung im Herbst 1976.
Heinz Czechowski, 1935 in Dresden geboren, war von Beginn an der Streithans des lose gefgten Freundeskreises mit starkem literarischen Zusammengehrigkeitsgefhl und an Galle dem geborenen Polemiker Endler kaum nachstehend. Doch war er weicher und elegischer als der mehr dem schwarzen Humor zuneigende Dsseldorfer. Schon in seinem ersten Gedichtband Nachmittag eines Liebespaars (1962) findet sich im Sonett An der Elbe jene Zeile die er spter als die vielleicht einzige bleibende seines Werks bezeichnete: Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Flu߫. Die folgenden 13 Zeilen strich er spter ersatzlos.
Unduldsam bis ungerecht, anfllig fr Kollegenneid und krasse Unterschtzung des Erreichten blieb er, in zuweilen fast krankhafter Zuspitzung, bis zuletzt. Keiner konnte ihm im exzessiven Klagen das Wasser reichen. Das htte nur ein Jakob Haringer, ein Thomas Bernhard gekonnt. Czechowski war einer derjenigen, deren Wunde Dresden nicht heilte.
Traumatisiert der 1945 im Feuersturm untergegangenen Heimatstadt entwichen, scheiterten alle Versuche der Wiederannherung. So wurde er nach der Wende ein Unbehauster, den es nach Rom, Limburg und schlielich Frankfurt umtrieb, wo er unfroh sesshaft wurde und Jahre gefhlter Isolation und krperlichen Verfalls erlebte. Wie der willensangetriebene Schiller rang er seinem Krper lange Erstaunliches ab, und wie Wulf Kirsten wurde er einer von Sachsens akribischsten Chronisten, in deren Werk nachgelesen werden wird, was in den Geschichtsbchern weier Fleck geblieben ist: Biografisches, Anekdotisches, Merkenswertes deiner und meiner Lebensgeschichte.
Statt dreier Hnde Erde hier die Titel seiner drei mir liebsten Gedichtbnde: Schafe und Sterne, Ich beispielsweise, Was mich betrifft. In seinem bissigsten Gedicht An Freund und Feind heit es: Hier wird die Trommel kaum noch gerhrt. / Sandkorn um Sandkorn rieselt die Eisenzeit / Ein in das Unsere und die Welt / Der Schafe und Sterne. / Wir sagen uns Zaubersprche, / Wir schreiben uns Briefe mit blauen Siegeln / Wer aber soll das rezensieren? / Wo wir auch hinsehn: / Die goldenen Sthle / Lngst schon besetzt / Von Kopien nach Originalen.



Junge Welt, 28. Oktober 2009
Czechowski tot

Der Lyriker Heinz Czechowski ist am Mittwoch vergangener Woche im Alter von 74 Jahren nach langer Krankheit in Frankfurt/Main gestorben. Das teilte seine Familie am Montag abend mit. Als Zehnjhriger erlebte Czechowski die Zerstrung Dresdens. Nach dem Krieg erlernte er zunchst den Beruf des Reklamemalers. Von 1958 bis 1961 studierte er dann am Leipziger Literaturinstitut unter Georg Maurer (Schsische Dichterschule), wurde anschlieend Lektor beim Mitteldeutschen Verlag und 1968 dann freier Schriftsteller. Er hatte da bereits einige Bnde mit nchterner, reimloser Lyrik verffentlicht, schrieb nun auch literaturkritische Essays und Reiseberichte. Nach dem Mauerfall forderte Czechowski als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim bei Frankfurt/Main (1990/91), mit dem Stalinismus im DDR-Schriftstellerverband abzurechnen. Seine Lyrik blieb karg und realistisch. Ein einigermaen typisches Czechowski-Gedicht ist folgendes: Es ist wie in der Liebe:/Man kann mit der einen,/Mit der anderen nicht./Hat man einmal gekonnt,/kann man immer wieder -/Das ist der Fehlschlu,/ Denn nicht die Gewohnheit entscheidet./Manchmal ist alles vergeblich,/Aber mitunter erhht uns,/Was wir vergeblich gesucht,/Denn keine Ehe/Bindet uns auf die Dauer/Und keine Kunst.



