Null Euro Porto- und Versandkosten innerhalb Deutschlands ohne Mindestbestellwert...



27. Oktober 2009
Der Grupello Verlag trauert um
den Schriftsteller Heinz Czechowski




Der Schriftsteller Heinz Czechowski, Autor des Grupello Verlags, ist am 21. Oktober 2009 nach langer Krankheit gestorben. Der Verlag trauert um einen Autor, der sich in der Rolle des literarischen Chronisten vor allem als Lyriker verdient gemacht hat, indem er die schwierigen Lebensverhältnisse in der DDR poetisch reflektierte und kritisierte – immer spürte er das Politische im Privaten auf. Nach der Wende siedelte er in den Westen über und begleitete den politisch-gesellschaftlichen Umbruch essayistisch. Zuletzt lebte er in Frankfurt am Main.

Heinz Czechowskis letztes Buch »Die Pole der Erinnerung« zeigt jenes poetische und kritische Vermögen noch einmal im autobiographischen Format: Illusionslos und immun gegen jede Nostalgie erzählt Heinz Czechowski hier auf anrührende Weise von seiner Kindheit im Dresdner Stadtviertel »Wilder Mann«, die vom Krieg überschattet wurde und die mit dem verheerenden Bombardement Dresdens jäh endete. Die »Pflanze der Melancholie«, die damals zu keimen begann, hat ihn ein Leben lang begleitet: während des Studiums am prestigeträchtigen Leipziger Literaturinstitut, geschult an Brecht und unter der Ägide Georg Maurers, als Protagonist der legendären »Sächsischen Dichterschule«, während des Rückzugs auf das Land in den siebziger Jahren und im Leipzig der achtziger Jahre, als es politisch zu gären begann – jener »furor melancholicus« trug ihn bis in seine letzten Gedichte hinein, wenn es heißt: »Wut, Trauer und das Gefühl, niemals / Irgendwo angekommen zu sein …« Vielleicht ahnte Heinz Czechowski, daß er schreibend insgeheim doch »angekommen« war: in zahlreichen eindrucksvollen, lakonischen Gedichten, in manchem klarsichtigen Essay und in seiner Autobiographie, der literarischen Summe dieses Chronistenlebens.




Nekrologe



Der Spiegel 45/2009 vom 02.11.2009, S. 178
Register GESTORBEN

Heinz Czechowski, 74. Es war »einer der glücklichsten Momente« seines Lebens, als er 1978 sein Parteibuch zurückgab. Der Lyriker, der im Alter von zehn Jahren die verheerenden Luftangriffe auf seine Heimatstadt Dresden erleben musste, hat in der DDR nur wenige Jahre den sozialistischen Verheißungen getraut. Als wichtiger Kopf der legendären Sächsischen Dichterschule war er gleichwohl anerkannt und geschätzt. »Nachmittag eines Liebespaares« hieß 1962 sein erster Gedichtband, »Schafe und Sterne« (1975) der berühmteste. Nach der Wende kam der Autor in den Westen, wo er weiter seine elegischen und eingängigen Verse schrieb, die meist von Alltagsbeobachtungen geprägt waren. Er sei dort »eigentlich nie richtig angekommen«, sagte er später. Und melancholisch klagte er in seiner Autobiografie »Die Pole der Erinnerung« (2006), sein »bestes literarisches Material« vernachlässigt zu haben: die Kindheit im Krieg und in der Nachkriegszeit. Heinz Czechowski starb am 21. Oktober in Frankfurt am Main.



Richard Kämmerlings, FAZ, 27. Oktober 2009
Der Geist ist nicht ortlos
Heimatwund: Zum Tod des Dichters Heinz Czechowski

Was, wenn von jedem Dichter nur eine einzige Verszeile die Zeiten überdauern dürfte? Welche würde man selbst zu Lebzeiten auswählen? Die Zeile von Heinz Czechowski würde vielleicht lauten: »Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss.« So beginnt sein Sonett »An der Elbe« aus dem Band »Schafe und Sterne« von 1974, mit dem der 1935 in Dresden geborene Dichter endgültig zu einer unverwechselbaren Stimme fand. Er gehörte zu den Autoren jener Strömung der DDR-Lyrik, die Adolf Endler »Sächsische Dichterschule« getauft hatte.
     Später ließ Czechowski von diesem Liebes-Sonett, das die »große Schönheit der Welt« preist, nur die erste Zeile gelten; ein im Westen erschienener Auswahlband aus dem Jahr der Wende trug diesen Titel. Vielleicht lag darin, neben einer ästhetischen Selbstkritik an Reim und Strophenform, auch das im Spätwerk wieder stärker werdende Eingedenken an das Urerlebnis der Kindheit, die Zerstörung der Heimatstadt im Februar 1945, die der Zehnjährige mitansehen musste. »Das Vergängliche / ist hier kein Gleichnis«, schrieb er später, und: »Jedes neue Gedicht / widerlegt das vergangene, / Jeder der Überlebenden / trägt eine Chronik in sich, / die niemand mehr aufschreibt.« Immer wieder kehrt Czechowski an die rauchenden Trümmerstätten zurück. »Es ist nicht wahr, / Dass der Wind weht, wo er will. / Und auch der Geist / ist nicht ortlos« Das Urerlebnis totaler Zerstörung hat Czechowski wohl immunisiert gegen den staatlich verordneten Geschichtsoptimismus. Die Erinnerung an die »im Feuer versunkene Stadt« war durch keine Aufbau-Rhetorik zu beschwichtigen. Allerdings hatte er auch nicht die Hoffnung, dass die Wunden der Geschichte in einem wiedervereinigten Deutschland geheilt werden könnten; mit einem Frachter namens »Liberty« kamen einst Brandbomben über den Atlantik. Eine radikale, schmerzhafte Selbstbeobachtung wird zur Signatur des Spätwerks eines am Ende sehr einsamen Menschen.
    Der Blick auf den Alltag, auf die unmittelbare Erfahrung prägte schon die frühen Texte Czechowskis, der 1962 seinen ersten Gedichtband publizierte. Er hatte am Leipziger Literaturinstitut studiert, zu seinen Vorbildern zählte neben Brecht, Huchel und Eich auch sein Lehrer Georg Maurer. Nach der Biermann-Ausbürgerung trat. er aus der SED aus. Neben Sarah und Rainer Kirsch, Reiner Kunze, Wulf Kirsten oder Volker Braun war Czechowski weniger bekannt, er war auch leiser und zurückhaltender, ein genauer Beobachter mit klarem, lakonischem Ton. Er lebte und schrieb stets im Dialog mit »toten Seelen«, die einst.»das Brot mit mir gebrochen« haben und im illusionslosen Vorgriff auf das »Schweigen der Zukunft«. Was bleibt, stiftete für ihn das Archiv: »Zur Einsicht ins Unwiederbringliche / Steht das Register bereit: / Du selbst / bist schon vergangen, / Die Zukunft / Hat keinen Namen: / Schlag nach!« Ist das tröstlich? »Unterm Buchstaben C.« wird weit mehr als eine Zeile bleiben. Am vergangenen Mittwoch ist Heinz Czechowski in Frankfurt am Main gestorben.



