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20. Januar 2012 Der Grupello Verlag trauert um die Schriftstellerin Astrid Gehlhoff-Claes
Wie erst jetzt bekannt wurde, ist die Lyrikerin bereits am 1. Dezember 2011 im Alter von 83 Jahren gestorben. Der Verlag trauert um eine sensible und feinsinnige Autorin und Lyrikerin, über deren Gedichte der große Gottfried Benn einst urteilte: »Ich wollte, sie wären von mir«. Für ihr Engagement für Gefängnishäftlinge - 1975 gründete sie den Verein »Mit Worten unterwegs. Schriftsteller arbeiten mit Inhaftierten« - wurde sie 1986 mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet. Astrid Gehlhoff-Claes lebte zuletzt zurückgezogen in einem Düsseldorfer Pflegeheim.
Der Delphin
Laßt die Bitten, Freunde, laßt die Fragen,
denn was soll es, daß ihr mich erwählt?
Ihr wißt nur von meinen leichten Tagen,
doch die dunkeln habt ihr nicht gezählt.
Ich will weiter auf den Flüssen fahren,
es ist nutzlos, daß ihr mich so quält.
Denn ich habe mich vor vielen Jahren
einem mächtigen Delphin vermählt.
Niemals seh' ich ihn, denn er muß schlafen
irgendwo im Tiefen, wo er lebt.
Manchmal singe ich in einem Hafen,
weil ich weiß, daß er das Haupt dann hebt.
Weil ich weiß, er lauscht dann mit den weiten,
übermüden Augen in den Wind.
Keiner soll mich je zur Nacht geleiten,
bis wir beide einst beisammen sind.
aus: Astrid Gehlhoff-Claes, Inseln der Erinnerung. Begegnungen und Wege. Grupello Verlag Düsseldorf, 2002.
Nekrologe
Lothar Schröder, Rheinische Post, 18. Januar 2012
Trauer um Dichterin Astrid Gehlhoff-Claes
Spaziergänger in den Rheinwiesen von Oberkassel werden die kleine, zarte Frau noch gut in Erinnerung haben. Wie sie mit ihrem geliebten Hund Noah spazieren ging, einem reinrassigen »Cavalier King Charles«, der sie überallhin begleitete – zu all ihren Lesungen, auf Reisen, oft nach Rom. Astrid Gehlhoff-Claes war eine eigensinnige, feinnervige, beeindruckende Erscheinung – in ihrer Dichtung wie in ihrem Leben. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist die Lyrikerin bereits am 1. Dezember 83-jährig in einem Pflegeheim gestorben.
Wer an Astrid Gehlhoff-Claes denkt, muß sogleich an Gottfried Benn denken. Das ist ungerecht gegenüber dem sehr eigenständigen Werk der Lyrikerin; aber diese Beziehung ist eben auch ein Markstein ihrer literarischen Entwicklung. Als erste in Deutschland hatte Gehlhoff-Claes über Benns Sprachstil promoviert. Der Dichter suchte die Nähe der jungen Forscherin, las ihre Gedichte und geriet in Verzückung. »Ich wollte, es wäre von mir«, urteilte er ziemlich pompös über eins ihrer Gedichte. Man ahnt, daß nicht nur die Verse Benn verzückten. Nachzulesen ist das in dem wunderbaren Briefwechsel der beiden, der nach rechtlichen Streitereien erst vor knapp zehn Jahren erscheinen konnte. Benn hat ums »Liebe Kindchen« geworben; die Angebetete wußte sich mit allerlei Ausreden dem zu entziehen. Häufig dienten dazu Unfälle und Krankheiten. Darauf Benn in einem Brief: »Ihnen passiert viel, finde ich ... Ich erlaube mir, über Ihre kranken Stellen zu streicheln.«
Die Gedichte hatten die Lobeshymnen von Benn (»verblüffend«, »unvergleichlich«, »wunderbar«) nicht unbedingt nötig; aber sie verhalfen ihnen natürlich dazu, weithin gehört zu werden – wie »Der Delphin«, eine Metapher der Glückssuche und zugleich Zeichen der Unerreichbarkeit. Benn hat Gehlhoff-Claes einmal gefragt, warum sie einsam sei. Als die Angesprochene sich ertappt zeigte, fügte er hinzu: »Gedichte, wie Sie sie mir schickten, entstehen anders nicht.«
Astrid Gehlhoff-Claes, die 2003 für ihr Gesamtwerk mit der Trude-Droste-Gabe (10 000 Euro) geehrt wurde, ließ viele an ihrer Dichtkunst teilhaben, auch Gefangene, denen sie regelmäßig vorlas. In ihrer Autobiographie »Inseln der Erinnerung« erzählt sie auch von ihrem einzigen Treffen mit Benn. Am Ende des Kapitels dann der verblüffende Satz: »Die Erde war schön.«
Stefan Andres, lev_log, 9. Januar 2012
Astrid Gehlhoff-Claes ist tot – »Fast zu schön, um aus Leverkusen zu stammen«
Die Leverkusener Autorin Astrid Gehlhoff-Claes ist, wie erst jetzt bekannt wurde, bereits am 1. Dezember verstorben. Das bestätigte der Düsseldorfer Grupello Verlag heute auf Anfrage. Die Tochter des ersten Bürgermeisters der Stadt Leverkusen, Dr. Heinrich Claes, wuchs bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in Leverkusen auf. Sie studierte an der Universität Köln Germanistik und Geschichte und promovierte 1953 mit einer Arbeit über die Lyrik Gottfried Benns, der ersten wissenschaftlichen Arbeit überhaupt über den Dichter. Sie hinterläßt unter anderem verschiedene Gedicht- und Erzählbände, Bühnenstücke und den Roman »Abschied von der Macht« von 1987. Außerdem arbeitete sie als Herausgeberin und Übersetzerin aus dem Englischen und dem Italienischen, unter anderem übersetzte sie Texte von James Joyce und Henry James.