Ulf Heise, Mrkische Allgemeine, 28. Oktober 2009
Tragischer Auenseiter: Der groe Lyriker Heinz Czechowski ist gestorben
NACHRUF: Der Trakl der DDR

Das schwache Herz machte Heinz Czechowski schon lange zu schaffen. Nun ist der melancholische Menschenfreund, wie ihn Harald Hartung nannte, tot. Kurz vor seinem fnfundsiebzigsten Geburtstag starb er letzten Mittwoch in Frankfurt am Main. Wie wenig er zuletzt noch am Leben hing, zeigte sich an der Resignation, die seine Welthaltung prgte. Mit der geliebten Poesie, so meinte er zynisch, habe er die besten Stunden des Tages verhurt. Sein Fazit: Ich bin krank, mde und habe es satt, ber den Sinn der Vergnglichkeit nachzudenken. In seiner Autobiographie Die Pole der Erinnerung schilderte er, wie schon frh jene Schwermut in ihm keimte, die sich spter zu einem Hang zur Selbstvernichtung auswuchs.
Auslser der seelischen Verdsterung war ein Trauma, ber das er oft grbelte: die Zerstrung seiner Heimatstadt Dresden durch das Bombeninferno vom Februar 1945. In der Jugend vermochte er den Schatten, der ber seiner Psyche lag, noch zu verbannen. Als Sohn eines Steuerbeamten auf dem Wilden Mann aufgewachsen, absolvierte er zunchst eine Lehre als graphischer Zeichner. Die folgenden Intermezzi als Vermessungsgehilfe und Bauzeichner in VEB-Betrieben gestalteten sich kurz, denn der junge Mann hegte einen ehrgeizigen Plan: er wollte als Schriftsteller avancieren. Mit einer Empfehlung von Paul Wiens trat er der Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren des Deutschen Schriftstellerverbandes in Elbflorenz bei. Dort lernte er die liberale Kommunistin Auguste Wieghardt-Lazar kennen, die ihn unter ihre Fittiche nahm. In ihrem Haus begegnete er Viktor Klemperer, Ludwig Renn und Jurij Brezan. Die Mentorin sorgte dank guter Verbindungen zur Kulturszene fr ihren Schtzling. 1958 wurde er Student am Leipziger Literaturinstitut, mit 23 Jahren der jngste. Leipzig lag mir, wie ich glaubte, zu Fen, notierte Czechowski nach seiner Ankunft in der Messestadt. In Universittsbibliothek und Deutscher Bcherei las er, was in der DDR noch immer als Geheimtipp galt: Bcher von Joyce, Hemingway, Doderer, Musil, Karl Kraus, Benn. Der Diplomand fand einen Job als Lektor im Mitteldeutschen Verlag in Halle, wo er forsch die Manuskripte schreibender Proletarier ablehnte und sich die Feindschaft von Erik Neutsch zuzog. 1976 flog der permanent von der Stasi bespitzelte Dichter aus der SED, weil er sich geweigert hatte, weiterhin an Parteiversammlungen teilzunehmen. Um ihn zu diskreditieren, verbreiteten seine Ex-Genossen das Gercht, er sei religis geworden und zur Herrenhuter Brdergemeine bergewechselt.
Whrend der bleiernen Jahre der DDR baute er sich ein Idyll auf einem Bauernhof in Wuischke in der Lausitz auf, doch der Versuch der Emigration aus der Wirklichkeit entpuppte sich als trgerisch. Die im Land herrschende Tristesse zwang Czechowski mental in die Knie. Depressionen plagten ihn, lieen ihn Zuflucht in Nervenkliniken suchen. Mehr und mehr wandelte er sich zu einem Trakl der DDR, wie ihn Uwe Johnson charakterisierte.
Nach der Wende pilgerte er als Vagabund durch Italien und verschiedene westdeutsche Orte. Doch all diese Domizile boten ihm kein Zuhause. In seiner Tragik hnelte er Peter Hille, der mit einem Sack voller Manuskripte durch Europa irrte, ohne einen Platz zu finden, wo man ihn willkommen hie. Diese Wurzellosigkeit war der Preis, den der Auenseiter fr eine Handvoll ebenso groartiger wie unvergnglicher Gedichte zahlen musste.