Tilman Krause, Die Welt, 28. Oktober 2009
Immer unangepasst:
Der Lyriker Heinz Czechowski ist tot

Es war der alte Gerhart Hauptmann, der im Februar 1945 die berühmten Worte schrieb: »Wer das Weinen verlernt hat, lernt es wieder beim Anblick des zerstörten Dresden.« Als habe er lebenslang unter dem Eindruck dieser Zerstörungstat gestanden, die er als Zehnjähriger hautnah miterlebte, stellt fast das gesamte lyrische Werk des gebürtigen Dresdners Heinz Czechowski Nachhall und Verarbeitung dieser frühen Katastrophenerfahrung dar. Jetzt ist der Dichter im Alter von 74 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.
     Czechowski war gerade in seiner durch nichts von seinem elegischen Daseinsgefühl abzubringenden Geradlinigkeit eine der markantesten Stimmen unter den Autoren der ehemaligen DDR.
     Immer unangepasst, niemals zu korrumpieren, wurde er den DDR-Offiziellen schon bald nach seinem literarischen Debüt Anfang der Sechzigerjahre als »Pessimist« unliebsam. Aber auch nach der Wende erreichte er mit seiner schwermütig eingefärbten Naturlyrik, die sich weiterhin konsequent des Verschütteten und Vergangenen annahm, nur die wenigen Zeitgenossen, die über der nur allzu berechtigten Euphorie des Zusammenwachsens doch nicht vergessen wollten, welch destruktive Macht von 40 Jahren Sozialismus auf deutschem Boden ausgegangen war.
     Trotzdem genoss der Dichter, der in den letzten Jahren an schweren Depressionen litt, ein Leben lang die Hochachtung seiner Dichter-Kollegen und erhielt auch manche Auszeichnung für sein schmales Werk, zu dem sich am Ende noch die Autobiografie »Die Pole der Erinnerung« gesellte.
     Viele Stipendien ermöglichten dem Autor auch ein vielfältiges Pendeln von einer deutschen Stadt zur nächsten. So verließ das Mitglied der »Sächsischen Dichterschule« schon vor der Wende die Lausitz, um nach Leipzig zu gehen. 1994 zog es ihn nach Limburg an der Lahn sowie, nachdem er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim geworden war, auch nach Frankfurt. Seine reimlosen, meist in freien Rhythmen gehaltenen Gedichte verströmen den Reiz des Spröden, Ungeschönten. Sie werden bleiben.



Jürgen Verdofsky, Süddeutsche Zeitung, 28. Oktober 2009
Fremd zu Haus
Zum Tod des Dichters Heinz Czechowski