Mit ihrem »Forschungsobjekt« Gottfried Benn trat sie auch in persönlichen Kontakt: Der Dichter fasste bald Interesse an der jungen Frau, das offenkundig auch über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinem Werk hinausging. Es entwickelte sich eine rege Korrespondenz, er schrieb an »meine liebste Astrid«, hofierte sie und monierte auch gerne: »Kühler Brief von Lady Astrid, wenig Honig drin!« Ebenso lobte Benn ihre Lyrik, zum Beispiel das Gedicht »The Raven« hatte es ihm angetan: »Es ist fast zu schön, um aus Leverkusen zu stammen«, schrieb er ihr im April 1954. Die für 1997 geplante Veröffentlichung der von dem Düsseldorfer Germanistikprofessor Bernd Witte herausgegebenen Briefkorrespondenz zwischen Claes und Benn verhinderte Benns Geliebte Ursula Ziebarth mit Verweis auf ihre Persönlichkeitsrechte, erst 2002 konnte der Band im Verlag Klett-Cotta erscheinen.
»Paradies meines frühen Lebens«
In dem im Düsseldorfer Grupello Verlag 2002 erschienenen Buch »Inseln der Erinnerung« beschreibt Gehlhoff-Claes ihre Kindheitserinnerungen an Wiesdorf und Leverkusen, die sie als »das Paradies meines frühen Lebens« beschreibt. Zurückkehren mochte sie 1945, als ihr Vater Stadtdirektor wurde, gleichwohl nur ungern: »Das Paradies war zerstört.« Mit dem Germanisten Rainer Gruenter hatte Claes eine Tochter, die 1952 in Köln geborene Undine Gruenter, die sich ebenfalls als Schriftstellerin einen Namen machte, sie verstarb bereits 2002. Claes heiratete später den Journalisten Joachim Gehlhoff, den sie 1956 in Harvard kennengelernt hatte, aus ihrer Ehe geht Tochter Rachel hervor.
1975 gründete Gehlhoff-Claes den Verein »Mit Worten unterwegs – Schriftsteller arbeiten mit Inhaftierten«, dessen Vorsitzende sie bis 1988 war. Sie wurde ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sowie mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Zuletzt lebte sie zurückgezogen in einem Düsseldorfer Pflegeheim. Astrid Gehlhoff-Claes wäre am vergangenen Freitag 84 Jahre alt geworden.
Stefan Andres, Kölner Stadt-Anzeiger, 21. Januar 2012
Leverkusener Autorin starb mit 83 Jahren
Bereits am 1. Dezember ist die in Leverkusen geborene Autorin Astrid Gehlhoff-Claes in einem Düsseldorfer Pflegeheim gestorben. Das wurde erst in diesem Jahr bekannt, wie der Düsseldorfer Grupello Verlag bestätigte. Die Tochter des ersten Bürgermeisters der Stadt Leverkusen, Heinrich Claes, hatte sich 1953 zunächst mit ihrer Doktorarbeit über den Dichter Gottfried Benn einen Namen gemacht.
Mit Benn trat sie bald auch in persönlichen Kontakt. Es entwickelte sich ein intensiver Briefwechsel, der 2002 sogar als Buch erschien. Benn hofierte die junge Studentin, und er lobte ihre eigenen Gedichte: »Fast zu schön, um aus Leverkusen zu stammen«, fand er zum Beispiel ihr Poem »The Raven«.
Sie veröffentlichte Gedicht- und Erzählbände, Bühnenstücke und den Roman »Abschied von der Macht« von 1987. Unter anderem übersetzte sie auch Texte von James Joyce oder Henry James.
Wiesdorf und Leverkusen beschreibt sie in ihren Kindheits-
erinnerungen als »das Paradies meines frühen Lebens«: Es währt nur bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten, danach wird ihr Vater, der der Zentrums-Partei angehörte, aus seinem Amt als erster Bürger der Stadt entfernt.
Zwei Töchter
Mit dem Germanisten Rainer Gruenter hatte Gehlhoff-Claes eine Tochter: Die 1952 geborene Undine Gruenter machte sich ebenfalls als Schriftstellerin einen Namen, sie verstarb bereits 2002. Aus Claes' Ehe mit dem Journalisten Joachim Gehlhoff ging Tochter Rachel hervor. Astrid Gehlhoff-Claes wäre am 6. Januar 84 Jahre alt geworden.
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