Christian Eger, Naumburger Tageblatt, 27. Oktober 2009
Im dunklen Strom verfliet die Zeit
Nachruf: Dichter ist bereits am vorigen Mittwoch 74-jhrig in Frankfurt gestorben

Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss. Mit diesem Vers erffnete Heinz Czechowski sein Sonett An die Elbe, 1961 verffentlicht in der in Halle herausgegebenen Anthologie Bekanntschaft mit uns selbst. Immer wieder sollte sich der Dichter ber dieses eine Gedicht beugen, bis nur noch die erste Zeile brigblieb, das Weggestrichene wurde mit drei Punkten markiert. Fr die Auswahl Ich, beispielsweise (1982) stellte der Dichter die ersten Wrter um: Sanft wie Tiere gehen...; bald aber nahm er die nderung zurck. Czechowski wusste: Hier war ein Vers gelungen, der bleiben wird.
Das Sanfte, das tiergleich durch die schsische Landschaft zieht: Das ist nicht nur das Behagliche. Das ist das Dunkle, das auch das seelisch und historisch Gestaltlose ist, das mitzieht, wohin auch jeweils der Lebensfluss sich wendet - von Sachsen aus, dem Herkunftsland Czechowskis. Und von Dichterkollegen wie Braun, Jentzsch und Mickel, mit denen Czechowski die Schsische Dichterschule bildete; ein Musterschler war er nie.
1935 als Sohn eines Steuerbeamten in Dresden geboren, sieht Heinz Czechowski als Zehnjhriger seine Stadt im Feuer versinken. Geschichte hat mich gemacht. Ich bin Objekt gewesen. Er lsst sich zum Technischen Zeichner ausbilden, studiert am Literaturinstitut in Leipzig, dient als Lektor im Mitteldeutschen Verlag in Halle, wo er von 1961 bis 1977 lebt. Halle, die Stadt? In Czechowskis Rckblick die verrottetste Stadt der DDR. Von 1962 an verffentlicht er Gedichtbnde mit Titeln wie Nachmittag eines Liebespaares, Wasserfahrt, Schafe und Sterne, Was mich betrifft. Ein elegischer Landschafter und Historienbildner ist Heinz Czechowski, ein gefhlvoller Lakoniker und poetischer Existenzialist. Reimlose, freirhythmische Gedichte schreibt er, die den konkreten Menschen in seiner wirklichen Landschaft zeigen. Konkret wie Klopstock, Hlderlin oder Seume, vor allem aber: konkret wie Heinz Czechowski selbst. Der ist kein Ich-Tner, sondern Ich-Sager wie kein Zweiter unter den Poeten seines Landes. Immer lsst der lose Lebensgrund Czechowski nach sich selbst fragen, ber die DDR hinaus. Von Depressionen heimgesucht, zieht er nach 1990 nach Westfalen. Bin ich der Mann mit dem gerteten Trinkergesicht, der Mann, der das Ma verloren hat auf der Suche nach seiner verlorenen Identitt?
Czechowski arbeitet einer Poetik der Klage, des Ausgeliefertseins zu, verlassen am Ende. Hab ich gelernt zu leben? / Ich glaub, ich lern es nie. / Die Zeit, die mir gegeben, / Steht still. Ich hasse sie. Wie erst am Dienstag bekannt wurde, ist Heinz Czechowski am vorigen Mittwoch 74-jhrig in Frankfurt am Main gestorben. Mit diesem Dichter zieht sich eine ganze Welt zurck.