Heinz Czechowski ist am vergangenen Mittwoch in Frankfurt am Main verstorben. Die späte Nachricht vom Tod eines Dichters wirft ein letztes Bild auf seine Verlorenheit. Nach seiner letzten großen Anstrengung, der Autobiographie »Die Pole der Erinnerung«, lebte Czechowski als Vereinzelter, nicht zugehörig dem literarischen Frankfurt, aber auch nicht mehr verbunden der Heimatstadt Dresden oder einer »Sächsischen Dichterschule«, zu deren Stimmführern er einst gehörte. In den letzten Jahren hatte er etwas verloren, nicht unbedingt seine Schreibkraft, vielleicht aber seine Bestimmung. Als Dichter war er zerrieben zwischen Begabung und Verzweiflung.
     Für den 1935 in Dresden geborenen Heinz Czechowski wird der Untergang seiner Heimat, die er als Zehnjähriger im Faschingskostüm erlebt, zum Weltschreck. Thomas Manns Lehre von Coventry, »dass alles bezahlt werden muß«, wird er verinnerlichen. Hier nimmt sein hoher Rigorismus, ein lebenslanges »Hier stehe ich, ich kann nicht anders«, seinen Anlauf. Mit protestantischer Wucht wandte sich der Dichter 1978 auf einer Germanistentagung in Halle an der Saale gegen die Verhaftung Rudolf Bahros. Ein großer Auftritt, der SED-Ausschluss folgte auf dem Fuße.
     Nach dem Band »Schafe und Sterne«, der 1974 Czechowskis Namen als Dichter begründete, wird sieben Jahre nichts von ihm erscheinen können. Diese angehaltene Zeit in Verkennung, Verzögerung und Verhinderung teilt er mit anderen vom Leipziger Literatur-Institut - Sarah und Rainer Kirsch, Adolf Endler oder Helga M. Novak. Sie alle wurden als Dichter unter den strengen Augen des lehrenden Georg Maurer auch zu robusten Handwerkern, es reicht bis zu einem Klopstock-Kanon. Und genau das hat Czechowski als Dichter mehrfach gerettet. So konnte er sich nicht in den Weiten des Räsonierens verlieren, wurde aber auch kein Eskapist. Auch in der Resignation blieb er souverän und formbewusst. »... Eines Tages / Werde ich / Die Erinnerung / An mich tilgen. Was bleibt, / Ist das Gedenken / An eine Zeit,/ Die es niemals gab.«
     Den Osten verlässt Czechowski erst nach der Wende, aber Gardasee, Schöppingen oder Frankfurt bleiben verfehlte Orte. Der Dichter opfert, indem er schreibt, sein bürgerliches Leben hin. Mit verwaistem Blick sieht er »auf eine im Feuer versunkene Stadt«, auf die uneinnehmbare Ruine DDR, auf seine erworbene Einsamkeit. Verlorene Liebe, treulose Freunde und ein unaufhaltsames Altern werden beklagt. Es gibt kein einfaches Leben für einen Poeten in und nach einer Diktatur. Durch seine letzten großen Gedichtbände »Mein Westfälischer Frieden« (1998), »Wüste Mark Kolmen« (2000) und »Seumes Brille« (2002) zieht sich ein tagebuchähnliches Selbstvergewissern. ». . . . Schreiben,/ So scheint mir,/ Ist noch immer / Die beste Möglichkeit,/ Sich mit sich selbst zu verständigen.« Czechowski versuchte, mit seiner zerrissenen Lebensgeschichte die ihm unheimliche Geschichtsstille im Nachwende-Deutschland aufzubrechen. »Dem Ende zu wurde / Alles gleichgültig.« Ein zusammengesunkener Berg, aber von dem Verstreuten wird einiges bleiben.


Michael Braun, Badische Zeitung, 28. Oktober 2009
Ein Hiob aus dem brennenden Dresden

In seinen letzten Lebensjahren zelebrierte dieser Dichter nur mehr die sarkastische Kommentierung der eigenen Verfallsgeschichte. Heinz Czechowski, in seinem ganzen Habitus zum »furor melancholicus« (Wolfgang Emmerich) geworden, hatte sich in seinen Gedichten auf die sarkastische Position zurückgezogen, er verstehe sich als sein »eigener Pflegefall«. Depressionen und Einsamkeitsgefühle taten ein Übriges, um eine Poetik des Fatalismus zu generieren. So illustrierte »Czecho«, wie ihn seine Freunde nannten, sein Leben als eine Existenz im Stillstand. Seine Gedichte lieferten das Selbstporträt des Dichters als unerlöste Hiob-Gestalt, als mürrischer Nachtmensch, der im Alkohol versinkt.
    Der politische Umbruch in der DDR hatte den Skeptiker Czechowski 1989 aus der Bahn geworfen. Dabei hatte er als junger Autor wie viele seiner Kollegen aus der »Sächsischen Dichterschule« als ein weltanschaulich optimistisch gestimmter Sozialist begonnen, der von seinem Vorbild Bert Brecht wie auch von Georg Maurer, seinem Mentor am Leipziger Literaturinstitut, zehrte. Der erste Gedichtband »Nachmittag eines Liebespaares« (1962) geriet dem 1935 in Dresden geborenen Dichter noch weltanschaulich naiv und formal konventionell..
    Seit den 70er Jahren thematisierte er die traumatische Urszene seines Lebens, den Untergang seiner Heimatstadt Dresden im Feuersturm des 13. Februar 1945. Irgendwann verlor Czechowski den Glauben an die »unwirtliche DDR«. Seit seiner missglückten Ankunft in der wiedervereinigten Republik verschärfte sich seine grüblerische Skepsis immer mehr. In einem späten Gedicht positioniert er sich als Melancholiker: »Mit Alkohol alleine / Ist es noch nicht getan: / Mich blicken starr die Steine / Und ich die Steine an. // Hab ich gelernt zu leben? / Ich glaub, ich lern es nie. / Die Zeit, die mir gegeben, / Steht still. Ich hasse sie.«
    Zerquält von seinen Depressionen, hatte sich der metaphysisch heimatlos gewordene Dichter in den 90er Jahren in die westfälische Provinz zurückgezogen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Frankfurt am Main. Dort ist er am vergangenen Mittwoch im Alter von 74 Jahren gestorben.



