Das Bild zeigt Oleg Grigorjew



Nachdem Oleg Grigorjew 1992 in einem Leningrader Hospital an den Folgen eines Magendurchbruchs im Alter von 48 Jahren gestorben war, fanden Freunde seine persönliche Habe, Lebensmittel, Zeichnungen, Notizen und Manuskripte in ihren Wohnungen zurückgelassen vor. Grigorjew gehörte der großen Leningrader Dunkelziffer unbehauster Einwohner an. Sein Einzelschicksal klingt in westlichen Ohren exotisch, in seiner Stadt ähnelte es dem von vielen. In den letzten Lebensjahren war er häufiger Gast in der Puschkinstraße 10, einem alten zentralgelegenen Gebäudekomplex, der bildenden Künstlerfreunden in der postsowjetischen Phase neuen Lebens- und Arbeitsraum lieferte.
Anders als sein Moskauer Schriftstellerkollege Venedikt Jerofejew, der Ende der 60er Jahre mit seinem Poem »Moskau - Petuschki« zu triumphalen Erfolgen gegenüber dem offiziellen Literaturbetrieb gelangte, blieb Grigorjew eher verborgen. Seine drei zu Lebzeiten publizierten Kinderbücher sorgten nur für einen geringen Bekanntheitsgrad. Letztendlich waren es die engeren Freunde, die ihn nicht nur beherbergten, sondern auch postum die Edition einer umfangreicheren Anthologie seiner Lyrik im St. Petersburger Verlag Notabene im Jahr 1993 besorgten. Eine weitere Veröffentlichung von Gedichten Grigorjews erfolgte im selben Jahr im Verlag Kamera Chranenija, St. Petersburg. Mit diesen Publikationen lag erstmals eine größere Bandbreite seines Werkes der Öffentlichkeit vor, die ihn nicht nur als Kinderbuchautor auswies. Grigorjew schrieb nie explizit für Kinder, seine Literatur war adressiert an alle, die ihn hören oder lesen wollten.
In der Mitte der 50er Jahre, zu Beginn des kulturpolitischen Tauwetters, besuchte Grigorjew eine Kunstschule für Jugendliche, die ihn auf ein Studium an der Leningrader Repin-Kunstakademie vorbereiten sollte. Jedoch, wie bei den namhaft gewordenen Künstlern Michail Schemjakin und Gennadij Ustjugow, blieb ihm ein Kunststudium verwehrt; Grigorjew wurden formalistische Tendenzen zum Vorwurf gemacht. Anfang der 60er Jahre begann er, seine ersten Gedichte zu schreiben, blieb aber zeitlebens auch seiner zeichnerischen Arbeit treu. Er suchte immer wieder den Kontakt zu bildenden, inoffiziellen Künstlern. So stand er zum Beispiel der bis heute existierenden Vereinigung Mit'ki nahe: Alexander Florenskij illustrierte zahlreiche seiner Verse.
Die Leningrader Subkultur der 60er und 70er Jahre unterschied sich grundsätzlich von den Moskauer Ereignissen. Literaten, wie Grigorjew, leisteten keinen offenen Widerstand. Sie arbeiteten eher einzelgängerisch im Abseits, verabscheuten pathetische Gesten. Gegenüber Gruppenbildungen und kollektiven Aktionen blieben sie verhalten. Die Vorboten inoffizieller Leningrader Kunst arbeiteten zumeist unkoordiniert und schufen in ihrer Abgeschlossenheit eine individuelle Nischenkultur, die gerade zu ihrer besonderen Stärke wurde. Grigorjew stand aber auch in Distanz zu vielen klugen Schriftstellern seiner Stadt. Er war nicht der meditativ-spirituelle Poeta doctus. Vielmehr favorisierte er die Imitation folkloristischer Verse, gemeiner Witze, schlichter Kinderreime und die entblößte Konfrontation lebenswirklicher Banalitäten gegenüber dem offiziell-pompösen Establishment. Sein ungeschminktes Alltagsleben - gezeichnet von maroden Umgangsformen, Alkoholismus, Aggressivität und Gefängnisaufenthalten - bot ihm den Stoff für seine oft kontrapunktisch angelegten Grotesken. Wichtig ist, in diesem Zusammenhang den Moskauer Schriftsteller der Lianosowo Gruppe Igor Cholin (* 1920) zu erwähnen, der mit seiner Barackenpoesie Grigorjews Dichtung ästhetisch nahesteht und bereits auszugsweise deutschen Lesern in Übersetzung vorliegt.
In der Leningrader Aufbruchstimmung der 70er Jahre setzte bei vielen Literaten die Suche nach einer historischen Verwurzelung und eine Reflexion auf die Avantgardebewegungen ein. Der Spätavantgardist und »Oberiute« Daniil Charms, der gerade erst literarisch wiederentdeckt worden war, wurde zu einer zentralen Leitfigur für junge Autoren. Bei Charms erstickte aber das Lachen zunehmend am Schrecken. Die grausig-absurden Überlistungsstrategien, die er ohnmächtig gegenüber dem stalinistischen Terrorregime einsetzte und die ihn bis zur textuellen Selbstauflösung zwangen, verwandelten sich in den Tauwetter-Literaturen zur Erfüllung eines befreienden Planes: Das Lachen der Narren ergriff den Ernst des Schreckens.
Oleg Grigorjew ist inzwischen selbst zu einer Leitfigur für zahlreiche junge Künstler und Literaten im heutigen St. Petersburg avanciert. Gudrun Lehmann, Düsseldorf 1997


Alle Titel von Oleg Grigorjew:

Ich hatte viele Bonbons mit
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