Hans-Dieter Schtt, Neues Deutschland, 28. Oktober 2009
Glck? Die Kehrseite der Verhngnisse
Zum Tode des Lyrikers und Essayisten Heinz Czechowski

Geschrieben hat er zum Beispiel ber das Zwischenreich der Empfindungen, jenes Zerrgebiet: Wo begann der Verrat am Ich schon dort, wo man sich gengsam, kompromissbereit verhielt, weil man die Ideale, sie eifrig schtzend (und sich selbst tuschend), vor der tristen Realitt aufbaute wie eine Sichtblende? Alles Ja zur sozialistischen Idee und alles Nein zur DDR?
DAS ERHABENE/ Hat uns aufgefressen,/ Pathos/ Die Stimme verstellt.// Man konnte/ Auch in der Partei sein/ Und trotzdem/ Die Wahrheit sagen.// Niemand/ Sollte behaupten, er/ Habe niemals gelogen.// Ich/ Kann das Ma der Moral/ Nicht definieren./ Meine Akte/ Ist nicht mein Problem.// Der Verrat/ Sa allemal/ Zwischen den Sthlen.
Ein Gedicht ber unvershnliche Fronten, aber zugleich auch vertrackte Kumpaneien das schuf ihm in der DDR eine gesellschaftliche Landschaft mit klaren Trennlinien, doch ebenso entwickelte sich das undurchdringliche Dickicht des Jein, in dem man nicht mehr zu unterscheiden wusste zwischen aufbauwilliger Einsicht ins Notwendige und einem zerstrerischen Opportunismus.
Heinz Czechowski wird 1935 in Dresden geboren. Erlebt als Zehnjhriger den Feuersturm auf die Stadt. Wird das Trauma so wenig los wie die Landschaft. Es ist die Gegend, die spter Adolf Endlers Wort von der Schsischen Dichterschule hervorbringen wird. Braun, Mickel, Jentzsch, Kunze, Leising, Rainer Kirsch, Kirsten. Und Czechowski, der DEWAG-Reklamemaler, der Student am Leipziger Literaturinstitut bei Georg Maurer, der Lektor und Dramaturg in Halle bzw. Magdeburg.
Czechowski nennt sich beizeiten in politischer Hinsicht einen Idioten, der nach Hherem, ja Unirdischem strebte. Auf der Suche nach Identitt hatte ich beschlossen, um Aufnahme als Kandidat der SED nachzusuchen. So einfach kann sein, was dann so schwer wiegen und noch schwerer im Magen liegen wird. Jahrzehnte spter liest er bei Endler, er, Czecho, sei in die Partei eingetreten, weil er irrtmlich dachte, Brecht wre auch Mitglied. Czechowski liests als etwas, das ich vllig verdrngt hatte.
Seine Gedichtbnde: Nachmittag eines Liebespaares, Wasserfahrt, Schafe und Sterne, Was mich betrifft (Mitteldeutscher Verlag Halle/Saale). Der Ton erzhlend, schweifend. Aus dem Mikrokosmos/ Meines Gefhls, handtellergro߫ entwickelt sich das Reise- und Weltbedrfnis, das mit den Jahren den bejahenden gesellschaftlichen Grundton verliert; fast knnte man sagen: eine Lyrik, die sich in den Umschreibungsmhen verschleien muss, wo doch Czechowski ein kantiger, meielnder Metaphern-Bildner nie war, eher ein Empfindungs- und Eindrucks-Protokollant; Poesie der Langgedichte, nahe mitunter am Prosaischen was etwa sein wundervolles Reise-Buch Von Paris nach Montmartre (1981) so lyrisch machte.
Ein Mensch, frh hin- und hergerissen zwischen den Mglichkeiten der neuen mchtegernkommunistischen Zeit und einem so mhlich wie stetig wachsenden Unwohlsein in den geistigen Disziplinierungen durch Staat und Partei. Nach 1990 geht er in den Westen, wird Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, lebt in Frankfurt am Main. Im Alter: ein seelisch Zerrissener, ziemlich zerkocht wohl von seiner psychischen Verletzbarkeit; er ist, auf Wegen in die erhoffte menschliche, geistige, emotionale Klarheit, durch viel Porzellan gestampft, hat ungerecht ausgeteilt, hat mehr Freunde verloren als gewonnen.