Ingeborg Ruthe, Berliner Zeitung, 28. Oktober 2009
Ein sächsischer Dichter
Zum Tod des Lyrikers und Prosautors Heinz Czechowski

Um in der Welt zu bleiben, muss ein Dichter nicht Bibliotheken füllen. Es genügt, einen solchen Satz über die Höhenzüge der Lößnitz bei Radebeul zu Papier zu bringen: »Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß«. So ein Satz wurde zum Leitmotiv sächsischer Nachkriegspoesie. Geschrieben hat ihn Heinz Czechowski, 1935 geboren in Dresden. Und zitiert wurde er seither von Dichtern wie Volker Braun, Karl Mickel, Adolf Endler.
    Am Dienstag kam die Nachricht vom Tod des Lyrikers, der nach der Wende mit dem Heinrich-Mann- und dem Heinrich-Heine-Preis geehrt worden war. Er starb am Mittwoch nach schwerer Krankheit in Frankfurt am Main, nach Dresden, Leipzig und Schöppingen seine letzte Station. Czechowsky hatte die Wende erträumt in seinen Versen, diesen reimlosen, frei-rhythmischen, faktengespickten Momentaufnahmen der DDR-Realität. Aber das Ende der DDR entwurzelte ihn auch: Ehe kaputt, Alkohol, psychische Probleme. Die Berufung zum Stadtschreiber von Bergen-Enkheim und Dresden, gab wieder Halt.
    Czechowski sah als Zehnjähriger die Flieger, die Bomben und das brennenden Dresden. Dass er den Untergang der Stadt überlebte, wurde dennoch nicht zur Ursache der tiefen Melancholie in seinen Gedichten und Prosatexten. Es waren die Widersinnigkeiten der Utopie und die Widersprüchlichkeiten des Sozialismus, die dem jungen, für den Kommunismus schwärmenden Dichter zu schaffen machten und mehr und mehr enttäuschten. Seine ersten Gedichte waren die Eintrittskarte zum Leipziger Literaturinstitut »Johannes R. Becher«. In »Gelegenheitsgedichte« und »Schafe und Sterne«, Mitte der Siebziger, wird der subjektive Ansatz der von Brecht beeinflussten Verse illusionsloser, dichter und intensiver.
    Czechowski gehörte zur »Sächsischen Dichterschule«. Nach einem Ernteeinsatz in Mecklenburg schrieb er etwa über die sozialistisch »modernisierte« Landwirtschaft: »Hinter wippenden Pferdeärschen auf Gummiwagen verfrachtet, ließen wir uns schließlich, eingewickelt in verkeimte Decken, in der Scheune einer LPG nieder...«
    Bis zur Schmerzgrenze spiegelte der eigenwillige Dichter seine Beziehung zu den Protagonisten der DDR-Lyrik und auch zu seinen Stasi-Spitzeln in seiner Autobiografie »Die Pole der Erinnerung«, 2006 im Grupello Verlag erschienen. Das Buch ist etwas sehr Seltenes. Es kommt kaum vor, dass Lyriker eine Autobiografie schreiben.



Richard Pietraß, Tagesspiegel, 28. Oktober 2009
Der Unsanfte
Zum Tod des Dichters Heinz Czechowski: Der Dresdner gehörte zur Sächsischen Dichterschule, er war polemisch, elegisch und unduldsam.

Nach dem Tod Richard Leisings, Karl Mickels und dem Adolf Endlers vor wenigen Wochen lichten sich die Reihen jener ostdeutschen Dichtergeneration, die, um die Mitte der dreißiger Jahre geboren, und durch die Charismatik Brechts und Georg Maurers geprägt, als Sächsische Dichterschule Furore machten. Weltwissen und Traditionsbewusstsein waren ihre Wirkungskonstanten. Selbstbewusste Generationsgeselligkeit und die Ausprägung kräftigen Ich-Bewusstseins im Rahmen ihrer kollektiven Gesellschaft führten zur Reibung am ideologisch Vorgegebenen – nach dem Plenum des ZK der SED 1965 und auch noch nach Wolf Biermanns Ausbürgerung im Herbst 1976.
    Heinz Czechowski, 1935 in Dresden geboren, war von Beginn an der Streithans des lose gefügten Freundeskreises mit starkem literarischen Zusammengehörigkeitsgefühl und an Galle dem geborenen Polemiker Endler kaum nachstehend. Doch war er weicher und elegischer als der mehr dem schwarzen Humor zuneigende Düsseldorfer. Schon in seinem ersten Gedichtband »Nachmittag eines Liebespaars« (1962) findet sich im Sonett »An der Elbe« jene Zeile die er später als die vielleicht einzige bleibende seines Werks bezeichnete: »Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß«. Die folgenden 13 Zeilen strich er später – ersatzlos.
    Unduldsam bis ungerecht, anfällig für Kollegenneid und krasse Unterschätzung des Erreichten blieb er, in zuweilen fast krankhafter Zuspitzung, bis zuletzt. Keiner konnte ihm im exzessiven Klagen das Wasser reichen. Das hätte nur ein Jakob Haringer, ein Thomas Bernhard gekonnt. Czechowski war einer derjenigen, deren Wunde Dresden nicht heilte.
    Traumatisiert der 1945 im Feuersturm untergegangenen Heimatstadt entwichen, scheiterten alle Versuche der Wiederannäherung. So wurde er nach der Wende ein Unbehauster, den es nach Rom, Limburg und schließlich Frankfurt umtrieb, wo er unfroh sesshaft wurde und Jahre gefühlter Isolation und körperlichen Verfalls erlebte. Wie der willensangetriebene Schiller rang er seinem Körper lange Erstaunliches ab, und wie Wulf Kirsten wurde er einer von Sachsens akribischsten Chronisten, in deren Werk nachgelesen werden wird, was in den Geschichtsbüchern weißer Fleck geblieben ist: Biografisches, Anekdotisches, Merkenswertes deiner und meiner Lebensgeschichte.
    Statt dreier Hände Erde hier die Titel seiner drei mir liebsten Gedichtbände: »Schafe und Sterne«, »Ich beispielsweise«, »Was mich betrifft«. In seinem bissigsten Gedicht »An Freund und Feind« heißt es: »Hier wird die Trommel kaum noch gerührt. / Sandkorn um Sandkorn rieselt die Eisenzeit / Ein in das Unsere und die Welt / Der Schafe und Sterne. / Wir sagen uns Zaubersprüche, / Wir schreiben uns Briefe mit blauen Siegeln / Wer aber soll das rezensieren? / Wo wir auch hinsehn: / Die goldenen Stühle / Längst schon besetzt / Von Kopien nach Originalen.«



Junge Welt, 28. Oktober 2009
Czechowski tot

Der Lyriker Heinz Czechowski ist am Mittwoch vergangener Woche im Alter von 74 Jahren nach langer Krankheit in Frankfurt/Main gestorben. Das teilte seine Familie am Montag abend mit. Als Zehnjähriger erlebte Czechowski die Zerstörung Dresdens. Nach dem Krieg erlernte er zunächst den Beruf des Reklamemalers. Von 1958 bis 1961 studierte er dann am Leipziger Literaturinstitut unter Georg Maurer (»Sächsische Dichterschule«), wurde anschließend Lektor beim Mitteldeutschen Verlag und 1968 dann freier Schriftsteller. Er hatte da bereits einige Bände mit nüchterner, reimloser Lyrik veröffentlicht, schrieb nun auch literaturkritische Essays und Reiseberichte. Nach dem Mauerfall forderte Czechowski als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim bei Frankfurt/Main (1990/91), mit dem Stalinismus im DDR-Schriftstellerverband abzurechnen. Seine Lyrik blieb karg und realistisch. Ein einigermaßen typisches Czechowski-Gedicht ist folgendes: »Es ist wie in der Liebe:/Man kann mit der einen,/Mit der anderen nicht./Hat man einmal gekonnt,/kann man immer wieder -/Das ist der Fehlschluß,/ Denn nicht die Gewohnheit entscheidet./Manchmal ist alles vergeblich,/Aber mitunter erhöht uns,/Was wir vergeblich gesucht,/Denn keine Ehe/Bindet uns auf die Dauer/Und keine Kunst.«



Ulf Heise, Märkische Allgemeine, 28. Oktober 2009
Tragischer Außenseiter: Der große Lyriker Heinz Czechowski ist gestorben
NACHRUF: Der Trakl der DDR

Das schwache Herz machte Heinz Czechowski schon lange zu schaffen. Nun ist der „melancholische Menschenfreund“, wie ihn Harald Hartung nannte, tot. Kurz vor seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag starb er letzten Mittwoch in Frankfurt am Main. Wie wenig er zuletzt noch am Leben hing, zeigte sich an der Resignation, die seine Welthaltung prägte. Mit der geliebten Poesie, so meinte er zynisch, habe er die besten Stunden des Tages »verhurt«. Sein Fazit: »Ich bin krank, müde und habe es satt, über den Sinn der Vergänglichkeit nachzudenken.« In seiner Autobiographie »Die Pole der Erinnerung« schilderte er, wie schon früh jene Schwermut in ihm keimte, die sich später zu einem »Hang zur Selbstvernichtung« auswuchs.
    Auslöser der seelischen Verdüsterung war ein Trauma, über das er oft grübelte: die Zerstörung seiner Heimatstadt Dresden durch das Bombeninferno vom Februar 1945. In der Jugend vermochte er den Schatten, der über seiner Psyche lag, noch zu verbannen. Als Sohn eines Steuerbeamten auf dem Wilden Mann aufgewachsen, absolvierte er zunächst eine Lehre als graphischer Zeichner. Die folgenden Intermezzi als Vermessungsgehilfe und Bauzeichner in VEB-Betrieben gestalteten sich kurz, denn der junge Mann hegte einen ehrgeizigen Plan: er wollte als Schriftsteller avancieren. Mit einer Empfehlung von Paul Wiens trat er der »Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren« des Deutschen Schriftstellerverbandes in Elbflorenz bei. Dort lernte er die liberale Kommunistin Auguste Wieghardt-Lazar kennen, die ihn unter ihre Fittiche nahm. In ihrem Haus begegnete er Viktor Klemperer, Ludwig Renn und Jurij Brezan. Die Mentorin sorgte dank guter Verbindungen zur Kulturszene für ihren Schützling. 1958 wurde er Student am Leipziger Literaturinstitut, »mit 23 Jahren der jüngste«. »Leipzig lag mir, wie ich glaubte, zu Füßen«, notierte Czechowski nach seiner Ankunft in der Messestadt. In Universitätsbibliothek und Deutscher Bücherei las er, »was in der DDR noch immer als Geheimtipp galt: Bücher von Joyce, Hemingway, Doderer, Musil, Karl Kraus, Benn«. Der Diplomand fand einen Job als Lektor im Mitteldeutschen Verlag in Halle, wo er forsch die Manuskripte schreibender Proletarier ablehnte und sich die Feindschaft von Erik Neutsch zuzog. 1976 flog der permanent von der Stasi bespitzelte Dichter aus der SED, weil er sich geweigert hatte, weiterhin an Parteiversammlungen teilzunehmen. Um ihn zu diskreditieren, verbreiteten seine Ex-Genossen das Gerücht, er sei religiös geworden und zur Herrenhuter Brüdergemeine übergewechselt.
    Während der bleiernen Jahre der DDR baute er sich ein Idyll auf einem Bauernhof in Wuischke in der Lausitz auf, doch der Versuch der Emigration aus der Wirklichkeit entpuppte sich als trügerisch. Die im Land herrschende Tristesse zwang Czechowski mental in die Knie. Depressionen plagten ihn, ließen ihn Zuflucht in Nervenkliniken suchen. Mehr und mehr wandelte er sich zu einem »Trakl der DDR«, wie ihn Uwe Johnson charakterisierte.
    Nach der Wende pilgerte er als Vagabund durch Italien und verschiedene westdeutsche Orte. Doch all diese Domizile boten ihm kein Zuhause. In seiner Tragik ähnelte er Peter Hille, der mit einem Sack voller Manuskripte durch Europa irrte, ohne einen Platz zu finden, wo man ihn willkommen hieß. Diese Wurzellosigkeit war der Preis, den der Außenseiter für eine Handvoll ebenso großartiger wie unvergänglicher Gedichte zahlen musste.