Wieviel Alkohol bentigt man, um nicht in Erinnerungen zu ertrinken, die bermchtig auf der sogenannten Seele liegen? ... Die Tatsache, dem Osten entkommen zu sein, wurde zum Trauma, fr dessen Bewltigung kein Psychiater zustndig war ... das Erinnern geht eigene Wege, ungelenkt durch das Bewutsein ... mein Bruch mit der DDR-Vergangenheit war natrlich auch eine Form von Selbstschutz ... meine persnlichen Enttuschungen in politische umzumnzen, war nicht schwer.
So steht es in der Autobiographie Pole der Erinnerung (wie alle seine spten Bcher erschienen bei Grupello). Da, wo ihm, kurzzeitig, Leben gelingt, eine Beziehung, eine Liebe gar, eine schreiberische Perspektive, ein Wohnungswechsel, dort bleibt trotzdem alles beim Alten, fhlt er sich Wie der Knig Polykrates,/ Der auch nicht wute,/ Da sein Glck/ Nur die Kehrseite/ Aller Verhngnisse war.
Bnde Essays erzhlen dieses Leben auch. Sie gestehen mrbendes Schwanken zwischen Ausfahrt und Zusammenbruch, Weg und Straengraben, Zuhause und Absteige der Autor spielt im Werk mit seiner Unfhigkeit zur Orientierung, mit seinen Gefhrdungen durch expressiven berschuss und depressive Niederwrfe, aber niemals verliert dieses Spiel den bedrohlich existenziellen Untergrund. Hlderlin: Tritt auf dein Elend, und du erhhst dich.
Czechowski war ein Meister der Verlustanzeige, zu seinem Grundmotto wurde beizeiten die Devise, er habe nichts zu verlieren. Mglicherweise ist das zu bescheiden, um im Literaturbetrieb bestehen zu knnen. Immer wieder sind es solche Stze, die still machen und offenbaren, wie da ein Mensch seine Un(v)ertrglichkeiten ffentlich macht, ohne sie auszustellen. DDR-Geschichte, die mit Anknften im Westen nicht endet. Und die nicht auf jenen einen Nenner zu bringen wre, den es nie gab. Sag mir,/ Wohin ich noch knnte/ Vor Winter.
Er htte den Sommer getrunken, schrieb er 1967. Und Leute, Lampen, Gerche und Stimmen/ Reden zu mir mit der Stimme des Lands,/ In dem ich lebe. Dreiig Jahre spter wnscht sich der Dichter einen geschichtslosen Raum, Eine Vergangenheit/ Ohne Zitate, er schreibt nun: Wenn mich mitunter/ Die Gewissheit verlt,/ Da alles so gewesen sein knnte, wie/ es tatschlich war, bin ich/ Fr einen Moment/ Tatschlich glcklich. Das Gedicht heit Rckwende und endet mit den Versen: Ahnungslos/ Schrieb ich,/ Ich htte den Sommer getrunken ....
Die Erfahrungen einer immerwhrenden Zwischenexistenz, die ein Leben bis in die tiefsten Grnde ernchtern und also aufreiben kann, hat einen groen deutschen Elegiker hervorgebracht. Der seine dichterische Vergangenheit im klaren Licht sieht (Ein paar Harmlosigkeiten/ Aufs Niveau/ Der Sklavensprache gebracht), und der irgendwann nicht mehr weiter wei. Die Welt ist verndert,/ Aber das Leben/ Lt sich nicht korrigieren. Geschrieben 1974. Das mhliche Aufhren mit Leben als krftiges Eingestndnis, nichts erreicht, aber doch alles verstanden zu haben. Freunde? Totengesichter/ Hohnlachend. Erfolg? Die Poesie der Kontoauszge/ Spricht eine hrtere Sprache.
Dem sehr verletzlichen, pors gewordenen Eremiten war Schreiben nie das Instrument, um eine Welt zu berfliegen, irgendwann war sie ihm endgltig Blei geworden, und die Seele als Weltwaage senkte sich tief, da in diese Waage die unumgnglichen, unberfliegbaren Dinge hineingelegt werden. Mit Leidenschaft fngt vielleicht vieles an, in Mitleidenschaft endet alles.
Heinz Czechowski starb vierundsiebzigjhrig, wie jetzt erst bekannt wurde, bereits am vergangenen Mittwoch in Frankfurt am Main.