Christian Eger, Naumburger Tageblatt, 27. Oktober 2009
Im dunklen Strom verfließt die Zeit
Nachruf: Dichter ist bereits am vorigen Mittwoch 74-jährig in Frankfurt gestorben

»Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss.« Mit diesem Vers eröffnete Heinz Czechowski sein Sonett »An die Elbe«, 1961 veröffentlicht in der in Halle herausgegebenen Anthologie »Bekanntschaft mit uns selbst«. Immer wieder sollte sich der Dichter über dieses eine Gedicht beugen, bis nur noch die erste Zeile übrigblieb, das Weggestrichene wurde mit drei Punkten markiert. Für die Auswahl »Ich, beispielsweise« (1982) stellte der Dichter die ersten Wörter um: »Sanft wie Tiere gehen...«; bald aber nahm er die Änderung zurück. Czechowski wusste: Hier war ein Vers gelungen, der bleiben wird.
    Das Sanfte, das tiergleich durch die sächsische Landschaft zieht: Das ist nicht nur das Behagliche. Das ist das Dunkle, das auch das seelisch und historisch Gestaltlose ist, das mitzieht, wohin auch jeweils der Lebensfluss sich wendet - von Sachsen aus, dem Herkunftsland Czechowskis. Und von Dichterkollegen wie Braun, Jentzsch und Mickel, mit denen Czechowski die »Sächsische Dichterschule« bildete; ein Musterschüler war er nie.
    1935 als Sohn eines Steuerbeamten in Dresden geboren, sieht Heinz Czechowski als Zehnjähriger seine Stadt im Feuer versinken. »Geschichte hat mich gemacht. Ich bin Objekt gewesen.« Er lässt sich zum Technischen Zeichner ausbilden, studiert am Literaturinstitut in Leipzig, dient als Lektor im Mitteldeutschen Verlag in Halle, wo er von 1961 bis 1977 lebt. Halle, die Stadt? In Czechowskis Rückblick »die verrottetste Stadt der DDR«. Von 1962 an veröffentlicht er Gedichtbände mit Titeln wie »Nachmittag eines Liebespaares«, »Wasserfahrt«, »Schafe und Sterne«, »Was mich betrifft«. Ein elegischer Landschafter und Historienbildner ist Heinz Czechowski, ein gefühlvoller Lakoniker und poetischer Existenzialist. Reimlose, freirhythmische Gedichte schreibt er, die den konkreten Menschen in seiner wirklichen Landschaft zeigen. Konkret wie Klopstock, Hölderlin oder Seume, vor allem aber: konkret wie Heinz Czechowski selbst. Der ist kein Ich-Töner, sondern Ich-Sager wie kein Zweiter unter den Poeten seines Landes. Immer lässt der lose Lebensgrund Czechowski nach sich selbst fragen, über die DDR hinaus. Von Depressionen heimgesucht, zieht er nach 1990 nach Westfalen. »Bin ich der Mann mit dem geröteten Trinkergesicht, der Mann, der das Maß verloren hat auf der Suche nach seiner verlorenen Identität?«
    Czechowski arbeitet einer Poetik der Klage, des Ausgeliefertseins zu, verlassen am Ende. »Hab ich gelernt zu leben? / Ich glaub, ich lern es nie. / Die Zeit, die mir gegeben, / Steht still. Ich hasse sie.« Wie erst am Dienstag bekannt wurde, ist Heinz Czechowski am vorigen Mittwoch 74-jährig in Frankfurt am Main gestorben. Mit diesem Dichter zieht sich eine ganze Welt zurück.



Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland, 28. Oktober 2009
Glück? Die Kehrseite der Verhängnisse
Zum Tode des Lyrikers und Essayisten Heinz Czechowski

Geschrieben hat er zum Beispiel über das Zwischenreich der Empfindungen, jenes Zerrgebiet: Wo begann der Verrat am Ich – schon dort, wo man sich genügsam, kompromissbereit verhielt, weil man die Ideale, sie eifrig schützend (und sich selbst täuschend), vor der tristen Realität aufbaute wie eine Sichtblende? Alles »Ja« zur sozialistischen Idee und alles »Nein« zur DDR?
    »DAS ERHABENE/ Hat uns aufgefressen,/ Pathos/ Die Stimme verstellt.// Man konnte/ Auch in der Partei sein/ Und trotzdem/ Die Wahrheit sagen.// Niemand/ Sollte behaupten, er/ Habe niemals gelogen.// Ich/ Kann das Maß der Moral/ Nicht definieren./ Meine Akte/ Ist nicht mein Problem.// Der Verrat/ Saß allemal/ Zwischen den Stühlen.«
    Ein Gedicht über unversöhnliche Fronten, aber zugleich auch vertrackte Kumpaneien – das schuf ihm in der DDR eine gesellschaftliche Landschaft mit klaren Trennlinien, doch ebenso entwickelte sich das undurchdringliche Dickicht des »Jein«, in dem man nicht mehr zu unterscheiden wusste zwischen aufbauwilliger Einsicht ins Notwendige und einem zerstörerischen Opportunismus.
    Heinz Czechowski wird 1935 in Dresden geboren. Erlebt als Zehnjähriger den Feuersturm auf die Stadt. Wird das Trauma so wenig los wie die Landschaft. Es ist die Gegend, die später Adolf Endlers Wort von der »Sächsischen Dichterschule« hervorbringen wird. Braun, Mickel, Jentzsch, Kunze, Leising, Rainer Kirsch, Kirsten. Und Czechowski, der DEWAG-Reklamemaler, der Student am Leipziger Literaturinstitut bei Georg Maurer, der Lektor und Dramaturg in Halle bzw. Magdeburg.
    Czechowski nennt sich beizeiten in politischer Hinsicht einen Idioten, der »nach Höherem, ja Unirdischem« strebte. »Auf der Suche nach Identität hatte ich beschlossen, um Aufnahme als Kandidat der SED nachzusuchen.« So einfach kann sein, was dann so schwer wiegen und noch schwerer im Magen liegen wird. Jahrzehnte später liest er bei Endler, er, »Czecho«, sei in die Partei eingetreten, weil er irrtümlich dachte, Brecht wäre auch Mitglied. Czechowski liest’s als etwas, »das ich völlig verdrängt hatte«.
    Seine Gedichtbände: »Nachmittag eines Liebespaares«, »Wasserfahrt«, »Schafe und Sterne«, »Was mich betrifft« (Mitteldeutscher Verlag Halle/Saale). Der Ton erzählend, schweifend. Aus dem »Mikrokosmos/ Meines Gefühls, handtellergroß« entwickelt sich das Reise- und Weltbedürfnis, das mit den Jahren den bejahenden gesellschaftlichen Grundton verliert; fast könnte man sagen: eine Lyrik, die sich in den Umschreibungsmühen verschleißen muss, wo doch Czechowski ein kantiger, meißelnder Metaphern-Bildner nie war, eher ein Empfindungs- und Eindrucks-Protokollant; Poesie der Langgedichte, nahe mitunter am Prosaischen – was etwa sein wundervolles Reise-Buch »Von Paris nach Montmartre« (1981) so lyrisch machte.
    Ein Mensch, früh hin- und hergerissen zwischen den Möglichkeiten der neuen möchtegernkommunistischen Zeit und einem so mählich wie stetig wachsenden Unwohlsein in den geistigen Disziplinierungen durch Staat und Partei. Nach 1990 geht er in den Westen, wird Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, lebt in Frankfurt am Main. Im Alter: ein seelisch Zerrissener, ziemlich zerkocht wohl von seiner psychischen Verletzbarkeit; er ist, auf Wegen in die erhoffte menschliche, geistige, emotionale Klarheit, durch viel Porzellan gestampft, hat ungerecht ausgeteilt, hat mehr Freunde verloren als gewonnen.
    »Wieviel Alkohol benötigt man, um nicht in Erinnerungen zu ertrinken, die übermächtig auf der sogenannten Seele liegen? ... Die Tatsache, dem Osten entkommen zu sein, wurde zum Trauma, für dessen Bewältigung kein Psychiater zuständig war ... das Erinnern geht eigene Wege, ungelenkt durch das Bewußtsein ... mein Bruch mit der DDR-Vergangenheit war natürlich auch eine Form von Selbstschutz ... meine persönlichen Enttäuschungen in politische umzumünzen, war nicht schwer.«
    So steht es in der Autobiographie »Pole der Erinnerung« (wie alle seine späten Bücher erschienen bei Grupello). Da, wo ihm, kurzzeitig, Leben gelingt, eine Beziehung, eine Liebe gar, eine schreiberische Perspektive, ein Wohnungswechsel, dort bleibt trotzdem alles beim Alten, fühlt er sich »Wie der König Polykrates,/ Der auch nicht wußte,/ Daß sein Glück/ Nur die Kehrseite/ Aller Verhängnisse war.«
    Bände Essays erzählen dieses Leben auch. Sie gestehen mürbendes Schwanken zwischen Ausfahrt und Zusammenbruch, Weg und Straßengraben, Zuhause und Absteige – der Autor spielt im Werk mit seiner Unfähigkeit zur Orientierung, mit seinen Gefährdungen durch expressiven Überschuss und depressive Niederwürfe, aber niemals verliert dieses Spiel den bedrohlich existenziellen Untergrund. Hölderlin: Tritt auf dein Elend, und du erhöhst dich.
    Czechowski war ein Meister der Verlustanzeige, zu seinem Grundmotto wurde beizeiten die Devise, er habe nichts zu verlieren. »Möglicherweise ist das zu bescheiden, um im Literaturbetrieb bestehen zu können.« Immer wieder sind es solche Sätze, die still machen und offenbaren, wie da ein Mensch seine Un(v)erträglichkeiten öffentlich macht, ohne sie auszustellen. DDR-Geschichte, die mit Ankünften im Westen nicht endet. Und die nicht auf jenen einen Nenner zu bringen wäre, den es nie gab. »Sag mir,/ Wohin ich noch könnte/ Vor Winter.«
    Er hätte »den Sommer getrunken«, schrieb er 1967. »Und Leute, Lampen, Gerüche und Stimmen/ Reden zu mir mit der Stimme des Lands,/ In dem ich lebe«. Dreißig Jahre später wünscht sich der Dichter einen geschichtslosen Raum, »Eine Vergangenheit/ Ohne Zitate«, er schreibt nun: »Wenn mich mitunter/ Die Gewissheit verläßt,/ Daß alles so gewesen sein könnte, wie/ es tatsächlich war, bin ich/ Für einen Moment/ Tatsächlich glücklich. « Das Gedicht heißt »Rückwende « und endet mit den Versen: »Ahnungslos/ Schrieb ich,/ Ich hätte den Sommer getrunken ...«.
    Die Erfahrungen einer immerwährenden Zwischenexistenz, die ein Leben bis in die tiefsten Gründe ernüchtern und also aufreiben kann, hat einen großen deutschen Elegiker hervorgebracht. Der seine dichterische Vergangenheit im klaren Licht sieht (»Ein paar Harmlosigkeiten/ Aufs Niveau/ Der Sklavensprache gebracht«), und der irgendwann nicht mehr weiter weiß. »Die Welt ist verändert,/ Aber das Leben/ Läßt sich nicht korrigieren.« Geschrieben 1974. Das mähliche Aufhören mit Leben als kräftiges Eingeständnis, nichts erreicht, aber doch alles verstanden zu haben. Freunde? »Totengesichter/ Hohnlachend.« Erfolg? »Die Poesie der Kontoauszüge/ Spricht eine härtere Sprache.«
    Dem sehr verletzlichen, porös gewordenen Eremiten war Schreiben nie das Instrument, um eine Welt zu überfliegen, irgendwann war sie ihm endgültig Blei geworden, und die Seele als Weltwaage senkte sich tief, da in diese Waage die unumgänglichen, unüberfliegbaren Dinge hineingelegt werden. Mit Leidenschaft fängt vielleicht vieles an, in Mitleidenschaft endet alles.
    Heinz Czechowski starb vierundsiebzigjährig, wie jetzt erst bekannt wurde, bereits am vergangenen Mittwoch in Frankfurt am Main.