Offenbach Post, 27. Oktober 2009
Trauer um Grimm-Preistrger
Oberbrgermeister Kaminsky wrdigt Leben und Werk von Heinz Czechowski

Als unverwechselbare lyrische Stimme hat Oberbrgermeister Claus Kaminsky den Dichter und Brder-Grimm-Preistrger Heinz Czechowski gewrdigt. Wie seine Familie jetzt mitteilte, ist Czechowski bereits vergangene Woche im Alter von 74 Jahren in Frankfurt gestorben.
Czechowski publizierte seit 1961 Gedichte und Prosa. Zusammen mit Karl Mickel, Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch, Adolf Endler, Bernd Jentzsch und Andreas Reimann zhlte er zur Schsischen Dichterschule, die die Lyrik in den 1960er Jahren der DDR mitbestimmten.
Anlsslich seines 65. Geburtstages erschien unter dem Titel Die Zeit steht still eine groe Auswahl seiner Gedichte von 1958 bis 1999. Dafr erhielt er 2001 den Brder-Grimm-Preis der Stadt Hanau.
Oberbrgermeister Kaminsky wrdigte den Dichter als zurckhaltenden genauer Beobachter des Alltags und der Verhltnisse. Seine Gedichte werden uns immer an ihn erinnern.



Frank Quilitzsch, Thringische Landeszeitung, 27. Oktober 2009
Unduldsamer, einsamer Rufer

Zwischen den Polen Geburt und Tod spannt sich das Dach, unter dem wir leben und von dem wir glauben, es sei fr uns gemacht, whrend doch die Wirklichkeit, die wir durchleben, die Episoden unseres Daseins verschluckt, schrieb der 1935 in Dresden geborene Heinz Czechowski in seiner 2006 erschienenen Autobiografie Die Pole der Erinnerung. Wie erst gestern bekannt wurde, ist der Autor, einer der bekanntesten Lyriker und Nachdichter der DDR, bereits in der vergangenen Woche im Alter von 74 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Frankfurt am Main verstorben.
Czechowski, der als Zehnjhriger die Zerstrung seiner Heimatstadt Dresden berlebt und nach einer Ausbildung als technischer Zeichner 1958 bis 1961 am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher studiert hatte, war stark von Georg Maurers Schsischer Dichterschule geprgt. Er gehrte zusammen mit Volker Braun, Karl Mickel, Sarah und Rainer Kirsch oder Adolf Endler zu jener selbstbewussten und politisch aufmpfigen Poeten-Generation, die die Errungenschaften des Sozialismus kritisch zu hinterfragen begann.
In den 70er Jahren kehrte mit der gesellschaftlichen Desillusionierung Ernchterung in Czechowskis Texte ein. Mit seiner landschaftsgebundenen Lyrik kritisierte er die unhaltbaren kologischen Verhltnisse in der DDR - auf die Verheerungen durch den Zweiten Weltkrieg folgten die Zerstrungen durch die hemmungslose Industrialisierung.
Anlsslich seines 65. Geburtstages war unter dem Titel Die Zeit steht still eine Auswahl seiner Gedichte erschienen, fr die er den Brder-Grimm-Preis der Stadt Hanau verliehen bekam. Gnter Kunert wrdigte Czechowski im Deutschlandradio Kultur als einen ungeduldigen und unduldsamen Dichter, der nichts geschnt oder romantisiert habe. Czechowski hatte bis 1986 in der Lausitz, dann in Leipzig gelebt. Nach der Wende rechnete er auf drastische Weise mit dem Stalinismus im DDR-Schriftstellerverband ab, zog 1994 nach Limburg/Lahn und spter nach Frankfurt am Main.

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