Offenbach Post, 27. Oktober 2009
Trauer um Grimm-Preisträger
Oberbürgermeister Kaminsky würdigt Leben und Werk von Heinz Czechowski

Als »unverwechselbare lyrische Stimme« hat Oberbürgermeister Claus Kaminsky den Dichter und Brüder-Grimm-Preisträger Heinz Czechowski gewürdigt. Wie seine Familie jetzt mitteilte, ist Czechowski bereits vergangene Woche im Alter von 74 Jahren in Frankfurt gestorben.
    Czechowski publizierte seit 1961 Gedichte und Prosa. Zusammen mit Karl Mickel, Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch, Adolf Endler, Bernd Jentzsch und Andreas Reimann zählte er zur »Sächsischen Dichterschule«, die die Lyrik in den 1960er Jahren der DDR mitbestimmten.
    Anlässlich seines 65. Geburtstages erschien unter dem Titel „Die Zeit steht still“ eine große Auswahl seiner Gedichte von 1958 bis 1999. Dafür erhielt er 2001 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau.
    Oberbürgermeister Kaminsky würdigte den Dichter als zurückhaltenden genauer Beobachter des Alltags und der Verhältnisse. »Seine Gedichte werden uns immer an ihn erinnern.«



Frank Quilitzsch, Thüringische Landeszeitung, 27. Oktober 2009
Unduldsamer, einsamer Rufer

»Zwischen den Polen Geburt und Tod spannt sich das Dach, unter dem wir leben und von dem wir glauben, es sei für uns gemacht, während doch die Wirklichkeit, die wir durchleben, die Episoden unseres Daseins verschluckt«, schrieb der 1935 in Dresden geborene Heinz Czechowski in seiner 2006 erschienenen Autobiografie »Die Pole der Erinnerung«. Wie erst gestern bekannt wurde, ist der Autor, einer der bekanntesten Lyriker und Nachdichter der DDR, bereits in der vergangenen Woche im Alter von 74 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Frankfurt am Main verstorben.
    Czechowski, der als Zehnjähriger die Zerstörung seiner Heimatstadt Dresden überlebt und nach einer Ausbildung als technischer Zeichner 1958 bis 1961 am Leipziger Literaturinstitut »Johannes R. Becher« studiert hatte, war stark von Georg Maurers »Sächsischer Dichterschule« geprägt. Er gehörte zusammen mit Volker Braun, Karl Mickel, Sarah und Rainer Kirsch oder Adolf Endler zu jener selbstbewussten und politisch aufmüpfigen Poeten-Generation, die die »Errungenschaften« des Sozialismus kritisch zu hinterfragen begann.
    In den 70er Jahren kehrte mit der gesellschaftlichen Desillusionierung Ernüchterung in Czechowskis Texte ein. Mit seiner landschaftsgebundenen Lyrik kritisierte er die unhaltbaren ökologischen Verhältnisse in der DDR - auf die Verheerungen durch den Zweiten Weltkrieg folgten die Zerstörungen durch die hemmungslose Industrialisierung.
    Anlässlich seines 65. Geburtstages war unter dem Titel »Die Zeit steht still« eine Auswahl seiner Gedichte erschienen, für die er den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau verliehen bekam. Günter Kunert würdigte Czechowski im Deutschlandradio Kultur als einen »ungeduldigen und unduldsamen Dichter«, der nichts geschönt oder romantisiert habe. Czechowski hatte bis 1986 in der Lausitz, dann in Leipzig gelebt. Nach der Wende rechnete er auf drastische Weise mit dem Stalinismus im DDR-Schriftstellerverband ab, zog 1994 nach Limburg/Lahn und später nach Frankfurt am Main.

zurück zur Startseite